dJ: Herr Grissefluchinger, Sie sehen heute etwas unpäßlich aus. Haben Sie sich … verrissen?
Grissefluchinger: Unlängst, in diesem, ich möchte sagen: exzellenten kirgisischen Low-Budget-Drama, da ist mir mein schwarzer Kugelschreiber hinuntergefallen und ich hab mir den Kopf gestoßen, als ich ihn aufheben wollte. Und dann habe ich wieder diese fiesen Nackenverspannungen bekommen, weil ich diese einfach nur großartige Szene versäumt habe, wo die beiden Protagonisten auf Esperanto eine politische Brandrede gegen Zigarettenanzünder in US-amerikanischen SUVs halten. Im leichten Nieselregen! Diese subtile Kapitalismuskritik, gefilmt mit einer Handykamera - ich möchte das einen Meilenstein nennen. So post…
dJ: …modern?
Grissefluchinger: post… wollen Sie hier eigentlich ein Interview führen oder ein Selbstgespräch?
dJ: Entschuldigung.
Grissefluchinger: Postmodern! Weil die versuchsmäßigen Handlungsräume in ihrer programmatisch antitotalitären Ambivalenz, ja, ich nenne es ambivalent!, die Heterogenität ihrer Protagonisten in einer langfristigen Annäherung so kompatibel variieren! Grandios! Wer sind Sie überhaupt?
dJ: Ich versuche hier ein Interview mit dem weltberühmtesten österreichischen Film- und Musikkritiker zu führen…
Grissefluchinger: Na gut.
dJ: Wie fanden Sie “I am Legend”?
Grissefluchinger: Letztrangiger Hollywood-Dreck mit einem minderbegabten Schauspieler, der diese Bezeichnung nicht verdient.
dJ: In den Feuilletons…
Grissefluchinger: Die Feuilletons interessieren mich einen Scheißdreck!
dJ: … kam der Film ziemlich gut weg.
Grissefluchinger: Die werden doch alle geschmiert!
dJ: Von der Unterhaltungsindustrie?
Grissefluchinger: So isses!
dJ: Herr Grissefluchinger, Sie sind bekannt dafür, mit allem, was mehr als drei Akkorde spielen kann, mehr als 100 Platten verkauft hat und nicht bei drei auf dem nächsten Baum ist, gnadenlos hart ins Gericht zu gehen…
Grissefluchinger: Geh bitte! Was soll das gewesen sein?
dJ: Peter Gabriel zum Beispiel…
Grissefluchinger: …inferiorer Plastikpop für infantile Senioren!
dJ: Joss Stone…
Grissefluchinger: … ein bloßfüßiges, untalentiertes, überbewertetes Plastikmädchen für saturierte Nichtauskenner!
dJ: … James Brown!
Grissefluchinger: … Gottseidank schon tot, der komische Schlagersänger!
dJ: Dave Matthews…
Grissefluchinger: wer ist das?
dJ: ein Geheimtip hierzulande.
Grissefluchinger: Ob jemand oder etwas ein Geheimtip ist, bestimme immer noch ich!
dJ: Genres abseits der drei Akkorde umfassenden Gitarrenmusik sind nicht so Ihres?
Grissefluchinger: Alles geschmacklose Plastikscheiße!
dJ: Deprimiert Sie Ihr Job eigentlich?
Grissefluchinger: Und wie!
dJ: Und wie gehen Sie damit um?
Grissefluchinger: Ich hol mir ein Bier gegen den Kopfschmerz, stell mich an die Bar, rede ein bißchen mit den Äffämvier-Leuten und gehe nach einer halben Stunde nach Hause.
dJ: Und dann holen Sie zum finalen Vernichtungsschlag aus.
Grissefluchinger: Sie, ich warne Sie! Wenn Sie glauben, daß Sie mich hier provozieren können…
dJ: Sind Sie eigentlich schnell beleidigt?
Grissefluchinger: Ich bin ein sehr sensibler Mensch, Sie impertinente Person!
dJ: Manche bezeichnen Sie als übellaunig und arrogant, ihre Kritiken als durchgehend bösartig und verächtlich. Ist Stefan Grissefluchinger begeisterungsfähig?
Grissefluchinger: Was ist denn das für eine Frage! Neulich, beim Anhören dieser vergriffenen Bootleg-Sammlung der grandiosen Gitarreneinmannexperimentalpunkband “Unavailable Black Milk of The Funny Dead Seahorses”, für die ich auf Ebay drei Tausender hingeblättert habe, habe ich total frenetisch dreimal mit dem Fuß gewippt. Und als Blumfeld sich auflösten, habe ich ein bißchen geweint.
dJ: Kritik muß in Ihren Augen…?
Grissefluchinger: radikal sein!
dJ: Sie meinen extrem?
Grissefluchinger: radikal!
dJ: Radikal kommt aber nicht von Ausradieren…
Grissefluchinger: nicht?
dJ: …sondern von lat. “radix”, die Wurzel, hab ich einmal gehört…
Grissefluchinger: … das gefällt mir! An der Wurzel packen und ausrotten!
dJ: Soll Kritik denn nicht wenigstens ansatzweise fundiert und objektiv sein?
Grissefluchinger: Ist das eine Fangfrage?
dJ: Herr Grissefluchinger, eine letzte Frage noch. Sie schreiben für die besten Blätter des Landes und haben es als Kritiker weit gebracht. Verraten Sie unseren Lesern das Geheimnis Ihres Erfolges?
Grissefluchinger: Ich bin am andersten als die anderen und sowieso immer dagegen!
dJ: Herr Grissefluchinger, ich bedanke mich für das Interview.
Ähm… seit wieviel Jahren sind Dave Matthews und seine DMB denn schon ein Geheimtip?
Ist er als Plattenmillionär eh nicht… ich hab ihn nur als (vielleicht schlechtes) Beispiel genommen, weil ich kaum wen kenne, dem der Name was sagt.
Die Frage war durchaus ernst gemeint, weil ich mich seit einigen Jahren schon, so gut es geht, von der medialen Reizüberflutung verabschiedet habe. (Lustig, so etwas ausgerechnet im Reizüberflutungsmedium Nr. 1, dem Internet, zu schreiben.)
Und so ganz ohne Fernsehen, Radio und Bestsellerlisten stellt man dann überrascht bis erschrocken fest, daß die CD, die man gerade noch gestern gehört hat, auch schon ihren 10. Geburtstag feiert. Und daß mich die Herren Matthews, Beauford, Lessard, Moore, Tinsley (nicht zu vergessen: Tastenmann Taylor) seinerzeit im Park mit ihrer schieren Spielfreude einfach umgehauen haben, ist nach Adam Riese – Moment… – immerhin fast 13 Jahre her.
Doch zum Thema: Grissefluchingersche Argumentations(?)ansätze sind mir ebenfalls nicht ganz fremd. Dagegen hilft jedoch, die lokale Musikszene zu unterstützen, indem man Konzerte und Festivals besucht, wann immer es sich anbietet – gern auch Artfremdes – und sich um Gottes und der Musen willen erst einmal anzuhören, worüber man zu urteilen gedenkt. Und wenn das alles nicht hilft, einfach daran denken: Kreislers »Musikkritiker« überbietet sowieso niemand.
Haha, habe mich eben wiedererkannt …
Ich saß mal auf einem Sofa direkt vor der Bühne. Der Herr Ruben und ich waren die einzigen Zuschauer eines unfassbaren OneManThrashMetalMidi-Projekts (nein, das habe ich wirklich nicht erfunden! Name ist mir aber leider entfallen), bei dem Amateuraufnahmen aus dem Schlachthof im Hintergrund liefen.
Der Junge (ca. 17) hat das komplette Set gnadenlos durchgezogen - uns allerdings nicht beachtet, wie wir da kichernd direkt vor seiner Nase saßen …
Wir haben ihm eine sehr nette Kritik geschrieben.
du bist echt voll krass hochbegabung! hab mich sehr abgehauen. kaffeefilter.
;-))
eines werd ich wohl nie verstehen…
warum müssen sich diese lager denn immer anfeinden und bekriegen?
es gibt tage, an denen ich gerne ein kirgisischen low-budget-drama in esperanto sehe und andere tage an denen ich es genieße, wenn vin diesel es auf der leinwand krachen läßt.
ich gehe zu manchen zeiten gerne zur johanna maier und an manchen zeiten ins schnitzelhaus ums eck.
in meiner cdsammlung steht von der oper lakmé, über micheal jackson und erykah badu, auch viele death metal platten von samael bis blind guardian.
gibt es denn niemanden außer mir, der dieses ganzes “popkultur” vs “leitkultur” (schon allein diese begriffe sind zum kotzen)-getue unsäglich auf den geist geht? ich verstehe einfach nicht, warum die leute nicht mit beidem leben - und vor allem beides genießen - können. alles hat seine zeit, seinen platz, seinen sinn. und friede auf erden, den menschen seiner gnade.
Liebes zeze, auch ich habe mich schon vor Jahren von TV & Radio befreit und mich beizeiten schon gefragt, wie der Mensch eigentlich auf neue Musik aufmerksam wird, weil diese Medien können es ja nicht sein (obwohl - ganz selten durchbricht mein Elektronisches Medien-Embargo ein kleiner Sender namens Ö1, und da bin ich tatsächlich schon so manches Mal anderntags zum Dealer meines Vertrauens gestürmt, um eine CD zu erstehen).
Was mir an den Grissefluchingers so auf den Senkel geht, bringt Kataklysm ziemlich auf den Punkt: Du bist entweder eine coole Sau, weil du dir die “richtigen” Filme anschaust/die “richtige” Musik hörst, die außer dir nur eine Handvoll Auserwählter kennt, oder du bist eben ein - wahlweise verachtenswerte oder zu missionierende - Mainstream-Idiot. Und das ist etwas, das mich unendlich auf die Palme bringt; insbesondere das reflexhafte Professionalitäts-Bashing. Kreislers großartiger “Musikkritiker” ist leider auch nur zu wahr.
Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist:
Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut.
Es gehört zu meinen Pflichten,
Schönes zu vernichten als Musikkritiker,
Sollt ich etwas Schönes finden,
Muß ich’s unterbinden als Musikkritiker.
Mich kann auch kein Künstler überlisten,
Da ich ja nicht verstehe, was er tut.
Was mich an diesen Leuten so aufregt ist, daß sie kulturelle Äußerungen zum hippen Accesoire degradieren, das man sich überstreift wie ein schickes Mäntelchen, um irgendwo dazuzugehören. Finde ich einfach ärmlich.
Lustiger hat es mal Stephan King gesagt:
Die Kritiker hatten Carrie verrissen, so wie alles, was mehr als 1000 Leser hat. Den Scheck dafür, mit den 6 Nullen, habe ich aber trotzdem gerne genommen.
So, und um auch noch den letzten Senf dazuzugeben und um Kataklysm zu bauchpinseln, hier noch etwas zum Thema, weil ich gerade etwas von den Hamburger Jungs gehört habe:
…But Alive: Ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später (1999)
Popmusik ist Bürgerkrieg für dich
und deine beknackten Freunde
mit viel zu viel Zeit.
Der General des guten Geschmacks
auf der Suche nach ‘ner Schlacht.
Mit der tollen Strategie.
Laß uns nicht darüber reden,
ist ja alles ganz toll gemeint.
Laß uns doppelt codieren,
was soll man denn auch sonst machen?
Über Musik schreiben ist wie
zu Architektur tanzen.
Das ist immer noch besser als nichts,
auch wenn es halt nichts ist.
Probleme der
Ästhetik hältst
du für politisch.
Ach Gott, wie niedlich.
Lass uns nicht darüber reden,
ist ja alles ganz toll gemeint.
Laß uns doppelt codieren,
was soll man denn auch sonst machen?
Über Musik schreiben ist wie
zu Architektur tanzen.
Das ist immer noch besser als nichts,
auch wenn es halt nichts ist.
Und ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später ist es soweit:
Making disco a threat again. Wow.
Und zu 72% geschmacksicher erklärst du jedem,
daß ultramarinblau bedeutender ist als aquamarinblau.
Und alle glauben es dir.
Vorausgesetzt: die Nasenscheidewände halten.
Ich weiß, du meinst es gut.