Prädikat “besonders wertvoll”

Verkleidet als Blogosphärenstöckchen kommt sie also aus mehreren Richtungen daher, die schöne, große, schrecklich einengende Frage nach sieben Lieblingsblogs. Ich will mich an dieser Stelle nicht mit unnötigem Rahmenkram aufhalten, klebe also ganz schnell das im Kleingedruckten vorgeschriebene Logo hinein und beginne mit dem großen Outing, dem enthusiastischen Bekennerschreiben, der begeisterten Laudatio, dem unverhohlenen Empfehlungsschreiben.

iloveurblog.jpg

(überhaupt und sowieso) kreativbetrunken
Virtuell begegnet bin ich Herrn Ad erstmals 2005. Neugierig geworden durch einen Kommentar bei Wortgott Poodle (der leider nicht mehr unter den Bloggenden weilt) oder Opa Edi, so genau weiß ich es nicht mehr, wühlte ich mich durch seine - damals - garstig-absurden Verbalattacken vom Rand des Abgrunds, in denen es literweise Fremdblut, kiloweise Leichenteile und massenweise existenzialistisch anmutenden Schwarzhumor vom Schlag eines Pino Cacucci oder Charles Bukowski gab. Da schrieb einer auf Teufel komm raus mit der durchgeknallten Fabulierlust eines aus völliger Anonymität heraus agierenden Vogelfreien, daß mir Hören und Sehen verging. Ich war nachhaltig begeistert, aber es dauerte einige Zeit (in der ich meiner damaligen Lieblingskollegin fast täglich die neuesten kreativbetrunken-Episoden vorlas), bis ich es überhaupt wagte, einen Kommentar auf seiner Seite zu hinterlassen. Und dann ging alles ganz schnell. Er schrieb mir eine (zu diesem Zeitpunkt noch erstaunlich) liebenswürdige Mail. Ich antwortete mit einem Palindrom. Und vor knapp einem Jahr ist er, eine Landesgrenze hinter sich lassend, zu mir gezogen. Momentan ist sein Blog recht niedlich. Aber täuschen Sie sich nicht: Die abstürzende Friedenstaube trägt ihr Pflaster nicht umsonst. (Und werfen Sie einen tiefen Blick in die verlassenen Hallen des ehemaligen Standorts. Dort läßt sich mancher Schatz heben!)

*

e!genart
e!genart ist eins der ganz wenigen Blogs, die ich mehrmals täglich ansteuere, und obwohl ich den Kerl persönlich nie kennengelernt habe, würde ich ihn sofort als Zwillingsbruder wollen. e!genart ist gute Laune auf erstaunlichem Niveau, niemals abfällig, begnadetes Wortspielkind, flitzeschnell im Kalauern, Versteher schwieriger Austriazismen und Kenner alter ORF-Kleinodien, Finder von komischen Kuriositäten, nie um einen preisverdächtigen Sager verlegen, mit prächtigem Musikgeschmack gesegnet - und bei alledem noch ein absolut phantastischer Fotograf, wie sich immer wieder zwischendurch und insbesondere auf seiner unbedingt extra erwähnenswerten Bildergalerie zeigt.

Frischer Fisch von vorgestern
Ein großartiges Abenteuerland, ein wunderliches Spiegelkabinett, Phantasia. Markus Quint ist für mich schon lange eine unvergleichliche Institution; sein Blog ein unfaßbarer Platz, ganz sicher nicht von dieser Welt, an dem die Gedanken frei galoppieren und wie junge Hunde miteinander um die Wette rennen dürfen. Er schreibt unerhörte Dinge, die sich jeder Kategorisierung entziehen, ermöglicht das Unmögliche, denkt das Undenkbare und wirkt oft tagelang nach. Nicht umsonst heißt eine seiner oft präsenten Figuren Escher.

gnogongo
gnogongo liebe ich, weil sein Betreiber in aller Stille, aber mit einer kaum vorstellbaren Kontinuität und unglaublichen Frequenz den Alltag in seiner Stadt Düsseldorf kartographiert bzw. - oft in Pixeln, oft in Worten - auf unprätentiöse Art und Weise, präzise, aber niemals trocken, festhält und damit zu einem erstaunlichen Chronisten von Straßenzügen und Vierteln, Menschen, meteorologischen Zuständen und so viel mehr wird. Als kundiger Gärtner und Botaniker schenkt dieser scheinbar ewig herumstromernde Spaziergänger, bei dem ich immer versucht bin, ihn mir mit Strohhut vorzustellen, dem Internet außerdem detaillierte und höchst informative Bestandsaufnahmen der städtischen Flora sowie fundiertes Wissen über Bioinvasoren, Klimawandel - und die plötzliche Freude beim Anblick einer unvermuteten Pflanze im städtischen Monochrom.

ker0zene
Urkomische Geschichten von Tankstellenschichten und dem kuriosen Alltag als DAU-Betreuer, von Zeit zu Zeit ganz leise die Skizzen zutiefst privater Momente, wunderschöne Bilder. ker0zene lese ich so gern, weil er eine ausgeprägte Beobachtungsgabe mit Sinn für die kleinen Details hat, weil er sich über Leute lustig macht, ohne je verletzend zu werden, weil er wortgewandt und mit viel fotografischem Feingespür diese kleinen, verschrobenen, liebenswerten Seiten an Menschen entdeckt, ohne sie bloßzustellen, weil man bei seinen Anekdoten herzlich lachen und leise lächeln kann; weil man einfach das Gefühl hat, daß hier ein grundintelligenter, witziger und höchst mögenswerter Mensch schreibt und abbildet.

b.l.u.b.
Ich hab sie nicht verlinkt (sie ist es in so vielen Blogs, daß ich kein extra Lesezeichen brauche und immer einen Weg zu ihr finde) und noch nie bei ihr kommentiert, aber ich lese sie seit Jahren mit Hochgenuß, weil sie so schön gaga ist und eine prächtige Begabung für schräge Beobachtungen hat, die mit ganz wenigen Worten auskommen und fast immer aufs Zwerchfell zielen.

Rationalstürmer
Der Stürmer. Wie ein aufs Blut gepeinigter Wolf verbeißt er sich in die Leiber politischer Figuren, mit alttestamentarischem Furor stürzt er sich in Abgründe, in die zu folgen sich bisweilen schon fast lebensbedrohend schmerzhaft angefühlt hat, mit der gigantischen Kraft einer zornigen Großkatze teilt er Prankenhiebe aus, wie ein Unwetter apokalyptischen Ausmaßes marschiert er gnadenlos durch die Villenviertel der Saturierten und legt in Schutt und Asche, was nicht feuerfest ist. Daneben experimentiert er aber auch mit Gummibärchen oder macht sich auf die Suche nach einer Wohnung.

pest krause
Herr Krause heißt nicht nur so, er ist es auch. Über pest krause bin ich, obwohl ich ihn erst vor vergleichsweise kurzer Zeit entdeckt habe, so voll der Begeisterung, daß es für einen Außenstehenden schnell nach Schleimerei aussehen könnte, würde ich eine wortreiche Empfehlung für sein Blog abgeben. Ein wunderlicher, wunderbarer, unermüdlicher, liebenswerter, vergnügter Mann mit Musikgeschmack, Kamera und Hund. Unbedingt nix wie hin, lesen, schauen, lieben!

[Edit] An die Verlinkten: ich erwarte an dieser Stelle definitiv keine Gefälligkeitsgegenverlinkungsorgien oder sowas (Liebeserklärungen macht man ja schließlich nicht, weil man was dafür will!) und entschuldige mich außerdem für die seltsam verstümmelten Trackbacks, die ich möglicherweise auf Ihrer Seite hinterlasse. Als nicht allzu tief in der Materie verwurzeltes und technisch gesehen weitgehend support-loses Blogkind ist es mir leider nicht vergönnt, den Fehler selbst zu erkennen und zu beheben.

12 Kommentare zu “Prädikat “besonders wertvoll””


  1. 1 Pest Krause

    Ach, Sie nun auch. Ich bin wohligst angerührt, Holdeste, wirklich. Und muss gestehen, dass auch ich VOLLSTÄNDIG ohne Ahnung im Bereich der Trackbacks bin. Gut, ich versteh den Sinn, aber nicht die Funktion! Welche Adresse kommt wo…?!

    Nun, wie ich schon dem hochverehrten Herrn Ad schrob, muss ich denn wohl mal aussieben gehen…merci noch mal. Aber mal ehrlich: Wenn ich wirklich vergnügt rüberkomme, muss ich dringend was an meiner Attitüde ändern.

  2. 2 dieJulia

    Oh Gott (?), Herr Krause, selbstverständlich ist mir mit dem “vergnügt” ein schwerer Fehler… oder nein, quatsch.
    Also… vielleicht haben wir da einen voneinander völlig unabhängigen Bedeutungsinhalt? (Hach, ich bin fast ein bißchen aufgeregt. Das erinnert mich an die Publizistikeinführungsvorlesung!)… also, weil das von Ihnen verschmähte Wörtchen ist für mich halt so… na, zum Beispiel das Gegenteil von “vergrämt”.

    …Also gut. Jetzt bin ich völlig fertig. Ich wollte Ihnen nicht unterstellen, Sie seien ein vergnügter Mensch! Um Gottes (?) Willen! Ich… ich widerrufe! Bitteschön! Ein Widerruf:

    “Ein wunderlicher, wunderbarer, unermüdlicher, liebenswerter, vergnügter Mann mit Musikgeschmack, Kamera und Hund.” ist falsch! Über ihn zu sagen, daß sein Geschriebenes einen vergnüglichen Eindruck erwecken würde, steht weder mir noch einem anderen zu, obschon schlichte, sehr schlichte Gemüter auf solche (wie auch andere abwegige) Ideen zu kommen nicht ganz ungefährdet sind. Nein, Damen und Herren! Sich zu der Behauptung versteigen, daß jemand “vergnügt” ist oder wirkt, kann nur ein Narr! Schande über mein Haupt! Und Asche! Mindestens!

    Reformuliert muß es also in etwa so lauten:

    “Ein griesgrämiger, freudloser, vergrämter, mürrischer Mann mit Musikgeschmack, Kamera und Hund”.

    Besser jetzt?

  3. 3 dieJulia

    Sehen Sie sich dazu eventuell auch das hier an: http://www.youtube.com/watch?v=m7mIy97_rlo

  4. 4 Pest Krause

    Wenn ich Smilies nicht verabscheuen würde und die womöglich hier auch noch angezeigt werden würden…ich hätte Ihnen jetzt das ganze Kommentarfeld mit so Lachdingern vollgezimmert. Da ham Sie aber noch mal Glück gehabt.

    Sagen Sie mal, was zur Hölle gabs denn heut am Abend bei Ihnen zu essen???

  5. 5 Ad

    pest krause: das wüßte ich auch gerne!

  6. 6 dieJulia

    Herr Krause,
    self made Nudelauflauf alla Mamma - mit (klarerweise) selbstgekochtem Sugo, Schinkenwürfeln, Sauerrahm, Petersilie; mit Salami (echt ungarisch) und Käse überbacken - und dazu grüner Salat (Grazer Krauthäupl, French-Dressing),
    zur Hölle! :)
    (weil Sie gefragt haben)

    Ad, Schatz, das gibt einen Tag bei Wasser und Brot!

  7. 7 Kataklysm

    ad absurdum! ad absurdum!

  8. 8 Rationalstürmer

    Duliebezeit, Julie!! Was muss ich denn da bei dir lesen? Und das, wo ich meine Zornmauer doch zuletzt so schröcklich sträflich vernachlässigt hab. Und noch mehr, wo ich nicht einmal versprechen will, dass sich das bessert! Da hast du den Menschen ja beinah ein Vermächtnis ans schwarze Herzerl gelegt.

    Aber ich bin nicht nur höchst erfreut, sondern fühl mich obendrein auch noch geehrt. Fei echt.

  9. 9 dieJulia

    Du liaba Rationalstürmer,

    und wenn du die Zornmauer 20 Jahre vernachlässigst oder dich aufs Nasenbohren oder Häkeldeckerlfabrizieren verlegst: es ist einfach nur gut zu wissen, daß es sie gibt. Ist wie so vieles schwer, das in Worte zu fassen, aber ich glaub, daß du es es verstehst. (Und in einem nächsten Leben hätt ich dich gern als großen Bruder, wenn’s geht.)

  10. 10 Rationalstürmer

    … jetzt weiß ich ja erst recht gleich nimmer, was ich sagen soll.

    Also das mit dem nächsten Leben geht auf jeden Fall klar, schon allein deswegen, weil ich in der Tat mit einer Drittkarriere als Nasenbohrer liebäugle. Und sollt ich jemals die schönsten Rawutzer ausstellen, bist du auf der Vernissage mein Ehrengast :-)

  11. 11 mq

    Auch wenn man in der eigenen Arroganz gerne die Ansicht vertritt, auf sowas nicht angewiesen zu sein: Dem Ego tut es gut, tief drinnen. Ehrlich, merci!

  1. 1 gnogongo » Blog Archive » Ich trage keinen Strohhut
    Pingback am 24. Sep 2008 um 08:20

Schreiben Sie einen Kommentar