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Ei der Daus – der Freitagstexter!

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Zum mittlerweile dritten Mal auf diesem Blog: der wunderbare Freitagstexter, gewonnen bei heinzkamke für meine Auslegung des letztwöchigen Spiderman-Bildes.

Wer den Bildbetextungswanderpokal [(c) heinzkamke] noch nicht kennt und sich jetzt erstaunt fragt: “äh, häh?”, guckt am besten schnell ins Freitagstextergewinnerwiki und macht sich ein Bild. Ah so, und a probos Bild: das nachfolgende Photo wird Ihnen an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors Dave Roth präsentiert – thanks a lot, Dave!

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[photo by Dave Roth, published in JPG Magazine Issue 14]
[zum Vergrößern anklicken!]

Geschichten von Marie (3)

Ein Markt, irgendwo in Asien vielleicht, oder Nordafrika, oder Kuba; tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben, schlaffe Hühnerkörper, Berge von Lammfleisch, Farben, Stoffe, kleine Dinge, Fußgetrappel, Stimmengewirr. Marie weiß, daß sie den Weg hierher schwimmend zurückgelegt hat, doch sie ist nicht naß, sie trägt weite Leinenhosen und ein dunkles Hemd, wie alle anderen ist sie barfuß. Sie könnte nicht sagen, ob es Abend ist oder Tag, aber sie weiß, daß sie nicht viel Zeit hat. Vielleicht ist jemand hinter ihr, der sie zur Rückkehr mahnt, doch sie will hier nicht weg, wenigstens noch nicht. Sie schlängelt sich durch die Menschenmenge und steckt immer wieder den Kopf durch niedrige Eingänge zu kleinen, kühlen, fast quadratischen Räumen, wo Stoffe und Kleidung zum Verkauf ausgebreitet liegen, Silberschmuck oder Töpferwaren, dann stößt sie beinahe mit einem kleinen Greis mit einem uralten Fahrrad zusammen, der sie mit dem zahnlosen Lächeln eines freundlichen Säuglings bedenkt, und einer plötzlichen Eingebung folgend schlüpft sie durch einen violetten Stoffvorhang in einen weiteren winzigen, dämmrigen Raum. Es ist ein Traum, aber sie weiß, daß sie hier schon einmal war, und es ist wie eine Erinnerung, nur daß sie weiß, daß sie sich – träumend – an einen weiteren Traum erinnert, einen alten, tief verborgenen. Der Raum ähnelt den anderen, Stapel von Stoffen, Kleider, der Geruch von Lotus und Staub, ein Tischchen mit ein paar Silberketten, Ohrringen, Ringen und Amuletten, hinter dem eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt, die keine Notiz von ihr nimmt. Marie tut, als würde sie sich für ein paar Saris interessieren, und drückt sich, den Kopf einziehend, in eine Nische, als der Vorhang zurückgeschoben wird und jemand eintritt. Sie hält den Atem an und ist ganz still. Hinter sich spürt sie etwas Rauhes, an dem sie sich, jedes Geräusch unterdrückend, eine Schiefer einzieht, Holz, und dann etwas Metallisches: eine Tür. Leise drückt sie die kunstvoll geschwungene Klinke herunter, bückt sich noch tiefer und macht einen vorsichtigen Schritt nach hinten. Wie in ihrer Erinnerung stolpert sie wirklich beinah über eine von tausenden nackten Füßen abgerundete Stufe und steht in einer dunklen, kühlen Kammer. Sie reibt verstohlen den schmerzenden Finger. Der Lehmboden. Die glatten Wände. Über ihr ein winziges Fenster, eher eine Luke, durch die das Licht einer spätnachmittäglichen Sonne fällt und ein Viereck auf den Boden zeichnet, in dem Staubpartikel schweben. Hier war sie schon einmal. Einen Moment lang ist sie geblendet und kneift die Augen zusammen. Es riecht nach Stoff, Staub und Lotus, und noch nach etwas anderem. Metall.

Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht sie den Greis von vorhin, der an einer altertümlichen Werkbank sitzt und an etwas arbeitet, hinten an der Wand lehnt das fragil anmutende Fahrrad. Wieder schenkt er ihr das vollkommen offene Lächeln eines Kindes, seine Augen zwei blankgeputzte dunkle Murmeln in einem dichten Netz aus Lachfältchen. Er winkt sie zu sich. Als er ihre Hand in seine kleinen, sehnigen Hände nimmt, spürt sie seine warme, trockene Haut, dunkel und mit einem bronzenen Schimmer. Sie sagen kein Wort. Er zeichnet mit einem kräftigen, dunklen Daumen die Linien ihrer Handfläche nach, dann spürt sie etwas Kühles, Glattes, und er schließt ihre Hand darum. Du mußt gehen, hört sie in ihrem Kopf, ganz leise, und sie weiß, daß es seine Stimme ist. Es war schön, dich zu sehen. Komm, wann immer du möchtest, vielleicht haben wir dann auch Zeit, um Tee zu trinken. Du wirst sehen, die Zeiten werden auch wieder anders. Er läßt ihre Hand los und nimmt ihr Gesicht in beide Hände, dann schiebt er sie sanft in einen schmalen Gang hinter einem weiteren Vorhang, und sie hört, wie die kleine Holztür oben geöffnet wird.

Marie öffnet die Hand, um zu sehen, was er ihr gegeben hat. Es ist so etwas wie ein Amulett, ein kleines, silbernes Gebilde an einem Lederband, eine Schlange vielleicht, oder ein Drache, oder die Sichel eines anorexischen Mondes, es ist zu dunkel, um es mit Sicherheit zu sagen. Sie steckt es in die Hosentasche und geht den Gang entlang, dann steht sie wieder auf dem Markt, tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben. Sie dreht sich um, doch da ist nichts, keine Mauer, keine Tür, kein Eingang zu einer Kammer mit Lehmboden. Sie ist nicht einmal überrascht, als sie eine Hand an ihrer Schulter spürt, nur ein bißchen traurig, weil sie noch nicht gehen mag und weiß, daß sie es doch muß.

Marie?
Sie öffnet die Augen. Dämmriges Licht, monochrome Schatten, ein Kuß, der zwischen ihren Schulterblättern landet.
Guten Morgen, Baby! Marie dreht sich auf den Rücken, streckt sich, lächelt ein bißchen, dreht den Kopf zur Seite, sieht in die Augen ihres Mannes, gibt ihm einen Kuß auf die Wange. Guten Morgen, Baby. Sie sucht die Wärme seiner Brust, schlingt ihre Arme um ihn, findet einen Rest von Schlaf hinter geschlossenen Lidern und steht dann gähnend auf, um ins Badezimmer zu gehen, während ihr Mann sich daran macht, Kaffee zu kochen. Unter dem warmen Regen der Dusche verdampfen die Überbleibsel der Nacht zu winzigen Tröpfchen, die von den gefliesten Wänden perlen und mit dem duftenden Seifenschaum im Abfluß verschwinden. Als Marie aus der Dusche steigt und sich die Haare frottiert, beschließt sie, an diesem Tag früher aus dem Büro und noch zum Friseur zu gehen. Später, nachdem sie sich mit einem Kuß von ihrem Mann verabschiedet hat, der eine halbe Stunde früher als sie aus dem Haus muß, setzt sie sich mit einer letzten Tasse Kaffee an den Küchentisch und notiert zwei Sätze in ihrem Notizbuch.

Träume: elektrische Entladungen im Cortex, nächtliche Gewitter in der rätselhaften Ursuppe des Unterbewußtseins.
und
Träume: Reisen im weiten Land zwischen den Ohren.

Über Nacht ist der strenge Jännerfrost einer märzhaften Milde gewichen, die den dünnen Schneebelag auf den Dächern in Wasser verwandelt hat, das die Gehwege wie von Regen glänzen läßt. Der Westwind treibt Wolkentürme vor sich her, als ginge es darum, den Himmel sauber zu kriegen, die Sonne scheint, sogar ein erster Vogel zwitschert. Als Marie auf ihre Straßenbahn wartet, öffnet sie den Reißverschluß ihrer für diesen Tag viel zu warmen Winterjacke und hält ihr Gesicht ein bißchen in die Sonne, bis die Straßenbahn heranruckelt. Sie setzt sich an einen freien Platz am Fenster und schaut hinaus, und wendet, als sich irgendwo in ihrem Augenwinkel etwas verfängt, das Gesicht. Eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt schräg hinter ihr und schaut sie unverwandt an, als wäre sie ein Geist. Marie öffnet den Mund wie zu einer Frage, dreht sich erstarrt wieder nach vorn, während sich ihre Hände um ihre Tasche krampfen und ihr Herz stolpert und sich rumpelnd wieder fängt. Was zum Teufel, flüstert sie erschrocken, und im selben Moment verbeißt sich Metall kreischend in Metall, der Wagen kommt mit einem wuchtigen Ruck wackelnd zum Stillstand, und vorn, aus dem Führerstand, hört man den Fahrer laut über einen abbiegenden Autofahrer schimpfen, der – wie so oft an dieser Stelle – die Straßenbahn übersehen und sie touchiert hat, und dann seine Stimme mit kaum unterdrücktem Zorn blechern aus den Lautsprechern, sehr geehrte Fahrgäste und längerer Aufenthalt und die Türen werden geöffnet und es kann dauern, bis die Fahrt wieder aufgenommen wird, und wenn Sie nicht so lange warten möchten, können Sie aussteigen und beachten Sie bitte, daß Sie sich auf keinem gesicherten Gehweg befinden und auf eigene Gefahr undsoweiter. Marie holt tief Luft, das hat sie noch gebraucht, sie wird zu spät kommen, und als sie sich umdreht und aufsteht, um auszusteigen, ist weit und breit keine schwarzhaarige Frau zu sehen.

Wahrscheinlich, kommt ihr Hirn zum Schluß, als sie zu Fuß zum Büro geht und irgendwie über ihren Schreck von vorhin lachen muß, kennt sie die Frau vom Sehen, daher ist sie auch als Statistin in ihren Träumen aufgetaucht. Sie ist ein bißchen böse über ihre eigene Blödheit, daß mir das nicht gleich bewußt geworden ist, denkt sie kopfschüttelnd, aber auf eine Art so erleichtert über diese wunderbar sinnvolle Eingebung, daß sie beim Bäcker einen Großeinkauf startet und mit zwei Papiertüten voller Mehlspeisen für die Kollegen schließlich an ihren Arbeitsplatz kommt.

Es ist nicht viel zu tun, daher macht sie wie geplant ruhigen Gewissens früher Schluß und schlendert durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt zu ihrem Friseur, ein Italiener mit fein ziseliertem Lächeln und formvollender Konversationskunst, der einen winzigen Salon betreibt und trotz seiner hohen Kunstfertigkeit, was Schnittechnik und Plaudern gleichermaßen betrifft, offenbar so wenig Kundschaft hat, daß Marie jedesmal einfach so zu ihm kommen kann, um sich bei einer Tasse Kaffee und Swing von Count Basie, Ella Fitzgerald und Konsorten die Haare schneiden zu lassen. Als sie die Tür öffnet, ist etwas anders als sonst, und in derselben Sekunde, als sie das denkt, wird ihr auch schon bewußt, was. Kein Swing. Kein Count Basie mit seinem Orchester, keine Ella Fitzgerald, dafür irgendwas mit Akkordeon, das an lang vergangene Dorfhochzeiten in der Pußta erinnert. Offenbar hat der Meister, der hinter dem Vorhang mit irgendwas zugange ist, einen noch viel interessanteren Geschmack als angenommen. Marie legt die Jacke ab und setzt sich auf den Stuhl, wie es hier Brauch ist, um zu warten. Mit halb geschlossenen Augen überläßt sie sich dem kleinen Ziehen hinter ihrem Brustbein, das die Musik in ihr auslöst, hört, daß irgendwo ein Wasserhahn tropft und eine Uhr tickt, nimmt den Duft von Sandelholz und Rosen wahr und spürt, wie ein heimeliges Gefühl sie einhüllt.

Endlich tritt Lorenzo hinter sie, jedenfalls glaubt sie das, denn als sie die Augen öffnet und ihn durch den Spiegel ansieht, um ihn zu begrüßen, steht ein Mann mittleren Alters, dunkle Haut, dunkles Haar, dunkle Augen, hinter ihr. Oh, entfährt es ihr, fast widerwillig, bestenfalls noch erstaunt, sie strafft die Schultern und drückt das Kreuz durch. Guten Tag… Ist Lorenzo… ich meine… haben Sie das Geschäft übernommen?
Der Mann schüttelt den Kopf und schaut ihr direkt in die Augen, bis sie den Blick abwenden muß.
Nein. Vater… Lorenzo ist länger verreist. Meine Schwester und ich vertreten ihn in der Zwischenzeit. Waschen, schneiden, trocknen?
Marie schluckt, die Gedanken irgendwie halb unter Wasser, in einem entfernten Winkel ihres Bewußtseins eine Spur von Unbehagen. Ja, sagt sie dann, weil es ihr plötzlich unmöglich erscheint, aufzustehen und ein anderes Mal wiederzukommen, als würde ein starker Arm sie auf diesem Stuhl festhalten, ja. Waschen, schneiden, trocknen. Wie immer, fügt sie sinnloser Weise dazu.
Der Mann nickt, legt Marie ein Handtuch über die Schultern, dann den Friseurumhang, löst den Hebel am Drehstuhl, fährt sie ans Waschbecken und legt ihren Kopf in die dafür vorgesehene Mulde, dann wäscht er ihr Haar und fragt dabei kein einziges Mal, ob das Wasser zu heiß oder zu kalt ist.

Marie gibt dem Sog der seltsamen Musik wieder nach und überläßt mit geschlossenen Augen ihren Kopf den Händen des Friseurs. Als sie die Augen wieder öffnet, ein wenig benommen von Sandelholz, Rose und Akkordeon, staunt sie – der Sohn steht dem Vater um nichts nach. Aus dem Spiegel schaut ihr so etwas wie ein ideales Ebenbild entgegen, nicht nur das Haar, auch Haut, Augen und Lippen gehören zu einer Frau, die sie gern jeden Tag wäre. Marie schaut verblüfft auf zu Lorenzos Sohn, der sein Werk ebenfalls im Spiegel mustert, Umhang und Handtuch von ihren Schultern nimmt und mit einem dicken, weichen Pinsel ihren Nacken von möglicherweise dort verbliebenen Härchen befreit. Was bin ich schuldig, hört sie sich mit leiser Stimme fragen, und erntet ein leises Lächeln. Geschenk des Hauses, für Sie als Stammkundin. Marie öffnet den Mund zum Protest und greift zu ihrer Tasche, doch er schüttelt energisch den Kopf. Kommen Sie bald wieder, sagt er, als er ihr, ganz der Vater, in die Jacke hilft und ihr die Tür öffnet, und dann drückt er ihr einen Umschlag in die Hand. Mir scheint, das haben Sie beim letzten Mal hier vergessen. Was…? hebt sie an. Er hält ihr Handgelenk kurz fest und flüstert nah an ihrem Ohr: Es kommen auch wieder andere Zeiten, Marie. Dann bugsiert er sie sanft durch die Tür, die hinter ihr ins Schloß fällt. Als sie sich verdutzt umdreht, hängt ein großes Schild daran, kein Licht brennt hinter dem Glas, der Laden ist vollkommen verlassen. Geschlossen. Zitternd öffnet Marie das Kuvert, darin das silberne Amulett und ein Zettel, auf dem in kleiner, steiler Schrift geschrieben steht:

Marie,

die Antwort kommt vielleicht im Schlaf, die kleinen Dinge aber kommen nicht immer zurück zu uns, wenn wir sie verlieren. Geben Sie gut acht.

Auf bald,
Lorenzo

[Fortsetzung folgt]

Unbetitelbar und doch gebloggt.

Origin of Symmetry. Muse bauen sowas wie eine Lärmschutzwand aus jahrmarktversponnenen Klängen und krachenden Musikstampeden zwischen mich und den Straßenlärm, in der Stadt muß ich immer Musik hören, wenn ich allein sein will. Dann sitze ich oft in meiner Schaltzentrale, lasse meinen Körper vom Autopiloten gesteuert durch die Straßen gehen und arrangiere alles, was ich sehe, zu Videos. Lasse alte Damen wie elegante Zitterrochen durch eine Unterwasserwelt segeln und mit gezierten Bewegungen in gemächlich heranschwimmenden Niederflurwalen verschwinden. Stelle mir vor, wie das wäre, wenn alle Leute auf der Straße plötzlich zu tanzen beginnen würden, zu der Musik, die ich höre, sortiere die Autos nach Farben, bis sie hübsche Muster ergeben auf dem Gürtel, lasse Radfahrer und Straßenbahnen rückwärts fahren, wiederhole die Sequenz des Spaziergängers mit dem schwarzen Welpen in der Endlosschleife und friere die Frau mit dem Kind zu einem anmutigen Standbild ein.

Heute lasse ich alles so, wie es ist. Gehe mit schlenkernden Armen einfach vor mich hin, der Gehsteig vergoldet von der Sonne, die im Westen wie eine pralle kosmische Orange in den Abend rollt, rieche die würzige Septemberluft und lache ein Kastanienauge an, das sein stacheliges Lid halb geöffnet hat und mich freundlich anzwinkert. Muse schmecken in meinen Ohren wie der Geruch von Karamel und Spätherbst und galoppieren wie eine Herde grinsender Karussellpferdchen, die sich losgerissen haben, durch mein Hirn, verfolgt von einem händeringenden Zirkusorgelspieler mit verschämtem Bierbauch, kichernden Stelzengehern und aberwitzigem Zirkuspersonal. Ich muß an Bradbury denken und seinen wahnsinnigen Jahrmarkt, an Spiegelkabinette, die Staubhexe und den Illustrierten Mann. Er hätte Muse gemocht, der alte Ray, da bin ich mir sicher.

Die Luft ist so klar, wie sie es nur im Herbst sein kann, der Regen der vergangenen Tage hat den letzten Rest des Sommers weggewaschen, aber dort, wo sich sonst ein kleiner Muskel hinter meinem Brustkorb zusammenzieht wie eine Weinbergschnecke, die sich vor einer neugierigen Kinderhand nach Hause rettet, dort wo sonst angesichts des Herbstes in meinem Hirn eine ungünstige Kettenreaktion startet, die darauf hinausläuft, daß ich dem Sommer nachweine wie einem guten Freund und in eine sentimentale Phase kippe; dort, wo sonst beim ersten Akkord der späten Jahreszeit ein ganzes Streichorchester mit seinem Repertoire unangenehm grundlos trauriger Stücke aufwartet, kann ich heute nichts ausmachen, das mich auch nur in die Nähe einer larmoyanten Stimmung bringen würde.

Es ist Herbst, und ich habe, was ein Novum ist, nichts daran auszusetzen. Ich gehe durch die Straßen, die Orange ist schon fast vom Himmel gekippt und versprüht ihren Saft auf Dächer und Fassaden, ich sehe Licht in manchen Wohnungen, verwandle meine Augen in Kameras, die Bilder einfangen und aneinanderreihen zu einem Film, der von Leben erzählt, das leben will inmitten von Leben. Entkopple die Welt von der Zeit, halte sie in diesem Zustand, friedlich, schimmernd, zoome über die Dächer, das Land, den Kontinent, sehe den Planeten wie ein blaues Kleinod auf schwarzer Seide, lasse das Sonnensystem hinter mir, die Galaxie, bestaune das Universum und alles, was darin ist, drehe Pirouetten und atme Zeit, ehe ich umkehre und der Welt einen sanften Stups mit der Nase gebe, sodaß sie wieder an Fahrt gewinnt, und dann lasse ich mich zurückfallen, schwebe langsam wie ein rotes Blatt aus dem Himmel und stehe auf dem Gehsteig, als Mutter Erde ihre Reisegeschwindigkeit wieder erreicht hat.

Ein weiteres Kastanienauge schaut mich an. Ich bücke mich und stecke es in meine Hosentasche. Dann starte ich die CD erneut, link it to the world, link it to yourself, schwinge mich auf ein Karussellpferdchen und mache mich fröhlich auf den Weg nach Hause.

Freitagstexter!

Meine Damen und Herren,

es ist mir eine ausgesprochen extraordinär riesengroße Freude und Ehre, Ihnen an dieser Stelle den – quasi legendenbildenden – Freitagstexter präsentieren zu dürfen, den ich jüngst hier gewonnen (und zum ersten Mal nach Wien geholt?) habe.

Die Mission: Texten Sie eine geniale Bildüber- oder unterschrift, hinterlassen Sie den knackigsten Kommentar, die treffendste Headline, die lässigste Meldung… zu folgendem (Ehrensache! Eigenbau-) Bild:

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[zum Vergrößern bitte Bild klicken!]

Am kommenden Mittwoch werde ich dann – nach eigenem Ermessen und so – den Gewinner bekanntgeben, der somit seinerseits den nächsten Freitagstexter ausrichtet. Das sind die Regeln.
Hauen Sie rein!

Lorem ipsum

… und das ist auch ein schöner Gedanke, irgendwie, so ein Buch als Energiequelle, an die du nur lange genug angeschlossen sein mußt, um wieder geschmeidig zu funktionieren. Später werden wir einmal eine Wohnung haben mit Balkon und Badewanne, und auf dem Balkon werde ich Paradeiser züchten und jede Menge Blühzeugs und ein Zitronenbäumchen, und in der ersten Nacht, die wir in der neuen Wohnung verbringen, kommt es nicht auf unsere Träume an, sondern darauf, daß wir gemeinsam eine Zitrone essen und die Kerne in duftender schwarzer Erde verbuddeln, damit sie wachsen und irgendwann lauter kleine Sonnen hervorbringen können, Balkonzitronensonnen. Heute habe ich gelesen, daß die Erde doch um ein paar Millimeter kleiner ist als angenommen. Ja sagdumir! Hoffentlich wirkt sich das jetzt nicht auf die Mietpreise aus! Und was, wenn die rausfinden, daß in dem schwarzen Loch am Mars ein Riesenregenwurm wohnt? Werden die den dann fangen wollen? … ich kenne die Antwort. Was wird Greenpeace unternehmen? Ein Schlauchboot vor die ISS parken? Jedenfalls könnte ich mir dann schon denken, welches Bild beim World Press Photo Award gewinnt. Das wäre doch hübsch. Ein Schlauchboot mit ein paar Raumfahrern drin, die ISS und im Hintergrund ein etwas kleiner als angenommener blauer Planet… Und kennst du eigentlich jemanden, der nicht auf die Müller-Lyersche Täuschung hereinfällt? Oder auf Anhieb Alpenostrand richtig liest? Und was ist dein Lieblingspalindrom? Das (politisch heute eher unkorrekte aber ansonsten absolut astreine) EIN NEGER MIT GAZELLE ZAGT IM REGEN NIE oder das ungleich charmantere MADAM, I’M ADAM? (man beachte den Beistrich!). Nein? Was richtig Exotisches? Worüber ich ja auch manchmal nachdenke: die Bücher, die niemals gedruckt, die Songs, die nie veröffentlicht wurden, weil jemand in seinem stilvollen Büro entschieden hat, daß sie nicht erfolgreich sein werden. Oder aus meiner Rotwangenschildkröte, Kassiopeia hieß die, und sie schnappte bisweilen nach Fremden, die sich in einer lauen Sommernacht mir nix dir nix unter dem – nach allen Regeln der Kunst 20 cm im Erdreich versenkten – engmaschigen Zaun hindurchgegraben hat wie ein etwas unförmiger Häftling mit einem Übermaß an Freiheitsdrang. Oder können Schildkröten doch fliegen, über eine zu klein geratene Welt? Und warum schlafen Pferde eigentlich im Stehen? Und wie viele Pferde hat man verbraucht, damals, zur glorreichen Zeit der Historienschinken und Western? Und warum habe ich eigentlich, obwohl ich an mir keine besondere Affinität zu Pferden feststellen kann, noch nie in meinem Leben Pferdeleberkäse gegessen, und das in einer Stadt, wo er durchaus omnipräsent ist? Und warum druckt man lachende Schweine auf Speisekarten? Und würdest du mir glauben, daß ich eine Metzgerei kenne, die Stierschneider heißt? Und warum ist Orion mein Lieblingssternbild, obwohl man ihn nur im Winterhalbjahr sieht und ich den Sommer der kalten Jahreszeit bei weitem vorziehe? Und ist es eigentlich noch Zufall zu nennen, daß wir beide immer am selben Wochentag Geburtstag haben, hatten und haben werden? Und was war noch einmal schnell die Begründung? Ach, laß. Manche Dinge braucht man nicht zu verstehen, und über Musik zu schreiben ist… wie zu Architektur zu tanzen. Der Himmel ist manchmal sehr blau, und das ist einfach gut so. Manchmal ist einfach keiner da, der wissen will, warum. Das nennt man dann wohl Glück. Glücksschwein, ein gelbes Glücksschwein, ein Sonnenschwein, das dich anlacht. Viel Glück!

Buchstabenwiederauffüllungskur

Nicht viel zu lesen hier, die Tage, gell?
Ist aber auch kein Wunder. Befinde ich mich doch auf Buchstabenwiederauffüllungskur im Land zwischen den Ohren. Ich lese. Staune. Speichere, juchze, stolpere und renne vorwärts in Landschaften, die ein anderer erdacht hat, schlendere durch Gedankengebäudekomplexe, entworfen von kundigen Wortarchitekten, lasse meine Seele fliegen und mein Hirn spazierengehen, während meine Augen sich wie zwei Hightech-Scanner an den Seiten festsaugen und der Körper entspannt auf der Couch ruht.

… Ich könnte jetzt erzählen, daß das letzte Buch, das ich ausgelesen habe (heute in der Nacht) von Juli Zeh ist, Adler und Engel heißt und zum Bemerkenswertesten gehört, das ich in den letzten Jahren zwischen die Finger bekam; daß ich es jetzt zum zweiten Mal seit zwei Jahren gelesen habe, in einem langen, gierigen Zug, und mich wieder bereitwillig mitreißen ließ von diesem Sog, den die darin beschriebene geisteskranke Höllenglut eines vor Hitze kollabierenden Wiens als bizarre Kulisse für eine so abgedrehte Geschichte, wie man sie eigentlich gar nicht erfinden kann, ausübt; daß es mich wieder atemlos gemacht hat, dieses langsame Zusammenbrechen aller Normalität, dieses langsame Verrecken der Hauptfiguren, die Geschichte, die an ihren Rändern ausfranst und dann in sich zusammenstürzt, um wie eine Nova zu explodieren und zu leuchten. Daß ich am liebsten jedem Menschen, den ich mag, dieses Buch in die Hand drücken und schreien möchte: Lies das, verdammt noch mal, und daß man genau das nicht darf, weil schon zu viele “muß man gelesen haben”-Listen von gut- oder schlechtmeinenden Deutschlehrern zuviele kleine Menschen ins Nichtlesen gestoßen und für immer aus dem Paradies, das man nur zwischen zwei Buchdeckeln finden kann, getrieben haben; auch wenn man einsam ist mit seiner Begeisterung und es so traurig ist, sich allein zu freuen.

… Ich könnte erzählen, daß ich mich eingedeckt habe mit frischem Stoff – Genazino, Die Liebesblödigkeit; Terezia Mora, Alle Tage; und noch einmal die Zeh, Die Stille ist ein Geräusch, alles Bücher, die ich schon länger lesen möchte. Und ich könnte erzählen, daß allein angesichts der Vorfreude darauf der Schreibmuskel wollüstig zuckt, die Nervenenden vor Aufregung vibrieren und ich am liebsten alles gleichzeitig tun würde: lesen, schreiben, fotografieren, singen, tanzen, auf einem Bein hüpfen. Daß die Kur also wirkt, verläßlich wie immer.

Ich… wo war ich stehengeblieben? Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja. Daß es hier nicht viel zu lesen gibt dieser Tage. Wobei… um das zu sagen, sind jetzt ja doch ein paar Buchstaben zusammengekommen. Szenenapplaus. Alle ab.

Schwere See, mein Herz

Ich schau dich an, die Erde rollt vorbei wie eine wundersame Murmel, versunken in einem selbstvergessenen Spiel. In deinen Augen, Miniplaneten in einem Universum aus klarstem Weiß, sehe ich, was ich selbst die ganze Zeit über fühle, und mein Herz stolpert, fängt sich unsicher, erinnert sich seiner Pflicht und schlägt schnell und schwer, pumpt einen unerklärlichen Schmerz durch meine Adern, ein dunkelroter Paukenschlag. Ich habe Angst, flüsterst du, und ich würde dich gern trösten, aber als deine Augen sich verschatten und das Planetenblau darin verschwimmt, werde ich selbst zur Schwimmerin auf dem aufgewühlten Meer dieser milden Nacht. Irgendwo höre ich eine Grille zirpen, eine Autotür schlägt zu, jemand lacht. Die Stadt rauscht herauf und brandet gegen die Fenster, wir liegen auf dem Leintuchstrand, zwei verlorene Primaten kurz vor dem Rausschmiß aus dem Paradies, ich halte dich oder mich an dir fest, meine Nase an deiner Wange, ich möchte tapfer sein, aber mir ist bang, und endlich verliere auch ich den Kampf gegen die Flut. Wir lassen uns nicht los, als die Welle kommt und uns unter Wasser zieht, Mund an Mund sinken wir tiefer und tiefer in einen mächtigen Strudel, der salzig ist und warm, und, als wir uns darin ergeben, plötzlich nicht mehr schrecklich, sondern tröstlich und sanft.

Irgendwann später tauchen wir auf, weiße Taschentuchvögel landen mit raschelndem Flügelschlag auf dem Boden. Ich koche, obwohl der Zeiger der Uhr auf Mitternacht zusteuert, Kaffee, dessen würziger Duft nach Daheimsein die winzige Wohnung erfüllt, in der wir wie in einer Nußschale durch die Nacht segeln, und als wir uns über den Rand unserer Tassen anschauen, lachen wir uns an, und das Licht dieses Lachens wird uns sicher ankommen lassen.

Wenn uns die Gnade zuteil wird, Wurzeln schlagen zu dürfen, muß uns bewußt sein, daß es von mal zu mal schwerer wird, Abschied zu nehmen, auch wenn der nur auf Zeit ist.
Ein Preis, den wir beide gern zu zahlen bereit sind. Weil wir wissen, daß wir einen mächtigen Verbündeten haben: Chronos.

“Wenn Sehnsucht Leid hervorbringt, so mag das daran liegen, daß wir nicht weise sehnen oder daß wir ungeschickt darin sind, das zu erlangen, wonach wir uns sehnen. Warum sollten wir nicht, anstatt unsere Köpfe in Gebetsmänteln zu verbergen und Mauern gegen die Versuchung zu errichten, lieber daran gehen, Sehnsüchte zu erfüllen? Die Erlösung ist für die Schwachen, das ist meine Meinung. Ich will keine Erlösung, ich will das Leben, das ganze Leben, das elende ebenso wie das wunderbare. Wenn die Götter Begeisterung besteuern würden, wäre ich bereit zu zahlen; aber ich werde bei jeder Gelegenheit gegen ihre Steuern Einspruch erheben, und wenn Wodan oder Schiwa oder Buddha oder dieser Christentyp – ich komm jetzt nicht auf seinen Namen – das nicht respektieren, dann werde ich ihren Zorn auf mich nehmen. Zumindest werde ich von dem Bankett gekostet haben, das sie auf diesem reichen, runden Planeten vor mir auftischen, anstatt mich zu verkriechen wie ein zahnloses Kaninchen. Ich kann nicht glauben, daß die köstlichsten Dinge lediglich da sind, um uns zu prüfen, um uns in Versuchung zu führen, um es uns nur noch schwerer zu machen, den Großen Preis zu gewinnen: die Sicherheit des Nichts. Das Leben zu einem derart armseligen Spiel zu machen, ist weder der Menschen noch der Götter würdig.”*

(*Tom Robbins: Pan Aroma)

fiebrig

Mit den Bienen hatte es angefangen.
Sie waren gestorben, beziehungsweise nahm man das an, denn in Wahrheit waren sie einfach verschwunden, im ersten Drittel des Jahres 200-. Ganze Völker waren fort, die USA hatte es ganz besonders schlimm erwischt, aber auch in manchen Regionen Europas blieben viele Stöcke leer. Man konnte bei den wenigen kleinen Leichen, die man fand, kein Virus, keine Krankheit, kein Gift feststellen. Ihr Immunsystem war zusammengebrochen, das war alles, was man registrieren konnte. Man fand keine Erklärung und nannte es das rätselhafte Bienensterben.

Es war Frühsommer, und es war, wie auch schon im Jahr zuvor, für diese Breiten ungewöhnlich heiß. In den vergangenen vier Wochen hatte es zwei schwere Unwetter gegeben, die beträchtlichen Schaden in der Stadt angerichtet und in den Außenbezirken hundertjährige Bäume gefällt hatten, aber es regierte die Dürre. Das Erscheinungsbild der Stadt hatte sich in nur kurzer Zeit gewandelt, nachdem man das Wasser rationiert und das Bewässern von Pflanzen strikt untersagt hatte. Eine Bürgerwehr wurde gegründet, deren Mitglieder sich zu ungefähr gleichen Teilen aus rechten Schlägern und Mitgliedern von Global 2000 und Greenpeace rekrutierten, Tausende patrouillierten Nacht für Nacht durch die Stadt. Sie waren bewaffnet, und es gab zunehmend Meldungen von schwerverletzten Schrebergartenbesitzern, die das neue Umweltschutzgesetz übertreten hatten, weil sie versuchten, ihre illegalen Gärten am Leben zu erhalten, wo sie meist Gemüse und Obst zogen.

Obst und Gemüse war zum kaum bezahlbaren Luxusgut geworden, auch Milchprodukte waren kaum mehr erschwinglich. Nur Fleisch war billig, weil kaum ein Milchbauer es sich leisten konnte, seine Rinder am Leben zu belassen, sobald die Futterbestände erschöpft waren. Wiesen gab es nicht mehr, nur mehr Steppe, landauf, landab. Die Leute kochten Rindsuppe, die nicht so richtig schmecken wollte. Ein weltumspannender Lebensmittelkonzern, dessen Aktien so richtig gut standen, hatte sich ein neues Futtermittel patentieren lassen, dessen Hauptbestandteile angeblich Holzfasern waren, ein junger Journalist hatte aber recherchiert, daß es sich dabei vielmehr fast hundertprozentig um die Endprodukte der Tierkörperentsorgungsbetriebe handelte, versetzt mit künstlichen Vitaminen und Hormonen. Er hatte den Prozeß wegen Verleumdung, den der Konzern gegen ihn anstrengte, verloren und war kurze Zeit später tot in seiner Zelle aufgefunden worden, die Pulsadern mehr zerfetzt als aufgeschnitten, weil er eine Glasscherbe benutzt hatte. Aber es interessierte sich ohnehin kaum jemand für Nachrichten in diesem Sommer, dazu war es einfach zu heiß. Es wurde massenweise gestorben, wer nicht jung und kräftig war, erlag der drückenden Hitze. Der Rest schleppte sich durch das Delirium dieses Sommers, und viele feierten nachts verzweifelt-schwitzige Partys in ausgetrockneten Flußbetten. Die Ladenöffnungszeiten, über die man so lange gestritten hatte, wurden blitzartig liberalisiert. Supermärkte hatten nun bis Mitternacht und darüber hinaus geöffnet, in Büros wurde von 3 bis 10 oder ab 16 Uhr gearbeitet. Mittags glich die Stadt einer vergessenen Filmkulisse. Manchmal schleppten sich Verrückte oder Lebensmüde durch die Straßen und verloren ihre Schuhe an die glühendheiße Melasse des Asphalts, der sich alles einverleibte, was nicht niet- und nagelfest war. Die Straßen glichen einem seltsamen Kunstwerk. Getränkedosen, Zeitungen, Schuhe und Müll ragten nachts wie eingefroren aus dem Straßenbelag, bevor er anderntags wieder schmolz und neue Dinge schluckte. Es sah fast hübsch aus.

Dann erwischte es die Blondinen. Die Praxen der Dermatologen füllten sich und mußten bald einem so derart heftigen Ansturm standhalten, daß man leichte Fälle gar nicht erst einließ, wobei die leichten Fälle schon schlimm genug waren. Hellhäutige Menschen mit schweren Brandwunden saßen mit schmerzverzerrten Gesichtern vor ratlosen Ärzten, fast alle wurden blind, weil ihre Hornhaut verbrannt war. Die Wissenschafter konnten sich erneut nicht erklären, was geschehen war, und bald waren selbst dunkelhäutige Menschen betroffen. Die Regierung rief den Notstand aus und verhängte eine Ausgangssperre von 10 bis 18 Uhr. Die Bevölkerung wurde dazu angehalten, auch frühmorgens und abends Sonnenschutzprodukte mit Lichtschutzfaktor 50 zu verwenden. Die Menschen glichen seltsamen Mumien mit dunklen Sonnenbrillen, wie sie durch die ausgetrockneten Häuserschluchten schlichen. Ein weltumspannender Konzern hatte weitere Produkte patentieren lassen. Unter anderem eine Art Knäckebrot aus Holzfasern, Sonnenschutz (LSF 70) und Sonnenbrillen. Die privilegierten Mitarbeiter in ihren klimatisierten Räumen tranken Kaffee und hielten Meetings ab.

Und dann, irgendwann, kamen die Wolken. Fette, schwarze Wolken, die sich vor die unbarmherzige Sonne schoben, die mehr als fünf Wochen vom Himmel gebrannt hatte. Es waren fettere, schwärze und virulentere Wolken, als die Menschheit je gesehen hatte. Die Leute rannten ins Freie. Ein Wind kam auf, lauter und schwerer als alles, was sie je gehört und gefühlt hatten. Als die ersten Tropfen fielen, reckten die meisten die Arme in den Himmel. Als sie die Tropfen auf ihren weißverschmierten Extremitäten fühlten, jubilierten sie. Aber nur kurz. Denn der Regen war glühend heiß und zäh und rot. Verdutzt sahen sie aus, als sie zu surrealen Gebilden schmolzen. Und die Sonne lachte mit einem tiefen, fiebrigen Brummen. Die Bienen waren erst der Anfang gewesen.

Voodoo

Es hat irgendwie ziemlich oft geregnet in diesem unnatürlich warmen Frühjahr im letzten Jahr des vorigen Jahrtausends.

Die Blätter schmatzten vor Nässe, sie waren prall und fett und grün. Was immer mich berührte, es verzauberte mich. In diesem Frühjahr ist Voodoo passiert, und du warst der Priester.

Du hast mit deinem Charisma viele ins Verderben gerissen. Sie verwechselten die Glut deiner Existenz mit unerklärlichem Charme. Wer immer dir zu nahe kam, starb den süßen Tod. Mich hast du zu deiner besten Schülerin erzogen und mir schließlich die Meisterprüfung abgenommen, als ich soweit war. Als eifriger Lehrling bin ich zu dir gekommen, oder vielmehr: du zu mir – als unerbittlicher Lehrmeister. Solche wie du werden nicht gefunden. Sie finden. Als ich dich das erste Mal sah, war ich nichts anderes als eines dieser Hühnchen, denen du am Höhepunkt der Feierlichkeiten ohne viel Federlesen die Kehle geschnitten hast, das war Usus, und das Publikum tobte. Es war ein unnatürlich warmer Tag Anfang April, ich saß in der Sonne und schaute dich neugierig und unbedarft an, meine Augen geschützt von einer dummen Sonnenbrille. Ich nahm sie ab und wagte mich ohne nachzudenken in die glühend grüne Eishölle deiner Augen. Im selben Augenblick hast du seltsamerweise etwas in mir erkannt, das mich abhob vom übrigen Federvieh. Und hast mich einfach mitgenommen. Ich war dir vom ersten Augenblick an verfallen, ich hielt es für Liebe, und ich verfiel. Rapide. Wie man halt so verfällt in einem Bootcamp. Ohne es geahnt zu haben, war ich im härtesten aller denkbaren Überlebenstrainings gelandet. Ich hielt es ganz kurz für Liebe, während ein unnatürlich warmer, weicher Regen die alten Bäume verrückt machte und dutzende Nächte ins sanfte Morgengrau zerflossen, erhellt von einer Kerze, beschallt von den Schreien der Amseln. Ich hielt das damals für die glücklichste Zeit meines Lebens.

Liebe. Deine strenge Präsenz hat nichts dergleichen geduldet. Du hast mich lächelnd mit einem Wink deiner Hand in den Staub befördert, wo ich mich in Agonie wand, weil ich nicht verstand, noch nicht, – du hast mich wie ein Streichholz gebrochen und mich lapidar wieder hochgezogen, mich hochgepeitscht, um die Übung fortzusetzen, mich verarztet, zusammengeflickt, mitten in der Nacht geweckt, um Unsinn zu machen. Showtime. Alles hatte Sinn. Es wurde Sommer. Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Es wurde wieder Frühling und wieder Sommer. Wir waren uns manchmal so nahe, daß kein Blatt noch so dünnes Papier dazwischengepaßt hätte.
Ich lernte. Und ich war eine gute Schülerin.

Mein Körper, mein Geist, meine Seele. Alles war irgendwann geschunden und erschöpft. Irgendwann fraß ich dir tatsächlich aus der Hand und war dankbar für jede Regung, jeden ausbleibenden Schmerz, alles. Sensorische Deprivation, das war es, wonach ich mich sehnte. Du hattest meinen Willen gebrochen, und dann hast du mich wortlos um meine eigene Achse gedreht und mir das weiße Rauschen gezeigt, und ich fand ihn tatsächlich. Den Frieden hinter der Leidenschaft.

Als ich wieder zu mir kam, muß es wohl Herbst gewesen sein. Ein Herbst vor vielen Jahren. Ich schnürte meine Siebensachen und ging. Größer als zuvor. Ruhig, vollkommen ruhig. Ich hatte meine Prüfung absolviert, seit dieser Zeit bin ich wie du.

Heute reden wir auf Augenhöhe.
Wenn wir uns heute sehen, reden wir nicht von diesem verrückten Frühling oder von den Dingen, die in all den Monaten und Jahren danach passierten. Wir sind vom selben Planeten, du und ich, und da ist etwas wie ironische Distanz, die uns vor den Höllenfeuern dieser Zeit rettet, uns aber immer zusammenzieht zu sowas wie Geschwistern. Ich merke, wie du wieder unruhig wirst, weil etwas in dir nach einem neuen Schüler sucht. Und ich lache leise in mein Bier, und wenn ich zum letzten Bus der Nacht schlendere und den süßen Duft der Frühlingsnacht rieche, denke ich manchmal an diesen verrückten und viel zu warmen Frühling des letzten Jahrtausends. Eine Zeit, die ich lang für die glücklichste meines Lebens hielt.

Heute bin ich klüger. Und halte dir die Daumen.
Bruder.
Und ich sage das nicht ohne Stolz.

[Soundtrack: Jill Scott|Love Rain (live)]

Schneewittchen in Märchenhaft

Mein Haar ist schwarz wie Schnee in der Umgebung einer kürzlich ausgebrannten Chemiefabrik. Meine Haut ist fahl wie frisch gewonnenes Elfenbein. Mein Mund ist rot wie Blut, das metallisch schmeckt. Rot ist keine Farbe. Rot ist ein Gefühl, das interessanteste, das ich kenne. Und das mächtigste.

Lustig. Ich bin nicht lustig. Ich bin die meiste Zeit über nicht lustig, aber manchmal mache ich mich so, ich mache mich lustig, über meine Existenz, weil ich übermütig werde, wenn die Märchenhaft in der Gehirnzelle zu lange dauert und mein Geist sich Luftballons aufbläst, einen nach dem anderen, um abzuheben und über den Dingen zu stehen. Dringend gebrauchte Vogelperspektive für einen Frosch, der in seinem gläsernen Sarg verrottet, ungeküßt, Sie verstehen?

Die Zwerge. Ich hab sie alle um die Ecke gebracht, das steht zwar so nicht im Märchenbuch, aber glauben Sie mir nur. Weil die mich genervt haben in ihrer zaghaften Kleinkariertheit. Die waren so borniert, das glauben Sie nicht. Hinterwäldler. Brett vorm Hirn. Da, wo der Horizont sein sollte, nur vernagelt. Schlapp und weich und blaß von dahinplätschernden Tagen. Ich hab ihnen einen Gefallen getan, als ich sie erschlug. Die waren sowieo schon leer, ausgebrannt, klein. Der Prinz? Ist kein Thema, ist längst mit Gretel durchgebrannt, vermutlich sind die schon wieder geschieden, und hat Hänsel in der Obhut der Hexe gelassen, muß die beiden mal besuchen im Knusperhäuschen, denen geht es, was ich so weiß, echt gut. Und die Sache mit dem vergifteten Apfel, die hat gar nicht die Schwiegermutter ausgeheckt, sondern dieses Miststück Rotkäppchen, das eifersüchtig war, weil ich mit dem Wolf durchgebrannt bin, damals.

Rapunzel, gute Freundin von mir, aber leider allzu blond, laboriert an ganz seltsamen Problemen. Immer nur Streß mit dem Lover. Der Typ steht tagelang vor der Tür und ergeht sich in leidenschaftlichen Liebesbekundungen, anstatt die Türe einzutreten. Hab ihr zu einer flotten Kurzhaarfrisur geraten und ihr eine Kiste Luftballons geschickt. Hoffe, bald wieder einmal eine SMS von ihr zu kriegen.

Der Silberrücken und ich. Und der dunkle Wald. Wissen Sie, wir waren schon ein ziemlich gutes Paar. Er hat mich – nicht gerade sanft – im Nacken gepackt und keine Widerrede geduldet. Sich in mich verbissen und mich spielend davongezerrt ins Fremde, um mich dort lachend sitzenzulassen, mitten im Absurden. War schon eine wilde Nummer. Eigentlich träume ich immer noch und schon wieder von ihm, in meinem gläsernen Sarg, die sieben Zwerge längst gekillt, das putzige kleine Tal leblos, der Sarg eine verdammt enge und langweilige Angelegenheit. Er hat sogar einen Namen, der Wolf. Er heißt Freiheit.

Ich mache mir so meine Gedanken, die durch Hirnwindungen hetzen, immer auf der Jagd nach Frischfleisch, wie Bluthunde, bis mein ausgehungerter Geist sich endlich aufschwingt und die Luftballons aufbläst. Fliederatem. Jasminatem.
Ich mache mich lustig. Ich mache mich leicht. Ich fliege auf und davon wie der fliegende Robert mit seinem innovativen Schirm und laß mich gehen, einfach so. Vanitas, jaja. Morgen ist morgen, und Gestern ist sowieso gewesen. Für mich zählt die Gegenwart. Wenn Sie heute einen kleinen schwarzen Fleck sehen, der am Mond vorbeidefiliert, dann bin das ich. Märchenhaft. Es ist wirklich märchenhaft. Es ist jetzt. Und was kümmert es mich, was gestern war oder morgen ist?

Nichts.
Mein Haar ist schwarz wie Schnee in der Umgebung einer kürzlich ausgebrannten Chemiefabrik. Meine Haut ist fahl wie frisch gewonnenes Elfenbein. Mein Mund ist rot wie Blut, das metallisch schmeckt. Rot ist keine Farbe. Rot ist ein Gefühl, das interessanteste, das ich kenne. Und das mächtigste.
Ich sehe, fühle, schmecke, höre einen roten Himmel. Der ist mächtig. Und wartet auf mich und nimmt mich auf. Rot und schön und wölfisch.

Schlagen Sie das Buch zu und gehen Sie schlafen. Es ist spät. Zu spät für Märchen. Viel zu spät.