Ich bin (was sich mit fortschreitendem Alter noch verstärkt) quasi die Brauchtumszicke per se, daher fiele es mir im Traum nicht ein, den 31. Dezember anders zu verbringen als, Hausnummer, den 18. März. Und wenn schon Neujahrs-Tamtam, dann hielte ich es sowieso eher mit Ray Bradbury*.
Deshalb wird im Palais Focky heute weder kampfgetrunken noch weinselig gerückblickt oder Walzer getanzt. Wir warten eigentlich bloß drauf, daß der nach Kriegslärm klingende (und riechende) Krach da draußen aufhört, um uns dann noch einen Film oder zwei anzuschauen.
*”Großvater lächelte im Schlaf.
Weil er das Lächeln fühlte und sich fragte, warum das so war, wachte er auf. Er lag still da und lauschte, und da war das Lächeln schon erklärt.
Denn er vernahm einen Klang, der weit wichtiger für ihn war als Vögel oder das Rascheln junger Blätter. Einmal im Jahr wachte er nämlich auf diese Weise auf, lag dann da und wartete auf das Geräusch, das bedeutete, daß der Sommer auch offiziell begonnen hatte. Und es fing immer an einem Morgen wie diesem damit an, daß einer der Kostgänger, ein Neffe, ein Cousin, ein Sohn oder ein Enkel unten auf den Rasen herauskam und sich in immer kleiner werdenden Vierecken nach Norden und Osten und Süden und Westen mit dem Geklapper rotierenden Metalls durch das süße Sommergras bewegte. Kleeblüten, die wenigen noch nicht abgeernteten Löwenzahnfeuer, Ameisen, Reisig, Kieselsteine, Überbleibsel von Knallfröschen und Feuerwerk vom letztjährigen Vierten Juli, vor allem aber frisches Grün, solch eine Fontäne sprang dann auf vor dem ratternden Mäher. Eine kühle, weiche Fontäne; Großvater malte sich aus, wie sie seine Beine kitzelte, sein warmes Gesicht übersprühte und seine Nasenlöcher füllte mit dem zeitlosen Duft einer frisch begonnenen neuen Jahreszeit und dem Versprechen, daß, ja, wir alle wieder zwölf Monate vor uns haben.
Gott segne den Rasenmäher, dachte er. Wer war wohl der Tor, der den Ersten Januar zum Neujahrstag gemacht hat? Nein, sie sollten einen Mann anstellen, der die Gräser auf einer Million Rasen in Illinois, Ohio und Iowa beobachtet, und an jenem Morgen dann, wenn sie lang genug zum Mähen wären, müßte anstelle der Rätschen und der Hörner und des Geschreis eine riesige, anschwellende Symphonie von Rasenmähern das frische Gras auf den Prärien ernten. Statt Konfetti und Luftschlangen müßten sich die Menschen dann gegenseitig mit gemähtem Gras bewerfen, an diesem einen Tag im Jahr, der wirklich für einen Neuen Anfang steht!”
[Ray Bradbury: Löwenzahnwein. Roman]
0 Kommentare zu “Gott segne den Rasenmäher!”