Archiv für January 2008

Neunundneunzig

wirklich wahre Wahrheiten über mich!

01. Ich wurde an einem Feiertag geboren.
02. Ich bin, obwohl ich jede Religion für potentiell gefährlichen Dummsinn halte und gerade dem Katholenflügel des Christentums tagtäglich heftigere Abneigung entgegenbringe, auf dem Papier immer noch römkath.
03. In Amtsdingen bin ich dermaßen schlampig, daß ich es bis heute nicht geschafft habe, die (bereitliegenden) Unterlagen an die zuständige Bezirkshauptmannschaft zu faxen, um mich offiziell vom Katholenverein loszusagen, derweil sich die Kirchensteuermahnungen häufen, die ich dann einmal im Jahr zähneknirschend und gallespuckend einzahle.
04. Ich habe in meinem Leben bei mindestens 9 teils durchaus nicht unerfolgreichen Bands gesungen (soviele fallen mir auf Anhieb ein), kann keine Noten lesen und kriegte in Musikerziehung ein “Befriedigend” (3), weil ich mich weigerte, die chromatische Tonleiter auswendig zu lernen.
05. Im Kindergarten ermordete ich aus Schreck den mitgebrachten Maikäfer eines anderen Kindergartenkindes, worauf die Schwestern mich für eine latente Sadistin hielten, dabei wollte ich ihn nur streicheln.
06. Mein Vater wurde wegen mir einmal in die Schule zitiert. Das war, als ich das “Befriedigend” in Musikerziehung bekam.
07. In der Volksschule habe ich mich zum ersten Mal so richtig heftig verliebt - er hieß Guido, und ich stellte mir immer vor, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden und mich von ihm verarzten zu lassen.
08. Ich bin süchtig nach Kaffee.
09. Es gibt eine nicht ganz unbekannte Band, die wegen mir so heißt. Ich hab da aber nie mitgesungen.
10. Ich kann mich im Traum oft an vergangene Träume erinnern.
11. Ich träume seit meiner Kindheit von abstürzenden Flugzeugen/Raumschiffen.
12. Ich halte nichts von Traumdeutung.
13. Ich war einmal Sängerin in einer Band, die heute Doppelplatin- und mehrfach Goldstatus hat.
14. Ich habe irgendwann so mit 25 wo mitgekifft. Es war der schrecklichste Abend meines Lebens, weil ich total paranoid wurde und mich nicht mehr aufs Klo traute, obwohl ich dringend mußte. Das war’s dann auch schon mit meinen Drogenerfahrungen.
15. Meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte ich mit 13. Ich sang “Ich hätt getanzt heut Nacht” auf dem hiesigen Faschingsball.
16. Ich wollte immer Schauspielerin werden. Weil ich davon hörte, daß es nachgerade unmöglich sei, die Aufnahmeprüfung am Max-Reinhardt-Seminar zu schaffen, inskribierte ich - wie so viele - Theaterwissenschaften. Die beiden Semester haben mir die Freude am Theater nachhaltig vergällt.
17. Ich scheue “Infomationen” bzw. PR-Meldungen über das Privatleben von Künstlern wie der Teufel das Weihwasser, weil ich Angst davor habe, daß mir Musik, Filme oder Bücher nicht mehr gefallen, wenn sich der Urheber als dumm oder sonstwie daneben entpuppt. Mit Amy Winehouse ist es mir so ergangen.
18. Ich liebe die Bücher von Juli Zeh, und zwar abgöttisch, traue mich aber nicht, die Wiener Lesung zu besuchen, weil sie ja eine arrogante Zicke sein könnte.
19. Ich wollte einmal Kindergärtnerin werden, hatte aber irgendwo gehört, daß man an der Kindergärtnerinnenschule ein Instrument und Noten lesen können muß, deshalb ließ ich es bleiben.
20. Ich war während eines Schulschikurses in der Unterstufe einmal so unsterblich in einen Schüler aus der Parallelklasse verliebt, daß ich drei Tage am Stück weinte und jede Nahrungsaufnahme verweigerte, weil er nicht mit mir gehen wollte.
21. Ich war als Kind Ministrantin.
22. Ich war auch unsterblich verliebt in Captain Kirk und der festen Überzeugung, daß unser damaliger Bademeister aussah wie er.
23. Damals spielte ich öfters mit dem Gedanken, einen Badeunfall vorzutäuschen und mich von ihm retten zu lassen. Dazu kam es aber nie.
24. Ich war einmal ziemlich verliebt in den besten Freund meines damaligen Freundes, doch sagte ich ihm das erst Jahre später, wobei er mir gestand, daß es ihm ebenso ergangen war. Wir haben es aber dabei bewenden lassen, weil ich gerade einen Freund hatte. Später, als mit diesem Freund Schluß war, war er dann vergeben und so weiter, und so sind wir immer aneinander vorbeigerannt.
25. Als Kind habe ich immer gedacht, die Sternsinger würden extra wegen mir “Hallo Julia” singen.
26. Ich bin ziemlich geruchssensibel und empfinde 90 Prozent aller Kosmetika, Waschmittel etc. als stinkend, vor allem, wenn sie nach “roten Früchten” oder ähnlichem Unsinn riechen.
27. Am schlimmsten ist es mit sogenannten Lufterfrischern und WC-Steinen.
28. Was ich noch nie verstanden habe, ist, warum man Duschgels rot, gelb oder blau färbt.
29. Wer sich WC-Steine ins Klo hängt, gehört meiner Meinung nach mindestens entmündigt, besser aber geteert und gefedert.
30. Ich war als Kind jahrelang der Überzeugung, daß die kleinen blaßrosa Keime im Linsen- bzw. Bohneneintopf Würmer seien. Meine Cousine hat mir das damals eingeredet, und ein wenig hasse ich sie dafür.
31. Ich war schon einmal in Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch.
32. Ich besitze kein einziges Paar Stöckelschuhe und habe nicht vor, an diesem Zustand was zu ändern.
33. Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, Marla Glen sei ein Mann.
34. Ich war noch nie in den USA.
35. Menschen, die die Form über den Inhalt stellen, finde ich ausgesprochen lächerlich.
36. Ich hatte einmal einen echten Lachkrampf, und das war gar nicht so lustig, wie es sich anhört.
37. Als Kind habe ich nach einem einschlägigen Traum einmal geglaubt, ich könnte fliegen, bin auf dem Schulweg ein paar Nachmittage lang immer auf eine kleine Mauer geklettert, um mich in die Lüfte zu erheben, und war dann total frustriert, daß es mir nicht gelang. Nach ein paar Tagen gab ich auf.
38. Ich habe noch nie etwas gestohlen.
39. Ich habe mir noch keinen einzigen Knochen gebrochen.
40. Als ich mein erstes weißes Haar entdeckte, habe ich mich total gefreut.
41. Das einzige, was an meinem Körper nicht mehr dran ist, sind Mandeln, Weisheits- und Eckzähne.
42. Meine Jungfräulichkeit verlor ich an einem Sommernachmittag an einem Wasserfall.
43. Im Botanischen Garten gibt es eine uralte und dementsprechend riesige Schwarzpappel, deren Stamm ich jedesmal ein bißchen begrapsche, wenn ich dort bin.
44. Ich lese Bücher, die mir wirklich gut gefallen, mindestens zwei, meistens aber drei bis vier Mal. Mit ein- bis mehrjährigen Pausen dazwischen.
45. Ich weiß bis heute nicht, wie ich eigentlich bei der Rechnungswesen-Matura durchgekommen bin.
46. Ich liebe Krähen.
47. Ich hatte einmal eine Ratte namens Max.
48. Alkohol trank ich erst mit 24 halbwegs regelmäßig, mittlerweile trinke ich schon wieder gar keinen.
49. Ich sehe immer ein bißchen verschlafen bzw. verkatert aus, egal, ob ich es wirklich bin oder nicht.
50. Ich bin eine derartige Nachteule, daß ich es, wenn ich frei habe, problemlos schaffe, jeden Tag bis 5, 6 wach zu sein und bis 13, 14 Uhr zu schlafen. Das ist - im Winterhalbjahr - eigentlich sogar eher mein Normalzustand.
51. Ich habe als Schülerin/Studentin drei Sommer lang als Stubenmädchen in einem Kurheim gearbeitet und würde diesen Job jederzeit wieder machen. Erschreckend ist die Tatsache, daß ich damals umgerechnet beinahe gleich viel verdiente wie jetzt.
52. Ich wollte vor ein paar Jahren einmal Krankenschwester werden, fühlte mich mit knapp 30 aber zu alt für diesen Schritt.
53. Manchmal bin ich mir unsicher, wie alt ich gerade bin, und muß mir dann anhand meines Geburtsjahres mein Alter ausrechnen. Heuer zu Silvester glaubte ich zum Beispiel, ich würde 32 werden, tatsächlich werde ich 33.
54. Hubert von Goisern hat mir einmal sein Songbook (Standards-Texte und Noten) geborgt und war dann zu Recht ziemlich sauer, weil ich es unter der Hand selbst verliehen habe, und zwar an einen Typen, den er nicht ausstehen kann.
55. Ich habe mich einmal in einem Walisischen Moor verirrt.
56. Ich trage Schuhgröße 36.
57. Ich habe mich noch nie um einen Job beworben.
58. Ich bin davon überzeugt, daß ich einmal ein Buch schreibe, wenn die Zeit reif ist.
59. Ich habe weder Fernseher noch TV-Karte o.ä.
60. Als ich klein war, hat mir einmal ein Kamel einen Mantelknopf abgebissen.
61. Mein absolutes Lieblingssternbild ist der Orion.
62. Bei der Sonnenfinsternis ‘99 habe ich ein bißchen geheult.
63. Die Sache mit der Firmung ließ ich ebenso aus wie den obligatorischen Tanzkurs. Für mich fallen beide Dinge auch in dieselbe Kategorie.
64. Ich habe es früher total geliebt, auf Stelzen zu gehen.
65. Ich kann ziemlich gut kochen.
66. Die Entscheidung, nach dem Gymnasium an eine HBLA für Tourismusberufe zu wechseln und dort unter anderem die Ausbildung in Kochen und Servieren (mit Diplom, bitteschön) zu machen, beruhte im wesentlichen auf einem Werbespot, in dem locker-flockige Jungköche viel Spaß in der Küche hatten. Nach den Pflichtpraktika sah ich das mit dem Spaß allerdings nicht mehr so und studierte in der Folge Publizistik.
67. Ich wollte auch einmal Zahnarzthelferin werden.
68. Mein erstes Auto war ein weißer Ford Escort mit Heckspoiler (!) und aufgeklebten Rallye-Streifen. Er hatte einen manuellen Choke und ging wie Sau.
69. Ich war in meiner Jugendzeit Mitglied des örtlichen Kirchenchors.
70. Ich wurde auf einer Fähre von Tunis nach Genua einmal total seekrank, weil wir in einen Sturm kamen und man nicht aufs Deck durfte, wo ich die meiste Zeit der Hinfahrt unbeschadet überstanden hatte. Das waren die schlimmsten 24 Stunden meines Lebens, weil ich mich generell ernsthaft krank fühle, wenn ich kotzen muß, was gottseidank nur alle paar Jahre einmal vorkommt.
71. Meine beste Freundin und ich waren in Jugendtagen zur selben Zeit ziemlich heftig in denselben Burschen verliebt. Ich finde es heute noch beachtlich, wie wir unsere Freundschaft da unbeschadet drüber gerettet haben.
72. Ich bin einmal fast in Geographie durchgefallen, weil ich mich weigerte, die österreichischen Alpenpässe auswendig zu lernen.
73. Ich kann mehrere Gedichte auswendig, weil ich mir Gereimtes ziemlich gut merken kann.
74. Der französischen Sprache mit ihren Trrrs, Prrrrs und Frrrrs kann ich absolut nichts abgewinnen; in meinen Ohren klingt sie weder elegant noch erotisch, sondern einfach nur affig.
75. In der HBLA, wo wir von Montag bis Freitag ganztags und am Samstag halbtags unterrichtet wurden, war ich in den letzten Stunden meistens so müde, daß ich mit dem Kopf am Tisch einschlief.
76. Ich habe als Kind einem von mir nicht gemochten Nachbarskind einmal den blanken Hintern durchs Fenster gezeigt, als es mich zum Spielen abholen wollte.
77. Ich habe einen Halbbruder, den ich in meinem Leben nur dreimal (das letze Mal mit ca. 13) gesehen habe.
78. Ich habe schon jahrelang kein Bügeleisen mehr in Betrieb genommen. Aber es befindet sich eines in meinem Besitz.
79. Ich habe ein bißchen Höhenangst und ein bißchen Flugangst, das hindert mich aber nicht daran, über Hängebrücken zu gehen, von Dachterrassen zu gucken oder ein Flugzeug zu benützen.
80. Ich bin einmal mit neu gekauften Schuhen auf einen ziemlich hohen Berg gegangen. Das war, rückblickend gesehen, keine sonderlich kluge Aktion.
81. Als Kind fing ich Ringelnattern, weil ich sie so süß fand, und zeigte sie in der Nachbarschaft herum. Nicht immer mit dem gewünschten Erfolg.
82. Als ich noch klein war und die Meute, mit der ich immer spielte, einmal nicht derselben Auffassung über meine geplante Nachmittagsgestaltung war, gab ich den durchaus weisen Satz “die Minderheit fügt sich nicht, die Minderheit geht” von mir.
83. Meine Mama hatte einen Bildband von Hieronymus Bosch, der eine unbeschreibliche Faszination auf mich ausübte, und den ich wieder und wieder anschaute.
84. Es gibt nur zwei Musikrichtungen, die für mich absolut nicht gehen: Schlager und Punk.
85. Ich mag laute Leute nicht. Das bezieht sich aufs Herumschreien genauso wie auf übermotorisierte Vollkoffer oder Krach in der Nachbarwohnung.
86. Ich habe trotz mehrerer Gelegenheiten noch nie Hummer gegessen und würde das auch nicht tun.
87. Irgendein Silvester vor ein paar Jahren habe ich (im Rahmen eines Jobs) in einem waschechten Schweizer Grand Hotel verbracht. Das war sehr beeindruckend, vor allem, weil die Leute dort trotz meines definitiv nicht standesgemäßen Erscheinungsbildes (Jeans und Pullover) ausgesucht höflich und überhaupt nicht arrogant waren.
88. Ich hasse billige Leute, die teuer ausschauen, mit einer Inbrunst, die mir manchmal schon selbst unheimlich ist.
89. Manchmal rede ich wie ein Wasserfall.
90. Ich habe erst einmal in meinem Leben was gewonnen; es war ein Buch.
91. Ich kann täuschend echt miauen.
92. Ungerechtigkeit ist etwas, das ich überhaupt nicht aushalte.
93. Ich bereue es heute sehr, daß ich nach einiger Zeit Unterricht bei meinem Paps nie ernsthaft Klavierspielen lernte.
94. Ich würde gern einmal ein Stündchen mit Elliott Erwitt quatschen.
95. Ich war schon einmal im Fernsehen.
96. Ich habe einmal bei einer Erotik-Hotline angerufen, einfach, weil ich wissen wollte, wie das so ist. Allerdings legte ich bald wieder auf, weil mir schon im Vorfeld diese Geschichte mit “wählen Sie die 1 für heiße Girls oben ohne, wählen Sie die 2 für wilde Omas außer Rand und Band etc.” zu anstrengend war.
97. Am Telefon habe ich mich einmal mit “Pfarramt Bad Goisern” gemeldet, als der Pfarrer anrief.
98. Ich habe keine Lieblingsfarbe.
99. Ich habe bis gestern nichts von der Existenz Seiner Blogmagnifizienz Bandini gewußt, der mit der Sache hier angefangen hat; also zumindest hatte ich ihn noch nie angeklickt. Was ein Versäumnis war.

(via)

Geschichten von Marie (3)

Ein Markt, irgendwo in Asien vielleicht, oder Nordafrika, oder Kuba; tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben, schlaffe Hühnerkörper, Berge von Lammfleisch, Farben, Stoffe, kleine Dinge, Fußgetrappel, Stimmengewirr. Marie weiß, daß sie den Weg hierher schwimmend zurückgelegt hat, doch sie ist nicht naß, sie trägt weite Leinenhosen und ein dunkles Hemd, wie alle anderen ist sie barfuß. Sie könnte nicht sagen, ob es Abend ist oder Tag, aber sie weiß, daß sie nicht viel Zeit hat. Vielleicht ist jemand hinter ihr, der sie zur Rückkehr mahnt, doch sie will hier nicht weg, wenigstens noch nicht. Sie schlängelt sich durch die Menschenmenge und steckt immer wieder den Kopf durch niedrige Eingänge zu kleinen, kühlen, fast quadratischen Räumen, wo Stoffe und Kleidung zum Verkauf ausgebreitet liegen, Silberschmuck oder Töpferwaren, dann stößt sie beinahe mit einem kleinen Greis mit einem uralten Fahrrad zusammen, der sie mit dem zahnlosen Lächeln eines freundlichen Säuglings bedenkt, und einer plötzlichen Eingebung folgend schlüpft sie durch einen violetten Stoffvorhang in einen weiteren winzigen, dämmrigen Raum. Es ist ein Traum, aber sie weiß, daß sie hier schon einmal war, und es ist wie eine Erinnerung, nur daß sie weiß, daß sie sich - träumend - an einen weiteren Traum erinnert, einen alten, tief verborgenen. Der Raum ähnelt den anderen, Stapel von Stoffen, Kleider, der Geruch von Lotus und Staub, ein Tischchen mit ein paar Silberketten, Ohrringen, Ringen und Amuletten, hinter dem eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt, die keine Notiz von ihr nimmt. Marie tut, als würde sie sich für ein paar Saris interessieren, und drückt sich, den Kopf einziehend, in eine Nische, als der Vorhang zurückgeschoben wird und jemand eintritt. Sie hält den Atem an und ist ganz still. Hinter sich spürt sie etwas Rauhes, an dem sie sich, jedes Geräusch unterdrückend, eine Schiefer einzieht, Holz, und dann etwas Metallisches: eine Tür. Leise drückt sie die kunstvoll geschwungene Klinke herunter, bückt sich noch tiefer und macht einen vorsichtigen Schritt nach hinten. Wie in ihrer Erinnerung stolpert sie wirklich beinah über eine von tausenden nackten Füßen abgerundete Stufe und steht in einer dunklen, kühlen Kammer. Sie reibt verstohlen den schmerzenden Finger. Der Lehmboden. Die glatten Wände. Über ihr ein winziges Fenster, eher eine Luke, durch die das Licht einer spätnachmittäglichen Sonne fällt und ein Viereck auf den Boden zeichnet, in dem Staubpartikel schweben. Hier war sie schon einmal. Einen Moment lang ist sie geblendet und kneift die Augen zusammen. Es riecht nach Stoff, Staub und Lotus, und noch nach etwas anderem. Metall.

Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht sie den Greis von vorhin, der an einer altertümlichen Werkbank sitzt und an etwas arbeitet, hinten an der Wand lehnt das fragil anmutende Fahrrad. Wieder schenkt er ihr das vollkommen offene Lächeln eines Kindes, seine Augen zwei blankgeputzte dunkle Murmeln in einem dichten Netz aus Lachfältchen. Er winkt sie zu sich. Als er ihre Hand in seine kleinen, sehnigen Hände nimmt, spürt sie seine warme, trockene Haut, dunkel und mit einem bronzenen Schimmer. Sie sagen kein Wort. Er zeichnet mit einem kräftigen, dunklen Daumen die Linien ihrer Handfläche nach, dann spürt sie etwas Kühles, Glattes, und er schließt ihre Hand darum. Du mußt gehen, hört sie in ihrem Kopf, ganz leise, und sie weiß, daß es seine Stimme ist. Es war schön, dich zu sehen. Komm, wann immer du möchtest, vielleicht haben wir dann auch Zeit, um Tee zu trinken. Du wirst sehen, die Zeiten werden auch wieder anders. Er läßt ihre Hand los und nimmt ihr Gesicht in beide Hände, dann schiebt er sie sanft in einen schmalen Gang hinter einem weiteren Vorhang, und sie hört, wie die kleine Holztür oben geöffnet wird.

Marie öffnet die Hand, um zu sehen, was er ihr gegeben hat. Es ist so etwas wie ein Amulett, ein kleines, silbernes Gebilde an einem Lederband, eine Schlange vielleicht, oder ein Drache, oder die Sichel eines anorexischen Mondes, es ist zu dunkel, um es mit Sicherheit zu sagen. Sie steckt es in die Hosentasche und geht den Gang entlang, dann steht sie wieder auf dem Markt, tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben. Sie dreht sich um, doch da ist nichts, keine Mauer, keine Tür, kein Eingang zu einer Kammer mit Lehmboden. Sie ist nicht einmal überrascht, als sie eine Hand an ihrer Schulter spürt, nur ein bißchen traurig, weil sie noch nicht gehen mag und weiß, daß sie es doch muß.

Marie?
Sie öffnet die Augen. Dämmriges Licht, monochrome Schatten, ein Kuß, der zwischen ihren Schulterblättern landet.
Guten Morgen, Baby! Marie dreht sich auf den Rücken, streckt sich, lächelt ein bißchen, dreht den Kopf zur Seite, sieht in die Augen ihres Mannes, gibt ihm einen Kuß auf die Wange. Guten Morgen, Baby. Sie sucht die Wärme seiner Brust, schlingt ihre Arme um ihn, findet einen Rest von Schlaf hinter geschlossenen Lidern und steht dann gähnend auf, um ins Badezimmer zu gehen, während ihr Mann sich daran macht, Kaffee zu kochen. Unter dem warmen Regen der Dusche verdampfen die Überbleibsel der Nacht zu winzigen Tröpfchen, die von den gefliesten Wänden perlen und mit dem duftenden Seifenschaum im Abfluß verschwinden. Als Marie aus der Dusche steigt und sich die Haare frottiert, beschließt sie, an diesem Tag früher aus dem Büro und noch zum Friseur zu gehen. Später, nachdem sie sich mit einem Kuß von ihrem Mann verabschiedet hat, der eine halbe Stunde früher als sie aus dem Haus muß, setzt sie sich mit einer letzten Tasse Kaffee an den Küchentisch und notiert zwei Sätze in ihrem Notizbuch.

Träume: elektrische Entladungen im Cortex, nächtliche Gewitter in der rätselhaften Ursuppe des Unterbewußtseins.
und
Träume: Reisen im weiten Land zwischen den Ohren.

Über Nacht ist der strenge Jännerfrost einer märzhaften Milde gewichen, die den dünnen Schneebelag auf den Dächern in Wasser verwandelt hat, das die Gehwege wie von Regen glänzen läßt. Der Westwind treibt Wolkentürme vor sich her, als ginge es darum, den Himmel sauber zu kriegen, die Sonne scheint, sogar ein erster Vogel zwitschert. Als Marie auf ihre Straßenbahn wartet, öffnet sie den Reißverschluß ihrer für diesen Tag viel zu warmen Winterjacke und hält ihr Gesicht ein bißchen in die Sonne, bis die Straßenbahn heranruckelt. Sie setzt sich an einen freien Platz am Fenster und schaut hinaus, und wendet, als sich irgendwo in ihrem Augenwinkel etwas verfängt, das Gesicht. Eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt schräg hinter ihr und schaut sie unverwandt an, als wäre sie ein Geist. Marie öffnet den Mund wie zu einer Frage, dreht sich erstarrt wieder nach vorn, während sich ihre Hände um ihre Tasche krampfen und ihr Herz stolpert und sich rumpelnd wieder fängt. Was zum Teufel, flüstert sie erschrocken, und im selben Moment verbeißt sich Metall kreischend in Metall, der Wagen kommt mit einem wuchtigen Ruck wackelnd zum Stillstand, und vorn, aus dem Führerstand, hört man den Fahrer laut über einen abbiegenden Autofahrer schimpfen, der - wie so oft an dieser Stelle - die Straßenbahn übersehen und sie touchiert hat, und dann seine Stimme mit kaum unterdrücktem Zorn blechern aus den Lautsprechern, sehr geehrte Fahrgäste und längerer Aufenthalt und die Türen werden geöffnet und es kann dauern, bis die Fahrt wieder aufgenommen wird, und wenn Sie nicht so lange warten möchten, können Sie aussteigen und beachten Sie bitte, daß Sie sich auf keinem gesicherten Gehweg befinden und auf eigene Gefahr undsoweiter. Marie holt tief Luft, das hat sie noch gebraucht, sie wird zu spät kommen, und als sie sich umdreht und aufsteht, um auszusteigen, ist weit und breit keine schwarzhaarige Frau zu sehen.

Wahrscheinlich, kommt ihr Hirn zum Schluß, als sie zu Fuß zum Büro geht und irgendwie über ihren Schreck von vorhin lachen muß, kennt sie die Frau vom Sehen, daher ist sie auch als Statistin in ihren Träumen aufgetaucht. Sie ist ein bißchen böse über ihre eigene Blödheit, daß mir das nicht gleich bewußt geworden ist, denkt sie kopfschüttelnd, aber auf eine Art so erleichtert über diese wunderbar sinnvolle Eingebung, daß sie beim Bäcker einen Großeinkauf startet und mit zwei Papiertüten voller Mehlspeisen für die Kollegen schließlich an ihren Arbeitsplatz kommt.

Es ist nicht viel zu tun, daher macht sie wie geplant ruhigen Gewissens früher Schluß und schlendert durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt zu ihrem Friseur, ein Italiener mit fein ziseliertem Lächeln und formvollender Konversationskunst, der einen winzigen Salon betreibt und trotz seiner hohen Kunstfertigkeit, was Schnittechnik und Plaudern gleichermaßen betrifft, offenbar so wenig Kundschaft hat, daß Marie jedesmal einfach so zu ihm kommen kann, um sich bei einer Tasse Kaffee und Swing von Count Basie, Ella Fitzgerald und Konsorten die Haare schneiden zu lassen. Als sie die Tür öffnet, ist etwas anders als sonst, und in derselben Sekunde, als sie das denkt, wird ihr auch schon bewußt, was. Kein Swing. Kein Count Basie mit seinem Orchester, keine Ella Fitzgerald, dafür irgendwas mit Akkordeon, das an lang vergangene Dorfhochzeiten in der Pußta erinnert. Offenbar hat der Meister, der hinter dem Vorhang mit irgendwas zugange ist, einen noch viel interessanteren Geschmack als angenommen. Marie legt die Jacke ab und setzt sich auf den Stuhl, wie es hier Brauch ist, um zu warten. Mit halb geschlossenen Augen überläßt sie sich dem kleinen Ziehen hinter ihrem Brustbein, das die Musik in ihr auslöst, hört, daß irgendwo ein Wasserhahn tropft und eine Uhr tickt, nimmt den Duft von Sandelholz und Rosen wahr und spürt, wie ein heimeliges Gefühl sie einhüllt.

Endlich tritt Lorenzo hinter sie, jedenfalls glaubt sie das, denn als sie die Augen öffnet und ihn durch den Spiegel ansieht, um ihn zu begrüßen, steht ein Mann mittleren Alters, dunkle Haut, dunkles Haar, dunkle Augen, hinter ihr. Oh, entfährt es ihr, fast widerwillig, bestenfalls noch erstaunt, sie strafft die Schultern und drückt das Kreuz durch. Guten Tag… Ist Lorenzo… ich meine… haben Sie das Geschäft übernommen?
Der Mann schüttelt den Kopf und schaut ihr direkt in die Augen, bis sie den Blick abwenden muß.
Nein. Vater… Lorenzo ist länger verreist. Meine Schwester und ich vertreten ihn in der Zwischenzeit. Waschen, schneiden, trocknen?
Marie schluckt, die Gedanken irgendwie halb unter Wasser, in einem entfernten Winkel ihres Bewußtseins eine Spur von Unbehagen. Ja, sagt sie dann, weil es ihr plötzlich unmöglich erscheint, aufzustehen und ein anderes Mal wiederzukommen, als würde ein starker Arm sie auf diesem Stuhl festhalten, ja. Waschen, schneiden, trocknen. Wie immer, fügt sie sinnloser Weise dazu.
Der Mann nickt, legt Marie ein Handtuch über die Schultern, dann den Friseurumhang, löst den Hebel am Drehstuhl, fährt sie ans Waschbecken und legt ihren Kopf in die dafür vorgesehene Mulde, dann wäscht er ihr Haar und fragt dabei kein einziges Mal, ob das Wasser zu heiß oder zu kalt ist.

Marie gibt dem Sog der seltsamen Musik wieder nach und überläßt mit geschlossenen Augen ihren Kopf den Händen des Friseurs. Als sie die Augen wieder öffnet, ein wenig benommen von Sandelholz, Rose und Akkordeon, staunt sie - der Sohn steht dem Vater um nichts nach. Aus dem Spiegel schaut ihr so etwas wie ein ideales Ebenbild entgegen, nicht nur das Haar, auch Haut, Augen und Lippen gehören zu einer Frau, die sie gern jeden Tag wäre. Marie schaut verblüfft auf zu Lorenzos Sohn, der sein Werk ebenfalls im Spiegel mustert, Umhang und Handtuch von ihren Schultern nimmt und mit einem dicken, weichen Pinsel ihren Nacken von möglicherweise dort verbliebenen Härchen befreit. Was bin ich schuldig, hört sie sich mit leiser Stimme fragen, und erntet ein leises Lächeln. Geschenk des Hauses, für Sie als Stammkundin. Marie öffnet den Mund zum Protest und greift zu ihrer Tasche, doch er schüttelt energisch den Kopf. Kommen Sie bald wieder, sagt er, als er ihr, ganz der Vater, in die Jacke hilft und ihr die Tür öffnet, und dann drückt er ihr einen Umschlag in die Hand. Mir scheint, das haben Sie beim letzten Mal hier vergessen. Was…? hebt sie an. Er hält ihr Handgelenk kurz fest und flüstert nah an ihrem Ohr: Es kommen auch wieder andere Zeiten, Marie. Dann bugsiert er sie sanft durch die Tür, die hinter ihr ins Schloß fällt. Als sie sich verdutzt umdreht, hängt ein großes Schild daran, kein Licht brennt hinter dem Glas, der Laden ist vollkommen verlassen. Geschlossen. Zitternd öffnet Marie das Kuvert, darin das silberne Amulett und ein Zettel, auf dem in kleiner, steiler Schrift geschrieben steht:

Marie,

die Antwort kommt vielleicht im Schlaf, die kleinen Dinge aber kommen nicht immer zurück zu uns, wenn wir sie verlieren. Geben Sie gut acht.

Auf bald,
Lorenzo

[Fortsetzung folgt]

Nachtrag quasi

In den Rauhnächten, zu denen ja auch der 24. und 31. Dezember gehören, sollen nach altem Volksglauben ab Mitternacht Tiere die menschliche Sprache sprechen. Meine ausgedehnten Recherchen haben nun ergeben, daß das tatsächlich stimmt. Aber sehen Sie selbst…

beziehungsweise, falls das nicht funktioniert: http://www.youtube.com/watch?v=GVzJj9Bio5g

Gott segne den Rasenmäher!

Ich bin (was sich mit fortschreitendem Alter noch verstärkt) quasi die Brauchtumszicke per se, daher fiele es mir im Traum nicht ein, den 31. Dezember anders zu verbringen als, Hausnummer, den 18. März. Und wenn schon Neujahrs-Tamtam, dann hielte ich es sowieso eher mit Ray Bradbury*.

Deshalb wird im Palais Focky heute weder kampfgetrunken noch weinselig gerückblickt oder Walzer getanzt. Wir warten eigentlich bloß drauf, daß der nach Kriegslärm klingende (und riechende) Krach da draußen aufhört, um uns dann noch einen Film oder zwei anzuschauen.

*”Großvater lächelte im Schlaf.
Weil er das Lächeln fühlte und sich fragte, warum das so war, wachte er auf. Er lag still da und lauschte, und da war das Lächeln schon erklärt.
Denn er vernahm einen Klang, der weit wichtiger für ihn war als Vögel oder das Rascheln junger Blätter. Einmal im Jahr wachte er nämlich auf diese Weise auf, lag dann da und wartete auf das Geräusch, das bedeutete, daß der Sommer auch offiziell begonnen hatte. Und es fing immer an einem Morgen wie diesem damit an, daß einer der Kostgänger, ein Neffe, ein Cousin, ein Sohn oder ein Enkel unten auf den Rasen herauskam und sich in immer kleiner werdenden Vierecken nach Norden und Osten und Süden und Westen mit dem Geklapper rotierenden Metalls durch das süße Sommergras bewegte. Kleeblüten, die wenigen noch nicht abgeernteten Löwenzahnfeuer, Ameisen, Reisig, Kieselsteine, Überbleibsel von Knallfröschen und Feuerwerk vom letztjährigen Vierten Juli, vor allem aber frisches Grün, solch eine Fontäne sprang dann auf vor dem ratternden Mäher. Eine kühle, weiche Fontäne; Großvater malte sich aus, wie sie seine Beine kitzelte, sein warmes Gesicht übersprühte und seine Nasenlöcher füllte mit dem zeitlosen Duft einer frisch begonnenen neuen Jahreszeit und dem Versprechen, daß, ja, wir alle wieder zwölf Monate vor uns haben.
Gott segne den Rasenmäher, dachte er. Wer war wohl der Tor, der den Ersten Januar zum Neujahrstag gemacht hat? Nein, sie sollten einen Mann anstellen, der die Gräser auf einer Million Rasen in Illinois, Ohio und Iowa beobachtet, und an jenem Morgen dann, wenn sie lang genug zum Mähen wären, müßte anstelle der Rätschen und der Hörner und des Geschreis eine riesige, anschwellende Symphonie von Rasenmähern das frische Gras auf den Prärien ernten. Statt Konfetti und Luftschlangen müßten sich die Menschen dann gegenseitig mit gemähtem Gras bewerfen, an diesem einen Tag im Jahr, der wirklich für einen Neuen Anfang steht!”
[Ray Bradbury: Löwenzahnwein. Roman]