Ich mag ja Opern nicht so wirklich.
Zu knödelig, zu pompös, zu aufgedonnert, zu viel zur gleichen Zeit. “Lecker”, sagt der Mann höflich zum Lammfleisch, “aber will nicht”. Opernmäßig geht’s mir da ganz ähnlich.
Aber manchmal (selten) überkommt mich dann doch so ein bißchen der Interessensdrang, und dann grabe ich mich ahnungslos und unbedarft durch YouTube.
Zum Beispiel heute. Einfach “Casta Diva”, wohl eine der fettesten Rosinen im Klassikkuchen, ins Suchfeld eingegeben und mich durch die Diven und Damen des Genres kopfgehörert. Die Callas… hm. Die Netrebko… uha. Barbara Frittoli… erstaunlich schön für meine Ohren. Eliane Coelho… durchaus wunderbar. Cecilia Bartoli… ein Eizerl zu nasal. Die perfekte Version wird es wohl nicht geben, denke ich. Und dann klicke ich auf Anita Cerquetti, nie ihren Namen gehört, und es reißt mir so unmittelbar das Herz aus dem Leib, daß mir das Wasser in die Augen schießt.
Nichts knödelt, schrillt, flattert, jault oder überschlägt sich da. Anita Cerquettis Stimme ist unerhört rein, hell und frisch, fast metallisch, aber nicht kalt, sondern seelenvoll, magisch und unendlich musikalisch. Sie leuchtet. Würden klassische Stimmen so klingen, ich wäre der größte Opern-Fan…
Die Karriere der 1931 geborenen Italienerin, kann man auf der englischsprachigen Wikipedia nachlesen, war kurz; sie zog sich nach vergleichsweise wenigen Jahren schon mit 30 vollkommen von der Bühne zurück, manche Quellen nennen gesundheitliche Probleme als Grund für diesen viel zu frühen Abgang (mehr Informationen auf http://cerquetti.saint-sever.org/). Leider gibt es von Anita Cerquetti auch nur zwei offizielle Tonträger. “Anita Cerquetti (Grandi Voci)”, Decca, wird auf Amazon derzeit um entmutigende EUR 462,25- feilgeboten. Das eine lagernde Stück halt.
Egal. Es gibt ja YouTube.
Hier die angesprochene Version von “Casta Diva”. Cerquetti wurde, soweit ich das (so ohne näheren Zusammenhang) verstanden habe, 1996 als alte Dame dabei gefilmt, wie sie mit ihrer Aufnahme aus dem Jahr 1956 konfrontiert wird (im Kopfhörer ist zu hören, daß sie mitsingt). Der - ich nehme einmal an - Macher dieses Films, der anfangs kurz spricht, erklärt, daß er 30 Jahre auf der Suche nach ihr war, nachdem er die Aufnahme als Kind gehört hat.
Aber eigentlich ist das alles völlig egal.
Hören und fühlen Sie selbst:
“Ich mag ja Opern nicht so wirklich.”
Inzwischen hat Musik sich meiner in fast schmerzhafter Weise bemächtigt; jahrzehntelanges, zur Sucht gewordenes Hören und alles andere darüber Wegschieben hat dazu geführt, dass sich keine Stille mehr in mir mehr einzufinden vermag. Tagelang klingt es in mir nach und ich suche verzweifelt den Knopf, um alles ausschalten zu können …
Trotzdem Danke für diesen Hinweis!
Als Revanche der Link de.youtube.com/watch?v=gcSq3R6PzOg - bis zum 20. November in der Kölner Oper war mir Klaus Florian Vogt völlig unbekannt, nun haben wir einen Lohengrin, dessen lyrische Strahlkraft einfach überwältigt.
Grüße nach Wien
opern zu mögen, kommt einfach auch irgendwann - bei mir war es auch deutlich nach kernöl, dille und instrumentaler klassik;-)
Verehrtester Henricus,
Sie sprechen von einem Phänomen, das mir nicht ganz fremd ist, wenn sich auch möglicherweise die Genres unterscheiden, die Sie und mich so unabschaltbar nachklingen lassen.
Vogt singt in meinen Ohren in der Tat, und danke für den Link, wunderschön, knödelt aber in den Höhen dann doch wieder ein bißchen. (Allerdings hab ich’s mit den Tenören generell so irgendwie gar nicht. Fritz Wunderlich ausgenommen).
Liebe la-mamma,
dazu könnte ich Bände schreiben, weil es mich generell auf meine sehr enge (und teils auch ein bißchen herzzerreißende) Beziehung zur Musik bringt. Ich hatte jedenfalls nie Berührungsängste mit der Klassik; meinem ungemein musikalischen Papa gelang es tatsächlich, mich nicht mit Mozart, Dvorak, Bartholdy und Co. zu vergrätzen, sondern ganz im Gegenteil, mich schon im Kindergartenalter dafür zu begeistern (ich bin zum Beispiel jahrelang jeden Sonntag neben ihm auf der Orgelbank gesessen und war später nicht ganz teenagerkonform begeistertes Mitglied im Kirchenchor). Kernöl (Muttern hat steirische Wurzeln!) und Dill (sogar frisch aus dem Garten) mag ich auch schon immer; Schwammerln dafür aber gar nicht, und ich glaube, daran wird sich auch nix ändern. :)
Danke fürs Anstoßen einer mächtigen Rotzundwasserplärrung. Ging nicht anders.
… und mir nämlich genauso, liebe Katzenklappe. Und es ist schön zu wissen, daß ich damit nicht allein bin.
Ich mag aus der “Klassikecke” eigentlich nur Symphonien, z.B. Bruckner und Sibelius. Das hier ist in der Tat etwas ganz Besonderes. Ich kann zuhören und fühlen, was mir normalerweise bei Opernstimmen nicht gelingt, bedingt durch das Auftreten eher unangenehmer Gänsehautempfindungen.
“Auftreten eher unangenehmer Gänsehautempfindungen” war jetz aber herzallerliebst formuliert… ;)
Seit 10 Jahren,seit dem Film von Schroeter,wo ich sie für mich entdeckt habe,frage ich mich,was sie so unterscheidet.
Durch Vergleichen bei You Tube weiß ich es jetzt: Alle singen mit ihrer Stimme auf dem Umweg über die Diva (Callas),über die Rolle , über irgendwas angelerntes,aufgesetztes,dramatisches Soseinwollen (Netrebko) usw.
Anita Cerquetti singt “nur aus ihrer Person heraus” ohne Umweg , ohne echt sein zu wollen.Sie “ist” echt. Sie ist die erste Stimme,die mich tief berührt. Das was einen süchtig macht,ist glaub ich die Teilhabe an etwas unmittelbar Echtem und das ist äußerst selten….