Archiv für September 2007

Unbetitelbar und doch gebloggt.

Origin of Symmetry. Muse bauen sowas wie eine Lärmschutzwand aus jahrmarktversponnenen Klängen und krachenden Musikstampeden zwischen mich und den Straßenlärm, in der Stadt muß ich immer Musik hören, wenn ich allein sein will. Dann sitze ich oft in meiner Schaltzentrale, lasse meinen Körper vom Autopiloten gesteuert durch die Straßen gehen und arrangiere alles, was ich sehe, zu Videos. Lasse alte Damen wie elegante Zitterrochen durch eine Unterwasserwelt segeln und mit gezierten Bewegungen in gemächlich heranschwimmenden Niederflurwalen verschwinden. Stelle mir vor, wie das wäre, wenn alle Leute auf der Straße plötzlich zu tanzen beginnen würden, zu der Musik, die ich höre, sortiere die Autos nach Farben, bis sie hübsche Muster ergeben auf dem Gürtel, lasse Radfahrer und Straßenbahnen rückwärts fahren, wiederhole die Sequenz des Spaziergängers mit dem schwarzen Welpen in der Endlosschleife und friere die Frau mit dem Kind zu einem anmutigen Standbild ein.

Heute lasse ich alles so, wie es ist. Gehe mit schlenkernden Armen einfach vor mich hin, der Gehsteig vergoldet von der Sonne, die im Westen wie eine pralle kosmische Orange in den Abend rollt, rieche die würzige Septemberluft und lache ein Kastanienauge an, das sein stacheliges Lid halb geöffnet hat und mich freundlich anzwinkert. Muse schmecken in meinen Ohren wie der Geruch von Karamel und Spätherbst und galoppieren wie eine Herde grinsender Karussellpferdchen, die sich losgerissen haben, durch mein Hirn, verfolgt von einem händeringenden Zirkusorgelspieler mit verschämtem Bierbauch, kichernden Stelzengehern und aberwitzigem Zirkuspersonal. Ich muß an Bradbury denken und seinen wahnsinnigen Jahrmarkt, an Spiegelkabinette, die Staubhexe und den Illustrierten Mann. Er hätte Muse gemocht, der alte Ray, da bin ich mir sicher.

Die Luft ist so klar, wie sie es nur im Herbst sein kann, der Regen der vergangenen Tage hat den letzten Rest des Sommers weggewaschen, aber dort, wo sich sonst ein kleiner Muskel hinter meinem Brustkorb zusammenzieht wie eine Weinbergschnecke, die sich vor einer neugierigen Kinderhand nach Hause rettet, dort wo sonst angesichts des Herbstes in meinem Hirn eine ungünstige Kettenreaktion startet, die darauf hinausläuft, daß ich dem Sommer nachweine wie einem guten Freund und in eine sentimentale Phase kippe; dort, wo sonst beim ersten Akkord der späten Jahreszeit ein ganzes Streichorchester mit seinem Repertoire unangenehm grundlos trauriger Stücke aufwartet, kann ich heute nichts ausmachen, das mich auch nur in die Nähe einer larmoyanten Stimmung bringen würde.

Es ist Herbst, und ich habe, was ein Novum ist, nichts daran auszusetzen. Ich gehe durch die Straßen, die Orange ist schon fast vom Himmel gekippt und versprüht ihren Saft auf Dächer und Fassaden, ich sehe Licht in manchen Wohnungen, verwandle meine Augen in Kameras, die Bilder einfangen und aneinanderreihen zu einem Film, der von Leben erzählt, das leben will inmitten von Leben. Entkopple die Welt von der Zeit, halte sie in diesem Zustand, friedlich, schimmernd, zoome über die Dächer, das Land, den Kontinent, sehe den Planeten wie ein blaues Kleinod auf schwarzer Seide, lasse das Sonnensystem hinter mir, die Galaxie, bestaune das Universum und alles, was darin ist, drehe Pirouetten und atme Zeit, ehe ich umkehre und der Welt einen sanften Stups mit der Nase gebe, sodaß sie wieder an Fahrt gewinnt, und dann lasse ich mich zurückfallen, schwebe langsam wie ein rotes Blatt aus dem Himmel und stehe auf dem Gehsteig, als Mutter Erde ihre Reisegeschwindigkeit wieder erreicht hat.

Ein weiteres Kastanienauge schaut mich an. Ich bücke mich und stecke es in meine Hosentasche. Dann starte ich die CD erneut, link it to the world, link it to yourself, schwinge mich auf ein Karussellpferdchen und mache mich fröhlich auf den Weg nach Hause.

Du holde… äh.

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[Neulich am Naschmarkt]
[groß? Klick!]

Verletzungen

Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, einen anderen Menschen zu verletzen, und am erfolgreichsten wird man immer dort sein, wo man mit dreckigen Stiefeln in die Privatgemächer eines anderen marschiert und fröhlich pfeifend auf die Dinge spuckt, die ihm viel bedeuten.

Ich bin ein Mensch, der im Sinne von Freundschaften oft bereit war, Dreck wegzuwischen und Spucke abzuwaschen. Man mag das einfältig nennen, aber ich bin von der Sorte, die lieber vor Wut einmal kurz kollabiert, einen cholerischen Zuckaus kriegt, einige Zeit angefressen ist, ihre Wunden leckt und dann wieder einlenkt. Ich sprenge nicht gern Brücken, die Idee des endgültigen Bruchs mit einem Menschen macht mir angst. Wer einmal mein Freund ist, kann es sich so gut wie nicht mehr mit mir verscherzen. Ich bin selber oft schnell mit meinem Mundwerk, großzügig beim Austeilen und durchaus grob mit dem, was ich von mir gebe. Ironie und Zynismus kann ich selber ganz gut. Aber ich kann auch einstecken. Nachsichtig sein. Verzeihen. Und ja. Ich habe ein gut funktionierendes Radar für die Stelle, wo’s weh tut. Eine gefährliche Waffe, die ich noch nie eingesetzt habe, weil ich im Grunde meines Herzens ein friedfertiger Mensch bin und gut damit leben kann, unterschätzt zu werden. Ich habe viel Verständnis für Handlungen anderer, weil ich mir bewußt bin, daß im Affekt oder kopflosen Zustand oft Sachen passieren, die nicht okay sind.

Heute war’s, daß jemand, was ich bisher für kaum möglich hielt, den Rahmen gesprengt hat. Mit nur wenigen Worten in mein Allerheiligstes eindrang, was schlimm genug ist, und ohne jeden Grund das verhöhnte, woran ich glaube. Und damit etwas erreichte, was ich nie für möglich gehalten hätte: die Atomisierung jeglicher Sympathie. Ich habe nicht viel, woran ich glaube, aber das, woran ich glaube, ist mir kostbar. Darauf spuckt niemand. Daran macht sich keiner zu schaffen. Da ist dieser Punkt, an dem selbst ich nicht mehr verzeihen kann. Da ist diese Grenze, weitgefaßt, die niemand - niemand! - überschreiten darf, egal, wie gut er glaubt, mich und meine Gutmütigkeit zu kennen.

Das hier ist nicht mehr und nicht weniger als die Aufkündigung einer Freundschaft.
Aber irgendwann im Leben kommt dann doch der Punkt, an dem man eine ganz bewußte Entscheidung trifft und Nein sagt. Eine Brücke sprengt. Kühl und bedacht, auch wenn es das erste Mal ist. Ofen aus.

Raus hier.

[Und ja. Das ist scheißprivat. Gehört trotzdem hierher.]

Vertragsverlängerung, Schatzi?

Vorschlag einer deutschen Politikerin: Standesamtliche Ehen sollen nach sieben Jahren verlängert oder automatisch aufgelöst werden.

Bin ich jetz irgendwie arg konservativ, oder ist die irgendwie …ein bisserl daneben?

Glücksgriff.

Vorhin beim Pfahnarpft.

Dr. L: Und, Frau Julia, wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?
dJ: Telefonbuch, Anhängerin der Grätzl-Philosophie und Intuition. Gut, ein bißchen war auch Ihr Name schuld.
Dr. L (lacht): Ja, das hab ich schon ein paarmal gehört.
dJ (nicht ohne Hintergedanken): Sie haben gar keine Homepage… ist selten heute!
Dr. L: Stimmt, hab ich keine.
dJ (im Geiste schon eine kleine Akquisition vorbereitend: der Mann gehört in die professionellen Hände vom Technischen Direktor und derJulia!): Und warum?
Dr. L: Ja, wissen Sie… ich hab 250 bis 300 neue Patienten im Jahr.
dJ: Das ist toll! Und woher kommen die?
Dr. L: 90 Prozent Mundpropaganda. 10 Prozent Telefonbuch.
dJ: Keine Homepage… kein Inserat im Herold…
Dr. L (freundlich): Ja wissen Sie, das ist was für die jungen Kollegen, das seh ich schon ein, daß die auf sich aufmerksam machen müssen. Aber ich? Für mich muß meine Arbeit sprechen.
dJ (verblüfft): Das war jetzt gerade eine vertrauensbildende Maßnahme…

Und er hat mich wahrlich nicht enttäuscht. Ein freundliches “Machma ein kleines Spritzerl, Frau Julia?” kam ganz ohne mein Zutun, und in der folgenden Stunde hat er nicht nur in liebevollster Kleinarbeit drei kleine Füllungen gemacht, sondern, wofür man in allen Praxen, die ich kenne, an die 100 Euro zahlt (Mundhygiene bei der Assistentin), Zahnstein und Verfärbungen entfernt, sodaß mein Gebiß jetzt absolut hollywoodtauglich ist. In anderen Worten: ich wurde in einer ganz normalen Kassenpraxis behandelt wie eine Privatpatientin.

Gäbe es mehr von dieser Sorte und weniger von der High-Tech-Hochglanz-Wunderordinationsfraktion mit viel Blabla und nicht viel dahinter außer Massenabfertigung, Kronen, die wieder rausfallen und Füllungen, die überstehen oder nicht halten, ich hätte wohl gar nicht erst angefangen zu paniken. Nächster Kontrolltermin am 8. April 2008, 14:00h ist schon ausgemacht. Und das heißt was. Zahnarzt bin ich nämlich in den letzten 12 Jahren bis dato noch keinem treu geblieben…

Julias Antipanikkidnappservice!

Kein Ereignis ist bekanntlich so schlimm wie die Furcht, die es vorausschickt, und so kommt es, daß ich mich - obwohl für normal durchaus ein halbwegs intelligenter Mensch - heute früh schon einmal vorsorglich angekotzt habe. Aus lauter Panik vor dem nachmittags zu absolvierenden Zahnarztkontrolltermin.

Durchfall, Schweißausbrüche, Magenschmerzen und ein Blutdruck jenseits von Gut und Böse: Das muß nicht sein!
Ich hatte vorhin die geniale Geschäftsidee, ein Kidnappingservice zu gründen, das den Zahnärzten (oder wovor man halt sonst so panikt) zuarbeitet. Lieferwagen, Tür auf, Sackerl übern Kopf, davongerast, rein in die Praxis, rauf auf den Stuhl, gedscho, gemma - keine Zeit, Angst zu haben. Kein Anlaß für nächtelanges Herumwälzen im Vorfeld, Adrenalinschübe bis zum Beinahe-Kollabieren, Herzrasen und Atemnot. Ein paar Jungs in schwarz, die einen in ein Auto bugsieren, Fahrt zur Praxis, ausladen, behandeln, rausgehen, paßt.

Weil beim Zahnarzt selber, da bin ich dann eh der total abgebrühte Vernunftsmensch, der sich im Angesicht des Unabwendbaren ohne Wimpernzucken in sein Schicksal fügt. Aber davor… die Stunden davor… örgs… ich glaub, ich muß schon wieder brechen…

Hunde, Kinder

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Wasser. Licht.

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[Groß? Klick!]

Leberkäsephilosophie

Neulich wieder einmal das großartige Silentium angeschaut.

“Wissen Sie, aus wos eigentlich da Leberkas g’mocht wird?” fragt Josef Hader als Brenner da an einer Stelle. “Na? Aus de Restln von de Knackwiascht. Und de Knackwiascht? Genau. Aus de Restln vom Leberkas. Und des geht immer so weida.

Bis in alle Ewigkeit, wann ma so wü.”

Austroaggressionen

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[Sacher-Masoch-Würschtl fiel mir natürlich erst hinterher ein. Seufz. Edit.]
[Neulich im Prater]