Tag 1 – Das Buch, das du zurzeit liest
Das Lesen ist für mich etwas so Selbstverständliches wie dem sportlich Veranlagten seine tägliche Laufrunde – es gibt keinen Tag, an dem ich nicht irgendwann meine Nase in mein aktuelles Buch stecke; nachts vor dem Schlafengehen grundsätzlich, beim Zähneputzen, während ich darauf warte, daß das Nudelwasser kocht: immer muß da ein Buch sein, sonst fühle ich mich nicht wirklich wohl, und wenn ich einmal richtig viel Zeit habe, verbringe ich sowieso ganze Nachmittage auf dem Balkon, der Wiese oder der Couch und lasse mich durch die Geschichten treiben, die andere sich ausgedacht haben. An einem sehr heißen Tag im vergangenen Juli habe ich mir bei Ian McEwans großartigem “Am Strand” einen mittelschweren Sonnenbrand zugezogen, am nächsten Tag verschlag ich Haruki Murakamis “After Dark”, das ich im Gegensatz zu all seinen anderen Romanen aber eher fade fand. Ich bin auch bekennender Wiederholungstäter, was Bücher anbelangt; ich muß Bücher, die mir gefallen haben, nach spätestens einem Jahr, dann wieder ca. nach drei und noch einmal später nach zehn Jahren wiederlesen, weil ich es unglaublich spannend finde, mich und den Zustand der Welt zum Lesezeitpunkt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. So weiß ich zum Beispiel ganz genau, daß ich im Februar 2000 zum ersten Mal John Irvings “Gottes Werk und Teufels Beitrag” gelesen habe; vorwiegend auf einer Fensterbank in einer Wiener Wohnung, daß das Wetter stürmisch und ungewöhnlich mild war, daß ich Liebeskummer hatte und mich eigentlich auf eine Prüfung in Ethnosoziologie vorbereiten sollte. Juli Zehs “Adler und Engel”, eins der besten Bücher übrigens, das in den letzten Jahren aus dem deutschsprachigen Raum kam, habe ich Anfang Juni 2000 gefressen und schon nach ein paar Wochen wieder gelesen, weil ich einfach nicht glauben konnte, daß eine ca. Gleichaltrige zu so etwas fähig ist.
Ich lese großteils eins nach dem anderen, von Anfang bis zum Ende, in einem durch – Kurzgeschichten eher selten, weil ich als Schnelleserin lieber lange, epische, durchkomponierte Romane habe. Bücher schließen sich bei mir auch immer wieder auf völlig ungeplante Art zu losen Verbünden zusammen, wobei das meistens so läuft, daß es mit ein paar Neuen beginnt (ich kaufe, wenn ich in eine ordentlich bestückte Buchhandlung komme, immer einen Stapel), deren Lektüre dann oft fortgesetzt wird mit bereits gelesenen, an die sie mich in irgendeiner Art erinnern.
Letztens, und das bringt mich endlich auf das Buch, das ich zur Zeit lese, hat es angefangen mit Walter Kempowski: “Alles umsonst”, einem unglaublich düsteren und stilistisch außergewöhnlichen (aber gewöhnungsbedürftigen) Roman über die Geschichte und den Niedergang einer ostpreußischen Familie im letzten Kriegswinter. Noch während ich dieses Buch las, bekam ich ganz spontan und per Zufall das lang schon fällige “Die Mittagsfrau” von Julia Franck in die Hände, weit weniger sperrig, wunderschön geschrieben, thematisch aber ähnlich erschreckend wie Kempowski. Um von dem wilden Trip wieder herunterzukommen, nahm ich mir in der Folge die viel gepriesene Kurzgeschichtensammlung einer weiteren jungen deutschen Autorin zur Hand – Judith Herrmanns “Nichts als Gespenster”, die mich trotz ihres lakonischen Grundtons in dieses atemlose Rennenwollen auf allen Ebenen beförderten, das ich manchmal habe, wenn etwas mich tief im Innersten berührt. Als nächstes und nach so vielen beeindruckenden Erstbegegnungen griff ich mir dann (zum wiederholtem Male) das absolut konträre “Willkommen in Wellville” von T.C. Boyle, dessen Oeuvre sich weitgehend komplett in meinem Bücherregal befindet – ich mag den Kerl und konnte auch diesmal wieder herzlich über die bissige Geschichte von John Kelloggs esoterischem Gesundheitsgulag und seinen freiwillig sich kasteienden Insassen lachen. Just als ich damit fertig war, landete – dem lieben Mann sei dank – “Axolotl Roadkill” unter der Leselampe; das vieldiskutierte Büchlein der 17jährigen Helene Hegemann, die sich, wie bald ans Tageslicht kam, recht schamlos bei einem Blogger namens Airen bedient und das ganze dann als ihres ausgegeben hatte, nicht ohne dafür umgehend einmal Lorbeeren und, gerechtfertigter Weise, kurze Zeit später eine ordentliche Tracht Prügel zu kassieren. Neugierig war ich jedenfalls sehr, und in der Folge eher enttäuscht – was ich allerdings schon vorausgesehen hatte. Das Buch ist streckenweise gut, im direkten Vergleich zu Airens Blog allerdings der verbissene und eher langweilige Jungmädchenversuch, das coolste und abgefuckteste Buch des Universums zu schreiben, der umso schaler wirkt, je mehr man sich vor Augen führt, daß das Künstlertöchterchen ihr um jeden Preis verruchtes Textfragment (Handlung gibt es so gut wie keine) dem realen Erleben eines eben wirklich existierenden Bloggers abgekupfert hat, der im Gegensatz zu ihr bloß nicht das Glück hatte, sein Geschriebenes in einem so großen Verlag unterzubringen. Schlußendlich bin ich nach diesem wahrlich nicht sonderlich schmackhaften Snack vor einigen Tagen endlich bei einem Buch gelandet, das ich schon seit Jahren lesen will, und das ich mir (wohl auch aus einer gewissen Lust an der Vorfreude) bisher immer für später aufgehoben habe: Jonathan Franzen, “Die Korrekturen” – ein hochgescheiter, hochwitziger, hochspannender Roman über eine Familie, deren geschildertes Schicksal ganz stark an den Beginn von Tolstojs “Anna Karenina” erinnert (über den ich übrigens zugegebenermaßen nie hinausgekommen bin): “Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich”. Nach ca. 250 Seiten kann ich über dieses Buch auf jeden Fall schon einmal sagen, daß es für mich ein Klassiker und ein weiterer Freund fürs Leben sein wird.