An Fenstertagen zu “arbeiten” ist wie ein Zwölftonmusikkonzertbesuch. Keine Sau da, und das Buffet ist unter jeder Kritik.
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Übergangslösungen sind Untergangslösungen. (Helmut Qualtinger)
Man kann gewisse Längen hassen
Doch soll man sich nie hängen lassen.
[quasi Montags-Pull-yourself-together–Schüttel-Mantra]
Daß du schon lange nicht mehr beim Friseur warst, merkst du, wenn du dir einen Termin bei deinem “Stammfriseur” ausmachen willst und nachfragen mußt, ob Yvonne/Denise/Chantal, die dir das letzte Mal die Haare geschnitten hat, überhaupt noch hier arbeitet.
Die Stunden füllen sich wie mit Wasser, durch das ich treibe.
Immer wenn ich glaube, das Warten nicht mehr aushalten zu können, halte ich mir vor Augen, daß ich nichts anderes tun muß als
nichts.
Mit wechselndem Erfolg.
Auf der Welt wird gerade gelacht, geweint, gevögelt, gelitten, geküßt, geliebt, geschlafen, gewacht, gehaßt, gelebt, gestorben.
Sechs Milliarden Menschen tun das Tag für Tag. Unbedeutend. Alles. Solange es einen nicht selbst betrifft.
Ich gebe Plattitüden von mir, die ich, und das ist das Schlimme daran, in diesem Moment ernst meine. Das Essentielle ist, daran gibt es nun einmal nichts zu rütteln, erschreckend schlicht. Für Außenstehende möglicherweise peinlich. Ich bin aber mitteilsam und allein in einer essentiellen Situation. In meinen Fingerspitzen pocht das Blut, mein Herz spür ich bis zum Hals schlagen, mein Magen ist mit Helium gefüllt, und im Kopf herrscht erbarmungsloser Ausnahmezustand. Die Herrschaften aus dem Großhirn haben ein Schild “vorübergehend geschlossen” an die Tür gehängt und tanzen hemmungslos um den Mandelkern, im limbischen System sind ziemlich viele Schrauben locker, aber keiner geht, um nachzusehen. Große Sause, und das hat nix mit dem Dedolor zu tun, das der Arzt verordnet hat.
Van Gennep, Anthropologe, hat von Übergängen im Leben eines Individuums gesprochen und nannte die rituellen Verrichtungen, die zur Absicherung vor allem des ungeschützten, weil undefinierten Zwischenzustandes zwischen den beiden Positionen (Anfang und Ende des Übergangs) dienen, “Übergangsriten” (rites de passage).
Ich stecke gerade in sowas. Zwischendrin. Nicht mehr da und noch nicht dort. Eine Seite, die darauf wartet, umgeblättert zu werden und dabei vor Energie vibriert.
So ein Übergangsritus wär jetzt nicht schlecht. Sieben vorindustrielle Jungfrauen, die meine Füße waschen, Räucherstäbchen schwenken, was Exotisches singen und mein Gesicht mit bunten Göttern bemalen. Oder sowas auf die Art. Keine Sorge, ich bin nicht durchgeknallt oder plötzlich auf dem Esotrip. Da gaukeln nur ein paar Luftballons mit Inselwissen aus dem Ethnologiestudium eines vergangenen Lebens in den Nachthimmel.
Ich rufe mich zur Ordnung. Werde gleich meine Nase wieder in dieses Buch stecken, dem noch ein Eintrag zu widmen sein wird, um meine randalierenden Nerven in den Griff zu kriegen. Morgen um diese Zeit ist alles anders. In einem größeren Umfang anders als normal-einfach-so-anders. Ganz anders. Ein neues Kapitel.
Ich bin aufgeregt. Der Countdown ist fast zu Ende. Auf zwei folgt
[eins]
Ästhetisch statt moralinsauer. Sehenswert. (via)
“Wer die Hölle überleben will, muß ihre Temperatur annehmen” schreibt Juli Zeh in “Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien”, und da hat sich mein Körper gestern früh gedacht - nojo, legen wir noch ein Schäuferl nach, damit’s da auch nix haben kann. Sich als Grund für das ganze Halsweh und Schnupfen ausgedacht und mich mit 37,6 übers Wochenende zu Hausarrest statt Schwimmen verdonnert, während sich draußen ein unfaßbar blauer Postkartenhimmel über einen verlassenen Steinofen von Stadt spannt. Noch liegt mein Körper temperaturmäßig vorn; draußen hat es 36 Grad, heute nacht hat mich sogar gefröstelt, aber morgen könnte sich das ändern.
Also hab ich gestern brav Zitronen in meinen Altbau hochgeschleppt und Weintrauben und Paradeiser und Paprika, presse mir alle zwei Stunden eine dieser sauren Sonnen aus und verdünne sie mit einem halben Liter Wasser, gurgle mit lauwarmem Salzwasser die Halsschmerzen weg, von denen schon kaum mehr was zu spüren ist, und mache mich mit kannenweise genossenem Tee, wahlweise in den Varianten grün, Earl Grey und Bio-Kräuter, zum lebenden Durchlauferhitzer.
Dazwischen döse, skype oder lese ich. Der Genazino (”Die Liebesblödigkeit”) hat mich ein bißchen enttäuscht; nette Aperçus, launige Figuren (darunter ein Ekelforscher und der Protagonist selbst, Experte für die Apokalypse), aber insgesamt doch irgendwie lau. Vielleicht liegt es einfach daran, daß ich mich nicht in den Rhythmus Genazinos einfinden kann; die kurzen, fast schon schmucklosen Sätze machen mir die Freude am Lesen kaputt. Ich hab’s halt gern ausschweifend, barock und verschachtelt.
Und jetzt endlich die Zeh und ihr Reisetagebuch, schroff, klug und wortgewandt wie alles, was ich von ihr kenne. Einmal, ganz am Anfang, bin ich ihr ein bißchen bös, weil ich sie dabei ertappe, daß sich der Hund zu einem Fragezeichen zusammenkrümmt und scheißt, ein Satz, der genau so in “Adler und Engel” steht, aber okay, denk ich mir, ich hab auch meine Wendungen, die ich besonders liebe und deshalb möglicherweise mehrfach anbringe. Und oft ist mir das nicht einmal bewußt. Der Zeh gelingt beim Schreiben jedenfalls etwas, das jeden guten Autor ausmacht: Man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Man sieht durch ihre Augen, man denkt ihre Gedanken, man bewegt sich in ihren inneren Landschaften, als hätte man nie etwas anderes gekannt. Und darauf trinke ich jetzt meine vierte Zitronenlimonade an diesem Tag, um dann gleich wieder zwischen die Seiten abzutauchen anstatt in der Alten Donau zu schwimmen. Die Seel’ die fliagt in’d Höh, juchhe/der Leib, der bleibt am Kanapee. In diesem Sinne. Prost.
Adeg habe zwar, wie versprochen, die Grundpreise etwas vergrößert, aber noch zu wenig stark.
Genau! Ich bin auch dafür, daß sich das schleunigst wieder ändert. So in Richtung “kleine Auswahl, große Preise”. Oder so.
… und das ist auch ein schöner Gedanke, irgendwie, so ein Buch als Energiequelle, an die du nur lange genug angeschlossen sein mußt, um wieder geschmeidig zu funktionieren. Später werden wir einmal eine Wohnung haben mit Balkon und Badewanne, und auf dem Balkon werde ich Paradeiser züchten und jede Menge Blühzeugs und ein Zitronenbäumchen, und in der ersten Nacht, die wir in der neuen Wohnung verbringen, kommt es nicht auf unsere Träume an, sondern darauf, daß wir gemeinsam eine Zitrone essen und die Kerne in duftender schwarzer Erde verbuddeln, damit sie wachsen und irgendwann lauter kleine Sonnen hervorbringen können, Balkonzitronensonnen. Heute habe ich gelesen, daß die Erde doch um ein paar Millimeter kleiner ist als angenommen. Ja sagdumir! Hoffentlich wirkt sich das jetzt nicht auf die Mietpreise aus! Und was, wenn die rausfinden, daß in dem schwarzen Loch am Mars ein Riesenregenwurm wohnt? Werden die den dann fangen wollen? … ich kenne die Antwort. Was wird Greenpeace unternehmen? Ein Schlauchboot vor die ISS parken? Jedenfalls könnte ich mir dann schon denken, welches Bild beim World Press Photo Award gewinnt. Das wäre doch hübsch. Ein Schlauchboot mit ein paar Raumfahrern drin, die ISS und im Hintergrund ein etwas kleiner als angenommener blauer Planet… Und kennst du eigentlich jemanden, der nicht auf die Müller-Lyersche Täuschung hereinfällt? Oder auf Anhieb Alpenostrand richtig liest? Und was ist dein Lieblingspalindrom? Das (politisch heute eher unkorrekte aber ansonsten absolut astreine) EIN NEGER MIT GAZELLE ZAGT IM REGEN NIE oder das ungleich charmantere MADAM, I’M ADAM? (man beachte den Beistrich!). Nein? Was richtig Exotisches? Worüber ich ja auch manchmal nachdenke: die Bücher, die niemals gedruckt, die Songs, die nie veröffentlicht wurden, weil jemand in seinem stilvollen Büro entschieden hat, daß sie nicht erfolgreich sein werden. Oder aus meiner Rotwangenschildkröte, Kassiopeia hieß die, und sie schnappte bisweilen nach Fremden, die sich in einer lauen Sommernacht mir nix dir nix unter dem - nach allen Regeln der Kunst 20 cm im Erdreich versenkten - engmaschigen Zaun hindurchgegraben hat wie ein etwas unförmiger Häftling mit einem Übermaß an Freiheitsdrang. Oder können Schildkröten doch fliegen, über eine zu klein geratene Welt? Und warum schlafen Pferde eigentlich im Stehen? Und wie viele Pferde hat man verbraucht, damals, zur glorreichen Zeit der Historienschinken und Western? Und warum habe ich eigentlich, obwohl ich an mir keine besondere Affinität zu Pferden feststellen kann, noch nie in meinem Leben Pferdeleberkäse gegessen, und das in einer Stadt, wo er durchaus omnipräsent ist? Und warum druckt man lachende Schweine auf Speisekarten? Und würdest du mir glauben, daß ich eine Metzgerei kenne, die Stierschneider heißt? Und warum ist Orion mein Lieblingssternbild, obwohl man ihn nur im Winterhalbjahr sieht und ich den Sommer der kalten Jahreszeit bei weitem vorziehe? Und ist es eigentlich noch Zufall zu nennen, daß wir beide immer am selben Wochentag Geburtstag haben, hatten und haben werden? Und was war noch einmal schnell die Begründung? Ach, laß. Manche Dinge braucht man nicht zu verstehen, und über Musik zu schreiben ist… wie zu Architektur zu tanzen. Der Himmel ist manchmal sehr blau, und das ist einfach gut so. Manchmal ist einfach keiner da, der wissen will, warum. Das nennt man dann wohl Glück. Glücksschwein, ein gelbes Glücksschwein, ein Sonnenschwein, das dich anlacht. Viel Glück!

