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Literatur-Content

Er ging umher wie ein verkannter Reicher und bekümmert wie ein Geizhals, der seinen Schatz von Dieben belauert weiß. Alle, die ein geschwätziges Entzücken aus dem Theater Sapajou in die Welt hinaustrugen, waren Diebe in seinen Augen, denn sie drohten die Schar der Dummen und Banalen hinter sich her zu ziehen, die das Große in den Staub schleifen, indem sie es zur Mode machen.

Es war sein Traum, die Tänzerin auf eine verlassene Insel im Ozean zu entführen. Er hätte sich dann begnügt, sie anzubeten, ohne ihr mit einem Wunsch zu nahen.

So wie er für Lorm, den Schauspieler, Beifall verlangt hatte, haßte er den Beifall, den die Tänzerin gewann. Nicht weil sie ein Weib war, nicht aus Männereifersucht. Er betrachtete sie gar nicht wie ein Weib. Sie war ihm als Wesen die Erfüllung dunkler Ahnungen und Gesichte; sie war das Leichte im Gegensatz zum Schweren, das in ihm und allen andern lastete; das Schwebende im Gegensatz zum Kriechenden, das Geheimnis im Gegensatz zum Wissen, die Figur im Gegensatz zum Wirrsal.

Er sagte: »Dieses berühmte zwanzigste Jahrhundert, so jung es ist, geht mir auf die Nerven, die Menschheit wälzt sich wie ein häßlicher, plumper Wurm über die Erde. Sie will von ihrer Wurmhaftigkeit befreit werden, und in ihrer Sehnsucht nach Entpuppung entsteht in ihr die Lust zu hüpfen. Es ist der Gipfel barbarischer Komik.«

Das Leben, das er führte, war ihm als herausfordernde Störung seiner schweißtriefenden Mitmenschen wohl bewußt. Er schwärmte von Zeiten, in denen die herrschende Klasse wirklich geherrscht, wo ein geistlicher Fürst unter den Angestellten seines Hofstaats einen Kapaunenstopfer gehabt und irgendein unbedeutender Reichsgraf eine Armee besoldet hatte, die aus einem General, sechs Obersten, vier Trommlern und zwei Gemeinen bestand.

Daß ihn die Tänzerin aus der Zeit riß, ganz anders noch als der Komödiant, das war es, was er ihr dankte.

Er schuf sich ein Idol, denn es kamen die Jahre, wo er dessen bedurfte, ein satter Gieriger, lüstern nach Vogelflug.

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(mein Lieblingsbuch.)

das relativ sinnlose Regenwalfischbauchposting

Es regnet.
Es regnet von allen Seiten, und das Mitführen des Schirms ist ungefähr so sinnvoll wie das Tragen eines handelsüblichen Sturzhelms anläßlich eines nuklearen Fallouts.
Der Wind reißt mir die Kapuze vom Kopf und zerzaust mich gründlich, fette Regentropfen zerplatzen auf meinem Gesicht, die Hose wird binnen kürzester Zeit naß bis zu den Kniescheiben, Feuchtigkeit kriecht in die Schuhe und geht eine kühle Liaison mit den Socken ein.

Der Asphalt spiegelt die Lichter der Ampeln mit ihrem gleichmütigen Rhythmus, ich lasse mich von einem zischenden Niederflurkoloß schlucken und fühle mich wie Jonas, nur daß es da drin entscheidend gemütlicher ist als draußen. Meinen nutzlosen Schirm, der kalten Regen schwitzt, halte ich irgendwie in maximaler Körperferne, ein dünnes Regenwasserrinnsal bahnt sich seinen Weg durch den Niederflurwalfischbauch, die Scheiben sind beschlagen vom Atem der wenigen nächtlichen Mitinsassen, ich widerstehe nur knapp der Versuchung, ein Herz zu malen, oder ein simples 42.

Ein asiatischer Herr gesetzteren Alters hat meinen herumstreunenden Blick aufgefangen und streichelnd festgehalten, seine Ebereschenaugen haben sich in meinem Gesicht festgesaugt, er lächelt, und ich muß unwillkürlich zurücklächeln, mit mindestens 25 Watt, während in meinen Ohren der Grönemeyer was ziemlich Poetisches singt, es handelt sich, glaube ich, um ein Liebeslied oder sowas in der Art.

Ich schaue weg und gucke dem Wasser zu, wie es surreal-anmutige Spuren zieht auf der durchsichtigen Außenhaut des geduldig dahinschwimmenden Wienerlinien-Walfischs. Ich habe nichts zu sagen in dieser Nacht, und ich sage es doch. Ich diffundiere. Ich diffundiere in eine wilde Nacht, eine sanfte Nacht, eine Nacht jenseits der gewohnten Gänge. Vieles passiert dieser Tage, ich bin ein reichlich verwirrter Passagier, ein regennasser Mensch, der ins Trockene will, ein kleines Licht in einem unendlichen Universum, eine lachende Seele, die sich in ihrer Grundtraurigkeit spiegelt und sich zu einem heiteren Wolkenkuckucksheim aufschwingt, japsend, mit klapprigen Holzflügeln.

Eigentlich ist es unbeschreiblich.
Schreiben muß ich es dennoch.
Was immer mich gerade denkt, es zwingt mich dazu.

Wortspende (2)

Ich hätte, liebste Leser, wieder einmal Lust auf sowas.

Wenn Sie mir also eine Freude bereiten und nebenbei zum Zustandekommen eines weiteren, ähm, literaturnobelpreisverdächtigen Werkes beitragen möchten, legen Sie doch in den Kommentaren viele gute/kranke/krasse/schöne Wörter für mich ein. Wollen Sie?

Ich danke artigst!

Weiß

Die Realität ist in Watte gepackt. Ich bin nicht richtig da, sondern ein Geist in einer Nebelwelt, wo er sich nur zurechtfinden kann, wenn er die Augen schließt. Mein Körper findet traumwandlerisch seinen Weg durch eine erstarrte Wirklichkeit, jeden Moment erwarte ich, daß der Film gestoppt wird, die Farben sind seltsam unecht heute, die Eindrücke zweidimensional.

Der größte Teil von mir ist an einem Ort, an dem er den Kontrast von Weiß auf Weiß sehen und die absolute Stille hören kann. Gänsehaut überzieht meine Haut, ich kann ihr heißkaltes Glitzern spüren. Die Kuppel der Zeit wölbt sich wie ein ferner Himmel über mir, meine Beine tragen mich kaum, die Schwerkraft ist anders als sonst. Mit jedem Schritt wird der Widerstand größer, weil ich nicht befugt bin, dieses Gelände zu betreten, aber niemand wird mich hier vertreiben.

Als ich die weiße Sonne erreicht habe, ist meine Haut längst weggeschmolzen, sind meine Knochen längst zu Asche verbrannt, aber etwas in mir ist stärker, und dann breche ich ihren Willen wie eine Erdnuß, schäle sie und zerbeiße ihren Kern, der als weißes Licht in meinen Eingeweiden explodiert und mich mit einem letzten Kraftakt an den Rand der Wahrnehmung schleudert, wo ich mir eine neue Haut und neue Knochen wachsen lasse, um in die Wirklichkeit zurückzukriechen.

Nebel

[zum Vergrößern bitte Bild klicken]

Ich bin, du Ängstlicher. Hörst du mich nicht
mit allen meinen Sinnen an dir branden?
Meine Gefühle, welche Flügel fanden,
umkreisen weiß dein Angesicht.
Siehst du nicht meine Seele, wie sie dicht
vor dir in einem Kleid aus Stille steht?
Reift nicht mein mailiches Gebet
an deinem Blicke wie an einem Baum?

Wenn du der Träumer bist, bin ich dein Traum.
Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille
und werde mächtig aller Herrlichkeit
und ründe mich wie eine Sternenstille
über der wunderlichen Stadt der Zeit.

(Rainer Maria Rilke)

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AN|JA

Nach dem vormittäglichen Plenum und dem informellen Mittagessen wurde die Delegation der guten Mächte durch glitzernde Korridore schließlich auf das weitläufige Areal geführt, wo es sich der Ratsvorsitzende nicht nehmen ließ, ihr persönlich das Raumschiff zu präsentieren. Weiß schimmernd lag es da, tief atmend wie ein lebendiger Organismus, beseelt von seiner Mission, geduldig und stabil.

Die Konstrukteure in ihren weißen Kitteln begrüßten die guten Mächte mit klaren Augen und festem Händedruck, der Himmel war blankgewaschen, die Luft ungewöhnlich mild.

Der Ratsvorsitzende räusperte sich.
„Das also ist sie. ANJA. Das Schiff, das wir gebaut haben, nach allen Regeln der Kunst. Es soll nach den Sternen greifen.“
Die guten Mächte raunten leise, es klang zustimmend.
„Der Antrieb“ bemerkte der Chefkonstrukteur begeistert, „beruht auf einer so simplen wie genialen Idee. Das System entspricht dem einer wärmegelenkten Waffe – nur in diesem Fall absolut friedlich genutzt. Die Navigation orientiert sich nach dem Sternenlicht. Die Energie erzeugt sich selbst, sie speist sich aus den genannten Parametern. Kernenergie, etwas zu kompliziert, um es zu erklären. Sagen wir es einfach so: ein Kraftfeld wird ANJA nach vorne ziehen. Oder nach oben, wenn man so will.“
„Wie“, fragte der Zufall überrascht, „sie ist unbemannt?“
„Aber nein.“ Der Ratsvorsitzende konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Wir werden zwei Raumfahrer da hinaufschicken. Wir haben sie gefunden, nach gründlichen Recherchen, Prüfungen und Tests. Ein Mann, eine Frau. Zwei Reisewillige aus rund 6,555 Milliarden, wenn man so will. Sie bilden das Team, das des Himmels ferne Gärten erkunden wird.“
Der Zufall kicherte hinter vorgehaltener Hand, die Möglichkeit tauschte einen wissenden Blick mit dem Mut aus.
„Oh“, meinte das Glück begeistert. „Ich unterschreibe!“
„Und wie kam es zu dem Namen des Schiffs?“, erkundigte sich die Poesie interessiert.
„Nun ja.“ Der Ratsvorsitzende lächelte noch immer. „JANA war unser anfänglicher Gedanke. Den wir aber rein aus assoziativen Gründen ebenso wie NAJA wieder verwarfen. ANJA schließlich ist eine Nebenform des weiblichen Vornamens Anna. Der uns wiederum gefiel, aber nicht nur, weil er ein Palindrom ist, sondern weil er sich vom hebräischen Vornamen Hannah ableitet - und der bedeutet die Begnadete/von Gott Behütete, oder auch Liebreiz und Anmut. Ein schöner Name für ein Raumschiff mit der Mission, nach den Sternen zu greifen, oder?“
Die guten Mächte nickten.

Die Zuversicht räusperte sich. „Herr Ratsvorsitzender, wir beobachten das Projekt schon lange. Ich darf Ihnen zu diesem“ – sie schaute mit glänzenden Augen auf das schimmernde Raumschiff – „Wunder gratulieren. Unsere Unterstützung haben Sie jedenfalls.“
„Sie können“ versicherte die Fröhlichkeit lachend, „davon ausgehen, daß Ihre beiden Astronauten ihr Ziel erreichen. Spielend! Per aspera ad astra, sagt man immer. Aber so schwer ist es gar nicht.“ Sie zwinkerte schelmisch.
„Bald schon…“, stellte die Zuverlässigkeit freundlich fest.
„In achtzehn Tagen soll sie starten“, vermerkte der Chefkonstrukteur. “Alle Systeme sind startklar, alle Voruntersuchungen abgeschlossen, alle Tests bestanden.”
„In Wirklichkeit,“ die Zukunft bahnte sich gravitätisch den Weg durch die anderen und griff nach der Feder, „in Wirklichkeit hat das alles schon längst begonnen.“ Sie schaute den Ratsvorsitzenden lange und wohlwollend an, dann tauchte sie den Federkiel in das Tintenfaß.

„Im Namen der Delegation der guten Mächte setze ich hiermit meine Unterschrift unter diesen Pakt. ANJA wird gut ankommen. Wir sind restlos überzeugt.“
„Die Mission steht unter einem guten Stern“, versicherte die Liebe. „Dafür bürge ich.“

Der Chefkonstrukteur reichte dem Ratsvorsitzenden die Hand.
Der wiederum führte die Delegation zurück durch die glitzernden Gänge.
Selbst die Vernunft lächelte.

Das weiße Raumschiff lag unter einer freundlichen Februarsonne und zitterte unter der wachsenden Energie seines Antriebs. Bald, wisperte es. BALD!

Wunibald und Gundel

Das hältst du für eine Taktlosigkeit?“ Gundel zog eine Augenbraue hoch und guckte Wunibald mit einiger Verwunderung an.
Fürwahr“, entgegnete der verstimmt und verschränkte finster seine Arme vor der Brust. „Mir ein Käsebrot zu offerieren, während ich versuche, ein fragiles Sonett über die Osmose zu verfassen, ist einfach schrecklich taktlos. So.“ Beleidigt starrte er auf ein paar spielende Kinder.
„Ach, vergiß doch diesen Kegelbruder, diesen primitiven“, versuchte Gundel einzulenken. „Wunibald, woher sollte er denn wissen, daß du im Dienst bist? Schatz!“
Wunibald schnaubte wütend. „Sowieso weiß der, daß ich im Dienst bin, wenn ich mit meinem Notizblock im Café sitze! Ich bitte dich! Da hat man mich nicht einfach mit der schnöden Frage nach einem noch dazu völlig reizlosen Snack zu belangen! Auch nicht als Oberkellner! Käsebrot! Ich bitte dich!“
Gundel seufzte. Wunibalds Eitelkeit in manchen Belangen konnte bisweilen wirklich seltsame Dimensionen annehmen.
Sanft stupste sie ihn an. „Du, Wunibald… komm schon. Jetzt sei nicht so. Laß uns nicht von einem simpel gestrickten Servierkörper diesen wunderschönen Abend verderben. Weißt du noch, da, auf dieser Bank, unter diesem Baum, vor sieben Jahren?“
Er schnaubte noch einmal verschnupft, lockerte aber seine starre Körperhaltung und legte den Arm um ihre Schulter. „Wir haben uns ewige Treue geschworen“, sagte er leise und zog sie näher an sich. Gundel legte ihre Wange an seinen Hals. „Dieses grenzenlose Vertrauen…“
Er gluckste. „Dabei kannte ich noch nicht einmal deine Körbchengröße.“
Sie kicherte und küßte dann verträumt sein Kinn. „Und die Liebe war plötzlich keine labile Konstruktion mehr.“
„Du, Gundel…“ Wunibald nahm ihre Hand und streichelte sie. „Diese nebulöse Trotzreaktion vorhin… es tut mir leid. Manchmal macht mein Hirn einfach so einen blödsinnigen Purzelbaum und katapultiert mich ins Niemandsland der negativen Gedanken. Im Oesophagus steigt beißend die Säure hoch, überall wittere ich Verrat, und in meinem Herzen blüht die monströse Eisblume der Gereiztheit. Unerträglich wie Schneeregen im April. Die ganze Schriftstellerei ist doch letztlich nur enervierender Papierkram! Verzeih.“

„Mein jähzorniges Siedewürstchen“, flüsterte Gundel zärtlich und rieb sanft ihre Nase an Wunibalds Wange. „Du Innenminister meiner Seelenrepublik. Süßer und ergreifender als ein Streichquintett (Schubert! aaah), ein bunter Schmetterling, der über der grauen Totenmaske der Einsamkeit tanzt… Ich liebe dich, mein Schatz! Und die Schriftstellerei ist natürlich kein Papierkram!“ Sie schmiegte sich enger an ihn.

„Weißt du“, Wunibald küßte Gundels Stirn, „Egal, ob ich dich frühmorgens verschlafen im Bademantel sehe oder mir ein Kinderphoto von dir anschaue, Augentropfen brauche ich zeit meines Lebens keine mehr, weil mir die Augen übergehen, mein Herz. Und all das braucht noch nicht einmal ins Einmachglas der Erinnerung zu wandern, weil ich dich an meiner Seite habe. Was mich zum Strahlen bringt: Einzig und allein du!“

„Ein Hendiadioin“, flüsterte sie ergriffen in die milde Juniabendluft und drückte seine Hand. Dann wurde sie ganz still. „Stop talking, shut up - küß mich, mein Wunderbarer!“ Ein Wunsch, dem Wunibald unmittelbar nachkam. Lang und zärtlich.

„Aber ein Saftsack, verzeih mir den Kraftausdruck, ist er schon, dieser Kellner“, stellte er fest, nachdem sie eine Weile eng aneinandergekuschelt dagesessen hatten.
Gundel sah die Lachfalten um Wunibalds Augen, ein feines Spinnennetz unter den Dachbalken seiner Augenbrauen. „Wir werden auf die nächsten Mondprotuberanzen warten und ihn rückwärts aus der Galaxie schmeißen“, schlug sie verschmitzt vor. „Er ist ja wirklich sowas von nervtötend!“
„Ein abgehalfterter Kanisterminister“, stellte Wunibald lächelnd fest. Dann schaute er Gundel tief in die Augen.

Diaphoretisch“, murmelte die, seinen Blick erwidernd, „ist allerdings nicht der Gedanke an den blöden Kellner, sondern vielmehr die Vorstellung des weiteren Verlaufs dieses Abends. Mit dir.“

Feingliedrig huschte schon die blaue Nacht durch den Park, eine Laterne gab sich impertinent und tat, als sei sie ein Nordlicht, das in der samtenen Geborgenheit der Mittsommernacht ungefähr soviel zu suchen hat wie Pelz auf einer Menschenzunge.

„Laß uns eine Torheit begehen“, schlug sie, einen plötzlichen Gedanken fassend, vor.
Wunibald, ganz Faun, sprang auf die Beine und zog sie hoch. Sie umarmten sich.
„Egal ob Nekrose oder Herzbruch, mein Baby! Was immer du willst!“
„Eine Veränderung des Standortes will mir genügen“, lachte sie, dicht an seinen Lippen. „Fernbedient überlassen wir das Leben sich selbst, klinken uns aus und verzichten auf die Hirnterrinne, von der uns das Leben weismachen will, daß sie schmackhaft sei. Komm, laß uns zum Wasserfall gehen.“

In Wunibalds Augen glomm es brandig. „Ja, Schatz“, flüsterte er, “laß uns die Postgrenze dieser Welt passieren. Hier, in der Pathologie der Normalität, wird ohnehin nur jedes Gefühl verramscht! Wir wollen uns nicht länger mit der Sparversion bescheiden…“

„Laß uns eine ordentliche Sauerei veranstalten“, flüsterte Gundel rauh, als sie im sanften Sprühregen des herabstürzenden Wassers standen, und nahm ihren Wunibald an der Hand. „Morgen brauchen wir vielleicht Beinwell, weil wir uns in der Hitze des Gefechts alle Knochen brechen, aber…“

„…Du bist mein liebster Vollstreckungsbescheid!“ Wunibald entledigte sich flugs seiner Schuhe und seiner Kleider und sprang lachend ins Wasser. Es war ausgesprochen warm.

Gundel kicherte. „Daß du immer das Wort haben mußt. Das Wort, das letzte. Laß uns Forellen fangen. Du weißt, ich bin ichtyophag!“ Sie holte ihn behende ein. Sie küßten sich.

„Morgen schenk ich dir eine Pantoffelblume“, murmelte er viel, viel später zwischen kühlen Laken.
„Ich liebe die“, antwortete sie schläfrig und schmiegte sich an ihn. „Und dich. In alle Ewigkeit.“

Außerdem?“ tönte die Stimme der Blumenverkäuferin anderntags (mit schriller Stimme, völlig genervt).
„Das ist alles, danke“.
Wunibald schob freundlich seine Sonnenbrille zurecht und nahm das Wechselgeld und den Blumenstock entgegen.
„Sie liebt Pantoffelblumen“, flüsterte er und machte sich auf den Weg. Die Schrillheit der Blumenverkäuferinnenstimme schnurrte zu schimmernden Perlen zusammen, irgendwo in seinem Hinterstübchen. Und nicht einmal der Kellner mit seinem blöden Käsebrot würde ihn heute nerven können. Nicht heute. Nicht morgen.
Gundel lächelte ebenfalls und umarmte schlafend ihr Kissen. Die Junisonne strahlte mit sich selbst um die Wette.

[Danke für die zahlreichen Wortspenden!]

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Liebe Leser,

ich brauche Sie jetzt sehr dringend.
Schenken Sie mir ein Wort. Spenden Sie mir eine Begrifflichkeit, unten in den Kommentaren. Kann auch ganz - Anführungszeichen - banal sein. Wollen Sie?
Ich möchte so gern wieder einmal eine Geschichte schreiben, so ganz im Flow.

Machen Sie mir eine Freude.
Spenden Sie ein Wort für dieJulia.

Sie sollen es nicht bereuen.

Geschichten von Marie (2)

Marie fror, als sie an diesem Morgen aufstand.
Nicht einmal der duftende Kaffee konnte sie wärmen, denn die Kälte wurde, das spürte sie, tief in den Zellenfabriken ihrer Knochen produziert, rasch und effizient durch das verästelte Rohrsystem ihrer Blutgefäße transportiert und an Nervenenden geliefert, die sie sofort weiterverarbeiteten zu einem anhaltenden Frösteln.

Vor ihrem Fenster tobte ein so heftiger Schneesturm, daß die Häuserzeile vis à vis nur mehr schemenhaft erkennbar war: die Straße, die Autos, der Himmel: alles verblaßte zu einem verwischten Weiß ohne Anfang und Ende. Es war vollkommen still.

Marie stand auf, zog frierend einen weiteren Pullover an, stellte sich ans Fenster und schaute in das Weiß. Selbst das Licht hatte einen unwirklichen Ton. Es gab keine Schatten mehr, nur mehr diffuses, weiches Schimmern und zarte Umrisse von Gebäuden; es war, als ginge die Welt unter in einem unendlich sanften Rieseln von Schnee, der wispernd alles Existierende unter sich begrub.

Gedankenverloren spielte sie mit einer Muschel, ließ ihre Fingerkuppen von kalkigen Erhebungen massieren, dachte an das Meer, das dieses wundersame Gebilde an einen fremden Strand gespült hatte, auf der anderen Seite der Welt, an den weichen Bewohner, der darin gelebt hatte, sein undefinierbares Schicksal, sein Dasein in einem warmen, salzigen Wasser, den Menschen, der sie gefunden hatte, hob sie ans Ohr und lauschte dem Rauschen und -.

Erschrocken legte sie die Muschel auf das Fensterbrett, abrupt, machte einen Satz zurück, hielt den Atem an und starrte sie an, das Herz klopfend, die Augen geweitet. Sie lauschte. Aber nichts – dieselbe Stille wie vorhin, und hinter der Fensterscheiben endloses Weiß. Dann siegte die Neugierde. Sie wagte sich einen Schritt vor, hielt die Muschel erneut ans Ohr und horchte. Tatsächlich, sie hatte sich nicht getäuscht. Durch das Rauschen, das sie erwartet hatte, wand sich unendlich zart der Klang eines verstimmten Klaviers, brüchig, aus einer anderen Welt. Jemand spielte holprig und nicht sehr gekonnt ein Kinderlied. Zweihändig. Unsicher. Wieder und wieder brach das Lied an der selben Stelle ab, und der Spieler begann von vorn.

Hallo? Maries Kehle war trocken. Sie räusperte sich. Hallo, fragte sie erneut, diesmal mehr in Richtung Muschel. Die Musik hörte auf. Unendlich weit entfernt ein Stimmchen: Wo bist du?
Ich bin hier… draußen. Marie setzte sich benommen auf den Teppich, der Boden schwankte unter ihr. Sie lauschte.
Kommst du? Das Stimmchen klang begeistert.
Wie denn, hauchte sie, die Muschel an ihr Ohr pressend.
Was, wie? Sie hörte ein helles Kinderlachen. Siehst du nicht die Tür? Du mußt nur durchgehen!

Marie merkte, wie sie den Halt verlor. Das Zimmer schmolz und wölbte sich, die Wahrnehmung kippte, ihr Körper gehorchte ihr nicht länger und sackte zusammen, sie schloß die Augen, weil alles sich drehte in diesem Zerrspiegel, öffnete sie wieder und fand sich in einem Raum wieder, der bis auf einen Unterschied wie ein Ei dem anderen jenem glich, den sie kannte. Bloß daß da eine Tür war, die für normal nicht existierte. Und das verstimmte Klavier jetzt näher klang.

Zittrig kam sie auf die Beine, drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Dahinter ein Stiegenhaus aus weißem Stein, das sich in die Unendlichkeit emporschraubte. Und das Kinderlied, das sanft in der Luft schwebte und heruntersank wie Schnee. Marie lächelte. Huschte zurück in ihr Zimmer und plazierte einen schweren Stein, den sie vor Jahren aus der Wüste mitgebracht hatte, zwischen Türblatt und Schwelle. Dann machte sie sich auf den Weg nach oben.

Als sie endlich hoch droben angekommen war, stand sie in einem riesigen, hellen Raum, die Wände weiß, der hölzerne Fußboden ebenfalls. Weiße Vorhänge bauschten sich wie Segel vor riesigen Fenstern, es war warm und es duftete nach Linden. Draußen Frühsommer. Mitten im Raum stand ein alter, verstimmter Flügel, schwarz, ein Bösendorfer, davor saß ein kleiner, hübscher Junge, vielleicht sechs Jahre alt, mit weizenfarbenem Haar, baumelte mit den Beinen und spielte ein Lied, das sie jetzt plötzlich erkannte. Wenn ich ein Vöglein wär‘. Der Junge, konzentriert, bemerkte sie nicht und brach zum x-ten Mal an derselben Stelle ab.

Marie applaudierte.

Der Junge drehte sich zu ihr um und schaute sie mit hellen Augen an.
Ich komme nicht über die Stelle, sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Zeigst du mir, wie es geht?
Marie ging langsam auf ihn zu, das übermächtige Verlangen, ihm über den blonden Schopf zu streicheln, niederkämpfend.
Du bist groß geworden, murmelte sie so leise, daß er es nicht hören konnte, dann setzte sie sich neben ihn auf den Hocker.
Ich habe es selber nie richtig gelernt. Aber an das erinnere ich mich. Fang noch einmal an. Willst du?
Der Junge nickte, plazierte seine kleinen Hände sorgfältig und gewissenhaft auf den Tasten und begann zu spielen. Marie legte sanft ihre Finger über seine, und als er bei weil’s aber nicht kann sein stockte, griff sie ein, lenkte sein Spiel, spürte ihn aufblühen, lauschte selbst dem kleinen Lied, spürte den Lufthauch vom Fenster und wollte für immer da verharren.

Der Junge strahlte sie an. Das war schön, sagte er.
Das war es. Marie lächelte ihn an, dann schaute sie auf ihre Hände.
Du mußt gehen, nicht? Er wirkte entspannt.
Ja, das muß ich.
Wirst du wieder kommen? Er zupfte am Saum seiner Hose, die nackten Beine, sommerbraun, baumelten weit über dem Boden.
Ich weiß es nicht. Marie bugsierte die Tränenflut zurück in die dafür vorgesehenen Säcke und verschnürte diese fest. Aber ich glaube schon.
Der Junge legte seine Hände wieder auf die Tasten.
Bis bald, sagte er, dann begann er erneut mit seinem Lied. Draußen dufteten die Linden.

Marie machte sich auf den Weg.
Die Stufen waren brüchig, die Rückkehr ein endloser Sturz. Unten die Tür stand offen. Das Weiß hinter dem Fenster war in eine gütige, dunkle Nacht übergegangen. Die Muschel lag still auf dem Teppich. Als Marie sie ans Ohr hielt, war da nur Rauschen.

[Zusammensetzung: 80% Traumfragmente, 8% Schneesturm, 12% Verfremdung durch Niederschreiben. Soundtrack: Tarantula A.D., Kimmo Pohjonen & KTU.]

Totschlagwochen bei derJulia:

Das muntere Allegorienkillen geht weiter, zum ersten Mal auf fremdem (?) Terrain bloggend:
Fortsetzung auf kreativbetrunken

I have my fears
But they do not have me.