Verletzungen

Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, einen anderen Menschen zu verletzen, und am erfolgreichsten wird man immer dort sein, wo man mit dreckigen Stiefeln in die Privatgemächer eines anderen marschiert und fröhlich pfeifend auf die Dinge spuckt, die ihm viel bedeuten.

Ich bin ein Mensch, der im Sinne von Freundschaften oft bereit war, Dreck wegzuwischen und Spucke abzuwaschen. Man mag das einfältig nennen, aber ich bin von der Sorte, die lieber vor Wut einmal kurz kollabiert, einen cholerischen Zuckaus kriegt, einige Zeit angefressen ist, ihre Wunden leckt und dann wieder einlenkt. Ich sprenge nicht gern Brücken, die Idee des endgültigen Bruchs mit einem Menschen macht mir angst. Wer einmal mein Freund ist, kann es sich so gut wie nicht mehr mit mir verscherzen. Ich bin selber oft schnell mit meinem Mundwerk, großzügig beim Austeilen und durchaus grob mit dem, was ich von mir gebe. Ironie und Zynismus kann ich selber ganz gut. Aber ich kann auch einstecken. Nachsichtig sein. Verzeihen. Und ja. Ich habe ein gut funktionierendes Radar für die Stelle, wo’s weh tut. Eine gefährliche Waffe, die ich noch nie eingesetzt habe, weil ich im Grunde meines Herzens ein friedfertiger Mensch bin und gut damit leben kann, unterschätzt zu werden. Ich habe viel Verständnis für Handlungen anderer, weil ich mir bewußt bin, daß im Affekt oder kopflosen Zustand oft Sachen passieren, die nicht okay sind.

Heute war’s, daß jemand, was ich bisher für kaum möglich hielt, den Rahmen gesprengt hat. Mit nur wenigen Worten in mein Allerheiligstes eindrang, was schlimm genug ist, und ohne jeden Grund das verhöhnte, woran ich glaube. Und damit etwas erreichte, was ich nie für möglich gehalten hätte: die Atomisierung jeglicher Sympathie. Ich habe nicht viel, woran ich glaube, aber das, woran ich glaube, ist mir kostbar. Darauf spuckt niemand. Daran macht sich keiner zu schaffen. Da ist dieser Punkt, an dem selbst ich nicht mehr verzeihen kann. Da ist diese Grenze, weitgefaßt, die niemand - niemand! - überschreiten darf, egal, wie gut er glaubt, mich und meine Gutmütigkeit zu kennen.

Das hier ist nicht mehr und nicht weniger als die Aufkündigung einer Freundschaft.
Aber irgendwann im Leben kommt dann doch der Punkt, an dem man eine ganz bewußte Entscheidung trifft und Nein sagt. Eine Brücke sprengt. Kühl und bedacht, auch wenn es das erste Mal ist. Ofen aus.

Raus hier.

[Und ja. Das ist scheißprivat. Gehört trotzdem hierher.]

3 Kommentare zu “Verletzungen”


  1. 1 ker0zene

    Sehr eindringlich beschrieben! Ich kenne das Gefühl, würde mich ähnlich einschätzen. Kein Blatt vor den Mund, aber es gibt Grenzen, die bleiben unausgesprochen und unangetastet. Und wer mein Freund ist, wer mir vertraut ist, wer in meinem Universum eine Rolle spielt, der kennt diese Grenzen und weiß darum. Ich maße mir an, entscheiden zu können, ob jemand aus Unvorsichtigkeit oder Unkenntniss mal aneckt, aber wer mit Vorsatz verletzt, der hat einen Point of no return erreicht und überschritten.

  2. 2 dieJulia

    Schön gesagt, lieber Ker0zene, und schön ergänzt auch. Aus Unvorsichtigkeit oder Unwissenheit anecken ist okay, auch mehrmals. Bewußt nachzulegen, wenn man schon sachte darauf hingewiesen wurde, daß es genug ist, ist dann halt definitiv ein Zeichen dafür, daß die Freundschaft wackelt. Und wenn dann schließlich eine mutwillige Schändung von Gefühlen passiert, ist es einfach zu spät.

  3. 3 Opa

    Ich hüte mich vor jeder Selbsteinschätzung. Ich kenne mich selbst zu wenig.

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