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mhm… late|thoughts

Ich bin nicht die, die ich noch vor ein paar Tagen war.
Ich habe in meinem kleinen Leben ein bißchen was gehört, gesehen, gesagt, getan, gedacht.
Das hier ist neu. Das hier ist unerhört. Ungesehen. Ungespürt.
Wo käme man hin, wenn alle sagten, wo käme man hin und keiner ginge, um nachzuschauen, wohin man käme, wenn man ginge…
Jenseits von Richtig und Falsch ist, stimmt genau, ein Ort. Dort treffen wir uns.

ja.
JA.

ganz genau. :-)

wenn der cortex randaliert

ich habe im wesentlichen den ganzen tag verschlafen, kaum war ich wach, hat mich die welle wieder auf das perlgraue meer des schlafs hinausgetragen, vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich zum ersten mal seit vielen wochen wieder träumen konnte, und was für träume das waren, so realistisch, daß ich jetzt noch das holz des tisches in einem kleinen haus riechen kann, wo ich zuflucht fand vor einer diffusen bedrohung. jemand hatte mich aus einem minengespickten schneefeld gezerrt und in eine wacklige seilbahn gerissen, die in die höhe schoß wie ein lift, und ich hatte panische angst und spürte dennoch unendliche dankbarkeit, als ich die explosionen unter mir sah, vergrub mich in seinen armen. oben eine trostlose szenerie, kinder und hunde, die im gefrorenen dreck wühlen, eine alte, verhärmte frau in einer zerschlissenen, dreckstarrenden schürze, die uns in einem kleinen häuschen mit ebendiesem tisch empfängt und einen großen schlüsselbund trägt. “ihr könnt nicht bleiben, ich habe keinen platz mehr”, sagt sie gleichmütig, “aber droben nehmen sie euch vielleicht noch”, und mein begleiter nickt wortlos und besorgt, und wir machen uns hand in hand auf den weg, einen steilen hang hinauf, apathische kinder in lumpen schauen stumm zu uns hoch und schlagen mit kochlöffeln auf verbeulte blechtöpfe, eins der mädchen trägt eine rote mütze und wirft mit gefrorenem dreck nach uns, böse feixend und unverständliches nach uns schreiend. nach einem endlosen aufstieg kommen wir keuchend und stolpernd, einander wechselweise hochziehend bei einem schmalen, hohen haus mitten in einem steilhang an, auf dem lange, gedeckte tafeln stehen. wir setzen uns an einen dieser tische, und ein freundlicher junger bursch mit einem engelsgleichen gesicht erklärt uns, daß im haus ein buffet aufgebaut ist und wir uns bitte selbst bedienen mögen, dann ist er fort und kümmert sich um die anderen gäste, die da plötzlich sind, heiter plaudernd. ich gehe in das haus, das viel größer und weitläufiger ist als angenommen, suche die toiletten und gerate in einen langen, verwinkelten gang mit gelben wänden, wo ich mitansehen muß, wie der junge mit dem gesicht eines engels eine junge, wunderschöne frau verprügelt, oder besser, sie zermalmt. mein begleiter kommt plötzlich hinter mir um die ecke und stürzt sich auf den jungen, der ihn packt und mit bärenkräften gegen die wände und den boden schleudert, wieder und wieder, ehe er einen absurden kasten aus stahl aus der wand reißt und ihm damit den kopf einschlägt. dann kommt er grinsend auf mich zu, “was glotzt du so blöd”, und schaut mich mit einem bösartigen funkeln an. “verschwinde hier”, zischt er mir zu, und ich versuche ihn zu schlagen, aber er lacht nur, verdreht mir den arm, ohrfeigt mich kurz und hart und stößt mich zur seite. die alte frau aus dem kleinen haus ist plötzlich wieder da, gleichgültig wie zuvor, “schau, daß du ins tal hinunterkommst, es stehen skier für dich bereit”, sagt sie und zerrt mich hoch, während sich unter den beiden leichen große blutseen bilden. und dann die harte piste unter meinen beinen, ich rase wie eine verrückte endlose hänge hinunter, vorbei an toten, soldaten und touristen, die mich gar nicht wahrnehmen, in einem irrsinnigen geschwindigkeitsrausch, bereit, mein leben jederzeit auszuhauchen, sollte ein hindernis auftauchen, eine angenehme, gleichförmige leere als motor, selbstvergessen und kalt, euphorisch über die geschwindigkeit und die beschaffenheit des schnees, eine endlose fahrt, oben auf dem berg haben sie meinen gefährten umgebracht, ich habe nichts mehr außer mein nacktes leben, das mir nichts bedeutet, der schnee verwandelt sich in braune blätter, mit einem mal sitze ich in einem geländewagen und verliere die kontrolle darüber, ich rase durch einen fahlen wald, immer nach unten, äste peitschen über die scheiben, ich kann nicht bremsen, ich steuere total panisch auf eine gruppe kinder auf einem spielplatz mit bizarren, verwitterten märchenfiguren zu, die nur lachen und geschickt ausweichen, ich lasse irgendwann das lenkrad los, aber es passiert mir nichts. dann stehe ich auf einem sehr hohen talübergang, auf einer art brücke, rechts und links von mir ein gähnender abgrund, ein sturm schüttelt den wagen, ich kann weder vor noch zurück, und als ich aussteigen will, stürze ich beinah in die unendlichkeit. mein handy läutet, und die stimme einer freundin aus jugendtagen fragt mich ungeduldig: “wo bleibst du denn, alle warten auf dich… das stück beginnt, und wir können ohne dich nicht anfangen.” dann bin ich auf einer bühne im grellen scheinwerferlicht und habe keine ahnung, was ich tun soll, “sing dein lied, was ist los mit dir” zischt mir ein pompös verkleideter könig zu, und ich hebe an zu einem lied aus einer operette, und das publikum bewegt sich unruhig, da und dort murren, hüsteln, einzelne lacher, meine stimme wird immer dünner, bis ich ganz verstumme und die menge in lachen und johlen und buhrufe ausbricht, ohrenbetäubend. -

Dann endlich aufwachen. Verschwitzt, erschöpft, verkrampft, Herzklopfen bis zum Hals. Das Bewußtsein ist schon zu seltsamen Absurditäten fähig…

Es geht nichts über einen echten Freund, der einem an einem sehr frühen Neujahrsvormittag den Rettungsring in Form einer funktionierenden Tastatur auch noch vorbeibringt, weil man die seine situationsbedingt mittels mindestens 400 Milliliter H20 in einer ziemlich nassen Silvesternacht gekillt hat, quasi so nebenbei…

Es geht nichts über eine ganz spontane Determinante namens Dreizehn, die einem förmlich das Herz übergehen läßt.

Es geht nichts über die zufällige Wiederentdeckung eines in allen Belangen großartigen Albums, das einen in einem neujährlichen Wahnsinnswestwindwetter so verträumt und gleichzeitig lebendig/wach durch die Gegend rennen läßt, daß man nur sehr knapp der - vermutlich durchaus schmerzlichen - Begegnung mit einem Laternenmast entgeht.

Es geht nichts über die (nicht gerade neu aber doch immer wieder frisch gewonnene) Erkenntnis, daß dieses Leben großartig und flüchtig und wahnsinnig kostbar ist.

Es geht nichts über die Liebe. Ohne Liebe ist alles nichts. Allein die Liebe ist alles. Wirklich.

Soundtrack das Augenblicks: I’m not afraid und Tracy’s Flaw, beide: Skunk Anansie. Weil ganz egal was: das ist soulsäuisch. Sehr sogar.

for s(h)ure

mikrokosmisch

Prolog 07

Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. (Robert Jungk)

Ich stehe auf dem Isthmus.
Auf der Landenge zwischen gestern und morgen. Es ist der 31. Dezember, fünf Uhr früh.
Gerade habe ich ein Telefonat beendet, das Telefon in die Ladestation gestellt und mich an meinen Schreibtisch gesetzt.

Eigentlich sollte ich jetzt woanders sein. Wie oft habe ich mir das ausgemalt. Der Flughafen, die Ankunft, das wortlose Einverständnis, die heilige Dringlichkeit, mit der wir uns in die Arme fallen. Aber ich will nicht jammern. Das Leben ist manchmal, und ich formuliere das an dieser Stelle bewußt nicht wehleidig, das Leben ist manchmal richtig eigenartig. Irgendwer da oben gefällt sich darin, Pläne zu durchkreuzen, und obwohl ich mir keiner Schuld bewußt bin und kein Anzeichen von Vanitas oder sonstiger sträflicher Anwandlungen feststellen kann (ehrlich nicht!), hat jemand oder etwas beschlossen, daß ich an diesem letzten Tag im Jahr da bleiben muß, 900 Kilometer von der Liebe meines Lebens entfernt, daß ich am ersten Tag des Jahres 07 allein aufwachen muß, daß ich an dieser Landenge sitzen werde, Steinchen in die Tiefe werfend.

+

Jemand hat mich am 22. November via Mail gefragt: sag mal: Kannst du dich auch ganz normal verlieben? Ich mein, so ein bisschen mit “Hm, weiss noch nicht” und “Ja, lass mal versuchen”?
Meine Antwort lautete: Nein, natürlich nicht! Ich könnte ja auch nicht “ein bißchen schwanger” sein. Was für eine Frage!

Normalität, was ist das eigentlich? Vor allem: was ist das eigentlich für eine Normalität… lauernd, taktierend, abwartend? Nein danke. Zum Teufel mit “ja, laß mal versuchen”.
Für mich hat immer nur die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit gezählt.

Wenn ich mir das vergangene Jahr so betrachte, gibt es ein paar Menschen, die mir sehr, sehr viel bedeuten. Da war zum Beispiel meine viel zu selten gesehene Freundin G. mit ihrer kleinen Tochter auf dem Schoß an einem Nachmittag im Mai. Da war mein Freund und Wahlbruder W., der mir alle Torheiten vergibt und alle seine Torheiten vor mir ausbreitet. Da war mein Freund und Technikfreak W2, der so lange gerudert hat und jetzt endlich angekommen ist. Und da waren meine Eltern, auf die ich so wahnsinnig stolz bin, daß es mir die Sprache verschlägt, weil sie mich für das, was ich da gerade erlebe, nicht irgendwie komisch anschauen, sondern mich als ihr Kind darin vollkommen bestärken, mitfühlen und von ganzem Herzen bejahen.

Und da ist dieser Mensch, der mir die Welt bedeutet.
Am 16. 6. um 12:12h hat er mir eine E-Mail geschrieben.
Am 5. 9. haben wir erstmals miteinander telefoniert.
Es war schon viel, viel früher um mich geschehen, aber zu diesem Zeitpunkt sind alle Dämme gebrochen in mir, und da konnte ich das - vor mir - auch zugeben. “Bitte mißversteh mich nicht, aber: ich hab dich lieb” hat er damals gesagt, und ich bin zusammengeschmolzen zu einem flüsternden “ich dich auch.”

Heute trage ich einen Ring, meistens links, manchmal rechts, und frage mich täglich und nächtlich, welches Wunder da eigentlich passiert ist. Ich weiß Millionen Legionen hinter mir, hinter uns.

Denn wahrlich: da ist plötzlich ein “Wir”, und das ist das absolut Schönste und Beste und Wahrste, das mir bisher passiert ist. Das ist, so auf dem Isthmus zwischen 06 und 07, mein allergrößtes Wunder und mein allergrößter Schatz. Mein Leben.

[Fortsetzung folgt... viellleicht...]

hit it

It’s a 106 miles to chicago, we’ve got a full tank of gas, half a packet of cigarettes, it’s dark and we’re wearing sunglasses.
Hit it.

Scheibenwischer. Auch so ein Wort.
Regen. Dunkler, schwerer Regen. Der Himmel rinnt aus, weiß Gott, was da passiert ist. Vielleicht gibt es auch keinen Himmel mehr. Ich kann nichts sehen, überall Wasser, vielleicht bin ich schon lange nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Grund eines sehr tiefen, sehr kalten Sees, aber ich gebe Gas wie eine Verrückte, ich kann nicht aufhören. Den Rückspiegel hab ich beim Fenster hinausgeworfen, vielleicht verliebt sich ein kleiner Fisch in sich selbst, wenn er ihn findet. Hit the road, genau. Schlagen ist gut. Ich will sie kaputtschlagen, totschlagen, ihr richtig weh tun, sie bluten sehen, sie in einem Ausbruch brachialer Wut zu Brei verarbeiten und dann auf ihre jämmerlichen Reste spucken. Die Straße, die Zeit. Dieses schwarze, viel zu lange Band, an dessen Ende eine Ankunft wartet, Exit 07, blinken, bremsen, ausrollen lassen, endlich stehenbleiben.
Ich habe mich verrechnet, der Weg ist viel weiter als ich dachte. Die Nacht viel länger und dunkler als angenommen, und Regen, soviel Regen, ich werde mir wohl Schwimmhäute wachsen lassen müssen und Kiemen, let’s do the evolution, baby, let it all begin to swim -

Here comes the replay of an old dream
I was dreaming when I was a small boy
Turn around Turn around
I’m in a drier in the kitchen
In a tornado of shirts and towels
Turn around Turn around
Tonight’s different the dream’s not ending
The drier opens the water’s streaming out
It fills the house and fills the house
I am the swimmer in the old house
The water slowly fills the rooms
I turn around Turn around*

[*Lyrics: The Nits]

Oryx…

Alles, was hier geschrieben sein sollte, ist zu groß, um hier hin zu passen.
Wissen Sie, ich bin ein sentimentales Ding, manchmal. Aber ich weiß auch, wann es sich und mich zu beherrschen gilt, und ich kann den Sekunden und Minuten und Stunden standhalten. Mein Rücken ist breit. Zumindest bin ich fähig, mir das einzureden. Glaubhaft. Wissen Sie?

Oryx

Eigentlich…

… sollte an dieser Stelle ein herzhaftes “Fröhliche Arschnachten, Ihr Weinlöcher” stehen.
Ich bin nicht so der Weihnachtstyp. Ich finde das hysterische Getue rund um diese Tage sehr daneben. Ich bin der Überzeugung, daß es kein spezielles Datum braucht, um Menschen, die man mag, Geschenke zu machen oder Zeit miteinander zu verbringen. Ich schaue schon jahrelang nicht mehr fern und höre kein Radio. Ich besuche keine Weihnachtsmärkte. Ich sehne keinen Schneefall herbei, weil sich “das so gehört”. Ich halte mich da raus. Soll jeder, wie er will. Ich persönlich will nicht. Aber ich vergönne es jedem, der es mag.

Allerdings: es ist auch so, daß ich zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag immer frei habe, weil der Verlag, in dem ich arbeite, zu dieser Zeit zwei Wochen Betriebsurlaub macht. Deshalb ist diese Zeit für mich immer auch eine, in der ich aus meinem Alltag falle, in der sich meine Tage und insbesondere die Nächte einer anderen, natürlicheren Struktur anpassen. Seit Jahren habe ich das Ritual, am 24. Dezember zu meinen Eltern zu fahren, 300 Kilometer, über eine angenehm leere Autobahn, irgendwann am frühen Nachmittag, wenn schon lange niemand mehr unterwegs ist. Diese Fahrt ist eine wichtige und schöne, sie signalisiert viel Zeit für mich und meine Familie in den kommenden Tagen. Während das eintönige Band der Autobahn an mir vorbeizieht und mein Körper fast schon automatisiert das Auto steuert, geht mein Hirn ein bißchen spazieren, durchstreift das vergangene Jahr, hebt da oder dort eine Erinnerung auf und besieht sie sich.

Heuer wird es anders sein.
In ein paar Stunden werde ich unterwegs sein und meinen Körper von A nach B steuern, in einem wunderlichen Vehikel aus Blech und Kunststoff. Die Landschaft wird an mir vorüberziehen, und aus den Boxen wird Musik tropfen, die ich mag. Kein Autoradio. Höchstens der Verkehrsfunk. Und meine Gedanken werden nicht in der Vergangenheit sein, dieses Mal.
Sie strecken ihre Fühler nach der Zukunft aus, die schon begonnen hat. Nach einer neuen Ankunft, die mich umgibt wie ein warmer Mantel. Nach einem ganz neuen Kapitel, das mir Geborgenheit schenkt und Sicherheit und Daheimsein. Etwas, das mich aufrechter gehen läßt als je zuvor. Und ich spüre dieses neue Lächeln an mir, das mich seit ein paar Wochen begleitet.

Und vielleicht ist dieses Gefühl so etwas wie Weihnachten in seinem ursprünglichen Sinn.
Wissen Sie, liebe Leserin, lieber Leser… wißt Ihr, liebe Mates und Soulmates da draußen: Haben Sie es, habt es einfach schön dieser Tage. Ganz egal ob mit oder ohne Christbaum, Kinder, Verwandtenbesuche, Völlerei und Firlefanz.

Oder meinetwegen, für alle, die da drauf stehen: Frohe Weihnachten!

Kinderkram

Als ich noch ein kleines Kind war, hatte ich die schon beinah zur Religion erhobene Angewohnheit, mir beim Einschlafen vorzustellen, auf einem fliegenden Teppich über fremde Länder zu fliegen, eingekuschelt in meine Bettdecke. Ich konnte diese Vorstellung bis an ihre Grenzen dehnen, experimentierte damit so lange, bis ich das äußerst reale Empfinden des weichen Luftpolsters unter mir hatte. Eine kleine Abenteurerin, die im Halbschlaf ganze Kontinente überquerte, das von Zitronenhainen dominierte Italien überflog, wo alle lachten und immer Ferien waren, und die kaltglitzernde Schönheit des ewigen Eises zu würdigen wußte. Manchmal, wenn der Mond ins Zimmer schien (ich schlief damals und schlafe bis heute bevorzugt ohne vorgezogene Vorhänge und bei offenem/gekipptem Fenster - die Lage meines Schlafzimmerfensters erlaubt mir das), bildete ich mir ein, daß das Licht ein Pfad wäre, dem ich nur zu folgen brauchte, und ich würde irgendwann auf dem Trabanten stehen und unaussprechliche Dinge sehen (wobei ich das Wort Trabant natürlich noch nicht kannte). Auch hatte ich als Kind das alte Tonbandgerät von Popvatern zur Verfügung, ich meine: ein richtiges Tonbandgerät (das war noch lange vor meinem ersten Kassettenrecorder von Philips), mit dem ich ganze Nachmittage verbrachte; selbst ersonnene Theaterstücke aufnehmend. Und als Soundtrack muß man sich dazu Felix Mendelssohn Bartholdys “Ein Sommernachtstraum” auf Vinyl vorstellen, Musik, die ich so verinnerlicht habe, daß ich mich bis heute davor scheue, sie durch den Kauf einer profanen CD zu entweihen.

Als ich noch ein kleines Kind war, war der Wald mein Lehrmeister und bester Freund. Barg ich Froschlurch aus trockenen Stellen, um ihn ins Wasser zu verfrachten und später immer wieder zu den Kaulquappen zurückzukehren und sie dabei zu beobachten, wie sie groß wurden. Rettete ich Mäuse, Maulwürfe und Frösche aus Katzenmäulern, um sie in Marmeladengläsern über die Wiesen zu tragen und sie in maximaler Katzenferne in die Freiheit zu entlassen. Sammelte ich Bachnelken und Knabenkräuter, um sie zwischen dicken Büchern zu pressen und die zarten Überbleibsel nach Wochen sorgsam in mein Herbarium zu kleben und das ganze mit meiner ungelenken Kinderschrift zu benennen. Waren moosbewachsene Baumstümpfe Schlösser, um die sich die Welt drehte, knorrige Bäume Faune, die erst in der Nacht zum Leben erwachen würden, Ameisenhaufen Wunder, vor denen ich lange sitzen konnte, ein Apfelstückchen plazierend und wartend, was damit geschah. Und die Sommer! Endlos aufgereihte Bahnen aus Heu, Fahrten zum See, endlose Tage am Wasser, regendampfende Nachmittage mit Papiermaché, und meine Mama, die mir “20.000 Meilen unter dem Meer”, “Die Schatzinsel” und “Robinson Crusoe” vorlas, im Halbschatten der drei Birken in unserem Garten. Der Löwenzahn, die Margariten. Und die Winter. Klirrend kalte Spaziergänge durch blendendes Weiß, tobende Schlittenfahrten, und dann der Duft der Tannenzweige auf dem Ofen.

Das alles kommt ganz plötzlich und unerwartet zurück gerade.
Und ich glaube, daß meine Kindheit mich zu dem geformt hat, was ich heute bin. Sehr sogar. Ich denke, und ich gestehe es hiermit, daß ich im Herzen eine absolut begeisterte Beginnerin bin. Eine manchmal sehr weltfremde Person, die die Welt noch immer und immer wieder als Wunder begreift und sich darauf einläßt, weil sie ihrem Gefühl vertraut, weil sie ganz tief drinnen nichts anderes kennt, auch wenn das Leben da draußen ihr so manchen Streich gespielt hat und sie sich durchaus kühl zu behaupten weiß in der Pathologie der Normalität der alles dominierenden Technokraten, die die Welt hüten, nicht aber behüten…

Kästner wuße schon, was er sagte. Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. Man nötigt euch in der Schule eifrig von der Unter- über die Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr schließlich drobensteht und balanciert, sägt man die überflüssig gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun könnt ihr nicht mehr zurück! Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne Keller mit den duftenden Obstborden und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel? Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der obersten Stufe, ohne Treppe und ohne Haus, und machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!

Herzstillstand

07:27h. Mein Telefon, seit einiger Zeit abends neben dem Bett plaziert, klingelt. Ich bin schon lang vorher wach, was ausgesprochen atypisch für mich alte Langschläferin ist, aber heute habe ich nur eins im Sinn: schnellstmöglich zum Postamt zu kommen und ein sehr wichtiges Päckchen abzuholen. Der Liebste braucht es dieses Mal also nicht minutenlang läuten zu lassen, ich hebe sofort ab. Es entwickelt sich ein fernmündlicher Dialog, der mich derart zum Lachen bringt, daß mir anschließend der Bauch weh tut…

08:07h. Nachdem wir aufgelegt haben, springe ich, die Kaffeemaschine ignorierend (!), in mein Gewand, schnappe mir Schlüssel und Benachrichtigung und fliege förmlich zur Post, wo ich ein bombenfest verpacktes Päckchen in Empfang nehme und mich wie ein kleines Kind freue, meinen Namen in einer Handschrift geschrieben zu sehen, die ich sofort als die schönste der Welt identifiziere.

08:17h. Ich bin wieder in meiner Wohnung und lege das Päckchen vorsichtig auf den Wohnzimmerteppich. Dann setze ich mich davor und lächle erst einmal eine Runde, wobei ich es nicht aus den Augen lasse. Eigentlich möchte ich es noch nicht öffnen, weil zwischen 9 und 10 ein Techniker eintreffen wird, der sich meine zickende Therme ansehen und eine Abgasüberprüfung durchführen soll.

08:27h. Ich halte es nicht aus. Mit klopfendem Herzen hole ich mein schärfstes Küchenmesser und mache mich daran, die Verpackung zu öffnen. Anschließend sitze ich davor und zögere lang, bevor ich den Deckel hochklappe und als allererstes unendlich vorsichtig meine Nase in einem T-Shirt vergrabe. Über den Inhalt werde ich mich an dieser Stelle ausschweigen, nur soviel: als ich bei einem gewissen Schriftstück angelangt bin, bleibt mir das Herz stehen, gehen mir die Augen über. Ich stehe unter Schock. Unmöglich zu beschreiben, was genau sich in der nächsten halben Stunde abgespielt hat. Ich zittere wie ein kleines Kind, das man gerade aus einem eiskalten See gezogen hat, als mein Verstand wieder einsetzt.

08:57h. Ich gehe sehr langsam und vorsichtig ins Badezimmer, sehe mein kreidebleiches Gesicht und wasche mir erst einmal die Tränen von den Wangen. Dann schaue ich meinem Körper dabei zu, wie er Kaffee kocht, sich mit einer Tasse zurück ins Wohnzimmer verfügt und sich ziemlich benommen auf die Couch setzt. Der Rest von mir ist ganz woanders…

09:37h. Es läutet an der Tür, der Techniker. Während er sich in meiner Küche austobt, sitze ich abwechselnd mit einem überbreiten Grinsen und Tränen in den Augen vor meinem Monitor und versuche mir nicht anmerken zu lassen, daß es mich gerade vollkommen zerlegt. Selbst die Erläuterung des freundlichen Menschen, meine Therme sei in einem ziemlich schlechten Zustand und ich müsse froh sein, daß sie mir noch nicht um die Ohren geflogen ist, und, räusper, das würde mich jetzt leider so ca. 600 Flocken kosten, quittiere ich nur mit einem nur mäßig interessierten: “Oh. Ja, äh - dann tun Sie, was Sie tun müssen…” und lasse ihn walten.

10.57h. Die Therme ist repariert. Der Mensch, dem das sichtlich peinlich ist, eröffnet mir, daß ich in bar bezahlen muß. Ich schaue ihn mit großen Augen an. “Und wie stellen Sie sich das jetzt vor? Ich habe doch keine 600 Euro daheim herumliegen…” So kommt es, daß ich ihn, mit dem kaputten Teil (das wirklich völlig zerfranst und verkohlt ist) im Schlepptau, zu seinem Firmenwagen begleite und mich zum nächsten Bankomaten fahren lasse, wo ich mein Tageslimit ausschöpfe. Schön blöd - eigentlich wollte ich heute noch einiges besorgen… aber dieser Tag ist sowieso verrückt. Sein Chef hat von mir in der Zwischenzeit eine ultimativ scharfe Beschwerde-Mail erhalten, mit der genüßlichen Ankündigung, ihm ein bißchen Publicity im “Konsument” zu verschaffen und seine Firma das erste und letzte Mal bemüht zu haben, aber das gehört definitiv nicht hierher…

Nachdem ich mich vom Techniker verabschiedet habe, dem die ganze Sache sehr leid tut, fahre ich zu meinem besten Freund und borge mir Geld aus, damit ich den vereinbarten Friseurtermin einhalten kann. Anschließend kehre ich in mein Schlachtfeld von Wohnung zurück und verbringe einige Zeit mit kontemplativem Putzen.

14:07h. Mit leichter Verspätung betrete ich den Friseursalon und komme mir ein bißchen so vor wie bei einem Zahnarzttermin. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, die freundliche Friseurin, die ich im stillen “Schwester” nenne, zu fragen, ob es sehr weh tun wird bzw. um eine Lokalanästhesie zu bitten. Schließlich ist es mein erstes Mal seit rund drei Jahren… Als sie mir allerdings während der Haarwäsche eine Kopfmassage angedeihen läßt, erwäge ich kurz, ihr eine Liebeserklärung zu machen und beschließe, da doch öfter hinzugehen. Das Ergebnis ist wow, der Preis so unter meinen Befürchtungen, daß ich spontan meine schlechte Meinung über geldgierige Dienstleister revidiere.

Den Rest des Nachmittags renne ich überwältigt durch die Gegend, im Ohr mir bis dahin noch nicht bekannte Musik ganz nach meinem Geschmack, und kehre erst nach Hause zurück, als es schon dämmert. Und jetzt sitze ich da, beschenkt, beschämt, völlig verwirrt und so ganz und gar nicht Herrin meiner Sinne und schreibe, um Worte ringend, diesen Eintrag, um mir die Zeit bis zum Telefonieren zu vertreiben, wobei ich immer wieder an diesem T-Shirt schnuppere und alles tue, um nicht zu kollabieren…