Heute, im Traum, habe ich gekocht, und als ich den Deckel hob, krochen große schwarze Käfer aus der siedenden Brühe, die mit glänzenden Panzern raschelnd durch die Küche torkelten und bald den ganzen Boden bedeckten, die Möbel, die Wand.
Später ging ich einen ruhigen, grünen Bach entlang, es war Frühsommer und die Sonne schien. Aus diesem Wasser tauchte eine Art Lurchmensch auf, so etwas wie ein kleiner, gescheckter Buddha, der mich mit freundlichen Augen anblinzelte und mit schiefgelegtem Kopf sagte: “Die Wahrheit ist nur auf den ersten Blick unbequem, auch wenn meine Art fast ausgestorben ist. Hör nie auf, an die Wahrheit zu glauben. Mach die Augen auf, sei wachsam, verteidige dich gegen die flüsternden Schatten. Die Wahrheit ist das Leben, die Lüge der Untergang.”
Als ich aufwachte, hatte ich Angst, es könnten die Käfer noch in der Küche sein.

[Informieren Sie mich bitte auch, wenn Sie erfolgreich waren. Und vor allem, wo. Vielleicht hat der ja noch mehr?]
… die aktuellen Ha und Em-Rehe, die in vielen Arbeitsstunden gephotoshoppten Schmollmündchen zu ewig debilem Erstaunen (oder “neckischem” Protest gegen unerwünschte Beischlafangebote?) erstarrt und die proportionstechnisch bedenklich langen Extremitäten, was wohl schulmädchenhaft wirken soll, in einer Art und Weise verdreht, daß man, wenn man freundlicher Natur wäre, an Kokoschka oder Schiele denken könnte, oder aber, wenn man eher garstig veranlagt ist, das Gesehene sofort mit der PR-Kampagne einer Stiftung im Kampf gegen irgendeine furchtbare Krankheit assoziiert.
Mir fällt, wenn ich diese Damen in ihren Frühlingsfummeln sehe, immer der arme Stephen Hawking in seinem Rollstuhl ein. Und dann frage ich mich schon, wen man mit sowas eigentlich ansprechen will, oder ob ich einfach nur Opfer meiner verzerrten Wahrnehmung bin.
dJ: Herr Grissefluchinger, Sie sehen heute etwas unpäßlich aus. Haben Sie sich … verrissen?
Grissefluchinger: Unlängst, in diesem, ich möchte sagen: exzellenten kirgisischen Low-Budget-Drama, da ist mir mein schwarzer Kugelschreiber hinuntergefallen und ich hab mir den Kopf gestoßen, als ich ihn aufheben wollte. Und dann habe ich wieder diese fiesen Nackenverspannungen bekommen, weil ich diese einfach nur großartige Szene versäumt habe, wo die beiden Protagonisten auf Esperanto eine politische Brandrede gegen Zigarettenanzünder in US-amerikanischen SUVs halten. Im leichten Nieselregen! Diese subtile Kapitalismuskritik, gefilmt mit einer Handykamera - ich möchte das einen Meilenstein nennen. So post…
dJ: …modern?
Grissefluchinger: post… wollen Sie hier eigentlich ein Interview führen oder ein Selbstgespräch?
dJ: Entschuldigung.
Grissefluchinger: Postmodern! Weil die versuchsmäßigen Handlungsräume in ihrer programmatisch antitotalitären Ambivalenz, ja, ich nenne es ambivalent!, die Heterogenität ihrer Protagonisten in einer langfristigen Annäherung so kompatibel variieren! Grandios! Wer sind Sie überhaupt?
dJ: Ich versuche hier ein Interview mit dem weltberühmtesten österreichischen Film- und Musikkritiker zu führen…
Grissefluchinger: Na gut.
dJ: Wie fanden Sie “I am Legend”?
Grissefluchinger: Letztrangiger Hollywood-Dreck mit einem minderbegabten Schauspieler, der diese Bezeichnung nicht verdient.
dJ: In den Feuilletons…
Grissefluchinger: Die Feuilletons interessieren mich einen Scheißdreck!
dJ: … kam der Film ziemlich gut weg.
Grissefluchinger: Die werden doch alle geschmiert!
dJ: Von der Unterhaltungsindustrie?
Grissefluchinger: So isses!
dJ: Herr Grissefluchinger, Sie sind bekannt dafür, mit allem, was mehr als drei Akkorde spielen kann, mehr als 100 Platten verkauft hat und nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist, gnadenlos hart ins Gericht zu gehen…
Grissefluchinger: Geh bitte! Was soll das gewesen sein?
dJ: Peter Gabriel zum Beispiel…
Grissefluchinger: …inferiorer Plastikpop für infantile Senioren!
dJ: Joss Stone…
Grissefluchinger: … ein bloßfüßiges, untalentiertes, überbewertetes Plastikmädchen für saturierte Nichtauskenner!
dJ: … James Brown!
Grissefluchinger: … Gottseidank schon tot, der komische Schlagersänger!
dJ: Dave Matthews…
Grissefluchinger: wer ist das?
dJ: ein Geheimtip hierzulande.
Grissefluchinger: Ob jemand oder etwas ein Geheimtip ist, bestimme immer noch ich!
dJ: Genres abseits der drei Akkorde umfassenden Gitarrenmusik sind nicht so Ihres?
Grissefluchinger: Alles geschmacklose Plastikscheiße!
dJ: Deprimiert Sie Ihr Job eigentlich?
Grissefluchinger: Und wie!
dJ: Und wie gehen Sie damit um?
Grissefluchinger: Ich hol mir ein Bier gegen den Kopfschmerz, stell mich an die Bar, rede ein bißchen mit den Äffämvier-Leuten und gehe nach einer halben Stunde nach Hause.
dJ: Und dann holen Sie zum finalen Vernichtungsschlag aus.
Grissefluchinger: Sie, ich warne Sie! Wenn Sie glauben, daß Sie mich hier provozieren können…
dJ: Sind Sie eigentlich schnell beleidigt?
Grissefluchinger: Ich bin ein sehr sensibler Mensch, Sie impertinente Person!
dJ: Manche bezeichnen Sie als übellaunig und arrogant, ihre Kritiken als durchgehend bösartig und verächtlich. Ist Stefan Grissefluchinger begeisterungsfähig?
Grissefluchinger: Was ist denn das für eine Frage! Neulich, beim Anhören dieser vergriffenen Bootleg-Sammlung der grandiosen Gitarreneinmannexperimentalpunkband “Unavailable Black Milk of The Funny Dead Seahorses”, für die ich auf Ebay drei Tausender hingeblättert habe, habe ich total frenetisch dreimal mit dem Fuß gewippt. Und als Blumfeld sich auflösten, habe ich ein bißchen geweint.
dJ: Kritik muß in Ihren Augen…?
Grissefluchinger: radikal sein!
dJ: Sie meinen extrem?
Grissefluchinger: radikal!
dJ: Radikal kommt aber nicht von Ausradieren…
Grissefluchinger: nicht?
dJ: …sondern von lat. “radix”, die Wurzel, hab ich einmal gehört…
Grissefluchinger: … das gefällt mir! An der Wurzel packen und ausrotten!
dJ: Soll Kritik denn nicht wenigstens ansatzweise fundiert und objektiv sein?
Grissefluchinger: Ist das eine Fangfrage?
dJ: Herr Grissefluchinger, eine letzte Frage noch. Sie schreiben für die besten Blätter des Landes und haben es als Kritiker weit gebracht. Verraten Sie unseren Lesern das Geheimnis Ihres Erfolges?
Grissefluchinger: Ich bin am andersten als die anderen und sowieso immer dagegen!
dJ: Herr Grissefluchinger, ich bedanke mich für das Interview.