Es gibt einige Menschentypen auf diesem reichen, runden Planeten, die mir schwerst auf den Senkel gehen.
Dazu gehören unter anderem Leute, die sich an der Supermarktkasse nach dem Bezahlvorgang stirnrunzelnd und mit kleinen, verkniffenen Lippenbewegungen ihre Rechnung durchlesen, um dann, mit dem hehren Gesichtsausdruck rechtschaffener Entrüstung den armen Menschen, der hinter der Kassa sitzt, anzukeifen, weil der scheinbar einen Preisnachlaß von 21 Cent nicht gewährt hat - und zum Gaudium der (direkt proportional zur so entstehenden Wartezeit wachsenden) Supermarktkassenwarteschlange nach einigen Minuten noch immer nicht einsehen, daß sie nicht recht haben, erfolgreich die Einschaltung der Filialleitung fordern und schließlich laut schimpfend das Geschäft verlassen.
Man kennt das ja.
In meinen kühnsten Horrorvorstellungen hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich es einmal sein würde, den die Teilnehmer der wachsenden Supermarktkassenwarteschlange am liebsten in kleine Stückchen zerfetzen würden, aber heute war es schließlich soweit.
Ich war also einkaufen. Bißchen Obst, bißchen Brot, bißchen Käse, bißchen Gemüse, ein Bürstl für die Zähne, ein Päckchen Pistazien, Taschentücher, Grapefruitsaft, Joghurt, Milch.
Über die Rechnung von 29 Euro irgendwas war ich dann zwar aufs erste etwas erstaunt, bezahlte aber, weil ich mir meiner Dyskalkulie sehr bewußt bin und überhaupt immer erst mir selber die Schuld gebe an sowas.
Trotzdem nahm ich den Kassenbon an mich, den ich sonst immer liegenlasse.
Und schlich in der Folge gesenkten Hauptes zurück zu meiner Lieblingskassierin, die ich unlängst in der geduldigen Auseinandersetzung mit einem besonders widerwärtigen Döblinger Drachen unterstützte, indem ich ihr meine Telefonnummer hinterließ, falls sie angesichts eventueller Troubles mit der Regionalleitung eine Zeugin benötigen würde.
Die Leute in der langen Schlange musterten mich verhalten.
“Bitte vielmals um Entschuldigung, Frau x”, flüsterte ich kleinlaut und sehr verschämt auf einen Posten hinweisend, “aber ich glaube, da kann etwas nicht ganz stimmen. Zwar bin ich von der hohen Qualität Ihrer Backwaren überzeugt und mir völlig bewußt, daß die Lebenserhaltungskosten in diesem Land nicht gerade dazu tendieren, laufend niedriger zu werden, doch scheint mir der Preis von 33 Euro irgendwas - wiewohl Sie mir in der Zeile weiter unten einen sensationellen Nachlaß von 16 Euro irgendwas gewähren - für zwei Kornspitze ein wenig hoch.”
Frau x., eine prächtige, resolute Weibsperson mit einigem Körperumfang und einem schönen, volltönenden Organ, antwortete in breitem Wienerisch: “Na, hearn’S! Des werd’n ma sich gleich anschaun, wenn i mit dem Herrn do fertig bin.”
Einzelne Köpfe in der langen Schlange reckten sich bereits, und ich vermeinte ein paar helle Blitze neben mir einschlagen zu sehen, die aus wütenden Augenpaaren auf mich geschleudert wurden.
Was mich dazu veranlaßte, mich vorsichtshalber hinter meinem Einkaufswagen zu verschanzen, während sie mit dem Herrn da zugange war, der mich böse anstarrte.
“So”, rief sie mir dann laut zu und schob sich die Lesebrille auf die Nasenspitze. “Jetzt zu uns zwa!”
Ich begann ein bißchen zu schwitzen und öffnete meinen Mantel, der Mob, den ich aus dem Augenwinkel beobachtete, begann sich unruhig zu bewegen wie Baumwipfel vor einem Sturm.
“Na jo!”, donnerte Frau x, “do ham Sie vollkommen recht, 33 Euro für zwa Kornspitz is a wengal gewagt!” Und dann, zur Kassierin an der Nebenkasse: “Liesl, wievü kosten die Kornspitz?” Liesl, die ich ebenfalls sehr mag, wandte sich nicht einmal um. “Woher soll denn i des wissen?”
“Und wenn Sie sie einfach stornieren? Ich brauche die Kornspitz eh nicht”, versuchte ich mich schüchtern als Problemlöserin einzubringen und lächelte den Warteschlangenmob mit der sicher angstverzerrten Karikatur eines echten Lächelns an.
Meine kurzzeitige Erleichterung wandelte sich sekundenschnell in blanke Angst, als Frau x. mich streng anschaute, ihre Lesebrille ab- und das Corpus delicti an sich nahm, um zu verkünden: “Naa, aber sicher nicht! Ich geh jetzt in die Feinkost, die sind nämlich schuld, und Sie warten hier.”
Jetzt muß man wissen, daß dieser Supermarkt wirklich groß ist. Ich versuchte mir - was angesichts meiner erwähnten Dyskalkulie nicht so einfach ist - überschlagsmäßig die Wegzeiten in die und von der Feinkostkostabteilung auszurechnen, dazu das Herausfinden des Kornspitzpreises und möglicherweise noch die eine oder andere Diskussion mit dem zuständigen Backshop-Manager oder wie immer das auch heißen mag, und wußte plötzlich, wie es ist, wenn man einfach nur im Erdboden versinken möchte. Ein rettender Spalt war aber weit und breit nicht auszumachen, und so mußte ich miterleben, wie Frau x. mit weiteren zwei Personen wieder kam und es nach peinigenden 10 Minuten schließlich schaffte, den falschen Betrag zu stornieren, den falsch abgezogenen zu addieren, den richtigen Preis einzutippen und mir am Ende 15 Euro irgendwas auszuhändigen.
Ich für meinen Teil werde für all die Wartenden nun gebrandmarkt sein als widerwärtiger Drachen, kann nie wieder unbelastet in meinem Lieblingssupermarkt einkaufen und werde mir überhaupt den Verzehr von Kornspitzen abgewöhnen. Sofern man mir nicht heimlich gefolgt ist, demnächst meine Wohnung in Brand steckt und meinen abgetrennten Kopf auf einem Pfahl zur Schau stellt, mit dem Hinweis: “Sie wird nie wieder eine Kassierin quälen!”