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Buchstabenwiederauffüllungskur

Nicht viel zu lesen hier, die Tage, gell?
Ist aber auch kein Wunder. Befinde ich mich doch auf Buchstabenwiederauffüllungskur im Land zwischen den Ohren. Ich lese. Staune. Speichere, juchze, stolpere und renne vorwärts in Landschaften, die ein anderer erdacht hat, schlendere durch Gedankengebäudekomplexe, entworfen von kundigen Wortarchitekten, lasse meine Seele fliegen und mein Hirn spazierengehen, während meine Augen sich wie zwei Hightech-Scanner an den Seiten festsaugen und der Körper entspannt auf der Couch ruht.

… Ich könnte jetzt erzählen, daß das letzte Buch, das ich ausgelesen habe (heute in der Nacht) von Juli Zeh ist, Adler und Engel heißt und zum Bemerkenswertesten gehört, das ich in den letzten Jahren zwischen die Finger bekam; daß ich es jetzt zum zweiten Mal seit zwei Jahren gelesen habe, in einem langen, gierigen Zug, und mich wieder bereitwillig mitreißen ließ von diesem Sog, den die darin beschriebene geisteskranke Höllenglut eines vor Hitze kollabierenden Wiens als bizarre Kulisse für eine so abgedrehte Geschichte, wie man sie eigentlich gar nicht erfinden kann, ausübt; daß es mich wieder atemlos gemacht hat, dieses langsame Zusammenbrechen aller Normalität, dieses langsame Verrecken der Hauptfiguren, die Geschichte, die an ihren Rändern ausfranst und dann in sich zusammenstürzt, um wie eine Nova zu explodieren und zu leuchten. Daß ich am liebsten jedem Menschen, den ich mag, dieses Buch in die Hand drücken und schreien möchte: Lies das, verdammt noch mal, und daß man genau das nicht darf, weil schon zu viele “muß man gelesen haben”-Listen von gut- oder schlechtmeinenden Deutschlehrern zuviele kleine Menschen ins Nichtlesen gestoßen und für immer aus dem Paradies, das man nur zwischen zwei Buchdeckeln finden kann, getrieben haben; auch wenn man einsam ist mit seiner Begeisterung und es so traurig ist, sich allein zu freuen.

… Ich könnte erzählen, daß ich mich eingedeckt habe mit frischem Stoff - Genazino, Die Liebesblödigkeit; Terezia Mora, Alle Tage; und noch einmal die Zeh, Die Stille ist ein Geräusch, alles Bücher, die ich schon länger lesen möchte. Und ich könnte erzählen, daß allein angesichts der Vorfreude darauf der Schreibmuskel wollüstig zuckt, die Nervenenden vor Aufregung vibrieren und ich am liebsten alles gleichzeitig tun würde: lesen, schreiben, fotografieren, singen, tanzen, auf einem Bein hüpfen. Daß die Kur also wirkt, verläßlich wie immer.

Ich… wo war ich stehengeblieben? Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja. Daß es hier nicht viel zu lesen gibt dieser Tage. Wobei… um das zu sagen, sind jetzt ja doch ein paar Buchstaben zusammengekommen. Szenenapplaus. Alle ab.

Wordrap

Das Leben ist… kurz und verdammt schön.
Sterben müssen heißt… für immer gehen müssen.
Menschen können… wunderbar, schrecklich, langweilig, laut und peinlich, menschenscheu, gütig und liebenswert, grausam, nichtssagend, schusselig, chaotisch und alles denk- und undenkbare mehr sein. Aber es sind immer Menschen.
Menschen sollten… einander einfach leben lassen.
Die Welt braucht… ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.
Das Wichtigste im Leben ist… irgendwo einen Platz zu haben, wo man hingehört.
Unwichtig ist… ziemlich alles, was mit Äußerlichkeiten zu tun hat.
Vergangenheit ist… etwas, das man weder über-, noch unterbewerten soll.
Zukunft bedeutet… eine immer interessante Reise, bei der man den Ankunftsort nicht immer exakt bestimmen kann.
Zeit ist… eine mächtige Größe.
Liebe ist… alles.
Freunde haben ist… nie so tief fallen können, daß man sich ernsthaft verletzt.
Glück ist… lieben und geliebt zu werden.
Gefühle sind… systemimmanent.
Konflikte bedeuten… Anstrengungen, die es nicht immer wert sind.
Hoffnung ist… manchmal grausam, manchmal tröstlich.
Glauben können ist… ein Geschenk.
Träume sind… Kopfkino. Der Eintritt kostet den Verstand.
Visionen sind… was Gutes.
Veränderung bedeutet… Leben.
Stagnation bedeutet… nichts Gutes.
Ich brauche… manchmal Zeit für mich ganz allein.
Angst habe ich vor… Krankheit, Verlust und Tod.
Mut bedeutet… einfach tun, nicht denken.
Das Allerschwerste ist… einfach tun, nicht denken.
Es ist so leicht… sich zu freuen.
Verlieren bedeutet… daß man zuvor wahrscheinlich gespielt hat.
Gewinnen heißt… gespielt und Glück gehabt oder sich gemessen zu haben. Glaub ich.
Perfekt sein bedeutet… vermutlich ziemlichen Streß.
Versagen bedeutet… Schwamm drüber, die Nase in den Wind halten und weitertraben.
Verlust ist… oft schwer auszuhalten.
Schmerz ist… schlimm.
Arbeiten bedeutet… ein Gitterraster über ein Erwachsenenleben zu legen, das einen gewissen Alltag sicherstellt.
Geld bedeutet… eine abstrakte Form des Maßes an Lebensqualität, das einem zur Verfügung steht.
Leistung ist… I mal U. Und raus bist du.
Stärke ist… nicht davonzulaufen und immer die Wahrheit zu sagen.
Phantasie kann… man nicht hoch genug schätzen.
Kreativität ist… was Wunderbares.
Menschen, die andere nach ihrem Bild formen wollen… sind krank.
Gesundheit für meine Lieben… ja bitte! Und bitte viel von dem Zeug!
Gerechtigkeit … ist essentiell.
Das Leben … lebt.
Ausdrucksstärke … ist was Phantastisches.
Lästige Gedanken … kann man manchmal nicht verscheuchen, wenn‘s dunkel wird und still. Holen sich immer, was ihnen zusteht.

Stöckchenalarm. Ad, Baby? Frau Heldin? Phil? Sir Park(st)er?

Düpieren möchte ich wie üblich aber niemanden. Lassen Sie das ruhig liegen, wenn Sie nicht mögen. Und heben Sie es ruhig auf, wenn schon. So wie ich. Und zwar da.

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Nero

70 Kilo wiegt er. Sein Frauchen geschätzte 45.
3 Kilo ißt er täglich, erzählt sie mir, Minimum. Weil: er ist noch nicht ausgewachsen. Er ist erst 2.
10 Kilo, sagt sein Frauchen, sollte er schon noch zulegen. Dabei lächelt sie.

Frauchen ist eine echte Dame. Mit Hut und so.

Nero ist ein ziemliches Vieh von Hund. Mit kalbsgroßem Kopf.

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Wenn Nero an der Leine zieht, macht Frauchen einen Sprung vorwärts. Die Leine ist dann straff, und Frauchens Füße stemmen sich resolut in den Boden. Frauchen ist aber auch wirklich pflichtbewußt. Was sie da (Pfeil) locker in der linken trägt, ist das nachgerade unwahrscheinlich klein anmutende Gackerl von Nero, der Dogge. Ich weiß das. Ich war währenddessen dabei. Und hab nicht fotografiert. Aus Ehrfurcht. Sachen gibt’s.

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[groß? Klick!]

Grimm&Groll, oder: wie ich zum ProtestEsser wurde

Aufmerksamen Betrachtern wird es nicht entgangen sein, daß ich mein Blog seit heute mit zwei wunderbaren Buttons aus der Produktion des äußerst geschätzten Rationalstürmers geschmückt habe. Und das nicht ohne Grund. Denn wenn ich auch im Prinzip ein sehr friedfertiger Mensch bin, gibt es doch die einen oder anderen Momente, in denen ich mich äxteschwingend und zähnebleckend zum virtuellen Mord und Totschlag aufmachen möchte.

Jetzt sollten Sie wissen, daß ich auch nicht im entferntesten etwas gegen die derzeit im Netz recht präsenten Bauchweg-Aktionen habe. Es ist Frühling, die Badehosensaison steht vor der Tür, alle Arten von Frauen- und pilzgleich aus dem Medienboden schießenden Wellness-Magazinen sind saisonal bedingt voll davon: Klar, daß so mancher Bloggershausener auf diesen Zug aufspringt und - teils umfassend bebildert - sein Abspecken thematisiert bzw. dokumentiert. Gut so, sag ich mir da. Denn wenn jemandem was an seinem Leben nicht paßt, führt nun einmal kein Weg daran vorbei, die gewünschte Veränderung tatsächlich und aktiv einzuleiten, anstatt zu jammern. Und was wäre für manche Charaktere auch besser geeignet als ein Web-Tagebuch, um sich in den das Vorhaben förderlichen Wettbewerb mit anderen Abnehmwilligen zu begeben und sich von der Community kommentartechnisch mit Erfahrungen und Durchhalteparolen versorgen zu lassen. Und nein, das war nicht zynisch gemeint.

Ich verrate - kleiner Exkurs - an dieser Stelle außerdem, daß mein Leben seit einiger Zeit in ziemlich gesundheitsförderlichen Bahnen verläuft; eine Einstellung, in der ich durch ein paar Geschehnisse in meiner jüngeren Vergangenheit nur bestätigt wurde. Wie ich das genau anstelle, geht allerdings niemanden was an, das ist - ausnahmsweise - reine Privatsache beziehungsweise inhaltlich hier völlig fehl am Platze und daher obsolet. Exkurs Ende.

Was mich allerdings wirklich aufregt sind so Leute, die sich in ungeahnter Selbstgefälligkeit zu Verbalinjurien übelster Art gegen “die Dicken”, “die Raucher” etc. aufschwingen und sich gar entblöden, sich für ihre eigene Lebensart auch noch auf die Schulter zu klopfen, weil sie das Gesundheitssystem entlasten, während die Dicken am besten weggesperrt oder unter Burka-ähnlichen Umhängen versteckt gehören, um - im Falle von Menschen in der Öffentlichkeit - den Kindern vorm TV den krankmachenden Anblick zu ersparen (die Verlinkung erspar ich mir an dieser Stelle auch. Und die Gegenfrage, was Kinder denn eigentlich vorm Fernseher verloren haben, ebenfalls).

Solche Sager, selbst wenn ironisch hingerotzt, stinken. Und zwar ganz übel. Und deshalb, ihr geifernden Körperkultblogger, die ihr euch um die Volksgesundheit sorgt und wohl am liebsten hättet, daß in den Krankenhäusern der EU nur mehr schlanke Nichtraucher aufgenommen werden und man die anderen Kostenfaktoren im Falle von selbstverschuldeten Erkrankungen am besten gleich verrecken läßt: zieht euch von mir aus eine Leni Riefenstahl-DVD rein, während ihr auf irgendeiner Maschine eure geschmeidigen Muskelgruppen durchtrainiert und euch einen Diät-Drink genehmigt. Erfreut euch an euren idealen Körpermaßen, ergeht euch stundenlang in ausführlichen Selbsthuldigungen, stellt euch mit dem Maßband vor den Spiegel und singt halleluja, diskutiert mit gleichgesinnten, schönen und gesunden Körpern die nächste Gesundheitsreform und freut euch eures glorreichen und langen Lebens.

Ich bin euch nichts neidig, wenn ich das nächste Mal Mutterns köstlichen Schweinsbraten (Schopf, schön durchzogen) mit Semmelknödel und Salat zelebriere, und zwar ohne danach drei Tage zu fasten, oder ein Gedicht von einer gefüllten Kalbsbrust, oder Ente mit Rotkraut (ein Gesamtkunstwerk, das man in all seinen wundervollen Facetten zu huldigen nachgerade gezwungen ist!), oder ein Geselchtes mit Griesknödel und Sauerkraut, die fleischgewordene Attacke gegen jeden EU-Gesundheitsminister. Ich bin euch weder um eure tüchtig gestählten irdischen Hüllen noch um eure verquere Lebenseinstellung, die scheinbar nur aus Berechnungen, was wie viele Joule hat und welcher Mensch dem System wieviel kostet, besteht, neidig. Es stünde euch, liebe Körperkultblogger, gut, euch einmal mit einem ganz fundamental wichtigen Begriff auseinanderzusetzen, und der lautet: Toleranz. Auch Nichtraucher müssen sterben, hat Torberg einmal ein Buch betitelt, und das kann man jetzt fortführen und sagen: Auch Menschen mit BMI <20, in euren Augen sicherlich ohnehin schon lebensbedrohlich adipös, müssen sterben. Klar, ihr seid furchtbar klasse und liegt total im Trend, weil Restriktionen und hysterisch-apokalyptische Schnattereien darüber, wie der volkswirtschaftlich wertvolle Bürger sein Leben zu gestalten hat, das Must der Dekade sind. Aber vielleicht überlegt ihr euch einmal, wenn zwischen der Körperertüchtigung noch Platz bleibt, daß dieses Gekeife genau eins ist: menschenverachtend. Jeder soll so leben, wie er es für richtig hält, und basta. Und fanatische Missionierungsattacken wie eure sind sowas von für die, ja, genau, Würscht‘, daß es auf keine Kuhhaut geht.

Und falls ich jetzt zu böse war, verweise ich auf den Titel. Und der heißt nun einmal Grimm&Groll, oder: wie ich zum ProtestEsser wurde. Mahlzeit.

Und sonst so?

LIEB Machst du Foto von uns! Marsch, Fuß gut drauf
Holz Holz 2

Voodoo

Es hat irgendwie ziemlich oft geregnet in diesem unnatürlich warmen Frühjahr im letzten Jahr des vorigen Jahrtausends.

Die Blätter schmatzten vor Nässe, sie waren prall und fett und grün. Was immer mich berührte, es verzauberte mich. In diesem Frühjahr ist Voodoo passiert, und du warst der Priester.

Du hast mit deinem Charisma viele ins Verderben gerissen. Sie verwechselten die Glut deiner Existenz mit unerklärlichem Charme. Wer immer dir zu nahe kam, starb den süßen Tod. Mich hast du zu deiner besten Schülerin erzogen und mir schließlich die Meisterprüfung abgenommen, als ich soweit war. Als eifriger Lehrling bin ich zu dir gekommen, oder vielmehr: du zu mir - als unerbittlicher Lehrmeister. Solche wie du werden nicht gefunden. Sie finden. Als ich dich das erste Mal sah, war ich nichts anderes als eines dieser Hühnchen, denen du am Höhepunkt der Feierlichkeiten ohne viel Federlesen die Kehle geschnitten hast, das war Usus, und das Publikum tobte. Es war ein unnatürlich warmer Tag Anfang April, ich saß in der Sonne und schaute dich neugierig und unbedarft an, meine Augen geschützt von einer dummen Sonnenbrille. Ich nahm sie ab und wagte mich ohne nachzudenken in die glühend grüne Eishölle deiner Augen. Im selben Augenblick hast du seltsamerweise etwas in mir erkannt, das mich abhob vom übrigen Federvieh. Und hast mich einfach mitgenommen. Ich war dir vom ersten Augenblick an verfallen, ich hielt es für Liebe, und ich verfiel. Rapide. Wie man halt so verfällt in einem Bootcamp. Ohne es geahnt zu haben, war ich im härtesten aller denkbaren Überlebenstrainings gelandet. Ich hielt es ganz kurz für Liebe, während ein unnatürlich warmer, weicher Regen die alten Bäume verrückt machte und dutzende Nächte ins sanfte Morgengrau zerflossen, erhellt von einer Kerze, beschallt von den Schreien der Amseln. Ich hielt das damals für die glücklichste Zeit meines Lebens.

Liebe. Deine strenge Präsenz hat nichts dergleichen geduldet. Du hast mich lächelnd mit einem Wink deiner Hand in den Staub befördert, wo ich mich in Agonie wand, weil ich nicht verstand, noch nicht, - du hast mich wie ein Streichholz gebrochen und mich lapidar wieder hochgezogen, mich hochgepeitscht, um die Übung fortzusetzen, mich verarztet, zusammengeflickt, mitten in der Nacht geweckt, um Unsinn zu machen. Showtime. Alles hatte Sinn. Es wurde Sommer. Es wurde Herbst. Es wurde Winter. Es wurde wieder Frühling und wieder Sommer. Wir waren uns manchmal so nahe, daß kein Blatt noch so dünnes Papier dazwischengepaßt hätte.
Ich lernte. Und ich war eine gute Schülerin.

Mein Körper, mein Geist, meine Seele. Alles war irgendwann geschunden und erschöpft. Irgendwann fraß ich dir tatsächlich aus der Hand und war dankbar für jede Regung, jeden ausbleibenden Schmerz, alles. Sensorische Deprivation, das war es, wonach ich mich sehnte. Du hattest meinen Willen gebrochen, und dann hast du mich wortlos um meine eigene Achse gedreht und mir das weiße Rauschen gezeigt, und ich fand ihn tatsächlich. Den Frieden hinter der Leidenschaft.

Als ich wieder zu mir kam, muß es wohl Herbst gewesen sein. Ein Herbst vor vielen Jahren. Ich schnürte meine Siebensachen und ging. Größer als zuvor. Ruhig, vollkommen ruhig. Ich hatte meine Prüfung absolviert, seit dieser Zeit bin ich wie du.

Heute reden wir auf Augenhöhe.
Wenn wir uns heute sehen, reden wir nicht von diesem verrückten Frühling oder von den Dingen, die in all den Monaten und Jahren danach passierten. Wir sind vom selben Planeten, du und ich, und da ist etwas wie ironische Distanz, die uns vor den Höllenfeuern dieser Zeit rettet, uns aber immer zusammenzieht zu sowas wie Geschwistern. Ich merke, wie du wieder unruhig wirst, weil etwas in dir nach einem neuen Schüler sucht. Und ich lache leise in mein Bier, und wenn ich zum letzten Bus der Nacht schlendere und den süßen Duft der Frühlingsnacht rieche, denke ich manchmal an diesen verrückten und viel zu warmen Frühling des letzten Jahrtausends. Eine Zeit, die ich lang für die glücklichste meines Lebens hielt.

Heute bin ich klüger. Und halte dir die Daumen.
Bruder.
Und ich sage das nicht ohne Stolz.

[Soundtrack: Jill Scott|Love Rain (live)]

I, Robot

Ein dickes, schwarzes X kriegt er, dieser Tag.
Weil Dinge sich nicht ändern. Weil Menschen sich nicht ändern. Weil ein Charakter sich nicht einfach ausziehen läßt, die Nähte nach oben, wie ein schlabberiger schwarzer Pullover voller Fusseln. Unlogisch. Menschen sind unlogisch. Manchmal. Oft. Sehr.

Was hab ich denn erwartet?
Daß das Universum lieb ist zu mir, Hakuna Matata singt und eine Runde Nektar und Ambrosia schmeißt, nehmt nur, is ja genug für alle da?

Nein, ja, weiß nicht, vielleicht. Oh, wie ich es hasse, dieses vielleicht!
Viel leicht. Haha, wenn’s bloß so wär’.
Irgendwie fühle ich mich selber wie ein schwarzer Pullover, zusammengeknüllt und in die Ecke geschmissen, achtlos, nein, mit viel Verve, weil ich es mir gefallen lasse; eure Sorgen soll ich haben. Oh ja. Darf ich so denken? Three Laws Safe. Ich erinnere mich.

(1. A robot may not injure a human being or, through inaction, allow a human being to come to harm.
2. A robot must obey orders given to it by human beings except where such orders would conflict with the First Law.
3. A robot must protect its own existence as long as such protection does not conflict with the First or Second Law.
)

Immer mach ich mir Sorgen, immer weine ich meinen Ausschnitt naß euretwegen, immer bin ich vernünftig und rede mir den Mund fusselig, immer nehme ich mir mehr, als ich eigentlich fressen kann, immer nasche ich von der Apokalypse, immer bin ich bang, bitte, danke, Hofknicks, ich knie, stehe ein für das, woran ich glaube, beschwichtige, halte aus, mehr als eigentlich geht, glaube, wo es nichts zu glauben gibt, als wär ich der naivste Idiot der Welt.

I seem to you to seek a new disaster every day
You deem me due to clean my view and be at piece and lay
I mean to prove I mean to move in my own way, and say,
I’ve been getting along for long before you came into the play

Aber wer bin eigentlich ich?
Bin ich immer nur der Spiegel, an dem ein anderer sich selbst erkennt? Der, der sieht, aus dem Schlick zieht, rennt, rettet?
Bin ich ein Medium, blind, stumm, praktisch, zuverlässig, kräftig? Ist da nicht eigentlich sowas wie Leben in mir? Was eigenes? Was lebendiges? Etwas, das rennen will, oder fliegen? Oder nachdenken? Und was ist das eigentlich, Vernunft? Und wie fühlt sich das eigentlich an, das Lieben?

If there was a better way to go then it would find me
I can’t help it, the road just rolls out behind me
Be kind to me, or treat me mean
I’ll make the most of it, I’m an extraordinary machine

Aller guten Dinge sind drei. Heute: der PSYCHOstock

Stöckchenwildwuchs hier, gell? Nun, da müssen wir durch, notfalls mit stumpfer Machete und ungeeignetem Schuhwerk. Der liebe Herr Ad hat wieder einmal einen sogenannten Stock geschnitzt und ihn mir freundlich überreicht. Wobei ich schon sagen muß, daß dieses Wurfholz ganz hervorragend für eine Person wie mich geeignet ist… harharhar…
Also.

finden sie werkzeuge schön?
Ich finde Werkzeuge sogar sehr schön! Sie sollten mal mein knallrotes Schraubenzieher-Set mit verzinkten Spitzen sehen… mit Liebe ausgewählt und immer wieder gern hervorgeholt. Überhaupt gab es für mich schon im Kindesalter nichts schöneres als Popvaterns “Fliegerkammerl”, wo all die herrlichen werkzeugmäßigen Dinge gelagert wurden. Und Schrauben, Nägel, unbenennbare Dingse. Ein Mysterium. Herrlich! Ehrlich. Also ja, ich finde Werkzeuge leiwand.

scharfe messer?
… unentbehrlich. Jedes Kind weiß, daß stumpfe Messer verletzungstechnisch viel gefährlicher sind als scharfe, weil man damit leicht vom Schneidegut abrutscht und zudem automatisch mehr Druck ausübt. Folge: tiefe, häßliche Fleischwunden, die schlecht heilen, weil das Gewebe mehr zerrissen und gequetscht als zerschnitten wurde. Probieren Sie das nur mal mit einem Paradeiser (= einer Tomate), dann wissen Sie, was ich meine. Als ursprünglich gelernte Köchin (HBLA für Tourismusberufe mit integriertem Diplom in den Berufen Koch und Kellner) und durchaus einiger Erfahrung im Gastgewerbe weiß ich den Wert gut geschliffener Messer also quasi verbrieft und besiegelt zu schätzen. Kleiner Klugscheißertip am Rande: Messer nach
Gebrauch immer sofort abwaschen und gut abtrocknen. Und nie, nie, nie in die Spülmaschine geben oder im Nassen liegenlassen. Das wird Ihnen jeder Sushi-Koch bestätigen.

äxte?
Wunderbar! Wußten Sie, daß Holzhacken das beste Beispiel für kombinierte Schwung- und Druckperkussion ist? Und nebenbei ein wunderbarer Zeitvertreib, der richtig Spaß macht? Ich liebe es, dieser Beschäftigung zuhause bei den besten Eltern der Welt, die einen wundervollen Kachelofen haben, nachzugehen. Vor allem im Winter. Der würzige Waldduft des goldenen Harzes, die Kraft, die sich von den Armen und Schultern auf das Holz überträgt… Äxte sind was Feines.

und wo wir schon beim zerstückeln von menschen sind - empfinden sie mitleid?
Es passiert schon gelegentlich, daß ich jemandem im Affekt Zahnwurzelkaries und schlimmeres an den Hals wünsche, aber der Gedanke an die Auslöschung anderer Existenzen ist mir völlig fremd. Es wird auf dieser Welt zu viel geblutet, gelitten und gestorben, mich schaudert’s.

horrorfilme?
Gerne. Vor allem alte. Der Exorzist. Das Omen. Bette Davis-Klassiker (Scarlett.. Scaaaaarlett!). Psycho. Die Vögel. Und ein paar neue auch. The Ring zum Beispiel, oder Das Schweigen der Lämmer, Hannibal und Roter Drache.

lesungen merkwürdiger personen, die ähnlich denken, wie sie?
Merkwürdig ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang. Bemerkenswert noch viel schöner. Und “Lesung” hat eine durchwegs positive Konnotation für mich, nachdem ich (Herbert!) dahingehend meinen Initiationsritus durchlaufen habe. Hoffentlich bald wieder. Egal ob aktiv oder passiv. Man sollte das auch in Ö. ankurbeln… passiert viel zu wenig hier, so lesungstechnisch.

sind blogger weltfremd, wenn sie schon soweit gehen, lesungen zu veranstalten?
Au contraire. Weltfremd wären sie, würden sie das nicht tun.

weltuntergang?
Wir haben bekanntlich acht Jahre, um daran vorbeizuschlittern, und wenn wir das hinkriegen, kostet es weniger als 0,12 Prozentpunkte des jährlichen Wirtschaftswachstums. Eigentlich Wahnsinn, oder? Wir leben in einem ziemlich düsteren Zukunfts-Thriller, wenn man sich das ein bißchen überlegt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich mir manchmal die Welt so anschaue, muß ich schon zugeben, daß ich irgendwie latent Angst habe. Rekordtemperaturen im April, Dürre, Notstand in Italien, rätselhaftes Bienensterben, Gletscherschmelze, Tornados, Flutwellen, weltweites Artensterben im Zeitraffer und Umweltkatastrophen unvorstellbaren Ausmaßes in China. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes Feuer am Dach. Keine schöne Zeit.

finden sie meine fragen scheiße?
Bis auf die mit dem Menschenzerstückeln fand ich sie bis jetzt sehr gut!

ich starre meine sonnenverbrannten hände an und finde sie sexy. wie sehen ihre hände aus?
Auch schon ziemlich gebräunt für diese Jahreszeit. Ich hab im Moment überhaupt schon eine - hierzulande auch als Gastgartenbräune bekannte - Farbe entwickelt. Will sagen: Wenn ich nackig bin, kann ich schon sehr deutlich die T-Shirt-Umrisse erkennen.

ist schlimmes denken vernünftig?
Dazu müßten wir erst einmal definieren, was “Vernunft” überhaupt ist. Ich sag mal so: Das weite Land zwischen den Ohren läßt vielfältigste Reisen zu. Und grenzenloses Denken gehört nun mal zur Conditio humana. Und das ist gut so. Ob es allerdings vernünftig ist, steht auf einem anderen Blatt. Da müßte ich mich jetzt genauer einlesen, um in den philosophischen Diskurs einsteigen zu können. Oder so. ;)

eitelkeit?
Ich glaube, eine gesunde Form der Eitelkeit - den eigenen Output betreffend - darf durchaus als Imprägnierung gegen Sichgehenlassen, als Kreativitätsinkubator, ja sogar als gewisser sozialer Kitt gewertet und somit als positiv eingestuft werden. Wenn es allerdings um Eitelkeit im Wortsinn geht und somit um männliche wie weibliche Tussis, die Aussehen und Oberflächlichkeiten über alles stellen und sich lieber mit Schühchen, Make-Up und Fetzchen beschäftigen als sich ihres Verstandes zu bedienen, kann ich darüber nur sarkastisch lachen.

ist dieser stock bescheuert?
Ganz im Gegenteil. Sehr anregend eigentlich!

und sonst?
Ich grüße zwischendurch meine Tante Monika und ihren Mann, den Onkel Franz, Hauptschuldirektor a.D., Organist, sehniger Radlfahrer, Spazierengeher, Landschaftsphotographierer und Neo-Weltenbummler.
Ich kann den Regen hören und vor allem den nassen Stein riechen, und ich finde das gerade wunderbar.
Die liebenswerte und sehr bezaubernde Gusti Wolf ist gestern 95-jährig verstorben.
Das einzige Tier mit vier Knien ist der Elefant.*
Der Mond hat das gleiche Volumen wie der Pazifische Ozean.*
Die Römer färbten sich mit Vogelkot die Haare blond.*
Hasen und Meerschweinchen schwitzen nicht.*
Wenn man eine Briefmarke anleckt, nimmt man etwa eine Viertelkalorie zu sich.*
Weltweit werden 23 Prozent aller Schäden an Fotokopierern von Leuten verursacht, die darauf sitzen, um ihren Hintern zu kopieren.*
Fledermäuse fliegen immer nach links, nachdem sie ihre Höhle verlassen haben.*
Kolibris können auch rückwärts fliegen.*
Die Erde wiegt ungefähr 5.970.000.000.000.000.000.000 Tonnen.*
Das Herz eines Blauwals ist etwa so groß wie ein VW-Käfer.*
In Paulding, Ohio, darf ein Polizist einen Hund beißen, um ihn ruhig zu stellen.*
Makack-Affen waschen ihre Süßkartoffeln, bevor sie sie essen.*
Buzz Aldrin war der erste Mensch, der auf dem Mond Stuhlgang hatte.*
und:
1995 wurde das Brieftaubenkorps der Schweizer Armee aufgelöst.*

Gute Nacht. Und viel Glück.

[*Quelle: Datenbank des nutzlosen Wissens]

Frag Onkel Douglas…

You live and learn. At any rate, you live.

(Douglas Adams)