Die heißen Freuden des öffentlichen Verkehrs

An hochsommerlich heißen Tagen wie heute würde ich gern einmal alle Entscheidungsträger bei den Wiener Linien dazu ermuntern, ihre phantastische Errungenschaft, die Niederflurstraßenbahn ULF (die in wenigen Jahren die alten Garnituren komplett ersetzt haben soll) zu nutzen und damit zur Arbeit zu fahren.

Wirklich, sie sollten sich nicht scheuen, die großartigen Verbesserungen, die sie den Fahrgästen mit diesen bis ins Detail durchdachten Vehikeln bieten, einmal auch selbst in Anspruch zu nehmen. Die winzigen Luftschlitze sind im Gegensatz zu den viel zu luftigen alten Waggons gottseidank so konzipiert, daß keine gefährliche Frischluft von draußen nach drinnen gelangen kann, denn wie wir alle wissen, überschreitet die Luftgüte in so einer Stadt gerade an Sommertagen bisweilen diverse Grenzwerte und sollte daher unter keinen Umständen eingeatmet werden. Auch die Zugluft an sich ist für empfindlichere Naturen das reinste Gift, während der Aufenthalt in hermetisch geschlossenen Systemen, wie wir sie etwa von der finnischen Sauna kennen, in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit (die genialerweise auf vollbiologische Art direkt von den zahlreichen transpirierenden Fahrgastleibern generiert wird!), dem menschlichen Organismus äußerst zuträglich (wenn auch für Menschen mit Entzündungen, akuten Infektionskrankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Venenthrombosen oder Krampfaderleiden leider nicht geeignet) ist. Somit bietet der ULF auch eine hervorragende Gelegenheit für meditative Selbstbeherrschungsübungen. Daß man Nerven wie Drahtseile und ein engelsgleiches Gemüt hat, beweist man sich selbst, wenn man schwitzend unter Schwitzenden eingekeilt ein halbwegs neutrales Gesicht zustande bringt, während sich ein Schweißtröpfchen unaufhaltsam seine Bahn vom Kreuz gen Popo bahnt. Auch kann man spielerisch seine Eignung zum nicht geräteunterstützten Tauchen testen, indem man von Station zu Station versucht, die Luft anzuhalten, weil der vordere Stehnachbar am Tag zuvor Knoblauch gegessen hat und der hintere aus Prinzip kein Deo verwendet.

Der beste Teil kommt aber erst, wenn man nach ein paar Stationen gut durchweicht vom eigenen Schweiß in eine U-Bahn umsteigt und das seltene Glück hat, einen tatsächlich klimatisierten Zug zu erwischen. Das ist dann quasi so vom Dampfgarer ins Gefrierfach - eine perfekte Abhärtung für den verweichlichten Stadtmenschenkörper! Und das alles für nur EUR 49,50- pro Monat!

Ja, ihr entscheidungsbefugten Menschen da bei den Wiener Linien, ihr solltet das einmal einen langen, heißen Sommer lang auskosten und die tropischen Freuden eurer wundervollen Niederflurgarnituren genießen, anstatt immer mit dem langweiligen Dienst-Audi zur Arbeit zu fahren. Wirklich, das hättet ihr euch sowas von verdient! Fast bin ich versucht zu sagen, daß man euch dazu verpflichten sollte. Damit ihr auch etwas davon habt.

13 Kommentare zu “Die heißen Freuden des öffentlichen Verkehrs”


  1. 1 suspect0

    Nur vollkommen wahnsinnige Masochisten und Asoziale sind in der Lage, eine Fahrt in ÖPNV-Keimbiotopen, egal wo auf der Welt, ohne Nervenzusammenbruch und/oder schwere Infektion zu überstehen.

    Mir ist absolut nicht schlüssig, wie sich ein gesunder Mensch derartige Torturen Tag ein Tag aus freiwillig antun kann, wo man heute schon für 8000 Euro ein klimatisiertes Kleinstfahrzeug zu erstehen vermag.

    Besser pleite, als tot, kann die Devise da nur lauten. Mein aufrichtiges Beileid!

  2. 2 dieJulia

    Vollkommen wahnsinnig bin ich mit Leib und Seele, da treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Dem österreichischen Teil meiner aus so vielen Quellen schöpfenden Seele dürfte es zu verdanken sein, daß ich zudem bisweilen tatsächlich eine masochistische Ader an mir feststellen kann (kleiner Euphemismus unter Freunden!)… ;)

    (Den Begriff “asozial” mag ich nicht; da schwingt zuviel Übles mit - wiewohl ich Ihnen jetzt nicht unterstelle, ihn samt seiner für mich wirklich unerträglichen Färbung zu verwenden.)

    Ein Auto hab ich zwar, doch fahre ich damit nicht zur Arbeit; zum einen, weil ich dann täglich zweimal eine halbe Stunde im Stau stünde und zweimal eine halbe Stunde im Kreis führe, auf der Suche nach einem Parkplatz, und zum zweiten, weil in der Umgebung meines Arbeitgebers eine großflächige Kurzparkzone herrscht.

    Auch muß ich sagen, daß der Öffentliche Verkehr in Wien generell was ziemlich Tolles ist und es mir dank meines einigermaßen unverwüstlichen Gemüts auch nichts ausmacht, mich gemeinsam mit anderen Exemplaren meiner Spezies von A nach B zu bewegen. Nur eben leider nicht im Sommer.

    Aber: kommt Zeit, kommt Rad. Und zudem hege ich keinen Zweifel an der Tatsache, daß Wien und ich unseren letzten gemeinsamen Sommer verbringen.

  3. 3 Fireball

    Und wieder ein Grund mehr, sich auf Wien zu freuen! ;-)

  4. 4 dreiundfünfzig

    Unter uns Wienern erlaube ich mir Ihnen einen kleinen Tipp zu geben. Sichern Sie sich am besten einen Stehplatz direkt vor der Türe zur Fahrerkabine. Bombadieren Sie darauf hin den Fahrer für die Dauer Ihrer Fahrt mit Fragen, flirten Sie ein bisschen mit ihm oder stecken Sie ihm ein wenig Geld zu - tun Sie was immer nötig ist - aber sorgen Sie dafür, dass dieses winzige Plastiktürchen, das den Fahrer vor gefährlichen Fahrgästen schützt, geöffnet bleibt. Dann nämlich können Sie in den Genuß kommen, ein wenig von der klimatisierten Luft, die zwar den privilegierten Fahrern aber nicht dem gemeinen Fußvolk zur Verfügung gestellt wird, zu erhaschen!

  5. 5 musenross

    frau julia sprechen mir aus der seele. werde die alten strassenbahnen missen. auch die neuen u-bahnen sind eine ähnliche katastrophe. hat jemand schon das neue “logo” der wiener betriebe gesehen? erinnert mich an raumschiff enterprise sollte heissen “phaser frei”.. :-(

  6. 6 nömix

    Das Olfaktorische Cuvée hominider Ausdünstungen muss unter hermetischem Luftabschluss heranreifen um sein volles Aroma zu entfalten. Ein Schas kommt in geschlossenen Räumen wesentlich besser zur Geltung als im Wald, jeder Öffi-Benützer kann das bestätigen.

  7. 7 katze

    einfach köstlichst!!! bi i froh, daß i am land wohn… = megasehr zu empfehlen!!!!

  8. 8 dieJulia

    Herr Fireball, es gibt Hoffnung; nämlich neben den rollenden Saunas auch noch die hübschen, roten, luftigen Altstraßenbahnen. In denen läßt sich’s trefflich aushalten (und ins Stadtbild passen sie auch ganz gut)… :-)

    Herr/Frau dreiundfünfzig, herzlichen Dank für diesen Tip - ich werde ihn beherzigen, wenn das Wetter wieder wild wird.

    Sehr leiwand, liebes musenross, das mit dem neuen Logo. Wäre mir gar nicht aufgefallen… erinnert mich ein bisserl an das “Alien, das einen Diamant auf dem Kopf trägt”-Zeichen auf der Fahrplan-Anzeige. Im Sinne der, äh, CI total konsequent!

    Was Sie sagen, stimmt, Herr nömix. Und als weiteres Axiom kann man, einen Klassiker zitierend, dann natürlich auch anführen: “Draußen regnt’s und drinnen stinkt’s, und i steh in der Mitt’n”.

    Liebe katze: eben. Erste Vorerhebungen und Sondierungsgespräche sind im Gange, Planankunft: Fruajohr… :)

  9. 9 knurps

    Wundert mich ein bisschen. Ich will nicht die kleine Provinzhauptstadt Düsseldorf mit Wien vergleichen. Nein wirklich nicht. Aber hier sind die Niederflurbahnen, die auch hier bald all die alten Bahnen ersetzen werden, alle mit Air-Condition ausgestattet. In der Hinsicht sind sie eine Erholung gegenüber den alten, im Sommer extrem aufgeheizten Bahnen. Das kann doch in Wien nicht anders sein. Vielleicht sollte man mit dem Fahrer flirten, um ihn zu bewegen, die Klimatisierung der Bahn einzuschalten.

  10. 10 dieJulia

    Wien ist ja eh selber eine kleine Provinzhauptstadt, lieber knurps! :-) (Und vielleicht kommt die Linie, die ich täglich benutze, ja auch einfach direkt aus der Hölle - ein Eindruck, den ich bisweilen durchaus habe. Sollte das den Tatsachen entsprechen, ist ein Anflirten des Fahrers wahrscheinlich ziemlich sinnlos.)

    Aber mich kratzt das, da bin ich ganz egoistisch, eh nicht mehr wirklich. Diesen Sommer noch. Land(leben) in Sicht.

  11. 11 neptunia

    wie? was? hat BOB urlaub in wien gemacht? um sie nicht zu verwirren, werte diejulia, bob ist mein allzeit geschätzter zug, dem leider im sommer die luft ausgeht. und die diskussionen darüber, daß die klimaanlage nicht funktioniert, weil statt dessen die heizung eingeschlatet wurde oder weil ein wahnsinniger es gewagt hat, ein fensterlein zu öffnen, helfen nur leicht über den tod durch schmelzen hinweg … ob stadt, ob land, geschwitzt wird übderall ;) schwitzelt die nixe!

  12. 12 dieJulia

    BOB heißt das überhitzte Transporttier bei Ihnen also. Dürfte in der Tat ein Cousin von ULF sein. Hierzulande hört übrigens die Wertkarte eines Mobilfunkbetreibers auf diesen Namen. Sprich mit Bob. Vielleicht sollte mal jemand mit Bob sprechen. Ihm gut zureden und so. Möglicherweise leidet er an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Oder einfach nur an Fieber?

    Egal. Hauptsache man genießt den öffentlichen Verkehr in vollen Zügen. Bleibt einem ja keine andere Wahl, meint

    dieJulia

  13. 13 neptunia

    auch wenn man mit bob schimpfen und nicht sprechen möchte (oder mit ulf, rob, blobb und wie sie alle heißen …). sie sind immer noch besser als ein alter dunkelblauer golf ohne klimaanlage oder aufklappbares dach! :)
    nehmen wir die unannehmlichkeiten wie sie kommen!
    es gibt schlimmeres - hat man mir versichert
    meint die nixe

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