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Das musikalische RückSchau-Stöckchen 2008

b@ss vom KonFerenzRaum hat mich - schon vor ein paar Tagen - mit einem musikalischen RückSchau-Stöckchen bedacht, das ich doch nur zu gerne an mich nehme:

Es wird langsam wieder Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, welche Musikalienveröffentlichungen im ausklingenden Jahr besonderer Erwähnung bedürfen, welche Tonträger uns am meisten beeindruckt haben. Dabei wollen wir aber auch nicht die Veröffentlichungen ausschließen, die vielleicht schon etwas älter sind, aber erst jetzt oder aber erneut die Trommelfelle erfreut haben.

2008 war nicht gerade das fetteste CD-Erstehungs-Jahr in meiner Vita, aber um ein paar Neuveröffentlichungen bin ich dann doch nicht herumgekommen. YouTube und myspace sei dank auch nicht um ein paar Entdeckungen, die darüber hinaus das Herz erwärmen und den Popo in Schwingungen versetzen, hier aber den Rahmen sprengen würden. Meine Nennungen erfolgen unter besonderer Berücksichtigung der österreichischen Kleinode dieses Jahres.

Als erstes muß man da THE SLOW CLUB - house of sleep nennen. Schon der Vorgänger (This is the Slow Club), Hansi Langs Interpretationen von Standards aus dem Great American Songbook, wunderschön arrangiert von Thomas Rabitsch und zart elektrisiert von Sofa Surfer Wolfgang Schlögl, zählt zu meinen absoluten alltime Lieblingsplatten. Auf house of sleep ist dieses Dream Team wieder zusammengekommen, um dieses Mal ausschließlich Eigenkompositionen zu vertonen. Hansi Lang, der im August 2008 im Studio einen Schlaganfall erlitt, an dem er kurze Zeit später verstarb, hat eine große Lücke hinterlassen. Und mit diesem Album, an dem er mit Schlögl und Rabitsch zwei Jahre gearbeitet hat, ein Juwel von einem Abschiedsgeschenk.

Probehören: das versponnen-melancholische The Talk of The Sun

Und wo wir gerade bei Thomas Rabitsch sind - der hat tief in die forensische Trickkiste gegriffen und eine atemberaubende Rekonstruktion eines Konzerts von Falco mit 80-Mann-Orchester aus dem Jahr 1994 vorgelegt: Falco - Symphonic erschien zwar pünktlich zum zehnten Todestag des Falken, hat aber mit Leichenfledderei nicht im geringsten zu tun. Ein gutgelaunter Falco, eine großartige Band (mit dem international äußerst erfolgreichen Österreichexport Thomas Lang am Schlagzeug), Falcos Musik definitiv gerecht werdende Arrangements (Dirigent Raoul Herget): ein bondesker, bombastischer Augen- (DVD) und Ohrenschmaus (CD).
Probehören: Nachtflug/Rock me Amadeus als YouTube-Direktlink

Österreicher, Teil 3: Madita, die zarte Schöne mit der eindringlichen Stimme, die mich schon 2002 auf „Gran Riserva“ von DZihan & Kamien aufhorchen ließ und 2005 mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum meine Ohren im stillen Sturm eroberte, meldete sich 2008 mit “too” zurück, das auf eine Art fröhlicher ausgefallen ist als ihr Erstlingswerk. Besonders angetan haben es mir die Bigband-Nummern (Bläserarrangements: niemand geringerer als Heinrich von Kalnein), zum Beispiel das durchgeknallt-laszive “You”, das unmittelbar an die wunderbare MM erinnert; das ungemein seelenvolle “Karma” bringt mich direkt zum Schmelzen, und wer beim versponnen-jazzigen “fragile” nicht Wange an Wange mit seinem Lieblingsmenschen ganz langsam barfuß in den Sonnenaufgang tanzen will, dem ist bei Gott nicht zu helfen.
www.madita.com

Was haben Madita, Tyler und Hubert von Goisern gemeinsam? Antwort: Alex Pohn, Drums. Was mich nämlich ohne Umschweife auf HvGs neuestes Album bringt: S’Nix. Ein fröhlich-urtümliches Kompendium des umtriebigen Goiserers (der einst bei meinem Vater Trompetenunterricht nahm) - nach mehreren Jahren der ruhigeren Gangart rauh, rockig, laut, schräg, quasi ein bißchen so “Hubert und wie er das Alpenland sah”. Interessant dabei die Riege der etablierten Voll(blut)profis, die er da angeheuert hat: neben Alex Pohn sorgen David Lackner, Severin Trogbacher und Helmut Schartlmüller für ein äußerst solides musikalisches Rückgrat. Auch wenn “S’Nix” nicht meine definitive HvG-Lieblingsplatte werden wird (die hat er im Jahr 2000 mit der kaum zu übertreffenden “fön” herausgebracht), zählt sie zu den erwähnenswerten Neuerscheinungen des Jahres 2008, nämlich schon allein für “Rotz & Wasser”, eine auch für Nichtfußballauskenner wie mich total umwerfende und witzige Hommage an Heribert Meisels Radioreportage des Fußball-WM-Viertelfinalspiels Österreich gegen die Schweiz (1954), oder für “Siagst as”, bei dem in Zeitlupe zwei Welten (Hubert von Goisern und Xavier Naidoo) kollidieren.
Hubert von Goisern

Österreich, Teil 5: Der phantastische Hot Pants Road Club, derzeit unterwegs mit dem “Grand Funk Orchestra” (16 Mann hoch!), hat mich als langjährigen Fan bereits 2007 mit “saint here” wieder einmal aus den Socken gehauen; 2008 wurde dieses Album als Doppel-CD saint here & remixed - das Original und Remixes davon (Albin Janoska, MAdoppelT, i-wolf und viele mehr) - erneut herausgebracht.
Freunde von Groove und Funk sehen und hören sich bitteschön auf http://www.myspace.com/hotpantsroadclub um.

Weiters schwer beeindruckt haben mich dieses Jahr

Beady Belle, eine meiner absoluten Lieblingsbands, mit “Belvedere” (darauf zu hören: die deklarierten Beady Belle-Fans India Arie und Jamie Cullum!), auf der ein überraschender Richtungswechsel vom perfekt austarierten, schmerzhaft schönen Elektro-Jazz hin zu vergleichsweise leichtfüßig bluesig-lässigen Folk-Klängen zu vernehmen ist.
http://www.myspace.com/beadymusic

The Roots: Rising Down (YouTube ist voll mit den Roots. Selber suchen!)

und

eine meiner vergleichsweise neu entdeckten Lieblingsbands härterer Gangart aus Deutschland, Blackmail, mit tempo tempo, das zwar nicht ganz an meinen Favoriten “Friend or Foe” heranreicht, sich aber bei jedem Mal Hören tiefer ins Stammhirn gräbt.
http://www.blackmail.de/

Das ganze noch einmal in chronologischer Reihenfolge:

Falco - Symphonic (DVD), Sony BMG, 1. Februar 2008.
Madita - too, gran depot/Couch Records, 28. März 2008.
blackmail - tempo tempo, City Slang/Universal, 28. März 2008.
Beady Belle - Belvedere, Emarcy Rec (Universal), 25. April 2008.
The Roots - Rising Down, Def Jam/Universal, 25. April 2008.
Hubert von Goisern - s’Nix, lawine/Sony BMG, 23. Mai 2008.
Hot Pants Road Club - saint here & remixed, fm music/Hoanzl, 24. Oktober 2008.
The Slow Club - house of sleep, serious entertainment, 7. November 2008.

hausemphelung

Haben Sie auch diese Vertipper, die Ihnen gern immer wieder passieren?
Bei mir sind es, eher unspektakulär, Woflgnag, udn, vro und die Leibe (wobei ja zum Beispiel Liebes- und Leibesmagnetismus nicht zwangsläufig nichts miteinander zu tun haben müssen, aber das ist wahrlich eine andere Geschichte).
Jedenfalls gibt es, und das sind dann irgendwie die Chefs unter den Vertippern, auch ganz wundervolle Wortneuschöpfungen, wie

bratungsgespräch
augenhölle
scheinbeine
freudschaft
oder
schaftablette

und die werden von monochrom (”in unprätetiönser reihenfolge”) gesammelt:
orto - die schoensten vertipper einer angenommenen deutschen sprach- und wertegesellschaft. Viel Spaß!

H.C. Artmann: Alanech fia dii

… vertont.

Sabina Hank & Band feat. Willi Resetarits (live)

(Direktlink)

Super Suppe!

Schuld ist nämlich das profil.
Hab ich also unlängst in irgendeiner älteren Nummer geblättert und bin im ‘Cyberama’ bei einer Dame des mehr oder weniger öffentlichen Lebens hängengeblieben, die da von diesem soup.io schwärmte. Das sei sowas, womit man Links, Bilder, Videos und weiß der Kuckuck was alles sammeln und posten könne, und dabei so intuitiv und einfach, daß selbst sie es sofort verstanden hätte, schwärmte sie.
Hm, dachte ich mir. Also ein weiterer Bloganbieter? Sowas wie delicio.us (das sich mir bis dato nicht erschlossen hat)? Wieder so ein Social Bookmarking Tool, wo ich als digital Zugewanderte nicht so wirklich durchblicke?
Dann hab ich geguckt.
Und ganz schön geschaut.

Soup funktioniert tatsächlich total intuitiv. Es macht Spaß, und was für welchen!
Auf Soup findet man haufenweise dieses völlig durchgeknallte Zeug, das das Internet überhaupt erst so leiwand macht. Kunst, Bilder, Comics, Videos, Geschriebenes - Zeugs halt.
Soup ist um vieles schneller und einfacher als Bloggen - und multimedialer als Twitter. Es erlaubt einem, ohne großes Brimborium ein schönes Sammelsurium dessen, was man sonst immer toll findet und von dem man später nimmer weiß, wo man es gesehen hat, anzulegen. Man surft, etwas gefällt einem, man suppt es (dazu kann man sich auch ein eigenes “Post to Soup”-Knopferl im Browser-Fenster anlegen); aber klarerweise kann man auch selber Inhalte kreieren, zum Beispiel Texte oder Bilder online stellen.
Soup verlinkt den, der’s gefunden/hochgeladen hat, samt Quelle (wenn nicht anders angegeben, als Urheber…) ohne langes Copy/Paste - automatisch.
Soup ist witzig - mit diesem endlosen Scroll-Schmäh.
Soup ist verdammt hübsch anzusehen.
Soup ist, mit einem Wort, ein geniales Tool.
… aber Vorsicht. Soup macht auch ein bißchen süchtig. :)

Mein Süppchen findet sich übrigens unter http://diejulia.soup.io/.

Und sieht so aus:

soup.jpg

Einfach nur schön

Ich mag ja Opern nicht so wirklich.
Zu knödelig, zu pompös, zu aufgedonnert, zu viel zur gleichen Zeit. “Lecker”, sagt der Mann höflich zum Lammfleisch, “aber will nicht”. Opernmäßig geht’s mir da ganz ähnlich.

Aber manchmal (selten) überkommt mich dann doch so ein bißchen der Interessensdrang, und dann grabe ich mich ahnungslos und unbedarft durch YouTube.

Zum Beispiel heute. Einfach “Casta Diva”, wohl eine der fettesten Rosinen im Klassikkuchen, ins Suchfeld eingegeben und mich durch die Diven und Damen des Genres kopfgehörert. Die Callas… hm. Die Netrebko… uha. Barbara Frittoli… erstaunlich schön für meine Ohren. Eliane Coelho… durchaus wunderbar. Cecilia Bartoli… ein Eizerl zu nasal. Die perfekte Version wird es wohl nicht geben, denke ich. Und dann klicke ich auf Anita Cerquetti, nie ihren Namen gehört, und es reißt mir so unmittelbar das Herz aus dem Leib, daß mir das Wasser in die Augen schießt.

Nichts knödelt, schrillt, flattert, jault oder überschlägt sich da. Anita Cerquettis Stimme ist unerhört rein, hell und frisch, fast metallisch, aber nicht kalt, sondern seelenvoll, magisch und unendlich musikalisch. Sie leuchtet. Würden klassische Stimmen so klingen, ich wäre der größte Opern-Fan…
Die Karriere der 1931 geborenen Italienerin, kann man auf der englischsprachigen Wikipedia nachlesen, war kurz; sie zog sich nach vergleichsweise wenigen Jahren schon mit 30 vollkommen von der Bühne zurück, manche Quellen nennen gesundheitliche Probleme als Grund für diesen viel zu frühen Abgang (mehr Informationen auf http://cerquetti.saint-sever.org/). Leider gibt es von Anita Cerquetti auch nur zwei offizielle Tonträger. “Anita Cerquetti (Grandi Voci)”, Decca, wird auf Amazon derzeit um entmutigende EUR 462,25- feilgeboten. Das eine lagernde Stück halt.

Egal. Es gibt ja YouTube.
Hier die angesprochene Version von “Casta Diva”. Cerquetti wurde, soweit ich das (so ohne näheren Zusammenhang) verstanden habe, 1996 als alte Dame dabei gefilmt, wie sie mit ihrer Aufnahme aus dem Jahr 1956 konfrontiert wird (im Kopfhörer ist zu hören, daß sie mitsingt). Der - ich nehme einmal an - Macher dieses Films, der anfangs kurz spricht, erklärt, daß er 30 Jahre auf der Suche nach ihr war, nachdem er die Aufnahme als Kind gehört hat.

Aber eigentlich ist das alles völlig egal.
Hören und fühlen Sie selbst:

gegänsehäutet

Ein paar Klavierakkorde in Moll, der leise, seltsam verschleppte Gesang einer Frau, der mehr und mehr an Dunkelheit, Macht und Eindringlichkeit gewinnt, Furor, Pathos und das unheimliche Stampfen einer Maschinenfabrik, ein düsterer Traum, der einen irgendwie verstört zurückläßt. Und süchtig macht: “The Sun” heißt der Song, und er stammt von Anja Plaschg alias SOAP&SKIN, einer jungen und schwerst talentierten Künstlerin aus Österreich, deren Namen man sich schon jetzt merken sollte - ihr Debutalbum soll im Frühjahr 2009 erscheinen, und wie man lesen kann, hat man auch im Ausland “die Story vom Wunderkind und ‘nächsten großen Ding’ schon antizipiert” (Walter Gröbchen in “profil”).

Aber wozu viele Worte machen. Klicken Sie auf http://www.myspace.com/soapandskin und hören Sie selbst.

Lesestoff KW 38-40

Margaret Atwood: “Katzenauge”
Margaret Atwood: “Der blinde Mörder”
Margaret Atwood: “Oryx und Crake”

Ich bin, wie sich der geneigte Leser/die bezaubernde Leserin vorstellen kann, bekennender Atwood-Fan. In diesem Reigen (ich lese momentan ganz generell ein paar alte Bekannte wieder) war mir allein “Der blinde Mörder” neu; ein Buch, das ich vor einiger Zeit in Mutterns Sammlung entdeckte und ausborgte. Eine alte, sehr kluge und sympathisch sarkastische Dame, Iris, erzählt darin - wem, erfährt der Leser zum Schluß - die Geschichte ihres Lebens, ihrer Familie und ihrer Schwester Laura, die in jungen Jahren bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kommt, nachdem sie vom Tod ihrer großen Liebe erfährt, und posthum zur gefeierten Schriftstellerin wird. “Der blinde Mörder” ist der Titel dieses Romans (einer Science Fiktion-Erzählung) im Roman, und je weiter man in der meisterlich komponierten, mit zahlreichen Rückblenden, Nebenhandlungen, unterschiedlichen Erzählperspektiven und fiktiven Zeitungsartikeln gewürzten Geschichte kommt, desto unsicherer wird man sich bezüglich des wahren Verfassers und der tatsächlichen Umstände von Lauras Tod und Iris’ Gegenwart.

“Der blinde Mörder” erinnert mich als generationenumspannende Familienchronik mit durchaus epischen Ausmaßen ein wenig an die bunte Lebendigkeit und überbordende Fülle einer Isabel Allende, oder sogar an Marquez’ “Hundert Jahre Einsamkeit” bzw. “Die Liebe in den Zeiten der Cholera”. Atwood schreibt in einer großartigen Mischung aus Melancholie, Ironie, Pragmatik und Poesie; sie ist eine grandiose Erzählerin und eine exzellente Beobachterin mit scharfem Verstand, verzichtet aber nicht auf Gefühle, und das ist es, was dieses Buch insgesamt so kostbar und, selten genug in diesem Theater, empfehlenswert macht.

“Der blinde Mörder” erschien im Jahr 2000 und wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Prädikat “besonders wertvoll”

Verkleidet als Blogosphärenstöckchen kommt sie also aus mehreren Richtungen daher, die schöne, große, schrecklich einengende Frage nach sieben Lieblingsblogs. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit unnötigem Rahmenkram aufhalten, klebe also ganz schnell das im Kleingedruckten vorgeschriebene Logo hinein und beginne mit dem großen Outing, dem enthusiastischen Bekennerschreiben, der begeisterten Laudatio, dem unverhohlenen Empfehlungsschreiben.

iloveurblog.jpg

(überhaupt und sowieso) kreativbetrunken
Virtuell begegnet bin ich Herrn Ad erstmals 2005. Neugierig geworden durch einen Kommentar bei Wortgott Poodle (der leider nicht mehr unter den Bloggenden weilt) oder Opa Edi, so genau weiß ich es nicht mehr, wühlte ich mich durch seine - damals - garstig-absurden Verbalattacken vom Rand des Abgrunds, in denen es literweise Fremdblut, kiloweise Leichenteile und massenweise existenzialistisch anmutenden Schwarzhumor vom Schlag eines Pino Cacucci oder Charles Bukowski gab. Da schrieb einer auf Teufel komm raus mit der durchgeknallten Fabulierlust eines aus völliger Anonymität heraus agierenden Vogelfreien, daß mir Hören und Sehen verging. Ich war nachhaltig begeistert, aber es dauerte einige Zeit (in der ich meiner damaligen Lieblingskollegin fast täglich die neuesten kreativbetrunken-Episoden vorlas), bis ich es überhaupt wagte, einen Kommentar auf seiner Seite zu hinterlassen. Und dann ging alles ganz schnell. Er schrieb mir eine (zu diesem Zeitpunkt noch erstaunlich) liebenswürdige Mail. Ich antwortete mit einem Palindrom. Und vor knapp einem Jahr ist er, eine Landesgrenze hinter sich lassend, zu mir gezogen. Momentan ist sein Blog recht niedlich. Aber täuschen Sie sich nicht: Die abstürzende Friedenstaube trägt ihr Pflaster nicht umsonst. (Und werfen Sie einen tiefen Blick in die verlassenen Hallen des ehemaligen Standorts. Dort läßt sich mancher Schatz heben!)

*

e!genart
e!genart ist eins der ganz wenigen Blogs, die ich mehrmals täglich ansteuere, und obwohl ich den Kerl persönlich nie kennengelernt habe, würde ich ihn sofort als Zwillingsbruder wollen. e!genart ist gute Laune auf erstaunlichem Niveau, niemals abfällig, begnadetes Wortspielkind, flitzeschnell im Kalauern, Versteher schwieriger Austriazismen und Kenner alter ORF-Kleinodien, Finder von komischen Kuriositäten, nie um einen preisverdächtigen Sager verlegen, mit prächtigem Musikgeschmack gesegnet - und bei alledem noch ein absolut phantastischer Fotograf, wie sich immer wieder zwischendurch und insbesondere auf seiner unbedingt extra erwähnenswerten Bildergalerie zeigt.

Frischer Fisch von vorgestern
Ein großartiges Abenteuerland, ein wunderliches Spiegelkabinett, Phantasia. Markus Quint ist für mich schon lange eine unvergleichliche Institution; sein Blog ein unfaßbarer Platz, ganz sicher nicht von dieser Welt, an dem die Gedanken frei galoppieren und wie junge Hunde miteinander um die Wette rennen dürfen. Er schreibt unerhörte Dinge, die sich jeder Kategorisierung entziehen, ermöglicht das Unmögliche, denkt das Undenkbare und wirkt oft tagelang nach. Nicht umsonst heißt eine seiner oft präsenten Figuren Escher.

gnogongo
gnogongo liebe ich, weil sein Betreiber in aller Stille, aber mit einer kaum vorstellbaren Kontinuität und unglaublichen Frequenz den Alltag in seiner Stadt Düsseldorf kartographiert bzw. - oft in Pixeln, oft in Worten - auf unprätentiöse Art und Weise, präzise, aber niemals trocken, festhält und damit zu einem erstaunlichen Chronisten von Straßenzügen und Vierteln, Menschen, meteorologischen Zuständen und so viel mehr wird. Als kundiger Gärtner und Botaniker schenkt dieser scheinbar ewig herumstromernde Spaziergänger, bei dem ich immer versucht bin, ihn mir mit Strohhut vorzustellen, dem Internet außerdem detaillierte und höchst informative Bestandsaufnahmen der städtischen Flora sowie fundiertes Wissen über Bioinvasoren, Klimawandel - und die plötzliche Freude beim Anblick einer unvermuteten Pflanze im städtischen Monochrom.

ker0zene
Urkomische Geschichten von Tankstellenschichten und dem kuriosen Alltag als DAU-Betreuer, von Zeit zu Zeit ganz leise die Skizzen zutiefst privater Momente, wunderschöne Bilder. ker0zene lese ich so gern, weil er eine ausgeprägte Beobachtungsgabe mit Sinn für die kleinen Details hat, weil er sich über Leute lustig macht, ohne je verletzend zu werden, weil er wortgewandt und mit viel fotografischem Feingespür diese kleinen, verschrobenen, liebenswerten Seiten an Menschen entdeckt, ohne sie bloßzustellen, weil man bei seinen Anekdoten herzlich lachen und leise lächeln kann; weil man einfach das Gefühl hat, daß hier ein grundintelligenter, witziger und höchst mögenswerter Mensch schreibt und abbildet.

b.l.u.b.
Ich hab sie nicht verlinkt (sie ist es in so vielen Blogs, daß ich kein extra Lesezeichen brauche und immer einen Weg zu ihr finde) und noch nie bei ihr kommentiert, aber ich lese sie seit Jahren mit Hochgenuß, weil sie so schön gaga ist und eine prächtige Begabung für schräge Beobachtungen hat, die mit ganz wenigen Worten auskommen und fast immer aufs Zwerchfell zielen.

Rationalstürmer
Der Stürmer. Wie ein aufs Blut gepeinigter Wolf verbeißt er sich in die Leiber politischer Figuren, mit alttestamentarischem Furor stürzt er sich in Abgründe, in die zu folgen sich bisweilen schon fast lebensbedrohend schmerzhaft angefühlt hat, mit der gigantischen Kraft einer zornigen Großkatze teilt er Prankenhiebe aus, wie ein Unwetter apokalyptischen Ausmaßes marschiert er gnadenlos durch die Villenviertel der Saturierten und legt in Schutt und Asche, was nicht feuerfest ist. Daneben experimentiert er aber auch mit Gummibärchen oder macht sich auf die Suche nach einer Wohnung.

pest krause
Herr Krause heißt nicht nur so, er ist es auch. Über pest krause bin ich, obwohl ich ihn erst vor vergleichsweise kurzer Zeit entdeckt habe, so voll der Begeisterung, daß es für einen Außenstehenden schnell nach Schleimerei aussehen könnte, würde ich eine wortreiche Empfehlung für sein Blog abgeben. Ein wunderlicher, wunderbarer, unermüdlicher, liebenswerter, vergnügter Mann mit Musikgeschmack, Kamera und Hund. Unbedingt nix wie hin, lesen, schauen, lieben!

[Edit] An die Verlinkten: ich erwarte an dieser Stelle definitiv keine Gefälligkeitsgegenverlinkungsorgien oder sowas (Liebeserklärungen macht man ja schließlich nicht, weil man was dafür will!) und entschuldige mich außerdem für die seltsam verstümmelten Trackbacks, die ich möglicherweise auf Ihrer Seite hinterlasse. Als nicht allzu tief in der Materie verwurzeltes und technisch gesehen weitgehend support-loses Blogkind ist es mir leider nicht vergönnt, den Fehler selbst zu erkennen und zu beheben.

No one knows

Vom Hundertsten ins Tausendste ist es ja manchmal nur ein Katzensprung, und wenn man so vor sich hin gugelt, um zum Beispiel zu sehen, was zum Beispiel aus Bandkollegen von früher geworden ist, von denen man schon lange nichts gehört hat, passiert es manchmal, daß einem richtige Schätze ins Netz gehen. Wie zum Beispiel das - Damen und Herren, ich sage es nicht nur so dahin: sensationelle! - Video von The Billy Rubin Trio*

Queens Of The Stone Age, arrangiert für smoothen Jazzgesang, Piano, Schlagwerk und Bass. Akustisch und optisch ein Hochgenuß. Schau’n Sie sich das an!

(Direktlink)

*ft. Lady S., dabei hatte ich eigentlich nach Iris T. gesucht…

Lesestoff 20.-22. August 08

Thomas Glavinic: “Die Arbeit der Nacht” (zum zweiten Mal gelesen, 10/10)

Ein Mensch wacht eines Tages auf und ist allein in einem leeren Wien, einem leeren Österreich, einer leeren Welt. Eine streckenweise kaum erträgliche Angststudie, die - anders als Marlen Haushofers artverwandter (und vergleichsweise versöhnlicher) Roman “Die Wand” - vielleicht einen Schluß zuläßt - die Hölle, das sind nicht die anderen.