Nicht viel zu lesen hier, die Tage, gell?
Ist aber auch kein Wunder. Befinde ich mich doch auf Buchstabenwiederauffüllungskur im Land zwischen den Ohren. Ich lese. Staune. Speichere, juchze, stolpere und renne vorwärts in Landschaften, die ein anderer erdacht hat, schlendere durch Gedankengebäudekomplexe, entworfen von kundigen Wortarchitekten, lasse meine Seele fliegen und mein Hirn spazierengehen, während meine Augen sich wie zwei Hightech-Scanner an den Seiten festsaugen und der Körper entspannt auf der Couch ruht.
… Ich könnte jetzt erzählen, daß das letzte Buch, das ich ausgelesen habe (heute in der Nacht) von Juli Zeh ist, Adler und Engel heißt und zum Bemerkenswertesten gehört, das ich in den letzten Jahren zwischen die Finger bekam; daß ich es jetzt zum zweiten Mal seit zwei Jahren gelesen habe, in einem langen, gierigen Zug, und mich wieder bereitwillig mitreißen ließ von diesem Sog, den die darin beschriebene geisteskranke Höllenglut eines vor Hitze kollabierenden Wiens als bizarre Kulisse für eine so abgedrehte Geschichte, wie man sie eigentlich gar nicht erfinden kann, ausübt; daß es mich wieder atemlos gemacht hat, dieses langsame Zusammenbrechen aller Normalität, dieses langsame Verrecken der Hauptfiguren, die Geschichte, die an ihren Rändern ausfranst und dann in sich zusammenstürzt, um wie eine Nova zu explodieren und zu leuchten. Daß ich am liebsten jedem Menschen, den ich mag, dieses Buch in die Hand drücken und schreien möchte: Lies das, verdammt noch mal, und daß man genau das nicht darf, weil schon zu viele “muß man gelesen haben”-Listen von gut- oder schlechtmeinenden Deutschlehrern zuviele kleine Menschen ins Nichtlesen gestoßen und für immer aus dem Paradies, das man nur zwischen zwei Buchdeckeln finden kann, getrieben haben; auch wenn man einsam ist mit seiner Begeisterung und es so traurig ist, sich allein zu freuen.
… Ich könnte erzählen, daß ich mich eingedeckt habe mit frischem Stoff - Genazino, Die Liebesblödigkeit; Terezia Mora, Alle Tage; und noch einmal die Zeh, Die Stille ist ein Geräusch, alles Bücher, die ich schon länger lesen möchte. Und ich könnte erzählen, daß allein angesichts der Vorfreude darauf der Schreibmuskel wollüstig zuckt, die Nervenenden vor Aufregung vibrieren und ich am liebsten alles gleichzeitig tun würde: lesen, schreiben, fotografieren, singen, tanzen, auf einem Bein hüpfen. Daß die Kur also wirkt, verläßlich wie immer.
Ich… wo war ich stehengeblieben? Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja. Daß es hier nicht viel zu lesen gibt dieser Tage. Wobei… um das zu sagen, sind jetzt ja doch ein paar Buchstaben zusammengekommen. Szenenapplaus. Alle ab.