Archiv für die Kategorie 'Träume'

Die Arbeit der Nacht

Heute, im Traum, habe ich gekocht, und als ich den Deckel hob, krochen große schwarze Käfer aus der siedenden Brühe, die mit glänzenden Panzern raschelnd durch die Küche torkelten und bald den ganzen Boden bedeckten, die Möbel, die Wand.
Später ging ich einen ruhigen, grünen Bach entlang, es war Frühsommer und die Sonne schien. Aus diesem Wasser tauchte eine Art Lurchmensch auf, so etwas wie ein kleiner, gescheckter Buddha, der mich mit freundlichen Augen anblinzelte und mit schiefgelegtem Kopf sagte: “Die Wahrheit ist nur auf den ersten Blick unbequem, auch wenn meine Art fast ausgestorben ist. Hör nie auf, an die Wahrheit zu glauben. Mach die Augen auf, sei wachsam, verteidige dich gegen die flüsternden Schatten. Die Wahrheit ist das Leben, die Lüge der Untergang.”

Als ich aufwachte, hatte ich Angst, es könnten die Käfer noch in der Küche sein.

Nachtarbeit

Also das war so. Zuerst konnte ich nicht schlafen, weil ich einen Hexenschuß hab und sich einfach keine bequeme Liegeposition finden ließ.
Also las ich mit herzlichem Vergnügen ein wenig in Midas Dekkers’ Das Gnu und du herum (”Der anrührendste Anblick, den ich kenne, ist der Gesichtsausdruck einer Katze, die gerade beim Scheißen ist”), fand anschließend eine halbwegs erträgliche Seitenposition, in der ich nur ein leichtes Stechen im Nacken verspürte und schickte mich an, einzuschlafen.

Was sich ca. folgendermaßen abspielte: Ich sollte das Album umsortieren. Die Leute wollen die Fotos nicht in chronologischer Reihenfolge sehen, sondern die Brüller zuerst. Du hast nur eine Chance, sie zu kriegen: die erste Seite … irgendwie hab ich Durst. Wasserglas in der Küche vergessen. Mist. … ich muß morgen unbedingt Klopapier kaufen. Und Kaffeefilter. … Man sollte schlechten Geschmack flächendeckend verbieten, besonders nachts. Was muß der Idiot in der Nachbarwohnung eigentlich ausgerechnet jetzt Folklore unklarer Provenienz hören? … Irgendwie hab ich Hunger. Waren da nicht noch diese Kekse, die der Liebste dagelassen hat? Haha, Scherz. Ich mag keine Kekse. Und außerdem war heute Elmex-Gel-Tag. Ein Hoch auf die Remineralisierung der Zähne! Oh. Toll. Jetzt muß ich aufs Klo. Na, eh praktisch. Kann ich gleich das Wasser mitnehmen.

Also Klo. Wieder zurück in die Bettstatt, einigermaßen nackenschonende Haltung eingenommen. Siehe voriger Absatz. Kurz nach Drei: zum letzten Mal aufs Klo gegangen und auf die Uhr geschaut.

Kurz vor Vier: Ich wache, aufgescheucht von einem bösen Alptraum, an den ich mich nicht erinnern kann, auf und bin der Überzeugung, daß ein Monster im Zimmer ist, das offenbar zuvor den Nachbarn mit der Folklore erledigt hat. Es ist still. Unnatürlich still. Verkrampft harre ich unter der Bettdecke und warte auf verdächtige Geräusche, die Monster beim Aufenthalt in kleinen Stadtwohnungen zu machen pflegen, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, worauf ich eigentlich achten soll. Der Adrenalinspiegel sinkt, und ich stelle fest, daß ich aufs Klo muß und mein scheiß Nacken wirklich höllisch wehtut. Irgendwann wird mir das zu blöd, und ich beschließe - Monster hin oder her -, pinkeln zu gehen. Kein Monster. Das Licht lasse ich trotzdem aufgeschaltet. … Liegeposition finden. Boah, die Vögel! So klein und soviel Krach machen.

Halb Fünf. Komm schon, Mädchen. Du hast dreieinhalb Stunden. Mach was draus. Aber das Monster…? Klappe jetzt.

Entschädigt werde ich dann in Form einer Reise nach New York, wo ich in einem riesigen Buchgeschäft Heroines von Bettina Rheims um vier Euro neunzig (!) kaufe und dazu ein afrikanisch anmutendes Hemdblusenkleid aus herrlich anschmiegsamem und wunderschön gewirktem Stoff erhalte, das ich auch gleich anziehe. Außerdem komponiere ich eine unglaublich geniale Nummer, schaffe es aber leider nicht, aufzuwachen und sie in das Diktiergerät zu singen. Schade, denn ich wäre berühmt geworden, glaube ich. Als ich mich gemeinsam mit Freunden, die ich in dem sauteuren Hotel, in das ich eingeladen wurde, getroffen habe, anschicke, die köstlichste Pasta meines Lebens zu verspeisen, läutet irgendwo ein Telefon… meins.

Das Buch mußte ich leider im Hotel lassen.

traum [atisch]

heute nacht ist wieder einmal die welt untergegangen.
vom himmel sanken große figuren mit strengem, leerem gesichtsausdruck und verschränkten armen, und sobald sie den boden berührt hatten, verbreiteten sich kälte und schwärze. und überall, wo diese kalte dunkelheit ankam, sackten menschen zusammen und zerfielen in graue flocken, die der wind davontrug. ich war in einer sushi-bar und wollte gerade zahlen, als die angestellten davon erfaßt wurden, einer nach dem anderen, und ich rannte und rannte und rannte, denn ich wollte zu dem einzigen menschen, der jetzt noch wichtig war. als ich ihn fand, in einem hell erleuchteten gebäude aus glas, war ich zuerst unendlich froh - bis ich merkte, daß er keine notiz von mir nahm, weil er mich nicht sehen konnte in dieser öligen dunkelheit, obwohl er mit gerunzelter stirn in meine richtung schaute. und so endete meine existenz, verzweifelt mit den fäusten an das dicke glas hämmernd und seinen namen rufend, schwärze, die immer dichter wurde, und dann ein eiskalter windstoß, der, das wußte ich in diesem augenblick, mein ende sein würde.

als ich aufwachte, fror ich.
und der bittere geschmack in meinem mund wollte nicht einmal vom zähneputzen weggehen.

soundtrack des augenblicks: meshell ndegéocello | faithful

wenn der cortex randaliert

ich habe im wesentlichen den ganzen tag verschlafen, kaum war ich wach, hat mich die welle wieder auf das perlgraue meer des schlafs hinausgetragen, vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich zum ersten mal seit vielen wochen wieder träumen konnte, und was für träume das waren, so realistisch, daß ich jetzt noch das holz des tisches in einem kleinen haus riechen kann, wo ich zuflucht fand vor einer diffusen bedrohung. jemand hatte mich aus einem minengespickten schneefeld gezerrt und in eine wacklige seilbahn gerissen, die in die höhe schoß wie ein lift, und ich hatte panische angst und spürte dennoch unendliche dankbarkeit, als ich die explosionen unter mir sah, vergrub mich in seinen armen. oben eine trostlose szenerie, kinder und hunde, die im gefrorenen dreck wühlen, eine alte, verhärmte frau in einer zerschlissenen, dreckstarrenden schürze, die uns in einem kleinen häuschen mit ebendiesem tisch empfängt und einen großen schlüsselbund trägt. “ihr könnt nicht bleiben, ich habe keinen platz mehr”, sagt sie gleichmütig, “aber droben nehmen sie euch vielleicht noch”, und mein begleiter nickt wortlos und besorgt, und wir machen uns hand in hand auf den weg, einen steilen hang hinauf, apathische kinder in lumpen schauen stumm zu uns hoch und schlagen mit kochlöffeln auf verbeulte blechtöpfe, eins der mädchen trägt eine rote mütze und wirft mit gefrorenem dreck nach uns, böse feixend und unverständliches nach uns schreiend. nach einem endlosen aufstieg kommen wir keuchend und stolpernd, einander wechselweise hochziehend bei einem schmalen, hohen haus mitten in einem steilhang an, auf dem lange, gedeckte tafeln stehen. wir setzen uns an einen dieser tische, und ein freundlicher junger bursch mit einem engelsgleichen gesicht erklärt uns, daß im haus ein buffet aufgebaut ist und wir uns bitte selbst bedienen mögen, dann ist er fort und kümmert sich um die anderen gäste, die da plötzlich sind, heiter plaudernd. ich gehe in das haus, das viel größer und weitläufiger ist als angenommen, suche die toiletten und gerate in einen langen, verwinkelten gang mit gelben wänden, wo ich mitansehen muß, wie der junge mit dem gesicht eines engels eine junge, wunderschöne frau verprügelt, oder besser, sie zermalmt. mein begleiter kommt plötzlich hinter mir um die ecke und stürzt sich auf den jungen, der ihn packt und mit bärenkräften gegen die wände und den boden schleudert, wieder und wieder, ehe er einen absurden kasten aus stahl aus der wand reißt und ihm damit den kopf einschlägt. dann kommt er grinsend auf mich zu, “was glotzt du so blöd”, und schaut mich mit einem bösartigen funkeln an. “verschwinde hier”, zischt er mir zu, und ich versuche ihn zu schlagen, aber er lacht nur, verdreht mir den arm, ohrfeigt mich kurz und hart und stößt mich zur seite. die alte frau aus dem kleinen haus ist plötzlich wieder da, gleichgültig wie zuvor, “schau, daß du ins tal hinunterkommst, es stehen skier für dich bereit”, sagt sie und zerrt mich hoch, während sich unter den beiden leichen große blutseen bilden. und dann die harte piste unter meinen beinen, ich rase wie eine verrückte endlose hänge hinunter, vorbei an toten, soldaten und touristen, die mich gar nicht wahrnehmen, in einem irrsinnigen geschwindigkeitsrausch, bereit, mein leben jederzeit auszuhauchen, sollte ein hindernis auftauchen, eine angenehme, gleichförmige leere als motor, selbstvergessen und kalt, euphorisch über die geschwindigkeit und die beschaffenheit des schnees, eine endlose fahrt, oben auf dem berg haben sie meinen gefährten umgebracht, ich habe nichts mehr außer mein nacktes leben, das mir nichts bedeutet, der schnee verwandelt sich in braune blätter, mit einem mal sitze ich in einem geländewagen und verliere die kontrolle darüber, ich rase durch einen fahlen wald, immer nach unten, äste peitschen über die scheiben, ich kann nicht bremsen, ich steuere total panisch auf eine gruppe kinder auf einem spielplatz mit bizarren, verwitterten märchenfiguren zu, die nur lachen und geschickt ausweichen, ich lasse irgendwann das lenkrad los, aber es passiert mir nichts. dann stehe ich auf einem sehr hohen talübergang, auf einer art brücke, rechts und links von mir ein gähnender abgrund, ein sturm schüttelt den wagen, ich kann weder vor noch zurück, und als ich aussteigen will, stürze ich beinah in die unendlichkeit. mein handy läutet, und die stimme einer freundin aus jugendtagen fragt mich ungeduldig: “wo bleibst du denn, alle warten auf dich… das stück beginnt, und wir können ohne dich nicht anfangen.” dann bin ich auf einer bühne im grellen scheinwerferlicht und habe keine ahnung, was ich tun soll, “sing dein lied, was ist los mit dir” zischt mir ein pompös verkleideter könig zu, und ich hebe an zu einem lied aus einer operette, und das publikum bewegt sich unruhig, da und dort murren, hüsteln, einzelne lacher, meine stimme wird immer dünner, bis ich ganz verstumme und die menge in lachen und johlen und buhrufe ausbricht, ohrenbetäubend. -

Dann endlich aufwachen. Verschwitzt, erschöpft, verkrampft, Herzklopfen bis zum Hals. Das Bewußtsein ist schon zu seltsamen Absurditäten fähig…