07:27h. Mein Telefon, seit einiger Zeit abends neben dem Bett plaziert, klingelt. Ich bin schon lang vorher wach, was ausgesprochen atypisch für mich alte Langschläferin ist, aber heute habe ich nur eins im Sinn: schnellstmöglich zum Postamt zu kommen und ein sehr wichtiges Päckchen abzuholen. Der Liebste braucht es dieses Mal also nicht minutenlang läuten zu lassen, ich hebe sofort ab. Es entwickelt sich ein fernmündlicher Dialog, der mich derart zum Lachen bringt, daß mir anschließend der Bauch weh tut…
08:07h. Nachdem wir aufgelegt haben, springe ich, die Kaffeemaschine ignorierend (!), in mein Gewand, schnappe mir Schlüssel und Benachrichtigung und fliege förmlich zur Post, wo ich ein bombenfest verpacktes Päckchen in Empfang nehme und mich wie ein kleines Kind freue, meinen Namen in einer Handschrift geschrieben zu sehen, die ich sofort als die schönste der Welt identifiziere.
08:17h. Ich bin wieder in meiner Wohnung und lege das Päckchen vorsichtig auf den Wohnzimmerteppich. Dann setze ich mich davor und lächle erst einmal eine Runde, wobei ich es nicht aus den Augen lasse. Eigentlich möchte ich es noch nicht öffnen, weil zwischen 9 und 10 ein Techniker eintreffen wird, der sich meine zickende Therme ansehen und eine Abgasüberprüfung durchführen soll.
08:27h. Ich halte es nicht aus. Mit klopfendem Herzen hole ich mein schärfstes Küchenmesser und mache mich daran, die Verpackung zu öffnen. Anschließend sitze ich davor und zögere lang, bevor ich den Deckel hochklappe und als allererstes unendlich vorsichtig meine Nase in einem T-Shirt vergrabe. Über den Inhalt werde ich mich an dieser Stelle ausschweigen, nur soviel: als ich bei einem gewissen Schriftstück angelangt bin, bleibt mir das Herz stehen, gehen mir die Augen über. Ich stehe unter Schock. Unmöglich zu beschreiben, was genau sich in der nächsten halben Stunde abgespielt hat. Ich zittere wie ein kleines Kind, das man gerade aus einem eiskalten See gezogen hat, als mein Verstand wieder einsetzt.
08:57h. Ich gehe sehr langsam und vorsichtig ins Badezimmer, sehe mein kreidebleiches Gesicht und wasche mir erst einmal die Tränen von den Wangen. Dann schaue ich meinem Körper dabei zu, wie er Kaffee kocht, sich mit einer Tasse zurück ins Wohnzimmer verfügt und sich ziemlich benommen auf die Couch setzt. Der Rest von mir ist ganz woanders…
09:37h. Es läutet an der Tür, der Techniker. Während er sich in meiner Küche austobt, sitze ich abwechselnd mit einem überbreiten Grinsen und Tränen in den Augen vor meinem Monitor und versuche mir nicht anmerken zu lassen, daß es mich gerade vollkommen zerlegt. Selbst die Erläuterung des freundlichen Menschen, meine Therme sei in einem ziemlich schlechten Zustand und ich müsse froh sein, daß sie mir noch nicht um die Ohren geflogen ist, und, räusper, das würde mich jetzt leider so ca. 600 Flocken kosten, quittiere ich nur mit einem nur mäßig interessierten: “Oh. Ja, äh - dann tun Sie, was Sie tun müssen…” und lasse ihn walten.
10.57h. Die Therme ist repariert. Der Mensch, dem das sichtlich peinlich ist, eröffnet mir, daß ich in bar bezahlen muß. Ich schaue ihn mit großen Augen an. “Und wie stellen Sie sich das jetzt vor? Ich habe doch keine 600 Euro daheim herumliegen…” So kommt es, daß ich ihn, mit dem kaputten Teil (das wirklich völlig zerfranst und verkohlt ist) im Schlepptau, zu seinem Firmenwagen begleite und mich zum nächsten Bankomaten fahren lasse, wo ich mein Tageslimit ausschöpfe. Schön blöd - eigentlich wollte ich heute noch einiges besorgen… aber dieser Tag ist sowieso verrückt. Sein Chef hat von mir in der Zwischenzeit eine ultimativ scharfe Beschwerde-Mail erhalten, mit der genüßlichen Ankündigung, ihm ein bißchen Publicity im “Konsument” zu verschaffen und seine Firma das erste und letzte Mal bemüht zu haben, aber das gehört definitiv nicht hierher…
Nachdem ich mich vom Techniker verabschiedet habe, dem die ganze Sache sehr leid tut, fahre ich zu meinem besten Freund und borge mir Geld aus, damit ich den vereinbarten Friseurtermin einhalten kann. Anschließend kehre ich in mein Schlachtfeld von Wohnung zurück und verbringe einige Zeit mit kontemplativem Putzen.
14:07h. Mit leichter Verspätung betrete ich den Friseursalon und komme mir ein bißchen so vor wie bei einem Zahnarzttermin. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, die freundliche Friseurin, die ich im stillen “Schwester” nenne, zu fragen, ob es sehr weh tun wird bzw. um eine Lokalanästhesie zu bitten. Schließlich ist es mein erstes Mal seit rund drei Jahren… Als sie mir allerdings während der Haarwäsche eine Kopfmassage angedeihen läßt, erwäge ich kurz, ihr eine Liebeserklärung zu machen und beschließe, da doch öfter hinzugehen. Das Ergebnis ist wow, der Preis so unter meinen Befürchtungen, daß ich spontan meine schlechte Meinung über geldgierige Dienstleister revidiere.
Den Rest des Nachmittags renne ich überwältigt durch die Gegend, im Ohr mir bis dahin noch nicht bekannte Musik ganz nach meinem Geschmack, und kehre erst nach Hause zurück, als es schon dämmert. Und jetzt sitze ich da, beschenkt, beschämt, völlig verwirrt und so ganz und gar nicht Herrin meiner Sinne und schreibe, um Worte ringend, diesen Eintrag, um mir die Zeit bis zum Telefonieren zu vertreiben, wobei ich immer wieder an diesem T-Shirt schnuppere und alles tue, um nicht zu kollabieren…