Marie stand an der Haltestelle.
Etwas stimmte nicht mit der Welt an diesem Tag.
Vielleicht war es eine Nuance des Lichts oder ein kaum wahrnehmbares Geräusch hinter der soliden Fassade aller Töne dieser Stadt, vielleicht waren es ein paar unbekannte Atome eines unbekannten Geruchs in einem viel zu warmen Wind, die irgendwo in ihrem limbischen System sanft auf einer Riechzelle landeten und aufgingen wie winzige Blumen, vielleicht war es eine seltsame Form der Elektrizität, die die Härchen in ihrem Nacken bewegte, ganz so, wie die Meeresströmung das mit Anemonen tut. Was immer es war, sie konnte es nicht orten.
Und was immer es war, Marie konnte sich nicht aufraffen, es bedrohlich zu finden. Im Gegenteil. Sie stieg in die Straßenbahn und setzte sich an einen freien Platz, schaute eine Weile den Leuten zu, müde Gesichter, die zu müden Körpern gehörten, die sich da bereitwillig heimrütteln ließen in ihre kleinen Wohnungen, eine alte Frau mit dem Gesicht einer Wahrsagerin, unwahrscheinlich dick, mit einem kleinen, schwarzen Hund, der sich behaglich in ihrem Arm zusammengerollt hatte. Schaute aus dem Fenster, ließ die Lichter der vertrauten Gebäude vorbeiziehen, sah am Himmel Wolken rasen, schloß die Augen, hörte Musik. Wie immer. Sie kannte die Strecke, ihr Körper hatte sich längst jede Kurve, jede Gerade, jede Ampel, jede Haltestelle gemerkt und wußte, wo er auszusteigen hatte.
Aber etwas war anders heute. Eine so lange Gerade war ihr auf der Strecke nicht bekannt, und diese Beschleunigung längst nicht normal. Ihr kam es eher vor, als würde sie in einem startenden Flugzeug sitzen. Ein absurder Gedanke, aber ein äußerst reales Empfinden. Seltsamerweise war es ihr vollkommen unmöglich, die Augen zu öffnen. Ihre Lider waren wie zusammengewachsen. Sie kannte das aus ihren Schachtelträumen, die der Träumenden ein Aufwachen unmöglich machten, und wußte, daß es besser war, sich nicht dagegen zu wehren, sondern sich zu entspannen und an dieser Schwelle abzuwarten, bis die Wachheit sie abholte wie eine kühle Welle. Nur daß sie sich gerade absolut sicher war, nicht zu träumen. Ihr Körper wurde jetzt tief in den Holzsitz gepreßt, sie spürte, wie sich der Verschluß ihres BHs schmerzhaft gegen einen Wirbel drückte, konnte sich aber keinen Millimeter bewegen.
Das nächste, was ihr auffiel, war die völlige Stille. Seltsam in einem Straßenbahnwaggon voller Menschen. Ist das der Tod, fragte sie sich unsicher. Und wußte gleichzeitig, daß die Antwort Nein lautete. Die Beschleunigung nahm immer noch zu, das Atmen wurde schwerer, hinter ihren Lidern vermutete sie vollkommene Dunkelheit, doch sie verspürte nicht die geringste Angst. Nur Neugierde. Und Wohlbehagen. Dann bewegte sich etwas an den Rändern ihres Bewußtseins und zog sacht einen dicken Vorhang zu, schwärzer als schwarz.
…
Als sie die Augen aufschlug, ruckelte die Straßenbahn gerade durch einen Tunnel mit gekachelten Wänden. Mist, dachte sie verwundert und benommen. Hab ich doch glatt meine Station versäumt.
Die unwahrscheinlich dicke Frau mit dem Gesicht einer Wahrsagerin lächelte sie an. Jetzt sind wir gleich da, sagte sie freundlich. Nur noch eine Station. Es ist Ihr erstes Mal, oder? Der kleine schwarze Hund spitzte die Ohren. Von den übrigen Fahrgästen fehlte jede Spur.
Marie richtete sich auf und fühlte eine kleine, schmerzende Stelle in ihrem Rücken. Wie, mein erstes Mal? Die Frau gluckste still in sich hinein. Dachte ich es doch. Man kennt es ihnen doch allen jedesmal an der Nasenspitze an. Verläßlich. Na, Sie werden ja sehen.
Eine leere Getränkedose rollte mit einem metallischen Kichern an ihr vorbei, als der Zug abbremste. Marie schaute nach vorn zum Führerstand und wunderte sich ein wenig darüber, daß ein Wundern über das Fehlen des Chauffeurs ausblieb. Sie standen jetzt an einer Haltestelle, die ihr bekannt vorkam. Der Südbahnhof. Nur daß die Lettern über dem Haupteingang ein schlichtes WELTRAUMBAHNHOF bildeten. Es war kein Mensch zu sehen. Kein Auto. Der Bahnhof heller erleuchtet als in ihrer Erinnerung. Die Türen der Straßenbahn öffneten sich mit dem vertrauten Geräusch. Sie stieg aus.
Die Luft war anders als sonst, aber Marie hätte nicht definieren können, in welcher Form. Sie drückte die große Tür zum Bahnhof auf und schaute sich nach der alten Frau und dem kleinen schwarzen Hund um. Sie waren weg.
Guten Tag. Marie drehte sich um.
Drei Herren in identischen schwarzen Anzügen standen vor ihr. Sie trugen identische schwarze Koffer und hatten sehr helle Augen.
Der erste: Es tut uns leid, Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.
Der zweite: Aber es ist wichtig.
Der dritte: Und ein Geschäft. Wir bieten Ihnen ein Geschäft an.
Sie räusperte sich. Ist das ein Traum?
Der zweite: Nein.
Der erste: Das ist die Wirklichkeit. Jedenfalls eine Form davon.
Der dritte: Sie gehen keinerlei Risiko ein. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.
Der erste: Wenn Sie uns eine Minute Ihrer Zeit schenken möchten…
Sie lächelten sich schmallippig an. Marie nickte und ließ sich in die Mitte dieser seltsamen Delegation nehmen. Sie betraten einen Raum der Stationsüberwachung.
Der erste: Nehmen Sie doch bitte Platz. Möchten Sie einen Kaffee?
Marie bejahte und setzte sich an den weißen Tisch mit vier abgenützten Plastikstühlen.
Der erste Herr machte sich an der Kaffeemaschine nützlich, die beiden anderen setzten sich ebenfalls. Ihre schwarzen Koffer plazierten sie dezent auf dem Boden.
Der dritte: Wir sind Forscher.
Der zweite: Wir kommen von weit her.
Der erste: Mit Milch und Zucker, richtig? (Marie bejahte.)
Der dritte: Die Liebe.
Der zweite: Limerenz. Hinwendung. Leidenschaft. Agape. Euphorie. Glück.
Der dritte: Wahnsinn.
Der erste (eine Tasse Kaffee servierend): Wir möchten in Ihr Bewußtsein.
Der zweite: Um es zu messen. Um es zu verstehen.
Der dritte: Um uns und unsere Spezies zu retten.
Der erste: Es soll auch etwas für Sie dabei herausspringen.
Marie hob vorsichtig die Tasse an die Lippen. Der Kaffee duftete und war heiß. Sie beobachteten sie gespannt mit ihren hellen Augen.
Der dritte: Es wird nicht unangenehm sein für Sie.
Der erste: Es basiert auf Freiwilligkeit.
Der zweite: Sie bleiben unbeschadet. Und wir bieten Ihnen im Gegenzug an, eine Fehlentscheidung rückgängig zu machen. Ein bißchen an der Zeit zu drehen. Stellen Sie sich einen großen, kosmischen Radiergummi vor.
Marie stellte sich einen großen, kosmischen Radiergummi vor. Hm, sagte sie, und stellte die Tasse mit dem Kaffee auf die weiße Resopalplatte. Das klingt verführerisch.
Der dritte: Eine Entscheidung Ihrer Wahl: ungetroffen. Offen.
Der erste (seinen Aktenkoffer öffnend und ein schimmerndes, metallisches Netz hervorholend): Sie werden sich an alles erinnern, nur nicht an das hier.
Der zweite: Sie würden uns damit helfen. Wir möchten es verstehen. Ein großer Dienst an unserer Spezies.
Marie schaute den drei Herren lange in die hellen Augen. Dann nickte sie langsam. Sie wollte nach Hause. Ja, sagte sie.
Der erste warf ein schimmerndes, metallisches Netz über sie. Sie sank sofort in einen tiefen Schlaf. Sie stand auf einer Wiese, es regnete. Und überall dort, wo die Regentropfen den Boden erreichten, blühten prompt blutrote Blumen auf, grandios in ihrer zarten Winzigkeit.
Der zweite verfrachtete einige Zeit später ihren völlig entspannten Körper in eine antiquierte Straßenbahn und rückte ihn beinahe liebevoll auf ihrem Sitz zurecht, ehe er ein Signal gab.
Der dritte saß über seinen Meßergebnissen und mußte miterleben, wie seine Augen zu tränen begannen und sein Herz stolperte. Die fahrerlose Straßenbahn glitt durch einen gekachelten Tunnel in eine andere Wirklichkeit zurück.
…
Marie stand an der Haltestelle.
Etwas stimmte nicht mit der Welt an diesem Tag.
Sie fragte sich, wo die Straßenbahn blieb, schaute auf ihre Armbanduhr und merkte, daß die stehengeblieben war.
Etwas in ihr beschloß ganz spontan, den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Ein schon fast frivol warmer Dezemberwind wirbelte letzte Blätter durch die Luft, über ihr rasten die Wolken. Ihr Gang war leichter als sonst, und ein seltsames Lächeln machte es sich in ihrem Gesicht bequem. Es war ein Gefühl, so rein und leicht wie weißes Papier.