Als ich das Geschäft – die erste Adresse für Wintersportausrüstung und -bekleidung hier im Ort – betrete, weiß ich mit jeder Faser meiner Existenz, wie sich Howard Carter in der Vorkammer des Grabes von Tutanchamon gefühlt haben muß. Klamm. Nervös. Voller Angst vor der Niederlage, wütenden Dämonen und Grabräubern. Sehnsüchtig. Bang und gierig und darauf vorbereitet, daß sein Lebenstraum gleich zu Staub zerfallen oder sich erfüllen könnte.
Im Bemühen, mir meinen emotionalen Ausnahmezustand nicht anmerken zu lassen, versuche ich ein zittriges Lächeln auf meine Lippen zu montieren, schlendere betont lässig zu den Regalen mit den Skischuhen, wiege mit prüfendem Kennerblick einen – äh – Snowboardschuh? in der Hand und lasse meinen Blick über eine ansehnliche Ausstellung technisch perfekter Laufschuhe wandern, ehe mich die Sportartikelfachverkäuferin entdeckt und forschen Schrittes auf mich zukommt: “KANN ICH IHNEN HELFEN?”
Ich verknote meine eiskalten, verschwitzten Hände in einer universellen Geste der Demut in meine Manteltaschen, schmiege mich zitternd an den Mann und flüstere, den Blick gesenkt: “Ich suche… ich suche… haben Sie… Sie haben nicht zufällig noch Winterschuhe?”
Die Sportartikelfachverkäuferin, eine langgediente Veteranin der CIA, die in ihrer Jugendzeit mit besonders gerissenen Verhörmethoden aufgefallen und später zu den Russen übergelaufen ist, bevor sie hier anfing, heuchelt Verständnis. “Win-ter-schu-he”, sagt sie langsam, und ein Lächeln wie die Andeutung eines Wintersonnenaufgangs im Nebel beginnt sich in ihren aufmerksamen Zügen abzumalen, “Winterschuhe. WINTERSCHUHE!”. Sie lächelt mich versonnen an, gibt mir die Chance, jetzt in wildes Gelächter über diesen großartigen Witz auszubrechen, mir johlend auf die Schenkel zu hauen “Arr-arr-arrr, Winterschuhe! Im Jänner! Haha! Nein, ich brauche natürlich Trekkingsandalen! Einen Bikini! Nordic Walking-Stöcke! Win-ter-schu-he! Muahahahahahaha!” -
aber ich schweige nur betreten, scharre mit den Fußspitzen in der hellmanhattan-grauen Auslegeware herum und krächze mit letzter Kraft und dünnem Stimmchen: “Ja. Winterschuhe. Meine sind nämlich…” ich hebe probeweise einen Lidrand, um einzuschätzen, ob sie mich schon mit Feuerbällen bewirft, oder ihr schon Hörner aus der Stirn wachsen, und füge hastig hinzu: “meine sind nämlich kaputt gegangen.” Als Beweis strecke ich mit rasendem Puls, trockener Kehle und verkrampftem Magen den rechten Fuß ein winziges Stückchen nach vorne, damit sie sieht, in welch erbärmlicher Verfassung sich mein aktuelles Schuhwerk befindet, schließe die Augen und bereite mich auf den Todesstoß vor. Als ich ein Auge wieder öffne und die angehaltene Luft langsam wieder ausströmen lasse, bin ich noch nicht tot. Die Sportartikelfachverkäuferin schenkt mir einen Blick, den sich der Inhaber eines Schädlingsbekämpfungsunternehmens für besonders kecke Kakerlaken aufspart, und klärt mich in etwa dem Tonfall, mit dem der Terminator mit Sarah Connor verkehrte, auf:
“WINTERSCHUHE kriegen wir im OKTOBER. Die sind schon seit Monaten restlos ausverkauft!” Die ersten Leute schauen schon mit verächtlichen Gesichtern zu uns her. Ich umklammere die Hand des Mannes, rechne mir die Chancen aus, durch den Haupteingang zu türmen, verwerfe sie wieder und frage dann mit dem Mut der Verzweifelten: “Aber vielleicht ein Restpaar?”
Jetzt malt sich in die Züge der Sportartikelfachverkäuferin ein klitzekleines bißchen Respekt vor soviel Schneid. Resolut schubst sie mich in Richtung Kassa und deutet auf einen verwaisten Schachtelturm, den ein einzelnes, klobiges, durchfallbraunes Etwas um 89,90 ziert, das aussieht, als wäre es bei einer nordkoreanischen Militärparade am Straßenrand liegengeblieben. Herrisch deutet sie mit dem Kinn darauf, ihre Augen rollen wild, Dampf steigt von ihrem Haupt auf. “DIE HIER hab ich noch. Immerhin absolut wasserfest!”
“Diegefallenmirabernicht”, rufe ich, werfe dem Mann einen raschen Blick zu, er nickt unauffällig, und unter Mobilisierung unserer letzten Kraftreserven sprinten wir aus dem Laden, weichen den Blitzen aus, die der Sportartikelfachverkäuferdämon uns nachschleudert und das Ortszentrum in Schutt und Asche legen und kommen knapp, nur knapp, zwar ohne Schuhe, aber mit unserem nackten Leben davon.
***
Zehn Kilometer weiter, in einer völlig anderen Dimension und einem völlig anderen Geschäft, nehme ich eine halbe Stunde später weinend vor Dankbarkeit das letzte käuflich erwerbbare Paar Salomons der gesamten Region entgegen, die mir zwar eine Nummer zu groß sind, ansonsten aber jeglichen Anspruch an Winterschuhe erfüllen – und morgen, gleich morgen, werde ich in den Keller gehen und mein Schuhwerk für die warme Jahreszeit sichten, damit ich mir eine weitere Nahtoderfahrung erspare, indem ich beispielsweise eines schönen Maientages unbedarft wie ein grenzdebiles Greenhorn nach Trekkingschuhen frage.


