Wie das halt so ist in einem Land, wo Klosterschwestern sich um Kindergartenkinder kümmern und in jeder Klasse ein Kruzifix hängt, wurde ich seinerzeit als wehrloser Säugling von einem alten Mann in wallenden Röcken mit kaltem Wasser angespritzt und somit zur Christin, Abteilung röm. kath., erklärt. Später mußte ich mir jedesmal vor der obligatorischen Pflichtbeichte, die größeren Festivitäten wie Weihnachten oder Ostern voranging, sozial verträgliche Lügen ausdenken, die ich dem berockten Mann durchs Gitterfenster erzählen konnte und für meine nicht sonderlich kreativen “Sünden” (hab am Abend aufs Beten vergessen. Hab der Mama nicht gefolgt. Hab gelogen. Mag die Susi nicht.) ein bis drei Vaterunser beten, derweil ich verstohlen das Kreuzrippengewölbe des kühlen, dunklen, stets ein wenig modrig duftenden Dorfkirchleins studierte und mich nach dem warmen Sonnenlicht draußen sehnte. Später war ich dann Ministrantin, was ich cool fand, weil mich alle anschauen mußten, wenn ich das katholische Meßzubehör zum Altar trug, aber auch nicht ganz so cool, weil die Messen so endlos lang dauerten und ich das Kreuzrippengewölbe irgendwie schon auswendig kannte. Noch ein bißchen später sang ich sogar eine Zeitlang im Kirchenchor mit, do-na nobis pa-ha-cem, und dann bei ein paar Hochzeiten Gospels, letzteres aber schon nebenerwerbsmäßig.
Eine Landjugend wie zigtausende andere Landjugenden.
An Gott glauben konnte ich allerdings nie so richtig, schon als Kind nicht, was vermutlich unter anderem an meinem kinnbewarzten und vor Erregung feinen Spuckeregen versprühenden Religionslehrer in der Volksschule lag, der sich insbesondere bei blutigen Kreuzigungsdetails so in Ekstase reden konnte, daß ihm dicke Schweißtropfen auf die glänzende Stirn traten. Der Christengott kam mir bereits in jungen Jahren ein bißchen suspekt vor. Er liebte einen. Aber man mußte Ihn vor allem fürchten. Er sah alles und konnte Gedanken lesen und fürchterliche Strafen austeilen (Dürren, Heuschreckenplagen, Feuersbrünste und sonstige Weltenbrände, Völkermord, das Schleifen ganzer Städte, Siechtum, Cholera und Pest, um nur ein paar zu nennen), Er ließ unfolgsame/zu wißbegierige Leute zu Salzsäulen erstarren, befahl anderen Leuten, als Liebesbeweis ihre Söhne zu töten und drohte außerdem permanent mit seinem pferdefüßigen Mann fürs Grobe, bei dem man für immer landen würde, wenn man ganz böse Dinge machte. Wobei ich mir damals kurze Zeit nicht ganz sicher war, ob es dafür (oder zumindest für einen Aufenthalt im Fegefeuer) schon ausreichte, zum Christoph aus der Nachbarschaft “du blöde Sau” zu sagen.
Mit dem Beten hab ichs versucht, als Kind, abends vor dem Schlafengehen. Aber schon allein die Anrede… “Lieber Gott”? Und was überhaupt mit Ihm besprechen, so in der Einbahnstraße von Julia nach Gott? Und wozu eigentlich überhaupt beten, wenn Er sich dank universellem Röntgenblick in meinem Hirn eh besser auskannte als ich selbst? Und neben den überall lauernden Fehltritten all die grauenhafte Erbsünde, für die Sein unschuldiger Sohn ans Kreuz genagelt wurde, dessen Flehen (“warum hast du mich verlassen?”) Er nicht erhörte. Überall nur Agonie, Angst, Schrecken und verschüchtert gemurmelte Gebete. So hartgesotten kann man eigentlich gar nicht sein, daß man dieses gottesfürchtige Weltbild mit Betonung auf “Fürchten” bejaht; der Himmel fiel mir auch nicht auf den Kopf, wenn ich den Christoph insgeheim “blöde Sau” nannte, und schließlich wurde mir nach und nach bewußt, daß so eine Kirche schlicht und einfach von Menschenhand gebaut ist.
Papierkatholin blieb ich trotzdem. Aus Nachlässigkeit, aus schon fast pathologischer Abneigung gegen Ämter und Behörden, aus tief empfundenem Widerwillen gegen offiziell anmutende Erledigungen, aus Faulheit. Und weil Papa irgendwann meine Kirchensteuer einzahlte, als sich die Mahnungen an der elterlichen Hauptwohnsitzadresse häuften und mir schon mit dem Anwalt gedroht wurde. Schade eigentlich – ich hätte gern gewußt, wie weit sie gehen, die Buchhalter der Katholen, und welches Inkassobüro sie beauftragen, um sich ihre Steuer von säumigen Schafen zu holen.
So war ich lange, viel zu lange eine zahlende katholische Karteileiche, ein per Taufe unfreiwillig eingetreten wordenes Mitglied im ominösen Verein, ein Opfer meiner eigenen Wurschtigkeit, obwohl ich weder an einen Christengott glaube noch an ein fliegendes Spaghettimonster. Aber nu, nu is genug. Daß mir dreisterweise ausgerechnet am Höhepunkt des Mißbrauchsskandals ein Zahlschein dieser Glaubensgemeinschaft, die einem aufgeklärten Menschen ziemlich bizarr vorkommen muß, und in der nicht wenige Protagonisten ganz offensichtlich ihre Drecksgriffel nicht bei sich behalten können und systematisch Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausüben, ins neue Heim flatterte, war der berühmte Tropfen, der das Faß dann zum Über- und mich endgültig zum Weglaufen brachte.
Und vielleicht, vielleicht war es sogar gut, so lange zu warten, quasi den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Ich tröste mich, was die viel zu lange Dauer meiner nicht selbst verschuldeten, äh, gewählten pro forma Mitgliedschaft bei der “allmächtigen Kirche” betrifft, ein wenig mit der Tatsache, daß mein Austritt zum jetzigen Zeitpunkt eine kleine Schaumkrone auf einer mächtigen Welle ist, und daß ich vielleicht, wenn ich mir die Illusion erlauben darf, als eine von vielen dazu beitrage, die alten Männer in ihrem merkwürdigen Zwergstaat doch ein bißchen nervös zu machen, was den Bestand ihrer umfassenden Macht angeht, wenn ihnen die Schafe scharenweise ausbüchsen.

PS: Ich möchte hier weder religiöse Gefühle herabwürdigen noch irgendjemandem sagen, daß sein Glaube Nonsens sei. Es soll bitte jeder glauben, was ihm gut tut. Er soll sich auch mit Gleichgesinnten zu Religionsgemeinschaften zusammenschließen und Hare Krishna oder Danke für diesen schönen Morgen singen, Bibelkreise organisieren, Kornkreise errichten, im Mondenschein okkulte Formeln rezitieren, seiner Göttin in Form von freizügigen Saturnalien huldigen, beim Fest des Huhnes ganz viel Bier trinken und sich bekotzen, schwarze Messen feiern, sich eine Pyramide aufstellen und Anubis anbellen, im Lendenschurz auf einem nackten Felsen in Vorderasien meditieren und ein halbes Jahr nur von Tau und Licht leben oder sich grün anmalen und erklären, seine Götter wollten das so. Aber bitte nicht mit Feuer, Schwert, Sprengstoffgürtel und Gebetsbuch hinausziehen, um andere Leute zu missionieren, sondern vielleicht einfach einmal mit dem simplen und ganz sicher nicht grundverkehrten Versuch anfangen, ein halbwegs guter Mensch zu sein und im Sinne des kosmischen Wohlbefindens viel zu lachen und es sich gutgehen zu lassen, ohne daß das auf Kosten anderer geht. Und bitte, bitte, bitte, endlich Kirche und Staat trennen. Das Mittelalter ist schon eine ganze Weile vorbei. Danke.