Origin of Symmetry. Muse bauen sowas wie eine Lärmschutzwand aus jahrmarktversponnenen Klängen und krachenden Musikstampeden zwischen mich und den Straßenlärm, in der Stadt muß ich immer Musik hören, wenn ich allein sein will. Dann sitze ich oft in meiner Schaltzentrale, lasse meinen Körper vom Autopiloten gesteuert durch die Straßen gehen und arrangiere alles, was ich sehe, zu Videos. Lasse alte Damen wie elegante Zitterrochen durch eine Unterwasserwelt segeln und mit gezierten Bewegungen in gemächlich heranschwimmenden Niederflurwalen verschwinden. Stelle mir vor, wie das wäre, wenn alle Leute auf der Straße plötzlich zu tanzen beginnen würden, zu der Musik, die ich höre, sortiere die Autos nach Farben, bis sie hübsche Muster ergeben auf dem Gürtel, lasse Radfahrer und Straßenbahnen rückwärts fahren, wiederhole die Sequenz des Spaziergängers mit dem schwarzen Welpen in der Endlosschleife und friere die Frau mit dem Kind zu einem anmutigen Standbild ein.
Heute lasse ich alles so, wie es ist. Gehe mit schlenkernden Armen einfach vor mich hin, der Gehsteig vergoldet von der Sonne, die im Westen wie eine pralle kosmische Orange in den Abend rollt, rieche die würzige Septemberluft und lache ein Kastanienauge an, das sein stacheliges Lid halb geöffnet hat und mich freundlich anzwinkert. Muse schmecken in meinen Ohren wie der Geruch von Karamel und Spätherbst und galoppieren wie eine Herde grinsender Karussellpferdchen, die sich losgerissen haben, durch mein Hirn, verfolgt von einem händeringenden Zirkusorgelspieler mit verschämtem Bierbauch, kichernden Stelzengehern und aberwitzigem Zirkuspersonal. Ich muß an Bradbury denken und seinen wahnsinnigen Jahrmarkt, an Spiegelkabinette, die Staubhexe und den Illustrierten Mann. Er hätte Muse gemocht, der alte Ray, da bin ich mir sicher.
Die Luft ist so klar, wie sie es nur im Herbst sein kann, der Regen der vergangenen Tage hat den letzten Rest des Sommers weggewaschen, aber dort, wo sich sonst ein kleiner Muskel hinter meinem Brustkorb zusammenzieht wie eine Weinbergschnecke, die sich vor einer neugierigen Kinderhand nach Hause rettet, dort wo sonst angesichts des Herbstes in meinem Hirn eine ungünstige Kettenreaktion startet, die darauf hinausläuft, daß ich dem Sommer nachweine wie einem guten Freund und in eine sentimentale Phase kippe; dort, wo sonst beim ersten Akkord der späten Jahreszeit ein ganzes Streichorchester mit seinem Repertoire unangenehm grundlos trauriger Stücke aufwartet, kann ich heute nichts ausmachen, das mich auch nur in die Nähe einer larmoyanten Stimmung bringen würde.
Es ist Herbst, und ich habe, was ein Novum ist, nichts daran auszusetzen. Ich gehe durch die Straßen, die Orange ist schon fast vom Himmel gekippt und versprüht ihren Saft auf Dächer und Fassaden, ich sehe Licht in manchen Wohnungen, verwandle meine Augen in Kameras, die Bilder einfangen und aneinanderreihen zu einem Film, der von Leben erzählt, das leben will inmitten von Leben. Entkopple die Welt von der Zeit, halte sie in diesem Zustand, friedlich, schimmernd, zoome über die Dächer, das Land, den Kontinent, sehe den Planeten wie ein blaues Kleinod auf schwarzer Seide, lasse das Sonnensystem hinter mir, die Galaxie, bestaune das Universum und alles, was darin ist, drehe Pirouetten und atme Zeit, ehe ich umkehre und der Welt einen sanften Stups mit der Nase gebe, sodaß sie wieder an Fahrt gewinnt, und dann lasse ich mich zurückfallen, schwebe langsam wie ein rotes Blatt aus dem Himmel und stehe auf dem Gehsteig, als Mutter Erde ihre Reisegeschwindigkeit wieder erreicht hat.
Ein weiteres Kastanienauge schaut mich an. Ich bücke mich und stecke es in meine Hosentasche. Dann starte ich die CD erneut, link it to the world, link it to yourself, schwinge mich auf ein Karussellpferdchen und mache mich fröhlich auf den Weg nach Hause.



