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Zeit totschlagen

Ich hab einen Eimer Zeit gestohlen, ganz für mich. Ich löffle sie in mich hinein. Genußvoll zuerst. Immer gieriger bald. Ich habe schlechtes Gewissen dabei. Zeit, so für mich ganz allein, macht sicher dick und krank. Genau in der Reihenfolge. Zuerst dick, dann krank. Die Hand mit dem Löffel bleibt in der Luft hängen, unschlüssig. Ich schaue schuldbewußt auf den Eimer vor mir. Ein sattes Rülpsen bricht aus meinem Mund hervor. Egal, ich habe Hunger. Befriedigt löffle ich weiter. Löffle und löffle und löffle, fresse, schnaufe, ich fresse die Zeit tot, schaufle sie wie wild in mich hinein, habe sie bald in den Haaren, im Gesicht, überall an mir, wälze mich darin wie eine Bache, zufrieden, beglückt in einem so wilden wie simplen Moment, lache, wühle mit beiden Händen darin, liebkose sie, zerzause sie, greife ins volle, kriege sie am Schopf zu fassen, höre ihr protestierendes Quietschen, als ihre Kopfhaut reißt, aber das ist erst der Anfang. Ich zwinge sie, mir in die Augen zu schauen, während ich sie ohrfeige, links, rechts, mit der flachen Hand zuerst, mit meinen Fäusten bald. Ich hocke auf ihr und schlage sie zu Brei, ich: ein entfesselter Satyr, eine geschundene Kreatur, die aufsteht gegen ihren Unterdrücker, ich reiße ihr Stück für Stück aus ihrem geschmeidigen Leib, brülle triumphierend in einer fremden Sprache, erniedrige sie, zerstöre sie, gerate in einen Strudel, der keine Bezeichnung hat, zerbeiße ihr Gesicht, zerfetze ihre Haut, kratze ihr mit meinen Fingernägeln die Augen aus den Höhlen, schlachte sie, fresse sie, töte sie, lösche sie aus.

Ich bin erschöpft, als ich schließlich von ihren Resten ablasse. Nachdenklich. Zufrieden.
Knöchelhoch steht der Brei, und ich bin ein bißchen unsicher auf den Beinen, als ich mich aufrichte. Ich spucke ein paar völlig nach nichts schmeckende Knochenstücke aus, wische mir den Mund.
Deine Wunden, Zeit, heilt keiner mehr, denke ich mit Nachdruck und einiger Befriedigung.
Die Uhr im Wohnzimmer ist stehengeblieben. Das weiße Rauschen meiner Wahrnehmung irritiert mich keinen Deut.
Ich lächle ein schmales Lächeln, als ich die Tür hinter mir schließe, leise, und mich anschicke, einen sehr langen, sehr einsamen Spaziergang zu machen. Ich werde hierher nicht zurückkommen. Nie.

Aufgelesen: Durs Grünbein

Geduld, das Inventar der toten Stunden, hat
Mich an mein Rückgrat wie an einen Mast gestellt.

Gesicht zur Welt, so treib ich, zieh den andern gleich.
Was ich hier soll, ich weiß es nicht, und wer ich bin.

Ein Luftzug, Sprache, nimmt mich an der Hand. Sein Trick
Ist dieses sanfte Undsoweiter, schnell durchschaut.

Wie Zungenröllchen wölbt sich jedes Wort…Aspik
In Klarsichtfolie, Quatsch sein Schicksal. Ist es meins?

Nein Mund, du bist kein Schacht, in den sich Logik stürzt.
Von Chirurgie träumt ein Skalpell auf meiner Haut.

[Durs Grünbein: Schädelbasislektion, S. 130 (aus: Annoncen)]

hit it

It’s a 106 miles to chicago, we’ve got a full tank of gas, half a packet of cigarettes, it’s dark and we’re wearing sunglasses.
Hit it.

Scheibenwischer. Auch so ein Wort.
Regen. Dunkler, schwerer Regen. Der Himmel rinnt aus, weiß Gott, was da passiert ist. Vielleicht gibt es auch keinen Himmel mehr. Ich kann nichts sehen, überall Wasser, vielleicht bin ich schon lange nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Grund eines sehr tiefen, sehr kalten Sees, aber ich gebe Gas wie eine Verrückte, ich kann nicht aufhören. Den Rückspiegel hab ich beim Fenster hinausgeworfen, vielleicht verliebt sich ein kleiner Fisch in sich selbst, wenn er ihn findet. Hit the road, genau. Schlagen ist gut. Ich will sie kaputtschlagen, totschlagen, ihr richtig weh tun, sie bluten sehen, sie in einem Ausbruch brachialer Wut zu Brei verarbeiten und dann auf ihre jämmerlichen Reste spucken. Die Straße, die Zeit. Dieses schwarze, viel zu lange Band, an dessen Ende eine Ankunft wartet, Exit 07, blinken, bremsen, ausrollen lassen, endlich stehenbleiben.
Ich habe mich verrechnet, der Weg ist viel weiter als ich dachte. Die Nacht viel länger und dunkler als angenommen, und Regen, soviel Regen, ich werde mir wohl Schwimmhäute wachsen lassen müssen und Kiemen, let’s do the evolution, baby, let it all begin to swim -

Here comes the replay of an old dream
I was dreaming when I was a small boy
Turn around Turn around
I’m in a drier in the kitchen
In a tornado of shirts and towels
Turn around Turn around
Tonight’s different the dream’s not ending
The drier opens the water’s streaming out
It fills the house and fills the house
I am the swimmer in the old house
The water slowly fills the rooms
I turn around Turn around*

[*Lyrics: The Nits]

Nachtlied

Die Wellen dieser Nacht schließen sich sanft über mir, und ich lasse mich fallen wie eine Muschel, die jemand ins dunkle Wasser geworfen hat. Ich werde Schicht um Schicht durchwandern und letztlich sanft auf dem sandigen Grund des Dunkels aufkommen, wo die Ausläufer meines Bewußtseins ihre Hände nach mir ausstrecken.

Sehr weit entfernt leuchtet ein Licht.

Das Licht ist eine Sonne. Ein Stern. Dessen Zwinkern mich jetzt erreicht. Ich winke den Großen Wagen heran und nehme Platz gleich neben Orion, der seinen Bogen im Kofferraum verstaut hat und mir etwas vom Siebengestirn erzählt. Ich höre ihm nicht wirklich zu, obwohl er so viele Jahre mein Idol war. Die Tasche mit meinen Gewißheiten habe ich fest im Griff, alle Ampeln stehen auf Grün. Ein Stern, sehr weit entfernt, glitzert schelmisch. Ich lächle ihm zu. Bald bin ich daheim.

der Fluß

Ich bin ein Fluß, und ich strebe meinem Meer zu. Ich halte niemals still, ich komme gleichzeitig an einem anderen Ort an und vermische mich mit meinem salzigen Gegenstück, das ist festgelegt in meiner Natur. Ich überwinde Steine, ich schlängle mich durch Wiesen, Wälder, Städte. Ich bin blind, taub und stumm. Ich bin mächtig, ich bin schmal. Ich bin langsam, ich bin schnell. Ich bin majestätisch, ich bin in ein Korsett gezwungen. Ich bin eingesperrt, ich bahne mir meinen Weg. Ich bin gezähmt, ich bin unerbittlich. Alles, was mich anzieht, ist da vorn, und ich kann meine Fließgeschwindigkeit nicht beeinflussen. Meine Gedanken: flinke, träge Fische. Zappelnd am Angelhaken manchmal. Zurückgeworfen. Mit einem raschen Schlag getötet. Verkauft. Gegessen. Auf meiner Oberfläche der Sonnenschein, der mich glitzern läßt, ein milder Mond, der mich sanft stimmt, der Regen, der mich füttert, der Sturm, der mich aufwühlt, die Nacht, die mich dunkel macht und wild und gefährlich und still. Unter mir grünes, schwarzes Dunkel, der Grund, den ihr niemals sehen werdet. Ich glitzere, ich gluckere, ich rausche, ich haste, ich fließe. Auf meinem Rücken Schiffe, Boote, Schwimmende, Ertrinkende, Eisläufer, Mücken, Vögel. Ich stürze brüllend über schroffe Felsen, sickere leise in durstigen Boden, überflute erbarmungslos das Land, erstarre verblüfft, wenn es Winter wird, fließe aber doch immer weiter, meinem Meer entgegen, so viele Meilen entfernt. Sekündliche Ankunft, sekündliches Vermissenmüssen, dahinfließen, anfangen, aufhören, niemals stehenbleiben, ankommen, Anfang und Ende, da und dort, mein schroffer Ursprung, meine salzige Ankunft, und die Möwen -

Ich bin ein Fluß, und ich strebe meinem Meer zu.

Geschichten von Marie (1)

Marie stand an der Haltestelle.
Etwas stimmte nicht mit der Welt an diesem Tag.
Vielleicht war es eine Nuance des Lichts oder ein kaum wahrnehmbares Geräusch hinter der soliden Fassade aller Töne dieser Stadt, vielleicht waren es ein paar unbekannte Atome eines unbekannten Geruchs in einem viel zu warmen Wind, die irgendwo in ihrem limbischen System sanft auf einer Riechzelle landeten und aufgingen wie winzige Blumen, vielleicht war es eine seltsame Form der Elektrizität, die die Härchen in ihrem Nacken bewegte, ganz so, wie die Meeresströmung das mit Anemonen tut. Was immer es war, sie konnte es nicht orten.

Und was immer es war, Marie konnte sich nicht aufraffen, es bedrohlich zu finden. Im Gegenteil. Sie stieg in die Straßenbahn und setzte sich an einen freien Platz, schaute eine Weile den Leuten zu, müde Gesichter, die zu müden Körpern gehörten, die sich da bereitwillig heimrütteln ließen in ihre kleinen Wohnungen, eine alte Frau mit dem Gesicht einer Wahrsagerin, unwahrscheinlich dick, mit einem kleinen, schwarzen Hund, der sich behaglich in ihrem Arm zusammengerollt hatte. Schaute aus dem Fenster, ließ die Lichter der vertrauten Gebäude vorbeiziehen, sah am Himmel Wolken rasen, schloß die Augen, hörte Musik. Wie immer. Sie kannte die Strecke, ihr Körper hatte sich längst jede Kurve, jede Gerade, jede Ampel, jede Haltestelle gemerkt und wußte, wo er auszusteigen hatte.

Aber etwas war anders heute. Eine so lange Gerade war ihr auf der Strecke nicht bekannt, und diese Beschleunigung längst nicht normal. Ihr kam es eher vor, als würde sie in einem startenden Flugzeug sitzen. Ein absurder Gedanke, aber ein äußerst reales Empfinden. Seltsamerweise war es ihr vollkommen unmöglich, die Augen zu öffnen. Ihre Lider waren wie zusammengewachsen. Sie kannte das aus ihren Schachtelträumen, die der Träumenden ein Aufwachen unmöglich machten, und wußte, daß es besser war, sich nicht dagegen zu wehren, sondern sich zu entspannen und an dieser Schwelle abzuwarten, bis die Wachheit sie abholte wie eine kühle Welle. Nur daß sie sich gerade absolut sicher war, nicht zu träumen. Ihr Körper wurde jetzt tief in den Holzsitz gepreßt, sie spürte, wie sich der Verschluß ihres BHs schmerzhaft gegen einen Wirbel drückte, konnte sich aber keinen Millimeter bewegen.

Das nächste, was ihr auffiel, war die völlige Stille. Seltsam in einem Straßenbahnwaggon voller Menschen. Ist das der Tod, fragte sie sich unsicher. Und wußte gleichzeitig, daß die Antwort Nein lautete. Die Beschleunigung nahm immer noch zu, das Atmen wurde schwerer, hinter ihren Lidern vermutete sie vollkommene Dunkelheit, doch sie verspürte nicht die geringste Angst. Nur Neugierde. Und Wohlbehagen. Dann bewegte sich etwas an den Rändern ihres Bewußtseins und zog sacht einen dicken Vorhang zu, schwärzer als schwarz.

Als sie die Augen aufschlug, ruckelte die Straßenbahn gerade durch einen Tunnel mit gekachelten Wänden. Mist, dachte sie verwundert und benommen. Hab ich doch glatt meine Station versäumt.
Die unwahrscheinlich dicke Frau mit dem Gesicht einer Wahrsagerin lächelte sie an. Jetzt sind wir gleich da, sagte sie freundlich. Nur noch eine Station. Es ist Ihr erstes Mal, oder? Der kleine schwarze Hund spitzte die Ohren. Von den übrigen Fahrgästen fehlte jede Spur.
Marie richtete sich auf und fühlte eine kleine, schmerzende Stelle in ihrem Rücken. Wie, mein erstes Mal? Die Frau gluckste still in sich hinein. Dachte ich es doch. Man kennt es ihnen doch allen jedesmal an der Nasenspitze an. Verläßlich. Na, Sie werden ja sehen.

Eine leere Getränkedose rollte mit einem metallischen Kichern an ihr vorbei, als der Zug abbremste. Marie schaute nach vorn zum Führerstand und wunderte sich ein wenig darüber, daß ein Wundern über das Fehlen des Chauffeurs ausblieb. Sie standen jetzt an einer Haltestelle, die ihr bekannt vorkam. Der Südbahnhof. Nur daß die Lettern über dem Haupteingang ein schlichtes WELTRAUMBAHNHOF bildeten. Es war kein Mensch zu sehen. Kein Auto. Der Bahnhof heller erleuchtet als in ihrer Erinnerung. Die Türen der Straßenbahn öffneten sich mit dem vertrauten Geräusch. Sie stieg aus.

Die Luft war anders als sonst, aber Marie hätte nicht definieren können, in welcher Form. Sie drückte die große Tür zum Bahnhof auf und schaute sich nach der alten Frau und dem kleinen schwarzen Hund um. Sie waren weg.

Guten Tag. Marie drehte sich um.
Drei Herren in identischen schwarzen Anzügen standen vor ihr. Sie trugen identische schwarze Koffer und hatten sehr helle Augen.
Der erste: Es tut uns leid, Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.
Der zweite: Aber es ist wichtig.
Der dritte: Und ein Geschäft. Wir bieten Ihnen ein Geschäft an.

Sie räusperte sich. Ist das ein Traum?

Der zweite: Nein.
Der erste: Das ist die Wirklichkeit. Jedenfalls eine Form davon.
Der dritte: Sie gehen keinerlei Risiko ein. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.
Der erste: Wenn Sie uns eine Minute Ihrer Zeit schenken möchten…

Sie lächelten sich schmallippig an. Marie nickte und ließ sich in die Mitte dieser seltsamen Delegation nehmen. Sie betraten einen Raum der Stationsüberwachung.

Der erste: Nehmen Sie doch bitte Platz. Möchten Sie einen Kaffee?
Marie bejahte und setzte sich an den weißen Tisch mit vier abgenützten Plastikstühlen.
Der erste Herr machte sich an der Kaffeemaschine nützlich, die beiden anderen setzten sich ebenfalls. Ihre schwarzen Koffer plazierten sie dezent auf dem Boden.

Der dritte: Wir sind Forscher.
Der zweite: Wir kommen von weit her.
Der erste: Mit Milch und Zucker, richtig? (Marie bejahte.)
Der dritte: Die Liebe.
Der zweite: Limerenz. Hinwendung. Leidenschaft. Agape. Euphorie. Glück.
Der dritte: Wahnsinn.
Der erste (eine Tasse Kaffee servierend): Wir möchten in Ihr Bewußtsein.
Der zweite: Um es zu messen. Um es zu verstehen.
Der dritte: Um uns und unsere Spezies zu retten.
Der erste: Es soll auch etwas für Sie dabei herausspringen.

Marie hob vorsichtig die Tasse an die Lippen. Der Kaffee duftete und war heiß. Sie beobachteten sie gespannt mit ihren hellen Augen.

Der dritte: Es wird nicht unangenehm sein für Sie.
Der erste: Es basiert auf Freiwilligkeit.
Der zweite: Sie bleiben unbeschadet. Und wir bieten Ihnen im Gegenzug an, eine Fehlentscheidung rückgängig zu machen. Ein bißchen an der Zeit zu drehen. Stellen Sie sich einen großen, kosmischen Radiergummi vor.

Marie stellte sich einen großen, kosmischen Radiergummi vor. Hm, sagte sie, und stellte die Tasse mit dem Kaffee auf die weiße Resopalplatte. Das klingt verführerisch.

Der dritte: Eine Entscheidung Ihrer Wahl: ungetroffen. Offen.
Der erste (seinen Aktenkoffer öffnend und ein schimmerndes, metallisches Netz hervorholend): Sie werden sich an alles erinnern, nur nicht an das hier.
Der zweite: Sie würden uns damit helfen. Wir möchten es verstehen. Ein großer Dienst an unserer Spezies.

Marie schaute den drei Herren lange in die hellen Augen. Dann nickte sie langsam. Sie wollte nach Hause. Ja, sagte sie.

Der erste warf ein schimmerndes, metallisches Netz über sie. Sie sank sofort in einen tiefen Schlaf. Sie stand auf einer Wiese, es regnete. Und überall dort, wo die Regentropfen den Boden erreichten, blühten prompt blutrote Blumen auf, grandios in ihrer zarten Winzigkeit.
Der zweite verfrachtete einige Zeit später ihren völlig entspannten Körper in eine antiquierte Straßenbahn und rückte ihn beinahe liebevoll auf ihrem Sitz zurecht, ehe er ein Signal gab.
Der dritte saß über seinen Meßergebnissen und mußte miterleben, wie seine Augen zu tränen begannen und sein Herz stolperte. Die fahrerlose Straßenbahn glitt durch einen gekachelten Tunnel in eine andere Wirklichkeit zurück.

Marie stand an der Haltestelle.
Etwas stimmte nicht mit der Welt an diesem Tag.
Sie fragte sich, wo die Straßenbahn blieb, schaute auf ihre Armbanduhr und merkte, daß die stehengeblieben war.
Etwas in ihr beschloß ganz spontan, den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Ein schon fast frivol warmer Dezemberwind wirbelte letzte Blätter durch die Luft, über ihr rasten die Wolken. Ihr Gang war leichter als sonst, und ein seltsames Lächeln machte es sich in ihrem Gesicht bequem. Es war ein Gefühl, so rein und leicht wie weißes Papier.

Vom Vermissenmüssen (II)

Gott würfelt nicht?
Die Fallen sind gewürfelt, aber Wölfin, die ich bin, überlege ich mir dennoch mit keiner Faser, mir ein Bein abzubeißen, um mich zu retten. Eher verwandle ich mich in ein Lamm. Ich. Ich!
Etwas passiert mit mir dieser Tage, mitten im sonst so nicht gemochten Winter. Ich schaue in den Spiegel und stelle ein neues Lächeln an mir fest. Ich bin auf dem Weg irgendwo hin und fühle plötzlich, wie ich aufrechter und freier gehe als je zuvor.

Sehnsucht. Ich sitze hier fest in der göttlichen Sackgasse und bleibe ruhig dabei, was mich über alle Maßen wundert. Die Ungeduld lächelt mich traurig an und murmelt ein leises Adieu, steigt aus und diffundiert in eine verrückte Nacht. Die Plejaden fallen mir ein. Das Siebengestirn, benannt nach den sieben Töchtern des Atlas und der Pleione, von Zeus an den Himmel versetzt… sagen die Poeten. Ein offener Sternhaufen, mit freiem Auge gerade noch erkennbar als Miniversion des Großen Wagens, so die realistische Version. Und jetzt kommt der Clou: Du siehst diesen Sternhaufen ausschließlich dann, wenn du bewußt daran vorbeischaust. Falls du versuchst, ihn anzustarren, entzieht er sich deiner Blicke und existiert einfach nicht.

Die Schritte der Ungeduld sind längst verhallt. Stille jetzt. Und Sehnsucht, die alles einnehmende Sehnsucht. Die Wölfin starrt auf ihr Bein, das in dieser liebgewordenen Falle steckt. Sie fühlt keinen Schmerz, sie denkt eine Sekunde lang rational und erwägt es abzubeißen, um auf allen dreien davonzuhumpeln in ihre gewohnte Welt. Aber eine gütige Nacht läßt sachte ihre Schleier fallen, der Mond da oben geht auf wie ein kosmischer Luftballon, und dann ist da nur mehr die Sehnsucht, die still und anmutig in die Knie geht, um der Wölfin den Kopf zu streicheln. Die läßt sich diese unfaßbare Mischung aus Schmerz und Glück gefallen, weil sie nicht anders kann. Und wer könnte anders an dieser Stelle?

Three thousand five hundred miles away
But what would you change if you could

Ein neuer Regen zieht auf, und er kommt von dort, wo sich in ein paar Stunden, Tagen, Wochen ein prächtiger Sonnenaufgang heraufschieben wird. Die Sehnsucht wird zu einem neuen Gott, ein neuer Regen weint mein Gesicht naß und bringt die Farben wieder, die ich so lange vermißt habe, Türen fliegen auf, die Wahrheit hat ihren Auftritt über den Tafelbergen der gewohnten Gänge. Das ist alles Euphorie. Eudämonie. Ein Ankommen. Zweifellos.

Gott würfelt nicht.

Schluß mit Kitsch-Content!

Hier geht’s jetzt erst einmal wieder garstig weiter. ;) Aber nicht, weil ich so gelaunt wäre (abgesehen davon, daß meine schlaflosigkeitsgepeinigten Augäpfel sich anfühlen, als wären sie mit Sandpapier bearbeitet worden und ich müd bis auf die Knochen bin), sondern weil ich wieder einmal meine verehrte Juli Zeh lese und ja jederzeit gern meine Begeisterung teile.

“Wir sind der banalen und kleinkrämerischen Reglementierungen müde, die uns bei Strafe zwingen, ein Licht an unser Fahrrad zu schrauben, mit dem Rauchen bis zum sechzehnten Lebensjahr zu warten und unsere Autos für zwei Euro pro Stunde in ein Kästchen zu stellen, das irgendjemand feinsäuberlich auf den Boden gemalt hat, während wenige Flugstunden entfernt ganze Welten verbrennen, vertrocknen, ersaufen, explodieren, verbluten. (…) Ich breche keine Lanze für die Anarchie. Ich schildere Ihnen nur die spezielle Müdigkeit, die jeden befällt, der sich anhören muß, was gut und böse, richtig und falsch sei, obwohl niemand mehr die Grundlagen dieser Unterscheidung zu erklären oder auch nur zu benennen vermag. Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist, ich wiederhole es noch einmal, am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt.”

[Auszug aus Adas Plädoyer in Spieltrieb]

quintessentiell

da drüben wohnt einer, der hat etwas so Unerhörtes geschrieben, daß ich mich nur mehr auf dem Bauch wälzen möchte. Er leuchtet.

One and only

I don’t think it would be right
To call you the one and only
I’ve had many lovers before
I might even have loved them more

I don’t think it would be right
To call you the one and only
I cannot tell yet
‘Cause we have never met

I don’t think it would be right
To call you the one and only
All I know is that you might

Be the reason why I’m lonely

[Beady Belle schon wieder. Killer-Nummer. Mit irgendeiner argen Quint in Moll. Oder so. Ich mag das!]