Oh März! Oh Regen! Weiches Wasser, das aus dem Himmel fällt und sogar in den Beton-Canyons der Stadt nach Geheimnissen duftet, die halb so alt sind wie die Zeit, nach fetter, schwarzer Erde, nach dem schamlos exhibitionistischen Geburtsakt der Knospen, die sich überall aus grauem Winterholz kämpfen wie neugierige Tiere, mit schläfrigen Augen wie die von neugeborenen Kätzchen, halbgeschlossen und zart; überhaupt: das März-Tier! Wer nicht ganz blind und taub ist, spürt es als ein Ziehen, das seinen Brustkorb weitet und seinen Blick schärft - als wäre alles, was lebt, in einen kollektiven Fruchtbarkeitsritus verfallen, wo die galoppierenden Hufe des Frühlings Funken schlagen, wo sein rauher Atem, der noch nach Schnee riecht und trotzdem schon den winzigen Hauch einer Ahnung von Lindenblüte und der paradiesischen Großzügigkeit des Frühsommers in sich trägt, das Federvieh verwirrt und zu stringentem Gezwitscher animiert. Alle Jahre wieder kaum zu glauben. Ein armer Narr, wer heute einen Schirm mit sich herumträgt, anstatt sein Gesicht in diesen Wasser gewordenen Aufbruch zu halten!
Und an so einem Tag kann es passieren, daß du in der Straßenbahn stehst, Ameisen im Popo, und ganz unwillentlich lächeln mußt, ein auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennbarer Archetypus von einem Lächeln, ein grundloses, vergnügtes nach-innen-lächeln, das dir selber nur auffällt, weil du im Epizentrum stehst und es sich wellenförmig auf die anderen Fahrgäste ausbreitet. Der narrische Kastanienbaum sogar im zerfurchten Antlitz der alten Dame da drüben. Und sieh dir andre an. Es ist in allen. Jajaja! Dochdoch. Man muß es ausdrücklich festhalten: Es lebe der Frühling!
»Oh, März laß nach!«, hallte es in meinem Kopfe wider, als ich diese Deine Zeilen eben las. »Die kleinen Weidenkätzchen«, mein Lieblings-Schulsinglied in Kindertagen, kam mir in den Sinn. Ich mochte es wahrscheinlich besonders deshalb, weil es so halb verschlafen in Moll daherkam.
In Moll gehalten ist auch das folgende Frühlingslied, das ich vor ein paar Jahren in Minsk (wo es ein bißchen länger kalt bleibt; darum die Zeitverschiebung) schrieb. Es ist leider ein bißchen postmodern geworden; aber was soll man denn auch machen, wenn jeder Frühlingsgedanke sofort einen altbekannten, schon dreimal totrezitierten Vers evoziert? Wenigstens habe ich mir einen Spaß draus gemacht – und den Osterspaziergang weiträumig umgangen.
Viel Vergnügen!
Frühling in g-Moll
Der Frühling läßt ein graues Land
an einem Sonntag im April,
dem letzten, klammheimlich und still
in Grasgrün und Pastell verpacken.
Vor frisch vergoldeten Baracken
sieht man auf Bänken Rentner hocken;
sie stopfen Pfeifen oder Socken
und machen Jagd auf Flaschenpfand.
Es ist für Liebe höchste Zeit:
die lahme Hüfte ist erwacht
und auch manch andres … Tag und Nacht
sind viel zu kurz zum Trübsalblasen.
Geschminkte Lippen, Wodkanasen
und Schuhe spiegeln sich in Pfützen;
derweil sind Amors Bogenschützen
rund um die Uhr gefechtsbereit.
Am Abend, wenn die Straße schweigt,
verleiht gebrochner Herzen Qual
ein Kater Ausdruck — atonal.
Ich höre Schostakowitschs 11.
und denk so etwa bei der Hälfte:
»Ich muß hier raus, ich will zu dir!«
(zumal der Nachbar über mir
schon wieder seine Frau besteigt).
(Minsk 2004)
Ich finde ja, daß auch alte, zerrüttete, halbtotzitierte Verse bisweilen verdienen, vom ausgetretenen Poesie-Highway aufgeklaubt und ein Stück mitgenommen zu werden. Deshalb ja auch quasi Gnadenbrot für Rilke und ein altes Weihnachtslied. In einem spontanen Freudenausbruch des Märzes wegen. Weil mir gerade so unpostmodern zumute war. :-)
… aber was ich eigentlich sagen wollte: das Gedicht ist einfach extremst leiwand*, liebes zeze!
*http://www.ostarrichi.org/wort-113-at-leiwand.html
vorhin, ca. 10:37h, auf der anderen donauseite. schlagartig wird es dunkelgrau, ein wildgewordener wind hat mich zu seinem spielball ernannt, mich und meine besprechungsmappe. gleichzeitig werde ich zu einer zielscheibe großformatiger regentropfen, die kälter kaum sein könnten, zumindest für mein empfinden, angesicht der tatsache, daß ich bloß ein hemd trage. die jacke liegt nämlich gut im toyota und der steht wiederum auf dem wienerberg in der tiefgarage. ich bin ja mit dem mercedes unterwegs, ohne jacke, weiß zudem nicht mehr wo genau er steht. irgendwo auf dem riesigen parkplatz halt, nur die genaue position will sich mir nicht offenbaren. es dauert dann auch seine zeit, bis ich endlich durchnäßt und leicht eingefroren im besagten sitze, die tropfenden unterlagen betrachte und so leise vor mich hin flüstere „ja, scheiße, bald kommt der frühling… scheiße, hoffentlich!“…
;-)
Hallo, ihr grandiosen Dichter, das war alles einfach schön.
Ich weiss nicht, ob halb totzitiert od. sonst was,
nachstehendes ist einfach einer meiner Lieblinge:
Der Frühling
Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,
Oh! welche Freude haben die Menschen! froh
Gehn an Gestaden Einsame. Ruh und Lust
Und Wonne der Gesundheit blühet,
Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.
Friedrich Hölderlin
Schön! Hier kann man sich so richtig mitfreuen. Und ja, ich lächle auch dieses Lächeln, derzeit.
:-)
Ma, des gfreit mi!
¡hola de la costa!
Angesichts der Prognose fuer die Osterwoche empfehle ich dringend VIE-ALC mit der Air Berlin, ab 3.5. auch nonstop mit Sky Europe
Hach ja. Wäre da nicht der Überfluß an Geldmangel…