Ich schau dich an, die Erde rollt vorbei wie eine wundersame Murmel, versunken in einem selbstvergessenen Spiel. In deinen Augen, Miniplaneten in einem Universum aus klarstem Weiß, sehe ich, was ich selbst die ganze Zeit über fühle, und mein Herz stolpert, fängt sich unsicher, erinnert sich seiner Pflicht und schlägt schnell und schwer, pumpt einen unerklärlichen Schmerz durch meine Adern, ein dunkelroter Paukenschlag. Ich habe Angst, flüsterst du, und ich würde dich gern trösten, aber als deine Augen sich verschatten und das Planetenblau darin verschwimmt, werde ich selbst zur Schwimmerin auf dem aufgewühlten Meer dieser milden Nacht. Irgendwo höre ich eine Grille zirpen, eine Autotür schlägt zu, jemand lacht. Die Stadt rauscht herauf und brandet gegen die Fenster, wir liegen auf dem Leintuchstrand, zwei verlorene Primaten kurz vor dem Rausschmiß aus dem Paradies, ich halte dich oder mich an dir fest, meine Nase an deiner Wange, ich möchte tapfer sein, aber mir ist bang, und endlich verliere auch ich den Kampf gegen die Flut. Wir lassen uns nicht los, als die Welle kommt und uns unter Wasser zieht, Mund an Mund sinken wir tiefer und tiefer in einen mächtigen Strudel, der salzig ist und warm, und, als wir uns darin ergeben, plötzlich nicht mehr schrecklich, sondern tröstlich und sanft.
Irgendwann später tauchen wir auf, weiße Taschentuchvögel landen mit raschelndem Flügelschlag auf dem Boden. Ich koche, obwohl der Zeiger der Uhr auf Mitternacht zusteuert, Kaffee, dessen würziger Duft nach Daheimsein die winzige Wohnung erfüllt, in der wir wie in einer Nußschale durch die Nacht segeln, und als wir uns über den Rand unserer Tassen anschauen, lachen wir uns an, und das Licht dieses Lachens wird uns sicher ankommen lassen.
Wenn uns die Gnade zuteil wird, Wurzeln schlagen zu dürfen, muß uns bewußt sein, daß es von mal zu mal schwerer wird, Abschied zu nehmen, auch wenn der nur auf Zeit ist.
Ein Preis, den wir beide gern zu zahlen bereit sind. Weil wir wissen, daß wir einen mächtigen Verbündeten haben: Chronos.
“Wenn Sehnsucht Leid hervorbringt, so mag das daran liegen, daß wir nicht weise sehnen oder daß wir ungeschickt darin sind, das zu erlangen, wonach wir uns sehnen. Warum sollten wir nicht, anstatt unsere Köpfe in Gebetsmänteln zu verbergen und Mauern gegen die Versuchung zu errichten, lieber daran gehen, Sehnsüchte zu erfüllen? Die Erlösung ist für die Schwachen, das ist meine Meinung. Ich will keine Erlösung, ich will das Leben, das ganze Leben, das elende ebenso wie das wunderbare. Wenn die Götter Begeisterung besteuern würden, wäre ich bereit zu zahlen; aber ich werde bei jeder Gelegenheit gegen ihre Steuern Einspruch erheben, und wenn Wodan oder Schiwa oder Buddha oder dieser Christentyp – ich komm jetzt nicht auf seinen Namen – das nicht respektieren, dann werde ich ihren Zorn auf mich nehmen. Zumindest werde ich von dem Bankett gekostet haben, das sie auf diesem reichen, runden Planeten vor mir auftischen, anstatt mich zu verkriechen wie ein zahnloses Kaninchen. Ich kann nicht glauben, daß die köstlichsten Dinge lediglich da sind, um uns zu prüfen, um uns in Versuchung zu führen, um es uns nur noch schwerer zu machen, den Großen Preis zu gewinnen: die Sicherheit des Nichts. Das Leben zu einem derart armseligen Spiel zu machen, ist weder der Menschen noch der Götter würdig.”*
(*Tom Robbins: Pan Aroma)
der jammer mit der menschheit ist, dass die klugen feige, die tapferen dumm und die fähigen ungeduldig sind. das ideal wäre der tapfere kluge mit der nötigen geduld.
(truman capote)
Wir werden - sind wir jetzt coole Hasen oder nicht? - das Kind schon schaukeln. Hand aufs Herz.
eh. was sonst?
… eben. :-)
psst,psst, ihr beiden, darf ich das abschreiben und meinem
chef bringen? es ist so schön edel melancholisch.
So schön gedichtet, Frau Julia!
Dem Titel sehr würdig - wünsche baldige “An Land”ung.
Ein Glas auf die Kuh und eins auf die See!
Es geht nichts über Mitternachtskaffee. Fast nichts. Feiner Text, das Rollen der Wellen ist beim Lesen spürbar.
Neunhundert Kilometer, eineinhalb Stunden, Flugzeuge und der Regen… wahrlich, ich sage euch. Ich sitze hier, zum ersten Mal seit zwei Wochen allein. Ich trinke Kaffee, ich schreibe, und wenn ich die Augen schließe, ist alles ganz leicht. Ach…
Ich glaube, irgendwie, kann ich Ihnen das nachfühlen, ein kleines wenig. Macht mich traurig.
Ja. genau so ist es. Und nicht anders…
Wunderschön…