Lesejahresbeginn

Gerade zwei doch durchaus themenverwandte Bücher gelesen: Von einem meiner Lieblingsautoren T.C. Boyle stammt Dr. Sex, die (mit vielen fiktiven Elementen angereicherte bzw. aus Sicht des fiktiven Charakters John Milk erzählte) Geschichte über das Leben und Wirken von Alfred Kinsey, die sich schon beim ersten Lesen als einer der sehr guten Boyles erweist, weil er in diesem Buch ein sehr plastisches (Sitten-)Bild der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zeichnet und man beim Lesen eine gewisse Ahnung davon bekommt, was es gerade für junge Menschen bedeutet haben muß, in einer prüden und streng konservativen Gesellschaft zu leben, in der Sexualität nicht nur tabuisiert, sondern tatsächlich kriminalisiert wurde, sofern man nicht verheiratet war. Dann war da mein zweiter Chuck Palahniuk - Der Simulant, ein - wie nicht anders zu erwarten war - denkbar bizarrer Roman über einen Charakter, der, halbherzig seine Sexsucht kurierend, das Geld für die Betreuung seiner an Wahnvorstellungen leidenden und auch sonst nicht gerade vor Gesundheit strotzenden Mutter zusammenkratzt, indem er in einem Freiluftmuseum arbeitet und abends in Restaurants Erstickungsanfälle simuliert, worauf er von seinen “Rettern” aus Mitleid auch noch mit Schecks eingedeckt wird. Wer Palahniuk (Autor von “Fight Club”) kennt, weiß, daß die Dinge nicht gerade besser oder gar lebenswerter werden, wenn einer seiner Protagonisten sich absurderweise auch noch verliebt, und wenn ein Sexsüchtiger sich zur Ärztin seiner durchgeknallten Mutter hingezogen fühlt und immer mehr Hinweise erhält, daß er sowas wie Jesus Christus ist: nun ja.

Zum einen also Boyles von feinem Witz durchzogene, sprachlich gewohnt geschmeidige fiktiv/reale Geschichte im Hochschulmilieu, zum anderem das düstere Palahniuk’sche Universum, in dem es ausschließlich kaputte Gestalten, Drogen- und sonstige Exzesse und wilde verschwörungstheoretische Ansätze (”Wenn in einem Hotel ein Herr Sowieso an die Rezeption gerufen wird, bedeutet das einen Terroranschlag, wenn der Donauwalzer gespielt wird, Feuer”) gibt; immer mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. Während Boyle in so perfekt formulierten wie detailreichen Worten die derbsten Dinge beschreibt, kennt Palahniuk keine falsche Scham und schreibt im tiefsten Gossenslang und mit der berserkernden Fabulierlust eines enttäuschten Idealisten - schräg ist nicht das richtige Wort, aber das erste, das mir dazu einfällt - über, genau, die derbsten Dinge. Aber das klingt vielleicht zu wertend, denn abschließend kann ich sagen, daß meines Erachtens beide sehr lesenswert sind und mein Lesejahr somit insgesamt gut begonnen hat.

4 Kommentare zu “Lesejahresbeginn”


  1. 1 musenross

    ein herzliches grüss gott zu wünschen! ich muss zugeben, ich habe “dr. sex” nicht auf deutsch gelesen, und weiss daher nicht, ob die deutsche übersetzung das buch gerettet haben mag, aber auf englisch war dieses buch wohl das langweiligste was ich je gelesen habe und es mag nicht am stoff selbst gelegen haben, sondern viel mehr daran, daß t.c.boyle es einfach nicht schaffen mag akzente zu setzen und aus seinem lethargischen dahingesäusel auszubrechen. e.g. john milks frau schläft mit seinem arbeitskollegen - und ich dachte mir “who ‘effin cares?”. hü-hott, es grüsst daspferdchen ;-)

  2. 2 dieJulia

    Nun ja, Geschmäcker und Ohrfeigen… ich habe (bis auf die meisten Kurzgeschichten und den letzten Roman) alles von Boyle gelesen, ergo gibt es für mich persönlich nichts an ihm auszusetzen (was das Lesen angeht, bin ich total unmasochistisch), wobei mir aber bewußt ist, daß es gerade bei Boyle enorme Auffassungsunterschiede gibt, und ich selbstverständlich zugeben muß, daß er nie wieder an “Wassermusik” herangekommen ist.
    Auch nicht mit “America”.
    Und schon gar nicht mit “Willkommen in Wellville”, das ich beim ersten Mal auch als total fad empfand und beim zweitenmal als nojo, eh nett, aber.

    Was in “Dr. Sex” beschrieben ist, ist aufs erste natürlich halb so wild (wobei die Sache mit Iris und Corcoran ja wahrlich nur ein kleiner Auftakt auf “jeder mit jedem und alle, bis auf, wir erinnern uns: Iris, mit Prok” ist), ABER, und hier ein wirklich großes ABER, Boyle hat mich persönlich einfach auf dem richtigen Fuß erwischt mit diesem Buch; ich konnte ihm tatsächlich folgen in die Geschehnisse, ich erlebte die Geschichte quasi aus der Perspektive des Zeitalters, in dem sie spielt. Verklemmt, voller Tabus und strenger Anstandsdamen, die Sexualität etwas, das abseits der Ehe (und der Unterschicht) einem schmutzigen Verbrechen und einer himmlischen Verheißung gleichkommt, gesättigt von den Pheromonen hunderter paarungswilliger Studierender unterschiedlichen Geschlechts. Abgesehen davon, daß ich es als Meisterstück empfinde, wenn ein Autor seinen Leser mal für die eine, dann wieder für die andere Seite Partei ergreifen läßt (Iris ist Zicke ist sympathischer Sturschädel. Milk tut nix Unrechtes, wenn er fremdgeht, gehört gehörnt, und Prok - Prok, der Befreier der Menschheit, Prok, der widerliche Satyr, der alles bespringen will, was nicht wegläuft, und das als Wissenschaft tarnt: diese Komplexität. Diese Wechselbäder!). Und ganz abgesehen davon: ich hab mich ständig kaputtgelacht. Über die lakonischen Schilderungen von Massenmasturbation und pansexuellen Hochleistungsbeschläfern zwischen akribischen Schilderungen des Wetters und des Essens.

    Was die Sache mit der Übersetzung angeht: Ich hab mal Riven Rock zur Hälfte auf Englisch gelesen - und nix davon gehabt, weil Boyle all die abertausenden Vokabel der englischen Sprache, die der deutschen in ihrer Ausdruckskraft so überlegen ist, wenn sie nicht gerade gesprochen wird, zur Gänze kennt und seine halbseitigen Barocksätze damit baut, tja, und leider bin ich mit meinem Alltagsenglisch weit davon entfernt, daraus jenen Lustgewinn zu ziehen, der mich gut geschriebene Bücher so lieben läßt. Übersetzer Dirk van Gunsteren hat seine Sache mindestens exzellent gemacht.

    Shalom! :-)

  3. 3 halb-offline Hausmeisterin

    Irgendwo im Mittelteil meinte ich “Hochleistungsbeischläfer”. Mit i. Ähem. Hallo, Gugel! ;)

  4. 4 halb-offline Hausmeisterin

    ach ja. Html. Äh.

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