Ein Markt, irgendwo in Asien vielleicht, oder Nordafrika, oder Kuba; tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben, schlaffe Hühnerkörper, Berge von Lammfleisch, Farben, Stoffe, kleine Dinge, Fußgetrappel, Stimmengewirr. Marie weiß, daß sie den Weg hierher schwimmend zurückgelegt hat, doch sie ist nicht naß, sie trägt weite Leinenhosen und ein dunkles Hemd, wie alle anderen ist sie barfuß. Sie könnte nicht sagen, ob es Abend ist oder Tag, aber sie weiß, daß sie nicht viel Zeit hat. Vielleicht ist jemand hinter ihr, der sie zur Rückkehr mahnt, doch sie will hier nicht weg, wenigstens noch nicht. Sie schlängelt sich durch die Menschenmenge und steckt immer wieder den Kopf durch niedrige Eingänge zu kleinen, kühlen, fast quadratischen Räumen, wo Stoffe und Kleidung zum Verkauf ausgebreitet liegen, Silberschmuck oder Töpferwaren, dann stößt sie beinahe mit einem kleinen Greis mit einem uralten Fahrrad zusammen, der sie mit dem zahnlosen Lächeln eines freundlichen Säuglings bedenkt, und einer plötzlichen Eingebung folgend schlüpft sie durch einen violetten Stoffvorhang in einen weiteren winzigen, dämmrigen Raum. Es ist ein Traum, aber sie weiß, daß sie hier schon einmal war, und es ist wie eine Erinnerung, nur daß sie weiß, daß sie sich - träumend - an einen weiteren Traum erinnert, einen alten, tief verborgenen. Der Raum ähnelt den anderen, Stapel von Stoffen, Kleider, der Geruch von Lotus und Staub, ein Tischchen mit ein paar Silberketten, Ohrringen, Ringen und Amuletten, hinter dem eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt, die keine Notiz von ihr nimmt. Marie tut, als würde sie sich für ein paar Saris interessieren, und drückt sich, den Kopf einziehend, in eine Nische, als der Vorhang zurückgeschoben wird und jemand eintritt. Sie hält den Atem an und ist ganz still. Hinter sich spürt sie etwas Rauhes, an dem sie sich, jedes Geräusch unterdrückend, eine Schiefer einzieht, Holz, und dann etwas Metallisches: eine Tür. Leise drückt sie die kunstvoll geschwungene Klinke herunter, bückt sich noch tiefer und macht einen vorsichtigen Schritt nach hinten. Wie in ihrer Erinnerung stolpert sie wirklich beinah über eine von tausenden nackten Füßen abgerundete Stufe und steht in einer dunklen, kühlen Kammer. Sie reibt verstohlen den schmerzenden Finger. Der Lehmboden. Die glatten Wände. Über ihr ein winziges Fenster, eher eine Luke, durch die das Licht einer spätnachmittäglichen Sonne fällt und ein Viereck auf den Boden zeichnet, in dem Staubpartikel schweben. Hier war sie schon einmal. Einen Moment lang ist sie geblendet und kneift die Augen zusammen. Es riecht nach Stoff, Staub und Lotus, und noch nach etwas anderem. Metall.
Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht sie den Greis von vorhin, der an einer altertümlichen Werkbank sitzt und an etwas arbeitet, hinten an der Wand lehnt das fragil anmutende Fahrrad. Wieder schenkt er ihr das vollkommen offene Lächeln eines Kindes, seine Augen zwei blankgeputzte dunkle Murmeln in einem dichten Netz aus Lachfältchen. Er winkt sie zu sich. Als er ihre Hand in seine kleinen, sehnigen Hände nimmt, spürt sie seine warme, trockene Haut, dunkel und mit einem bronzenen Schimmer. Sie sagen kein Wort. Er zeichnet mit einem kräftigen, dunklen Daumen die Linien ihrer Handfläche nach, dann spürt sie etwas Kühles, Glattes, und er schließt ihre Hand darum. Du mußt gehen, hört sie in ihrem Kopf, ganz leise, und sie weiß, daß es seine Stimme ist. Es war schön, dich zu sehen. Komm, wann immer du möchtest, vielleicht haben wir dann auch Zeit, um Tee zu trinken. Du wirst sehen, die Zeiten werden auch wieder anders. Er läßt ihre Hand los und nimmt ihr Gesicht in beide Hände, dann schiebt er sie sanft in einen schmalen Gang hinter einem weiteren Vorhang, und sie hört, wie die kleine Holztür oben geöffnet wird.
Marie öffnet die Hand, um zu sehen, was er ihr gegeben hat. Es ist so etwas wie ein Amulett, ein kleines, silbernes Gebilde an einem Lederband, eine Schlange vielleicht, oder ein Drache, oder die Sichel eines anorexischen Mondes, es ist zu dunkel, um es mit Sicherheit zu sagen. Sie steckt es in die Hosentasche und geht den Gang entlang, dann steht sie wieder auf dem Markt, tausend Gerüche nach Gewürzen, Früchten, die sie nicht benennen kann, Staub und Menschen, Leiber, die sich aneinander vorbei schieben. Sie dreht sich um, doch da ist nichts, keine Mauer, keine Tür, kein Eingang zu einer Kammer mit Lehmboden. Sie ist nicht einmal überrascht, als sie eine Hand an ihrer Schulter spürt, nur ein bißchen traurig, weil sie noch nicht gehen mag und weiß, daß sie es doch muß.
Marie?
Sie öffnet die Augen. Dämmriges Licht, monochrome Schatten, ein Kuß, der zwischen ihren Schulterblättern landet.
Guten Morgen, Baby! Marie dreht sich auf den Rücken, streckt sich, lächelt ein bißchen, dreht den Kopf zur Seite, sieht in die Augen ihres Mannes, gibt ihm einen Kuß auf die Wange. Guten Morgen, Baby. Sie sucht die Wärme seiner Brust, schlingt ihre Arme um ihn, findet einen Rest von Schlaf hinter geschlossenen Lidern und steht dann gähnend auf, um ins Badezimmer zu gehen, während ihr Mann sich daran macht, Kaffee zu kochen. Unter dem warmen Regen der Dusche verdampfen die Überbleibsel der Nacht zu winzigen Tröpfchen, die von den gefliesten Wänden perlen und mit dem duftenden Seifenschaum im Abfluß verschwinden. Als Marie aus der Dusche steigt und sich die Haare frottiert, beschließt sie, an diesem Tag früher aus dem Büro und noch zum Friseur zu gehen. Später, nachdem sie sich mit einem Kuß von ihrem Mann verabschiedet hat, der eine halbe Stunde früher als sie aus dem Haus muß, setzt sie sich mit einer letzten Tasse Kaffee an den Küchentisch und notiert zwei Sätze in ihrem Notizbuch.
Träume: elektrische Entladungen im Cortex, nächtliche Gewitter in der rätselhaften Ursuppe des Unterbewußtseins.
und
Träume: Reisen im weiten Land zwischen den Ohren.
Über Nacht ist der strenge Jännerfrost einer märzhaften Milde gewichen, die den dünnen Schneebelag auf den Dächern in Wasser verwandelt hat, das die Gehwege wie von Regen glänzen läßt. Der Westwind treibt Wolkentürme vor sich her, als ginge es darum, den Himmel sauber zu kriegen, die Sonne scheint, sogar ein erster Vogel zwitschert. Als Marie auf ihre Straßenbahn wartet, öffnet sie den Reißverschluß ihrer für diesen Tag viel zu warmen Winterjacke und hält ihr Gesicht ein bißchen in die Sonne, bis die Straßenbahn heranruckelt. Sie setzt sich an einen freien Platz am Fenster und schaut hinaus, und wendet, als sich irgendwo in ihrem Augenwinkel etwas verfängt, das Gesicht. Eine Frau mit langem, schwarzem Haar, dunklen Augen und glattem Gesicht sitzt schräg hinter ihr und schaut sie unverwandt an, als wäre sie ein Geist. Marie öffnet den Mund wie zu einer Frage, dreht sich erstarrt wieder nach vorn, während sich ihre Hände um ihre Tasche krampfen und ihr Herz stolpert und sich rumpelnd wieder fängt. Was zum Teufel, flüstert sie erschrocken, und im selben Moment verbeißt sich Metall kreischend in Metall, der Wagen kommt mit einem wuchtigen Ruck wackelnd zum Stillstand, und vorn, aus dem Führerstand, hört man den Fahrer laut über einen abbiegenden Autofahrer schimpfen, der - wie so oft an dieser Stelle - die Straßenbahn übersehen und sie touchiert hat, und dann seine Stimme mit kaum unterdrücktem Zorn blechern aus den Lautsprechern, sehr geehrte Fahrgäste und längerer Aufenthalt und die Türen werden geöffnet und es kann dauern, bis die Fahrt wieder aufgenommen wird, und wenn Sie nicht so lange warten möchten, können Sie aussteigen und beachten Sie bitte, daß Sie sich auf keinem gesicherten Gehweg befinden und auf eigene Gefahr undsoweiter. Marie holt tief Luft, das hat sie noch gebraucht, sie wird zu spät kommen, und als sie sich umdreht und aufsteht, um auszusteigen, ist weit und breit keine schwarzhaarige Frau zu sehen.
Wahrscheinlich, kommt ihr Hirn zum Schluß, als sie zu Fuß zum Büro geht und irgendwie über ihren Schreck von vorhin lachen muß, kennt sie die Frau vom Sehen, daher ist sie auch als Statistin in ihren Träumen aufgetaucht. Sie ist ein bißchen böse über ihre eigene Blödheit, daß mir das nicht gleich bewußt geworden ist, denkt sie kopfschüttelnd, aber auf eine Art so erleichtert über diese wunderbar sinnvolle Eingebung, daß sie beim Bäcker einen Großeinkauf startet und mit zwei Papiertüten voller Mehlspeisen für die Kollegen schließlich an ihren Arbeitsplatz kommt.
Es ist nicht viel zu tun, daher macht sie wie geplant ruhigen Gewissens früher Schluß und schlendert durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt zu ihrem Friseur, ein Italiener mit fein ziseliertem Lächeln und formvollender Konversationskunst, der einen winzigen Salon betreibt und trotz seiner hohen Kunstfertigkeit, was Schnittechnik und Plaudern gleichermaßen betrifft, offenbar so wenig Kundschaft hat, daß Marie jedesmal einfach so zu ihm kommen kann, um sich bei einer Tasse Kaffee und Swing von Count Basie, Ella Fitzgerald und Konsorten die Haare schneiden zu lassen. Als sie die Tür öffnet, ist etwas anders als sonst, und in derselben Sekunde, als sie das denkt, wird ihr auch schon bewußt, was. Kein Swing. Kein Count Basie mit seinem Orchester, keine Ella Fitzgerald, dafür irgendwas mit Akkordeon, das an lang vergangene Dorfhochzeiten in der Pußta erinnert. Offenbar hat der Meister, der hinter dem Vorhang mit irgendwas zugange ist, einen noch viel interessanteren Geschmack als angenommen. Marie legt die Jacke ab und setzt sich auf den Stuhl, wie es hier Brauch ist, um zu warten. Mit halb geschlossenen Augen überläßt sie sich dem kleinen Ziehen hinter ihrem Brustbein, das die Musik in ihr auslöst, hört, daß irgendwo ein Wasserhahn tropft und eine Uhr tickt, nimmt den Duft von Sandelholz und Rosen wahr und spürt, wie ein heimeliges Gefühl sie einhüllt.
Endlich tritt Lorenzo hinter sie, jedenfalls glaubt sie das, denn als sie die Augen öffnet und ihn durch den Spiegel ansieht, um ihn zu begrüßen, steht ein Mann mittleren Alters, dunkle Haut, dunkles Haar, dunkle Augen, hinter ihr. Oh, entfährt es ihr, fast widerwillig, bestenfalls noch erstaunt, sie strafft die Schultern und drückt das Kreuz durch. Guten Tag… Ist Lorenzo… ich meine… haben Sie das Geschäft übernommen?
Der Mann schüttelt den Kopf und schaut ihr direkt in die Augen, bis sie den Blick abwenden muß.
Nein. Vater… Lorenzo ist länger verreist. Meine Schwester und ich vertreten ihn in der Zwischenzeit. Waschen, schneiden, trocknen?
Marie schluckt, die Gedanken irgendwie halb unter Wasser, in einem entfernten Winkel ihres Bewußtseins eine Spur von Unbehagen. Ja, sagt sie dann, weil es ihr plötzlich unmöglich erscheint, aufzustehen und ein anderes Mal wiederzukommen, als würde ein starker Arm sie auf diesem Stuhl festhalten, ja. Waschen, schneiden, trocknen. Wie immer, fügt sie sinnloser Weise dazu.
Der Mann nickt, legt Marie ein Handtuch über die Schultern, dann den Friseurumhang, löst den Hebel am Drehstuhl, fährt sie ans Waschbecken und legt ihren Kopf in die dafür vorgesehene Mulde, dann wäscht er ihr Haar und fragt dabei kein einziges Mal, ob das Wasser zu heiß oder zu kalt ist.
Marie gibt dem Sog der seltsamen Musik wieder nach und überläßt mit geschlossenen Augen ihren Kopf den Händen des Friseurs. Als sie die Augen wieder öffnet, ein wenig benommen von Sandelholz, Rose und Akkordeon, staunt sie - der Sohn steht dem Vater um nichts nach. Aus dem Spiegel schaut ihr so etwas wie ein ideales Ebenbild entgegen, nicht nur das Haar, auch Haut, Augen und Lippen gehören zu einer Frau, die sie gern jeden Tag wäre. Marie schaut verblüfft auf zu Lorenzos Sohn, der sein Werk ebenfalls im Spiegel mustert, Umhang und Handtuch von ihren Schultern nimmt und mit einem dicken, weichen Pinsel ihren Nacken von möglicherweise dort verbliebenen Härchen befreit. Was bin ich schuldig, hört sie sich mit leiser Stimme fragen, und erntet ein leises Lächeln. Geschenk des Hauses, für Sie als Stammkundin. Marie öffnet den Mund zum Protest und greift zu ihrer Tasche, doch er schüttelt energisch den Kopf. Kommen Sie bald wieder, sagt er, als er ihr, ganz der Vater, in die Jacke hilft und ihr die Tür öffnet, und dann drückt er ihr einen Umschlag in die Hand. Mir scheint, das haben Sie beim letzten Mal hier vergessen. Was…? hebt sie an. Er hält ihr Handgelenk kurz fest und flüstert nah an ihrem Ohr: Es kommen auch wieder andere Zeiten, Marie. Dann bugsiert er sie sanft durch die Tür, die hinter ihr ins Schloß fällt. Als sie sich verdutzt umdreht, hängt ein großes Schild daran, kein Licht brennt hinter dem Glas, der Laden ist vollkommen verlassen. Geschlossen. Zitternd öffnet Marie das Kuvert, darin das silberne Amulett und ein Zettel, auf dem in kleiner, steiler Schrift geschrieben steht:
Marie,
die Antwort kommt vielleicht im Schlaf, die kleinen Dinge aber kommen nicht immer zurück zu uns, wenn wir sie verlieren. Geben Sie gut acht.
Auf bald,
Lorenzo
[Fortsetzung folgt]
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