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Übergang

Die Stunden füllen sich wie mit Wasser, durch das ich treibe.
Immer wenn ich glaube, das Warten nicht mehr aushalten zu können, halte ich mir vor Augen, daß ich nichts anderes tun muß als

nichts.

Mit wechselndem Erfolg.

Auf der Welt wird gerade gelacht, geweint, gevögelt, gelitten, geküßt, geliebt, geschlafen, gewacht, gehaßt, gelebt, gestorben.
Sechs Milliarden Menschen tun das Tag für Tag. Unbedeutend. Alles. Solange es einen nicht selbst betrifft.
Ich gebe Plattitüden von mir, die ich, und das ist das Schlimme daran, in diesem Moment ernst meine. Das Essentielle ist, daran gibt es nun einmal nichts zu rütteln, erschreckend schlicht. Für Außenstehende möglicherweise peinlich. Ich bin aber mitteilsam und allein in einer essentiellen Situation. In meinen Fingerspitzen pocht das Blut, mein Herz spür ich bis zum Hals schlagen, mein Magen ist mit Helium gefüllt, und im Kopf herrscht erbarmungsloser Ausnahmezustand. Die Herrschaften aus dem Großhirn haben ein Schild “vorübergehend geschlossen” an die Tür gehängt und tanzen hemmungslos um den Mandelkern, im limbischen System sind ziemlich viele Schrauben locker, aber keiner geht, um nachzusehen. Große Sause, und das hat nix mit dem Dedolor zu tun, das der Arzt verordnet hat.

Van Gennep, Anthropologe, hat von Übergängen im Leben eines Individuums gesprochen und nannte die rituellen Verrichtungen, die zur Absicherung vor allem des ungeschützten, weil undefinierten Zwischenzustandes zwischen den beiden Positionen (Anfang und Ende des Übergangs) dienen, “Übergangsriten” (rites de passage).
Ich stecke gerade in sowas. Zwischendrin. Nicht mehr da und noch nicht dort. Eine Seite, die darauf wartet, umgeblättert zu werden und dabei vor Energie vibriert.
So ein Übergangsritus wär jetzt nicht schlecht. Sieben vorindustrielle Jungfrauen, die meine Füße waschen, Räucherstäbchen schwenken, was Exotisches singen und mein Gesicht mit bunten Göttern bemalen. Oder sowas auf die Art. Keine Sorge, ich bin nicht durchgeknallt oder plötzlich auf dem Esotrip. Da gaukeln nur ein paar Luftballons mit Inselwissen aus dem Ethnologiestudium eines vergangenen Lebens in den Nachthimmel.

Ich rufe mich zur Ordnung. Werde gleich meine Nase wieder in dieses Buch stecken, dem noch ein Eintrag zu widmen sein wird, um meine randalierenden Nerven in den Griff zu kriegen. Morgen um diese Zeit ist alles anders. In einem größeren Umfang anders als normal-einfach-so-anders. Ganz anders. Ein neues Kapitel.

Ich bin aufgeregt. Der Countdown ist fast zu Ende. Auf zwei folgt

[eins]

Verletzungen

Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, einen anderen Menschen zu verletzen, und am erfolgreichsten wird man immer dort sein, wo man mit dreckigen Stiefeln in die Privatgemächer eines anderen marschiert und fröhlich pfeifend auf die Dinge spuckt, die ihm viel bedeuten.

Ich bin ein Mensch, der im Sinne von Freundschaften oft bereit war, Dreck wegzuwischen und Spucke abzuwaschen. Man mag das einfältig nennen, aber ich bin von der Sorte, die lieber vor Wut einmal kurz kollabiert, einen cholerischen Zuckaus kriegt, einige Zeit angefressen ist, ihre Wunden leckt und dann wieder einlenkt. Ich sprenge nicht gern Brücken, die Idee des endgültigen Bruchs mit einem Menschen macht mir angst. Wer einmal mein Freund ist, kann es sich so gut wie nicht mehr mit mir verscherzen. Ich bin selber oft schnell mit meinem Mundwerk, großzügig beim Austeilen und durchaus grob mit dem, was ich von mir gebe. Ironie und Zynismus kann ich selber ganz gut. Aber ich kann auch einstecken. Nachsichtig sein. Verzeihen. Und ja. Ich habe ein gut funktionierendes Radar für die Stelle, wo’s weh tut. Eine gefährliche Waffe, die ich noch nie eingesetzt habe, weil ich im Grunde meines Herzens ein friedfertiger Mensch bin und gut damit leben kann, unterschätzt zu werden. Ich habe viel Verständnis für Handlungen anderer, weil ich mir bewußt bin, daß im Affekt oder kopflosen Zustand oft Sachen passieren, die nicht okay sind.

Heute war’s, daß jemand, was ich bisher für kaum möglich hielt, den Rahmen gesprengt hat. Mit nur wenigen Worten in mein Allerheiligstes eindrang, was schlimm genug ist, und ohne jeden Grund das verhöhnte, woran ich glaube. Und damit etwas erreichte, was ich nie für möglich gehalten hätte: die Atomisierung jeglicher Sympathie. Ich habe nicht viel, woran ich glaube, aber das, woran ich glaube, ist mir kostbar. Darauf spuckt niemand. Daran macht sich keiner zu schaffen. Da ist dieser Punkt, an dem selbst ich nicht mehr verzeihen kann. Da ist diese Grenze, weitgefaßt, die niemand – niemand! – überschreiten darf, egal, wie gut er glaubt, mich und meine Gutmütigkeit zu kennen.

Das hier ist nicht mehr und nicht weniger als die Aufkündigung einer Freundschaft.
Aber irgendwann im Leben kommt dann doch der Punkt, an dem man eine ganz bewußte Entscheidung trifft und Nein sagt. Eine Brücke sprengt. Kühl und bedacht, auch wenn es das erste Mal ist. Ofen aus.

Raus hier.

[Und ja. Das ist scheißprivat. Gehört trotzdem hierher.]

Gestern & Heute

Schon verrückt.
Ich gehöre ja zu den Leuten, die in ihrem Leben (mit Kästner gesagt) ganz gern von Zeit zu Zeit wie in einem Hause treppauf treppab gehen und ein bißchen Zeit in den staubigen Archiven verbringen. Heute vor einem Jahr war’s, daß ich das hier schrieb und mir, zornig auf mein Leben, das mir wie ein abgetragener Mantel aus dem Caritas-Container, der ein bißchen müffelt. Oder vielleicht, weniger übertrieben, wie ein Billigmodell von H&M. Ein Leben von der Stange vorkam, einige Fragen gestellt habe. Wann hab ich zuletzt so richtig gefiebert vor Freude, wann hab ich das letzte Mal etwas so richtig Verrücktes angestellt, wann war ich zuletzt so richtig unvernünftig, wann hatte ich das letzte Mal so richtig Angst und mußte all meinen Mut zusammennehmen? Wann war ich eigentlich das letzte Mal so richtig irre glücklich?

Wenn ich den Text heute lese, könnte ich – entgegen meiner Nulltoleranz für esoterischen Kram – schon fast ein bißchen ins Nachdenken kommen, über Wünsche, die sich erfüllen, wenn man sie nur bei jeder Gelegenheit hartnäckig genug einfordert, zum Beispiel. Oder darüber, daß man dem Glück vielleicht tatsächlich eine möglichst große Angriffsfläche bieten kann, indem man sich hinstellt und bei den Göttern sturmläutet: Wirklich, ich meine, scheiße, es muß wirklich wieder einmal eine ordentliche Stattfindnis her, so kann das nicht weitergehen in diesem hübschen kleinen Treibrad, das sich als Alltag tarnt. Nichts wie raus hier! Ich will Pferde stehlen gehn. Mich in Abgründe stürzen. Lachen. Weinen. Mich unsterblich verlieben. Was weiß ich!

Wenn ich auf die seit diesem Eintrag vergangene Zeit zurückschaue, hat sich in meinem Leben Grundlegendes geändert. Die Stattfindnis, die hat es, und es hat nicht lang gedauert, tatsächlich gegeben, ich habe gelacht, und ich habe geweint. Ich habe mich unsterblich verliebt. Ich habe etwas so richtig Verrücktes angestellt, indem ich mich ohne Rücksicht auf Verluste auf einen Menschen einließ, den ich zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Mal gesehen hatte, weil ich mit einem unumstößlichen Wissen daran glaubte, oder es eben wußte, das Richtige zu tun. Weil wir wissen, daß wir das Richtige tun.

Was – ebenfalls rückblickend – in seinen (hier ja auch heftig publizierten) Anfängen jedem Außenstehenden vorkommen mußte wie der umnachtete Jungmädchentraum einer durchgeknallten Naiven auf endlosem Blümchentrip, ist tatsächlich das Wichtigste, das mir in meinem Leben je passiert ist. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Vor einem Jahr hätte ich vor Zorn über mein insulär und leer empfundenes Dasein noch ein Kaffeehäferl an die Wand pfeffern können. In ein paar Wochen werde ich mit meinem Liebsten zusammenziehen.

Man kann sowas wahrscheinlich nicht schreiben, ohne kitschig zu wirken. Gesagt muß es dennoch werden. Danke, Götter! :)

Wächter der Wahrheit, Surfer des Sandwurms

und heute rufst du alle Superhelden, alle großen Meister
alle Highlander, alle Krieger
alle guten Geister
alle Superfreaks und Auserwählten
und mich ins Hier:
du hast Millionen Legionen hinter dir…

[Musik beginnt ab ca. 5:55]

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Du hast Millionen Legionen hinter dir…
… hit it!

Denkste

Summertime… and the livin’ is easy. Wer sich das ausgedacht hat, war ein großer Poet. Jetz echt.

[Jill Scott vs. George Benson (live)]

[Glenn Gould spielt Bach (Partita Nr. 6). Angeblich hat er bei manchen Studioaufnahmen eine Gasmaske getragen. Wegen des Mitsummens.]

[Und, wenn die Nostalgie aber grad voll zuschlägt, Frank Sinatra. Stardust. 1943. Da war mein Papa gerade mal eins. Wahnsinn, das.]

Insomnia

Suppenkoma
Suppenoma
Suppenamok

Nüsse, für den Kuchen, kannst du nehmen, aber Mohn, Otto, nie!
Nimm niemals Mohn, oh Toni!

Gestern hab ich es getan, ich hab die seit einiger Zeit herumliegen, auf dem Küchentisch, die Schlaftabletten, nur für den Fall, daß nichts mehr geht, irgendein Zeug, das sie an Menschen verfüttern, die sie sedieren wollen, mit dem Zusatz forte, damit die Vigilanz adagio wird; ich hab’s also getan, um 3:16h, hellwach war ich da und kribbelig, die Augen so weit offen wie die Fenster, eine halbe, dachte ich, würde reichen, um einen unternehmungslustigen Elefanten umzuhauen. Sie schmeckte bitter.
Rückenlage, Licht aus, die Gedanken jagen wie junge Hunde über Stoppelfelder, das Hirn macht Party, Special Guest: die Zukunft. Ich sehe sie tanzen, enthemmt, fühle mich wie ein Voyeur in meinem eigenen Seelengebäude, möchte nur, daß das alles Ruhe gibt, die Gäste nach Hause gehen, den Abwasch auf morgen verschieben, schlafen.
Ich warte auf die Wirkung des Elefantenniederstreckungsmittels, und tatsächlich, die Beine werden schwer, die Hände greifen nach Riesenluftballons, die Atemfrequenz verlangsamt sich, die Augendeckel klappen herunter, den Gedanken entgleitet das Denken.
Und deshalb Widerstand, das Bewußtsein ist ein Biest, es wehrt sich mit Zähnen und Klauen. Befeuert das Herz, das umso wilder pocht, sich aufbäumt, den Rest aufweckt, Adrenalinschübe gegen den Bewußtseinsverlust, Augenlider werden in aller Eile hochgezogen wie Markisen, rasseln gleich wieder herunter, jetzt macht sich noch viel tiefere Angst breit als die gewöhnliche. Angst vor Kontrollverlust. Der Körper so schwer, als würde er von Riesenhand in ein überdimensionales Samtkissen gedrückt, das Hirn alle Register ziehend, um ihn wach zu halten. Ein Titanenkampf, dem ich nur sehr ungern beiwohne, wie ich feststellen muß.
Die Zeitungsausträger machen ihren Job, ich kenne das ja. Haustür auf, Stille, Haustür zu, klack, Fahrrad. Die Gasse rauf. Eine stöckelt die Gasse hinunter und lacht, eine Frühaufsteherin unter den Krähen macht metallisch trippelnd Gymnastik auf dem Dach gegenüber, eine Amsel beginnt zu zwitschern, eine zweite, ein ganzer Chor, schwarzberockt und total bei der Sache, dissonant, weil der Dirigent noch schläft. Ein Auto. Noch eins. In meinem Zimmer ist es monochrom, ich genieße das. Ich lebe. Da drüben über dem Dach wird es dunkelblau, ein Radio schaltet sich ein, eine weitere Tür fällt ins Schloß.
Irgendwann um fünf Uhr früh beschließe ich, das chemische Dreckszeug in den Mistkübel zu verfrachten, für immer, es nützt halt nichts, die Pharmakeule ausgerechnet gegen den zickigen Morpheus zu schwingen. Vor den Fenstern wandelt sich das Dunkelblau in einen kitschigen Türkiston, das Hirn beruhigt sich langsam, die Hände finden eine Position unter dem Nabel, parken wie auf Kommando auf warmer Haut, Schalter werden umgelegt, der Letzte macht das Licht aus. Klack. Klack. Klack. Stille.
Die Augendeckel klappen herunter, dauerhaft jetzt. Alltagsgeräusche wandeln sich in Schlaflieder. Weißt du, wieviel Sternlein stehen. Draußen ist es tröstlich hell. Menschengeräusche. Ich bin nicht allein. Es gibt kein Monster in der Wohnung. Danke, Stadt. Wenn in drei Stunden mein Telefon läutet, werde ich abheben. Selig und wach.

Ich werde es tunlichst unterlassen, den Schlaf herbeizuzwingen mit unlauteren Methoden. Künftig werde ich mir einfach wieder ein Buch schnappen, lesen, Tee trinken. Abwarten. Mich nicht wehren. Wenn ich nicht schlafe, schlafe ich halt nicht. Ist alles halb so wild.

Deep Water

Manchmal… bin ich wieder 14, 15, liege in meiner Hängematte und rieche den Duft von frisch gemähtem Gras und bin ganz dramatisch gelaunt, und Seal in meinen Ohren, sowas vonwegen a shade of pain and then we die, und alles rührt mich, alles nimmt mich mit, alles reißt mich in den Himmel und läßt mich fallen, ganz alltägliche Naturgesetze sind das für einen Teenager.

Both of them swam from a northern blue sky
Smile on their faces they entered their doom like they knew
If their world should end they won’t care about that anyway
I jade the water and I burn the fire
Nuclear chemicals making their doom like you knew
If the world should end you won’t care about that anyway
Maybe thats the way you live your life but I know
Life it don’t always live that way

Ungeheuerlich, nicht? Mehr als doppelt so alt, aber nicht mehr als doppelt so klug oder abgebrüht oder weiß der Teufel, was. Heute sind es die Flugzeuge, die mich an manchen Tagen kirre machen und mir die Tränen in die Augen treiben, ich habe die Erfahrung gemacht, daß Flughäfen mich zugleich glücklich und traurig machen, und ich bin immer noch nicht erwachsen, immer noch nicht abgebrüht genug, immer noch nicht mehr als doppelt so klug, ich bin schon wieder 14, 15 und schaukle in meiner Hängematte und bin krank vor Sehnsucht. Bloß daß ich in der Zwischenzeit gelernt habe, daß Lächeln und Witzereißen entschieden besser ankommen, so im Alltag.

We will find a way
Letting the sun go down
Maybe we’ll find a way
Holding the sun
We will find a way
Letting our life go by
I tell you we’ll find a way
Holding the sun

[Soundtrack des Augenblicks: Seal | Deep Water]

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Augenblicke...

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Schwere See, mein Herz

Ich schau dich an, die Erde rollt vorbei wie eine wundersame Murmel, versunken in einem selbstvergessenen Spiel. In deinen Augen, Miniplaneten in einem Universum aus klarstem Weiß, sehe ich, was ich selbst die ganze Zeit über fühle, und mein Herz stolpert, fängt sich unsicher, erinnert sich seiner Pflicht und schlägt schnell und schwer, pumpt einen unerklärlichen Schmerz durch meine Adern, ein dunkelroter Paukenschlag. Ich habe Angst, flüsterst du, und ich würde dich gern trösten, aber als deine Augen sich verschatten und das Planetenblau darin verschwimmt, werde ich selbst zur Schwimmerin auf dem aufgewühlten Meer dieser milden Nacht. Irgendwo höre ich eine Grille zirpen, eine Autotür schlägt zu, jemand lacht. Die Stadt rauscht herauf und brandet gegen die Fenster, wir liegen auf dem Leintuchstrand, zwei verlorene Primaten kurz vor dem Rausschmiß aus dem Paradies, ich halte dich oder mich an dir fest, meine Nase an deiner Wange, ich möchte tapfer sein, aber mir ist bang, und endlich verliere auch ich den Kampf gegen die Flut. Wir lassen uns nicht los, als die Welle kommt und uns unter Wasser zieht, Mund an Mund sinken wir tiefer und tiefer in einen mächtigen Strudel, der salzig ist und warm, und, als wir uns darin ergeben, plötzlich nicht mehr schrecklich, sondern tröstlich und sanft.

Irgendwann später tauchen wir auf, weiße Taschentuchvögel landen mit raschelndem Flügelschlag auf dem Boden. Ich koche, obwohl der Zeiger der Uhr auf Mitternacht zusteuert, Kaffee, dessen würziger Duft nach Daheimsein die winzige Wohnung erfüllt, in der wir wie in einer Nußschale durch die Nacht segeln, und als wir uns über den Rand unserer Tassen anschauen, lachen wir uns an, und das Licht dieses Lachens wird uns sicher ankommen lassen.

Wenn uns die Gnade zuteil wird, Wurzeln schlagen zu dürfen, muß uns bewußt sein, daß es von mal zu mal schwerer wird, Abschied zu nehmen, auch wenn der nur auf Zeit ist.
Ein Preis, den wir beide gern zu zahlen bereit sind. Weil wir wissen, daß wir einen mächtigen Verbündeten haben: Chronos.

“Wenn Sehnsucht Leid hervorbringt, so mag das daran liegen, daß wir nicht weise sehnen oder daß wir ungeschickt darin sind, das zu erlangen, wonach wir uns sehnen. Warum sollten wir nicht, anstatt unsere Köpfe in Gebetsmänteln zu verbergen und Mauern gegen die Versuchung zu errichten, lieber daran gehen, Sehnsüchte zu erfüllen? Die Erlösung ist für die Schwachen, das ist meine Meinung. Ich will keine Erlösung, ich will das Leben, das ganze Leben, das elende ebenso wie das wunderbare. Wenn die Götter Begeisterung besteuern würden, wäre ich bereit zu zahlen; aber ich werde bei jeder Gelegenheit gegen ihre Steuern Einspruch erheben, und wenn Wodan oder Schiwa oder Buddha oder dieser Christentyp – ich komm jetzt nicht auf seinen Namen – das nicht respektieren, dann werde ich ihren Zorn auf mich nehmen. Zumindest werde ich von dem Bankett gekostet haben, das sie auf diesem reichen, runden Planeten vor mir auftischen, anstatt mich zu verkriechen wie ein zahnloses Kaninchen. Ich kann nicht glauben, daß die köstlichsten Dinge lediglich da sind, um uns zu prüfen, um uns in Versuchung zu führen, um es uns nur noch schwerer zu machen, den Großen Preis zu gewinnen: die Sicherheit des Nichts. Das Leben zu einem derart armseligen Spiel zu machen, ist weder der Menschen noch der Götter würdig.”*

(*Tom Robbins: Pan Aroma)

Voodoo

Es hat irgendwie ziemlich oft geregnet in diesem unnatürlich warmen Frühjahr im letzten Jahr des vorigen Jahrtausends.

Die Blätter schmatzten vor Nässe, sie waren prall und fett und grün. Was immer mich berührte, es verzauberte mich. In diesem Frühjahr ist Voodoo passiert, und du warst der Priester.

Du hast mit deinem Charisma viele ins Verderben gerissen. Sie verwechselten die Glut deiner Existenz mit unerklärlichem Charme. Wer immer dir zu nahe kam, starb den süßen Tod. Mich hast du zu deiner besten Schülerin erzogen und mir schließlich die Meisterprüfung abgenommen, als ich soweit war. Als eifriger Lehrling bin ich zu dir gekommen, oder vielmehr: du zu mir – als unerbittlicher Lehrmeister. Solche wie du werden nicht gefunden. Sie finden. Als ich dich das erste Mal sah, war ich nichts anderes als eines dieser Hühnchen, denen du am Höhepunkt der Feierlichkeiten ohne viel Federlesen die Kehle geschnitten hast, das war Usus, und das Publikum tobte. Es war ein unnatürlich warmer Tag Anfang April, ich saß in der Sonne und schaute dich neugierig und unbedarft an, meine Augen geschützt von einer dummen Sonnenbrille. Ich nahm sie ab und wagte mich ohne nachzudenken in die glühend grüne Eishölle deiner Augen. Im selben Augenblick hast du seltsamerweise etwas in mir erkannt, das mich abhob vom übrigen Federvieh. Und hast mich einfach mitgenommen. Ich war dir vom ersten Augenblick an verfallen, ich hielt es für Liebe, und ich verfiel. Rapide. Wie man halt so verfällt in einem Bootcamp. Ohne es geahnt zu haben, war ich im härtesten aller denkbaren Überlebenstrainings gelandet. Ich hielt es ganz kurz für Liebe, während ein unnatürlich warmer, weicher Regen die alten Bäume verrückt machte und dutzende Nächte ins sanfte Morgengrau zerflossen, erhellt von einer Kerze, beschallt von den Schreien der Amseln. Ich hielt das damals für die glücklichste Zeit meines Lebens.

Liebe. Deine strenge Präsenz hat nichts dergleichen geduldet. Du hast mich lächelnd mit einem Wink deiner Hand in den Staub befördert, wo ich mich in Agonie wand, weil ich nicht verstand, noch nicht, – du hast mich wie ein Streichholz gebrochen und mich lapidar wieder hochgezogen, mich hochgepeitscht, um die Übung fortzusetzen, mich verarztet, zusammengeflickt, mitten in der Nacht geweckt, um Unsinn zu machen. Showtime. Alles hatte Sinn. Es wurde Sommer. Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Es wurde wieder Frühling und wieder Sommer. Wir waren uns manchmal so nahe, daß kein Blatt noch so dünnes Papier dazwischengepaßt hätte.
Ich lernte. Und ich war eine gute Schülerin.

Mein Körper, mein Geist, meine Seele. Alles war irgendwann geschunden und erschöpft. Irgendwann fraß ich dir tatsächlich aus der Hand und war dankbar für jede Regung, jeden ausbleibenden Schmerz, alles. Sensorische Deprivation, das war es, wonach ich mich sehnte. Du hattest meinen Willen gebrochen, und dann hast du mich wortlos um meine eigene Achse gedreht und mir das weiße Rauschen gezeigt, und ich fand ihn tatsächlich. Den Frieden hinter der Leidenschaft.

Als ich wieder zu mir kam, muß es wohl Herbst gewesen sein. Ein Herbst vor vielen Jahren. Ich schnürte meine Siebensachen und ging. Größer als zuvor. Ruhig, vollkommen ruhig. Ich hatte meine Prüfung absolviert, seit dieser Zeit bin ich wie du.

Heute reden wir auf Augenhöhe.
Wenn wir uns heute sehen, reden wir nicht von diesem verrückten Frühling oder von den Dingen, die in all den Monaten und Jahren danach passierten. Wir sind vom selben Planeten, du und ich, und da ist etwas wie ironische Distanz, die uns vor den Höllenfeuern dieser Zeit rettet, uns aber immer zusammenzieht zu sowas wie Geschwistern. Ich merke, wie du wieder unruhig wirst, weil etwas in dir nach einem neuen Schüler sucht. Und ich lache leise in mein Bier, und wenn ich zum letzten Bus der Nacht schlendere und den süßen Duft der Frühlingsnacht rieche, denke ich manchmal an diesen verrückten und viel zu warmen Frühling des letzten Jahrtausends. Eine Zeit, die ich lang für die glücklichste meines Lebens hielt.

Heute bin ich klüger. Und halte dir die Daumen.
Bruder.
Und ich sage das nicht ohne Stolz.

[Soundtrack: Jill Scott|Love Rain (live)]