“Wer die Hölle überleben will, muß ihre Temperatur annehmen” schreibt Juli Zeh in “Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien”, und da hat sich mein Körper gestern früh gedacht - nojo, legen wir noch ein Schäuferl nach, damit’s da auch nix haben kann. Sich als Grund für das ganze Halsweh und Schnupfen ausgedacht und mich mit 37,6 übers Wochenende zu Hausarrest statt Schwimmen verdonnert, während sich draußen ein unfaßbar blauer Postkartenhimmel über einen verlassenen Steinofen von Stadt spannt. Noch liegt mein Körper temperaturmäßig vorn; draußen hat es 36 Grad, heute nacht hat mich sogar gefröstelt, aber morgen könnte sich das ändern.
Also hab ich gestern brav Zitronen in meinen Altbau hochgeschleppt und Weintrauben und Paradeiser und Paprika, presse mir alle zwei Stunden eine dieser sauren Sonnen aus und verdünne sie mit einem halben Liter Wasser, gurgle mit lauwarmem Salzwasser die Halsschmerzen weg, von denen schon kaum mehr was zu spüren ist, und mache mich mit kannenweise genossenem Tee, wahlweise in den Varianten grün, Earl Grey und Bio-Kräuter, zum lebenden Durchlauferhitzer.
Dazwischen döse, skype oder lese ich. Der Genazino (”Die Liebesblödigkeit”) hat mich ein bißchen enttäuscht; nette Aperçus, launige Figuren (darunter ein Ekelforscher und der Protagonist selbst, Experte für die Apokalypse), aber insgesamt doch irgendwie lau. Vielleicht liegt es einfach daran, daß ich mich nicht in den Rhythmus Genazinos einfinden kann; die kurzen, fast schon schmucklosen Sätze machen mir die Freude am Lesen kaputt. Ich hab’s halt gern ausschweifend, barock und verschachtelt.
Und jetzt endlich die Zeh und ihr Reisetagebuch, schroff, klug und wortgewandt wie alles, was ich von ihr kenne. Einmal, ganz am Anfang, bin ich ihr ein bißchen bös, weil ich sie dabei ertappe, daß sich der Hund zu einem Fragezeichen zusammenkrümmt und scheißt, ein Satz, der genau so in “Adler und Engel” steht, aber okay, denk ich mir, ich hab auch meine Wendungen, die ich besonders liebe und deshalb möglicherweise mehrfach anbringe. Und oft ist mir das nicht einmal bewußt. Der Zeh gelingt beim Schreiben jedenfalls etwas, das jeden guten Autor ausmacht: Man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Man sieht durch ihre Augen, man denkt ihre Gedanken, man bewegt sich in ihren inneren Landschaften, als hätte man nie etwas anderes gekannt. Und darauf trinke ich jetzt meine vierte Zitronenlimonade an diesem Tag, um dann gleich wieder zwischen die Seiten abzutauchen anstatt in der Alten Donau zu schwimmen. Die Seel’ die fliagt in’d Höh, juchhe/der Leib, der bleibt am Kanapee. In diesem Sinne. Prost.
„über einen verlassenen Steinofen von Stadt spannt“ – Doppelknubbelgummipunkt.
:-)
Der kommt gleich zu den anderen…
Das ist ja bäh! Mir ist ja schon so warm genug.
Ach, fröstelschwitzen bei 28 Grad Zimmertemperatur ist auch ein ganz interessantes Gefühl. Hatschi. Hust!
Gesundheit!
Wünsche wohl zu genesen. Und du versäumst draußen eigentlich nix. 28° sind dodal ogee.
Ich hoffe mal, die Dame hat dieses Buch in den 80ern geschrieben, also lange bevor John Rambo diesen großartigen Satz „wenn Du den Krieg überleben willst, mußt Du selbst zum Krieg werden” weltbekannt gemacht hat ;-)
Ähhh, was wollt ich sagen? Ach ja:
Gesundheit.
Und wenn Sie Schläfrigkeit überwinden wollen, nun ja, Sie wissen ja, müssen Sie eben zum Traum werden.
John Rambo, Herr GP, soso. Und die Zeh hat dieses Buch natürlich nicht in den 80ern geschrieben, aber sie wartet ja ständig mit solchen Kleinodien auf. Anderswo heißt es bei ihr zum Beispiel: “Konzentriere dich auf das Unerträgliche, wenn du nicht heimgesucht werden willst bis in alle Ewigkeit.” Brutal, aber heilsam auch.
… “Adler und Engel” würde Ihnen übrigens gefallen, da bin ich mir fast hundertprozentig sicher, wenn ich mir diese Einschätzung anmaßen darf. Ohne jetzt missionieren zu wollen. ;)
Äh, und danke. Rekonvaleszenz schreitet zügig voran. Und das mit dem Traum… da denke ich drüber nach.
Seit Ewigkeiten versuche ich, hier einen Kommentar zu posten. (Du hast doch nicht etwa meine IP gesperrt, oder?)
Deinem Wunsch: “Ich hab’s halt gern ausschweifend, barock und verschachtelt” kann ich mangels Talent nicht entsprechen. Also ich wollte schlicht “Gute Besserung” schreiben. Wohl schon zu spät?
Auweh, lieber fely!
Nix ist gesperrt… aber irgendwo gibt’s da wohl so ein automatisches Dingens, das irgendwelche obskuren Punkte vergibt. Ich wurde auch schon mal als Spammer gebrandmarkt und konnte mich einen Tag lang nicht einloggen. Auf meiner eigenen Seite.
Tut mir leid! Und näh, nix ist zu spät! Gute Besserung kann man immer brauchen. Dankeschön!
Jetzt hab ich hier bei dir schon so oft von der Frau Zeh gehört, dass ich neugierige und neugieriger werde. Da muss ich ja wohl albald auch mal ein Buch von ihr zur Hand nehmen. Mit welchem fängt man denn da an?
daß ich bis jetzt keine Antwort gegeben habe, lieber bjk, liegt nicht an meiner etwaigen Ignoranz, sondern daran, daß ich die ganze Zeit nachdenke, was ich denn nun als Einstieg empfehlen könnte.
Ich kenne dich und deine Vorlieben ja nicht.
Ich persönlich habe “Adler und Engel” als erstes gelesen, aufgeschnappt so im Vorübergehen und sofort darin gefangen gewesen. Eine Tour de Force, gnadenlos, ein Buch, das weh tut und einem den Himmel über dem Kopf wegreißt. Ein Buch mit viel Wien und Ex-Jugoslawien, ein extremes Buch. Eine Geschichte, die an die Grenzen des Vorstellbaren geht und einen genau da hält. Ein Buch über Drogen, die Mafia, die Liebe. Schnell und schmutzig, unheimlich intelligent, unglaublich schön an manchen Stellen, und unglaublich heiß.
Dann las ich “Spieltrieb”. “Spieltrieb” ist ein radikales Buch, eine Geschichte, die wortgewaltig an der Wurzel gräbt, an der radix. Und gleichzeitig das Extrem sucht. Ada und Alev, Schülerin und Schüler, hochbegabt, jenseits von Gut und Böse, zwei hellwache nicht-mehr-ganz-Kinder mit der hochgradig gefährlichen Unschuld von nicht-ganz-Erwachsenen in einem morschen Zeitalter; Haß, Liebe, Erpressung (eines Lehrers), Sex, Macht. Ein perfides Spiel, wuchtig, großartig, in einer Art geschrieben, daß ich auf dem Bauch liege. “Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Der Mensch ist, ich wiederhole es noch einmal, am berechenbarsten, wenn er pragmatisch handelt. Wenn er spielt.”
Ich weiß nicht, wozu ich raten soll, und ich winde mich. Weil Ratschläge immer Schläge sind. Juli Zeh ist jedenfalls eine Instanz, vor der ich persönlich jederzeit und überall einfach knie. Guck dich mal auf Perlentaucher und Co. um. Geh zum Buchhändler deines Vertrauens. Lies die ersten Seiten. Laß dich mitnehmen oder auch nicht - das ist schließlich alles Geschmackssache.
Ähm… ja. :)
Na dafür, dass du dir mit der Antwort Zeit gelassen hast, ist sie ja umso ausführlicher geraten. Klingt jedenfalls beides sehr spannend und regt meinen eh unersättlichen Leseappetit nun umso mehr an. Ich werde mich sicher mitnehmen lassen.
Was meinen persönlichen Geschmack angeht, unterliegt dieser nicht allzu vielen Beschränkungen. Am besten gefällts mir immer dann, wenn ich hinter der Geschichte eine gewisse Leidenschaft spüre. Schmutzig, intelligent und heiß klingt jedenfalls schonmal gut.
Ich glaube, ich werd einfach beide Bücher kaufen gehen und mich dann mit der Wahl quälen, welches ich zuerst lese. Manchmal lese ich ja auch mehrere Bücher gleichzeitig…
Danke jedenfalls für die interessante Auskunft.