Die blinden Spatzen schreien es mit Krückstöcken von den Dächern, und selbst dem unaufmerksamsten Vorbeischauer wird es nicht entgangen sein: dieJulia leidet an Schreiblähmung (ersetzte “Schreib” ggf. durch “Blog”). Oder ist’s gar schon -fäule? Wie heimtückisch, wie wahnwitzig gemein, wie überaus fies! Hinter der Denkerstirn drängt sich die Menge wie Fans vor der Absperrung bei einem ausverkauften Konzert, oder besser: wie Häftlinge bei der Verteilung der Freigangformulare. Die Gedanken kratzen wie eingesperrte Katzen an der Fontanelle und wollen hinaus, während der teuflische Aufseher drinnen Redundanz Redundanz Redundanz raunt und mit verneinender Gebärde (säuerlicher Miene) die Arme verschränkt. Du kommst da nicht durch. Du nicht!
Blogo ergo sum war mal. Wann immer ich in letzter Zeit den Impuls hatte, der Welt wasauchimmer mitzuteilen, und so selten war das gar nicht, zog das Großhirn Mauern hoch, schluckte den Schlüssel (schmiß ihn durchs nächstbeste Kanalgitter), kappte die Verbindung zu den tippbereiten Fingerspitzen. Eine Art schreibtechnisches Locked-In-Syndrom. Es juckt und man will sich kratzen und es geht nicht. Man hätte so viel Zeit und so viel Zeug im Kopf, aber sobald man sich vor das berüchtigte leere Blatt setzt, fällt jede Spannung in sich zusammen. Verkrampfte Rücksicht auf Verluste. Verkopfte Sackgasse, wozu noch was dazu tun, wenn schon alles da ist. Tantalusqualen. Don Juan mit erektiler Dysfunktion. Und nachts jaulen die Katzen und verwandeln das Hirn mit ihren scharfen Krallen in ein Kopfwehpulverfaß und kommen als polternde Träume in den Schlaf gerauscht, die einen so verschrecken, daß man zitternd das Tageslicht herbeisehnt. Ein Jammertal.
Aber wie die Rose von Jericho in jeder Zelle das Wissen um ihre Wiederauferstehung trägt, harrte auch die verdorrte Schreibhand geduldig aus. Wartete auf den Tau. Rollte struppig und scheintot durch die Wüste, ließ sich vom Sandstrahlgebläse des Windes tragen, vielleicht zu einem Tümpel, der, wenn auch von Mückenlarven bewohnt, ausreichen würde, sie wieder ergrünen zu lassen. Und da! Platsch, ein Tropfen. Platsch, noch einer. Platsch, was für eine Überraschung. Es regnet!
Alex schickt der Himmel. Alex, der Schreibschrittmacher. Alex, der Regenmacher. Alex mit der Gießkanne. Alex mit dem Antibiotikum gegen die fortschreitende Schreibfäule. Alex fragt: “Frau Julia, sind sie romantisch?”, läßt damit die rabiaten Katzen frei, entreißt dem Aufseher den Schlüsselbund und wirft ihn in den Kerker, damit die Gefangenen die Tür aufschließen können, impft die Wolken, bringt den Stein ins Rollen, bricht den Bann.
Die Gedanken sind frei. Sie bewegen sich doch.
Und dieJulia schreibt.
*
Frau Julia, sind Sie romantisch?
Definiert man Romantik als Rosamunde Pilcheresques Schein-statt-Sein-Universum sogenannter Liebeskomödien, in dem weichgezeichnete junge Leute in legeren Freizeitoutfits von Peek und Cloppenburg (das Polohemd für den jungen Herren, die entzückende Schurwollkombination für die junge Dame) zu Schlagerklängen (Kuschelrock) am Champagner-Cocktail nippend über den gepflegten Rasen defilieren, Zuchtrosensträuße und Gelbgoldkettchen an wohlerzogene Mädchen in dezentem Make-up überreicht und Golden Retriever-Welpen getätschelt werden und die Protagonisten beim Happy End mit der Kutsche (Mercedes-Oldtimer) in den Sonnenuntergang (aus der anderthalb Stunden dauernden in die ewige Bedeutungslosigkeit) gleiten, ist diese Frage mit einem nachgerade apodiktischen, zumindest monolithischen NEIN zu beantworten. Übrigens in Kombination mit herzhaftem Hochziehen und anschließendem Ausspucken des gerade vorrätigen Naseninhalts.
Macht man sich allerdings die lustvolle Mühe, den verdächtigen Begriff Romantik von seinen giftrosa, nach Billigparfum und Schundliteratur stinkenden Ablagerungen zu befreien, mag man ihn als etwas erkennen, zu dem man sich mit jeder Faser bekennen kann. Sehnsucht. Leidenschaft. Maßlosigkeit. Grenzen sprengen. Genres mißachten. Universalpoesie für alle, und bitte viel von dem Zeug! Der Aufstand gegen die Tyrannei der Hüter der Welt und ihren Ordnungsfanatismus. Der dunkle Wahnsinn eines E. T. A. Hoffmann gegen die unsägliche Einöde der Unterhaltungsindustrie. Mißtrauen gegen alles, was käuflich ist. Phantasie gegen Bürokratie. Wundern gegen Ärgern.
Ja, Frau Julia ist romantisch. Frau Julia ist hineingeboren worden in ein warmes Nest der Romantik: Der Respekt vor der Natur. Mendelssohn-Bartholdy und Grieg. Die Tradition des Geschichtenvorlesens und -spinnens. Hauff, die Brüder Grimm, später dann Ray Bradbury, magischer Realismus und Tom Robbins. Die besten Eltern, später dann die beste Deutschlehrerin, die ich mir vorstellen kann. Erich Kästner: “Laßt euch die Kindheit nicht austreiben.” Günter Eich: “Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.” Georg Danzer: “Ich glaube an die Kartenspieler und an meinen Vorstadtkinderinstinkt mehr als an die Reden der Vorsitzenden, Nachsitzender, der ich in der Schule war.”
Klappentext zu “Buntspecht” (Tom Robbins):
Zerreiß das Cellophan.
Geh meilenweit durch die Wüste des Aberwitzes.
Kletter auf die Pyramide.
Heul den Mond an.
Und weil das so etwas wie ein Stöckchen ist, das mir ausnehmend gut gefällt, stelle ich zuletzt selbst eine Frage und überlaß es Bruder Zufall, ob sie denn auch von der Adressatin beantwortet wird.
Frau Heldin, sind Sie heldenhaft?
Blockade? Mitnichten. Blog erat demonstrandum.
Die Worte sind gewürfelt.
Wo gibt es diesen Würfel?
Mein Gott, sind Sie gebildet.
Ich glaube, ich muss kotzen. Textvergiftung!
Und das bei meiner fortgeschrittenen Blogentwöhnung und ebenfalls persistierenden Schreiblähmung. Fast hätte ich -blähung geschrieben. Verdammt.
Hinterm Mond, lieber Markus, gleich links, ist meines Wissens ein altmodischer Spielzeugladen, der sie führt. (Wird übrigens von Edgar Allen Poe betrieben) - allerdings kommt man dort nur im Traum hin und darf sie leider nicht mitnehmen.
Herr suspect0, Sie sollten Ihre Tabletten regelmäßiger nehmen, Sie Schlingel. Käsepappeltee soll gegen Blähungen und andere Unannehmlichkeiten übrigens ganz gut helfen. Ansonsten: abgestandenes Cola und Soletti. Sie wissen schon.
Wahnsinn - wie sie aus diesem Stück alltagswörtlichen Romantikholzes einen feinst geschmückten, vorweihnachtlichen Nussknacker geschnitzt haben, äußerst verbal! Bin ganz beeindruckt und habe sogleich an die Blognachbarin weitergepetzt, quasi dem Herrn Zufall einen Tag freigegeben. Ist Ihre Person eigentlich wirklich oder wurden Sie einstmals auf träumerischem Reißbrett entworfen? Sie schreiben immer so Sachen, manmanman, ist einfach schön, dass Sie bloggen.
oh, wunderbar, überraschend. ich überlege und werde hantieren, mit worten. auch bei mir ein bisschen flaute in den blogsegeln. deswegen: danke dafür!
die blogsperre ist allgemein gelöst … dem bloggott sei dank! =)
die nixe freut sich über so viele worte … mehr! mehr!
DAS machense aber nich noch mal, Verehrteste!!! Ich habe querlesebedingt einen Herzkasper bekommen. Das Weltweitnetz ohne Sie?! Undenkbar.
Herr eloran, Mannmannmann. Sie schreiben aber auch Kommentare, daß einem ganz schwindlig wird… (und wann fangen SIE wieder zu bloggen an, hm? Ewig schad drum. Wirklich.)
Frau Heldin, ich wünsche uns allen einen guten, kräftigen Wind. Flaute ist blöd. Nämlich.
Liebe nixe, ich hab mich über so viele Worte auch gefreut. Jetzt müßte man den Bloggott halt bei Laune halten. Ich ziehe die Errichtung eines Altars in Erwägung… ;)
Herr Krause, sehnse, das kommt davon. Also vom Querlesen. Trotzdem sorry für den Herzkaschperl… und nein, ich denke gar nicht daran, aufzuhören, dazu bin ich viel zu verspielt. Und außerdem brauch ich ja einen Platz für meine Fotos, weil Flicker geht ja performancemäßig echt noch immer gar nicht, irgendwie.
Wissense, eigentlich vermisse ich das Internet und die Bloggerei in den eigenen acht Wänden gar nicht so sehr (ich wohne nämlich in einem Oktaeder mit Blick auf Pythagoras Grabzimmer). Nur manchmal reizt es mich dann schon, wenn ich so Ihren Budenzauber hier mitkriege oder den ein oder anderen Text woanders. Aber letztlich habe ich nicht mal mehr ein paar Kinderschuhe übrig, in denen eine neue Blogidee stecken bleiben kann, also lasse ichs mal lieber ganz sein. Da tob ich mich besser hie und da mal in Ihrem Wortharem aus und schmiere Ihnen ein paar Buchstaben vor die virtuellen Füße. Hat ja auch keinen Sinn, das Kind zuzuschütten, wenn der Brunnen verbrannt ist.
Dann seien Sie versichert, lieber Herr eloran, daß Sie in diesen virtuellen Gemächern mit seinen seidenen Wandteppichen und prallen Kissen (wo Sie schon Harem sagen) jederzeit hochwillkommen sind! Und sollten Sie doch einmal das Bedürfnis verspüren, an diesem digitalen Lagerfeuer ihre Stimme zu erheben und eine Geschichte zu erzählen, leihe ich Ihnen mit größtem Vergnügen mein Mikrophon. Depesche reicht.
Auf Ihr Wort! Für selbiges empfahl sich vorhin auch die Heldin im stadtweiten Alternativencafé, müsste also wenn, dann quasi Parallelbloggen betreiben, um das schöne Geschlecht weder im hiesigen noch im österreichischen zu verprellen - was aus so einem edlen Angebot für Etikettepflichten erwachsen!
Ach, sehenses mir nach, dass ich wieder so verbale Kampfmittelräumung betreibe, sitze hier in einem DAUchen-Kurs LaTeX und versuche, gedanklich über Wasser zu bleiben. Finde das ganz reizend von Ihnen, das Angebot, komme sicher und gern darauf zurück, wenn sich die Verschriftlichung ergeben sollte!
Was hat eigentlich der Sommer so gebracht, hm?
Also EINER weiss es ganz gewiss, naemlich der da!
http://www.youtube.com/watch?v=dlEFE23NJsQ&NR=1
Augen zu, Ohren auf und einfach verinnerlichen…
cheers, (noch aus Wien)
|cv|