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Die Arbeit der Nacht

Heute, im Traum, habe ich gekocht, und als ich den Deckel hob, krochen große schwarze Käfer aus der siedenden Brühe, die mit glänzenden Panzern raschelnd durch die Küche torkelten und bald den ganzen Boden bedeckten, die Möbel, die Wand.
Später ging ich einen ruhigen, grünen Bach entlang, es war Frühsommer und die Sonne schien. Aus diesem Wasser tauchte eine Art Lurchmensch auf, so etwas wie ein kleiner, gescheckter Buddha, der mich mit freundlichen Augen anblinzelte und mit schiefgelegtem Kopf sagte: “Die Wahrheit ist nur auf den ersten Blick unbequem, auch wenn meine Art fast ausgestorben ist. Hör nie auf, an die Wahrheit zu glauben. Mach die Augen auf, sei wachsam, verteidige dich gegen die flüsternden Schatten. Die Wahrheit ist das Leben, die Lüge der Untergang.”

Als ich aufwachte, hatte ich Angst, es könnten die Käfer noch in der Küche sein.

Geschichten von Marie (3)

Ein Markt, irgendwo in Asien vielleicht, oder Nordafrika, oder Kuba; tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben, schlaffe Hühnerkörper, Berge von Lammfleisch, Farben, Stoffe, kleine Dinge, Fußgetrappel, Stimmengewirr. Marie weiß, daß sie den Weg hierher schwimmend zurückgelegt hat, doch sie ist nicht naß, sie trägt weite Leinenhosen und ein dunkles Hemd, wie alle anderen ist sie barfuß. Sie könnte nicht sagen, ob es Abend ist oder Tag, aber sie weiß, daß sie nicht viel Zeit hat. Vielleicht ist jemand hinter ihr, der sie zur Rückkehr mahnt, doch sie will hier nicht weg, wenigstens noch nicht. Sie schlängelt sich durch die Menschenmenge und steckt immer wieder den Kopf durch niedrige Eingänge zu kleinen, kühlen, fast quadratischen Räumen, wo Stoffe und Kleidung zum Verkauf ausgebreitet liegen, Silberschmuck oder Töpferwaren, dann stößt sie beinahe mit einem kleinen Greis mit einem uralten Fahrrad zusammen, der sie mit dem zahnlosen Lächeln eines freundlichen Säuglings bedenkt, und einer plötzlichen Eingebung folgend schlüpft sie durch einen violetten Stoffvorhang in einen weiteren winzigen, dämmrigen Raum. Es ist ein Traum, aber sie weiß, daß sie hier schon einmal war, und es ist wie eine Erinnerung, nur daß sie weiß, daß sie sich – träumend – an einen weiteren Traum erinnert, einen alten, tief verborgenen. Der Raum ähnelt den anderen, Stapel von Stoffen, Kleider, der Geruch von Lotus und Staub, ein Tischchen mit ein paar Silberketten, Ohrringen, Ringen und Amuletten, hinter dem eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt, die keine Notiz von ihr nimmt. Marie tut, als würde sie sich für ein paar Saris interessieren, und drückt sich, den Kopf einziehend, in eine Nische, als der Vorhang zurückgeschoben wird und jemand eintritt. Sie hält den Atem an und ist ganz still. Hinter sich spürt sie etwas Rauhes, an dem sie sich, jedes Geräusch unterdrückend, eine Schiefer einzieht, Holz, und dann etwas Metallisches: eine Tür. Leise drückt sie die kunstvoll geschwungene Klinke herunter, bückt sich noch tiefer und macht einen vorsichtigen Schritt nach hinten. Wie in ihrer Erinnerung stolpert sie wirklich beinah über eine von tausenden nackten Füßen abgerundete Stufe und steht in einer dunklen, kühlen Kammer. Sie reibt verstohlen den schmerzenden Finger. Der Lehmboden. Die glatten Wände. Über ihr ein winziges Fenster, eher eine Luke, durch die das Licht einer spätnachmittäglichen Sonne fällt und ein Viereck auf den Boden zeichnet, in dem Staubpartikel schweben. Hier war sie schon einmal. Einen Moment lang ist sie geblendet und kneift die Augen zusammen. Es riecht nach Stoff, Staub und Lotus, und noch nach etwas anderem. Metall.

Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht sie den Greis von vorhin, der an einer altertümlichen Werkbank sitzt und an etwas arbeitet, hinten an der Wand lehnt das fragil anmutende Fahrrad. Wieder schenkt er ihr das vollkommen offene Lächeln eines Kindes, seine Augen zwei blankgeputzte dunkle Murmeln in einem dichten Netz aus Lachfältchen. Er winkt sie zu sich. Als er ihre Hand in seine kleinen, sehnigen Hände nimmt, spürt sie seine warme, trockene Haut, dunkel und mit einem bronzenen Schimmer. Sie sagen kein Wort. Er zeichnet mit einem kräftigen, dunklen Daumen die Linien ihrer Handfläche nach, dann spürt sie etwas Kühles, Glattes, und er schließt ihre Hand darum. Du mußt gehen, hört sie in ihrem Kopf, ganz leise, und sie weiß, daß es seine Stimme ist. Es war schön, dich zu sehen. Komm, wann immer du möchtest, vielleicht haben wir dann auch Zeit, um Tee zu trinken. Du wirst sehen, die Zeiten werden auch wieder anders. Er läßt ihre Hand los und nimmt ihr Gesicht in beide Hände, dann schiebt er sie sanft in einen schmalen Gang hinter einem weiteren Vorhang, und sie hört, wie die kleine Holztür oben geöffnet wird.

Marie öffnet die Hand, um zu sehen, was er ihr gegeben hat. Es ist so etwas wie ein Amulett, ein kleines, silbernes Gebilde an einem Lederband, eine Schlange vielleicht, oder ein Drache, oder die Sichel eines anorexischen Mondes, es ist zu dunkel, um es mit Sicherheit zu sagen. Sie steckt es in die Hosentasche und geht den Gang entlang, dann steht sie wieder auf dem Markt, tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben. Sie dreht sich um, doch da ist nichts, keine Mauer, keine Tür, kein Eingang zu einer Kammer mit Lehmboden. Sie ist nicht einmal überrascht, als sie eine Hand an ihrer Schulter spürt, nur ein bißchen traurig, weil sie noch nicht gehen mag und weiß, daß sie es doch muß.

Marie?
Sie öffnet die Augen. Dämmriges Licht, monochrome Schatten, ein Kuß, der zwischen ihren Schulterblättern landet.
Guten Morgen, Baby! Marie dreht sich auf den Rücken, streckt sich, lächelt ein bißchen, dreht den Kopf zur Seite, sieht in die Augen ihres Mannes, gibt ihm einen Kuß auf die Wange. Guten Morgen, Baby. Sie sucht die Wärme seiner Brust, schlingt ihre Arme um ihn, findet einen Rest von Schlaf hinter geschlossenen Lidern und steht dann gähnend auf, um ins Badezimmer zu gehen, während ihr Mann sich daran macht, Kaffee zu kochen. Unter dem warmen Regen der Dusche verdampfen die Überbleibsel der Nacht zu winzigen Tröpfchen, die von den gefliesten Wänden perlen und mit dem duftenden Seifenschaum im Abfluß verschwinden. Als Marie aus der Dusche steigt und sich die Haare frottiert, beschließt sie, an diesem Tag früher aus dem Büro und noch zum Friseur zu gehen. Später, nachdem sie sich mit einem Kuß von ihrem Mann verabschiedet hat, der eine halbe Stunde früher als sie aus dem Haus muß, setzt sie sich mit einer letzten Tasse Kaffee an den Küchentisch und notiert zwei Sätze in ihrem Notizbuch.

Träume: elektrische Entladungen im Cortex, nächtliche Gewitter in der rätselhaften Ursuppe des Unterbewußtseins.
und
Träume: Reisen im weiten Land zwischen den Ohren.

Über Nacht ist der strenge Jännerfrost einer märzhaften Milde gewichen, die den dünnen Schneebelag auf den Dächern in Wasser verwandelt hat, das die Gehwege wie von Regen glänzen läßt. Der Westwind treibt Wolkentürme vor sich her, als ginge es darum, den Himmel sauber zu kriegen, die Sonne scheint, sogar ein erster Vogel zwitschert. Als Marie auf ihre Straßenbahn wartet, öffnet sie den Reißverschluß ihrer für diesen Tag viel zu warmen Winterjacke und hält ihr Gesicht ein bißchen in die Sonne, bis die Straßenbahn heranruckelt. Sie setzt sich an einen freien Platz am Fenster und schaut hinaus, und wendet, als sich irgendwo in ihrem Augenwinkel etwas verfängt, das Gesicht. Eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt schräg hinter ihr und schaut sie unverwandt an, als wäre sie ein Geist. Marie öffnet den Mund wie zu einer Frage, dreht sich erstarrt wieder nach vorn, während sich ihre Hände um ihre Tasche krampfen und ihr Herz stolpert und sich rumpelnd wieder fängt. Was zum Teufel, flüstert sie erschrocken, und im selben Moment verbeißt sich Metall kreischend in Metall, der Wagen kommt mit einem wuchtigen Ruck wackelnd zum Stillstand, und vorn, aus dem Führerstand, hört man den Fahrer laut über einen abbiegenden Autofahrer schimpfen, der – wie so oft an dieser Stelle – die Straßenbahn übersehen und sie touchiert hat, und dann seine Stimme mit kaum unterdrücktem Zorn blechern aus den Lautsprechern, sehr geehrte Fahrgäste und längerer Aufenthalt und die Türen werden geöffnet und es kann dauern, bis die Fahrt wieder aufgenommen wird, und wenn Sie nicht so lange warten möchten, können Sie aussteigen und beachten Sie bitte, daß Sie sich auf keinem gesicherten Gehweg befinden und auf eigene Gefahr undsoweiter. Marie holt tief Luft, das hat sie noch gebraucht, sie wird zu spät kommen, und als sie sich umdreht und aufsteht, um auszusteigen, ist weit und breit keine schwarzhaarige Frau zu sehen.

Wahrscheinlich, kommt ihr Hirn zum Schluß, als sie zu Fuß zum Büro geht und irgendwie über ihren Schreck von vorhin lachen muß, kennt sie die Frau vom Sehen, daher ist sie auch als Statistin in ihren Träumen aufgetaucht. Sie ist ein bißchen böse über ihre eigene Blödheit, daß mir das nicht gleich bewußt geworden ist, denkt sie kopfschüttelnd, aber auf eine Art so erleichtert über diese wunderbar sinnvolle Eingebung, daß sie beim Bäcker einen Großeinkauf startet und mit zwei Papiertüten voller Mehlspeisen für die Kollegen schließlich an ihren Arbeitsplatz kommt.

Es ist nicht viel zu tun, daher macht sie wie geplant ruhigen Gewissens früher Schluß und schlendert durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt zu ihrem Friseur, ein Italiener mit fein ziseliertem Lächeln und formvollender Konversationskunst, der einen winzigen Salon betreibt und trotz seiner hohen Kunstfertigkeit, was Schnittechnik und Plaudern gleichermaßen betrifft, offenbar so wenig Kundschaft hat, daß Marie jedesmal einfach so zu ihm kommen kann, um sich bei einer Tasse Kaffee und Swing von Count Basie, Ella Fitzgerald und Konsorten die Haare schneiden zu lassen. Als sie die Tür öffnet, ist etwas anders als sonst, und in derselben Sekunde, als sie das denkt, wird ihr auch schon bewußt, was. Kein Swing. Kein Count Basie mit seinem Orchester, keine Ella Fitzgerald, dafür irgendwas mit Akkordeon, das an lang vergangene Dorfhochzeiten in der Pußta erinnert. Offenbar hat der Meister, der hinter dem Vorhang mit irgendwas zugange ist, einen noch viel interessanteren Geschmack als angenommen. Marie legt die Jacke ab und setzt sich auf den Stuhl, wie es hier Brauch ist, um zu warten. Mit halb geschlossenen Augen überläßt sie sich dem kleinen Ziehen hinter ihrem Brustbein, das die Musik in ihr auslöst, hört, daß irgendwo ein Wasserhahn tropft und eine Uhr tickt, nimmt den Duft von Sandelholz und Rosen wahr und spürt, wie ein heimeliges Gefühl sie einhüllt.

Endlich tritt Lorenzo hinter sie, jedenfalls glaubt sie das, denn als sie die Augen öffnet und ihn durch den Spiegel ansieht, um ihn zu begrüßen, steht ein Mann mittleren Alters, dunkle Haut, dunkles Haar, dunkle Augen, hinter ihr. Oh, entfährt es ihr, fast widerwillig, bestenfalls noch erstaunt, sie strafft die Schultern und drückt das Kreuz durch. Guten Tag… Ist Lorenzo… ich meine… haben Sie das Geschäft übernommen?
Der Mann schüttelt den Kopf und schaut ihr direkt in die Augen, bis sie den Blick abwenden muß.
Nein. Vater… Lorenzo ist länger verreist. Meine Schwester und ich vertreten ihn in der Zwischenzeit. Waschen, schneiden, trocknen?
Marie schluckt, die Gedanken irgendwie halb unter Wasser, in einem entfernten Winkel ihres Bewußtseins eine Spur von Unbehagen. Ja, sagt sie dann, weil es ihr plötzlich unmöglich erscheint, aufzustehen und ein anderes Mal wiederzukommen, als würde ein starker Arm sie auf diesem Stuhl festhalten, ja. Waschen, schneiden, trocknen. Wie immer, fügt sie sinnloser Weise dazu.
Der Mann nickt, legt Marie ein Handtuch über die Schultern, dann den Friseurumhang, löst den Hebel am Drehstuhl, fährt sie ans Waschbecken und legt ihren Kopf in die dafür vorgesehene Mulde, dann wäscht er ihr Haar und fragt dabei kein einziges Mal, ob das Wasser zu heiß oder zu kalt ist.

Marie gibt dem Sog der seltsamen Musik wieder nach und überläßt mit geschlossenen Augen ihren Kopf den Händen des Friseurs. Als sie die Augen wieder öffnet, ein wenig benommen von Sandelholz, Rose und Akkordeon, staunt sie – der Sohn steht dem Vater um nichts nach. Aus dem Spiegel schaut ihr so etwas wie ein ideales Ebenbild entgegen, nicht nur das Haar, auch Haut, Augen und Lippen gehören zu einer Frau, die sie gern jeden Tag wäre. Marie schaut verblüfft auf zu Lorenzos Sohn, der sein Werk ebenfalls im Spiegel mustert, Umhang und Handtuch von ihren Schultern nimmt und mit einem dicken, weichen Pinsel ihren Nacken von möglicherweise dort verbliebenen Härchen befreit. Was bin ich schuldig, hört sie sich mit leiser Stimme fragen, und erntet ein leises Lächeln. Geschenk des Hauses, für Sie als Stammkundin. Marie öffnet den Mund zum Protest und greift zu ihrer Tasche, doch er schüttelt energisch den Kopf. Kommen Sie bald wieder, sagt er, als er ihr, ganz der Vater, in die Jacke hilft und ihr die Tür öffnet, und dann drückt er ihr einen Umschlag in die Hand. Mir scheint, das haben Sie beim letzten Mal hier vergessen. Was…? hebt sie an. Er hält ihr Handgelenk kurz fest und flüstert nah an ihrem Ohr: Es kommen auch wieder andere Zeiten, Marie. Dann bugsiert er sie sanft durch die Tür, die hinter ihr ins Schloß fällt. Als sie sich verdutzt umdreht, hängt ein großes Schild daran, kein Licht brennt hinter dem Glas, der Laden ist vollkommen verlassen. Geschlossen. Zitternd öffnet Marie das Kuvert, darin das silberne Amulett und ein Zettel, auf dem in kleiner, steiler Schrift geschrieben steht:

Marie,

die Antwort kommt vielleicht im Schlaf, die kleinen Dinge aber kommen nicht immer zurück zu uns, wenn wir sie verlieren. Geben Sie gut acht.

Auf bald,
Lorenzo

[Fortsetzung folgt]

Nachtarbeit

Also das war so. Zuerst konnte ich nicht schlafen, weil ich einen Hexenschuß hab und sich einfach keine bequeme Liegeposition finden ließ.
Also las ich mit herzlichem Vergnügen ein wenig in Midas Dekkers’ Das Gnu und du herum (“Der anrührendste Anblick, den ich kenne, ist der Gesichtsausdruck einer Katze, die gerade beim Scheißen ist”), fand anschließend eine halbwegs erträgliche Seitenposition, in der ich nur ein leichtes Stechen im Nacken verspürte und schickte mich an, einzuschlafen.

Was sich ca. folgendermaßen abspielte: Ich sollte das Album umsortieren. Die Leute wollen die Fotos nicht in chronologischer Reihenfolge sehen, sondern die Brüller zuerst. Du hast nur eine Chance, sie zu kriegen: die erste Seite … irgendwie hab ich Durst. Wasserglas in der Küche vergessen. Mist. … ich muß morgen unbedingt Klopapier kaufen. Und Kaffeefilter. … Man sollte schlechten Geschmack flächendeckend verbieten, besonders nachts. Was muß der Idiot in der Nachbarwohnung eigentlich ausgerechnet jetzt Folklore unklarer Provenienz hören? … Irgendwie hab ich Hunger. Waren da nicht noch diese Kekse, die der Liebste dagelassen hat? Haha, Scherz. Ich mag keine Kekse. Und außerdem war heute Elmex-Gel-Tag. Ein Hoch auf die Remineralisierung der Zähne! Oh. Toll. Jetzt muß ich aufs Klo. Na, eh praktisch. Kann ich gleich das Wasser mitnehmen.

Also Klo. Wieder zurück in die Bettstatt, einigermaßen nackenschonende Haltung eingenommen. Siehe voriger Absatz. Kurz nach Drei: zum letzten Mal aufs Klo gegangen und auf die Uhr geschaut.

Kurz vor Vier: Ich wache, aufgescheucht von einem bösen Alptraum, an den ich mich nicht erinnern kann, auf und bin der Überzeugung, daß ein Monster im Zimmer ist, das offenbar zuvor den Nachbarn mit der Folklore erledigt hat. Es ist still. Unnatürlich still. Verkrampft harre ich unter der Bettdecke und warte auf verdächtige Geräusche, die Monster beim Aufenthalt in kleinen Stadtwohnungen zu machen pflegen, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, worauf ich eigentlich achten soll. Der Adrenalinspiegel sinkt, und ich stelle fest, daß ich aufs Klo muß und mein scheiß Nacken wirklich höllisch wehtut. Irgendwann wird mir das zu blöd, und ich beschließe – Monster hin oder her -, pinkeln zu gehen. Kein Monster. Das Licht lasse ich trotzdem aufgeschaltet. … Liegeposition finden. Boah, die Vögel! So klein und soviel Krach machen.

Halb Fünf. Komm schon, Mädchen. Du hast dreieinhalb Stunden. Mach was draus. Aber das Monster…? Klappe jetzt.

Entschädigt werde ich dann in Form einer Reise nach New York, wo ich in einem riesigen Buchgeschäft Heroines von Bettina Rheims um vier Euro neunzig (!) kaufe und dazu ein afrikanisch anmutendes Hemdblusenkleid aus herrlich anschmiegsamem und wunderschön gewirktem Stoff erhalte, das ich auch gleich anziehe. Außerdem komponiere ich eine unglaublich geniale Nummer, schaffe es aber leider nicht, aufzuwachen und sie in das Diktiergerät zu singen. Schade, denn ich wäre berühmt geworden, glaube ich. Als ich mich gemeinsam mit Freunden, die ich in dem sauteuren Hotel, in das ich eingeladen wurde, getroffen habe, anschicke, die köstlichste Pasta meines Lebens zu verspeisen, läutet irgendwo ein Telefon… meins.

Das Buch mußte ich leider im Hotel lassen.

traum [atisch]

heute nacht ist wieder einmal die welt untergegangen.
vom himmel sanken große figuren mit strengem, leerem gesichtsausdruck und verschränkten armen, und sobald sie den boden berührt hatten, verbreiteten sich kälte und schwärze. und überall, wo diese kalte dunkelheit ankam, sackten menschen zusammen und zerfielen in graue flocken, die der wind davontrug. ich war in einer sushi-bar und wollte gerade zahlen, als die angestellten davon erfaßt wurden, einer nach dem anderen, und ich rannte und rannte und rannte, denn ich wollte zu dem einzigen menschen, der jetzt noch wichtig war. als ich ihn fand, in einem hell erleuchteten gebäude aus glas, war ich zuerst unendlich froh – bis ich merkte, daß er keine notiz von mir nahm, weil er mich nicht sehen konnte in dieser öligen dunkelheit, obwohl er mit gerunzelter stirn in meine richtung schaute. und so endete meine existenz, verzweifelt mit den fäusten an das dicke glas hämmernd und seinen namen rufend, schwärze, die immer dichter wurde, und dann ein eiskalter windstoß, der, das wußte ich in diesem augenblick, mein ende sein würde.

als ich aufwachte, fror ich.
und der bittere geschmack in meinem mund wollte nicht einmal vom zähneputzen weggehen.

soundtrack des augenblicks: meshell ndegéocello | faithful

wenn der cortex randaliert

ich habe im wesentlichen den ganzen tag verschlafen, kaum war ich wach, hat mich die welle wieder auf das perlgraue meer des schlafs hinausgetragen, vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich zum ersten mal seit vielen wochen wieder träumen konnte, und was für träume das waren, so realistisch, daß ich jetzt noch das holz des tisches in einem kleinen haus riechen kann, wo ich zuflucht fand vor einer diffusen bedrohung. jemand hatte mich aus einem minengespickten schneefeld gezerrt und in eine wacklige seilbahn gerissen, die in die höhe schoß wie ein lift, und ich hatte panische angst und spürte dennoch unendliche dankbarkeit, als ich die explosionen unter mir sah, vergrub mich in seinen armen. oben eine trostlose szenerie, kinder und hunde, die im gefrorenen dreck wühlen, eine alte, verhärmte frau in einer zerschlissenen, dreckstarrenden schürze, die uns in einem kleinen häuschen mit ebendiesem tisch empfängt und einen großen schlüsselbund trägt. “ihr könnt nicht bleiben, ich habe keinen platz mehr”, sagt sie gleichmütig, “aber droben nehmen sie euch vielleicht noch”, und mein begleiter nickt wortlos und besorgt, und wir machen uns hand in hand auf den weg, einen steilen hang hinauf, apathische kinder in lumpen schauen stumm zu uns hoch und schlagen mit kochlöffeln auf verbeulte blechtöpfe, eins der mädchen trägt eine rote mütze und wirft mit gefrorenem dreck nach uns, böse feixend und unverständliches nach uns schreiend. nach einem endlosen aufstieg kommen wir keuchend und stolpernd, einander wechselweise hochziehend bei einem schmalen, hohen haus mitten in einem steilhang an, auf dem lange, gedeckte tafeln stehen. wir setzen uns an einen dieser tische, und ein freundlicher junger bursch mit einem engelsgleichen gesicht erklärt uns, daß im haus ein buffet aufgebaut ist und wir uns bitte selbst bedienen mögen, dann ist er fort und kümmert sich um die anderen gäste, die da plötzlich sind, heiter plaudernd. ich gehe in das haus, das viel größer und weitläufiger ist als angenommen, suche die toiletten und gerate in einen langen, verwinkelten gang mit gelben wänden, wo ich mitansehen muß, wie der junge mit dem gesicht eines engels eine junge, wunderschöne frau verprügelt, oder besser, sie zermalmt. mein begleiter kommt plötzlich hinter mir um die ecke und stürzt sich auf den jungen, der ihn packt und mit bärenkräften gegen die wände und den boden schleudert, wieder und wieder, ehe er einen absurden kasten aus stahl aus der wand reißt und ihm damit den kopf einschlägt. dann kommt er grinsend auf mich zu, “was glotzt du so blöd”, und schaut mich mit einem bösartigen funkeln an. “verschwinde hier”, zischt er mir zu, und ich versuche ihn zu schlagen, aber er lacht nur, verdreht mir den arm, ohrfeigt mich kurz und hart und stößt mich zur seite. die alte frau aus dem kleinen haus ist plötzlich wieder da, gleichgültig wie zuvor, “schau, daß du ins tal hinunterkommst, es stehen skier für dich bereit”, sagt sie und zerrt mich hoch, während sich unter den beiden leichen große blutseen bilden. und dann die harte piste unter meinen beinen, ich rase wie eine verrückte endlose hänge hinunter, vorbei an toten, soldaten und touristen, die mich gar nicht wahrnehmen, in einem irrsinnigen geschwindigkeitsrausch, bereit, mein leben jederzeit auszuhauchen, sollte ein hindernis auftauchen, eine angenehme, gleichförmige leere als motor, selbstvergessen und kalt, euphorisch über die geschwindigkeit und die beschaffenheit des schnees, eine endlose fahrt, oben auf dem berg haben sie meinen gefährten umgebracht, ich habe nichts mehr außer mein nacktes leben, das mir nichts bedeutet, der schnee verwandelt sich in braune blätter, mit einem mal sitze ich in einem geländewagen und verliere die kontrolle darüber, ich rase durch einen fahlen wald, immer nach unten, äste peitschen über die scheiben, ich kann nicht bremsen, ich steuere total panisch auf eine gruppe kinder auf einem spielplatz mit bizarren, verwitterten märchenfiguren zu, die nur lachen und geschickt ausweichen, ich lasse irgendwann das lenkrad los, aber es passiert mir nichts. dann stehe ich auf einem sehr hohen talübergang, auf einer art brücke, rechts und links von mir ein gähnender abgrund, ein sturm schüttelt den wagen, ich kann weder vor noch zurück, und als ich aussteigen will, stürze ich beinah in die unendlichkeit. mein handy läutet, und die stimme einer freundin aus jugendtagen fragt mich ungeduldig: “wo bleibst du denn, alle warten auf dich… das stück beginnt, und wir können ohne dich nicht anfangen.” dann bin ich auf einer bühne im grellen scheinwerferlicht und habe keine ahnung, was ich tun soll, “sing dein lied, was ist los mit dir” zischt mir ein pompös verkleideter könig zu, und ich hebe an zu einem lied aus einer operette, und das publikum bewegt sich unruhig, da und dort murren, hüsteln, einzelne lacher, meine stimme wird immer dünner, bis ich ganz verstumme und die menge in lachen und johlen und buhrufe ausbricht, ohrenbetäubend. -

Dann endlich aufwachen. Verschwitzt, erschöpft, verkrampft, Herzklopfen bis zum Hals. Das Bewußtsein ist schon zu seltsamen Absurditäten fähig…