(Un-?)Heiliger Zorn

Ziemlich viele Menschen, macht man so ab und zu die Erfahrung, sind rohe Leute ohne jedes Benehmen, ohne jede Höflichkeit und ohne jeden Feinsinn. Bloß weil man selber freundlich ist, viel lächelt und lacht, hilfsbereit und zuvorkommend ist und sein Leben weitgehend so gestaltet, daß man anderen dabei nicht auf die Zehen steigt, heißt das noch lang nicht, daß man ein Stück Dreck ist - oder ein Übermensch, der nie ein Dankeschön oder ein Schulterklopfen braucht.

Dieses Wochenende hatte drei plakative Beispiele ein und desselben Phänomens für mich auf Lager.

Situation eins: ich geh auf ein (übrigens sehr geiles) Konzert und werde im Anschluß daran von einem der Musiker angesprochen:
M (ungeduldig): “Wieso hast du nicht fotografiert heute?”
dJ (schlecht gelaunt): “Hat mich keiner gefragt!”
M: “Na und? Du mußt global denken!”
dJ: … (denkt so bei sich: aha, und beim letzten Mal hat keiner das Maul aufgekriegt und Muh oder Mäh oder Danke oder was auch immer gesagt.) “Was heißt denn das, global denken?”
M: “Naja, einfach kommen und Fotos machen!”
dJ (in scharfem Tonfall): “Wieso sollte ich? Zu meiner Belustigung? Außerdem war eh einer da mit einer Kamera.”
M: “Ja, vielleicht - aber deine Bilder waren viel besser letztens.”
dJ (sauer) “…” (dreht sich weg und beschließt, diese Ignorantenpartie künftig zu meiden).

Situation zwei: Sonntag, Vormittag, Sonne scheint, Vögel zwitschern wie in einem extra kitschigen Film, eine gern gemochte Verwandte winkt mir. Ich marschiere barfuß und mit ehrlich erfreutem Lächeln auf sie zu. Sie grüßt freundlich und macht dann unvermittelt eine blöde Bemerkung über meine Statur (die sich seit Jahren nicht geändert hat). Mein Gesichtsausdruck verrutscht, dann starre ich sie an, bemerke in sarkastischem Ton: “schönes Wetter heute, nicht?”, drehe mich um und gehe. Und beschließe in aller Würde, ihr beim nächsten Mal nur mehr aus der Ferne zuzuwinken. Wenn überhaupt.

Situation drei: Die Autobahn. Ich bin wirklich der letzte Mensch, der sich zu Verallgemeinerungen hinreißen läßt, weil die in meinem kleinen Weltbild die Vorstufe zu Chauvinismus und noch weitaus schlimmerem sind und ich sie aus diesem Grund strikt ablehne.
Fakt ist aber, und ich beobachte das seit Bestehen meiner Führerscheinprüfung vor rund 13 Jahren und grob geschätzten 200.000 unfallfrei zurückgelegten Straßenkilometern nun doch schon eine Weile, daß die Lenker bestimmter Fahrzeugmarken, will sagen signifikant, dazu tendieren, auf den in ihren Augen wahrscheinlich nicht existenzberechtigten Rest der Verkehrsteilnehmer zu, entschuldigen Sie den Kraftausdruck, scheißen.
Ich bin, was meine Fahrweise betrifft, sicher keine Schnecke, aber ich habe, da ich mich zu den sogenannten Kleinverdienern in diesem hübschen, kleinen Land zähle, zynisch formuliert nun einmal leider nicht die Kohle, mir Radarstrafen leisten zu können. Deshalb fahre ich auf österreichischen Autobahnen zwischen 143 und 150 km/h. Ist gleich ca. 130. Mit viel Abstand. Und bei Geschwindigkeitsbeschränkungen, wie zum Beispiel im Bereich von Autobahnkreuzen oder in Baustellenabschnitten, eben soviel erlaubt ist. Plus 10 Prozent Toleranzzuschlag. Also 110 beim Knoten Linz und 88/66 auf der Baustelle. Ich habe mit dieser Spießerphilosophie in 13 motorisierten Jahren noch nicht eine Strafe bekommen und dabei immer zügig mein jeweiliges Ziel erreicht.
Mit dieser gesetzeskonformen und auf Sicherheit bedachten Fahrweise bist du in Österreich allerdings einigen anderen ein Dorn im Auge. Speziell viele Leute mit ihren (geleasten?) Potenzverstärkern BMWs, Audis, Mercedes, Alfas und gern auch Golfs und Mazdas nötigen dich auch dann, wenn du links mit ca. 150 in der Überholkolonne fährst, und, sobald du dich, ein wütendes “deppertes Arschloch” auf den Lippen, rechts hinter den dahinzuckelnden LKW einreihst, deinen Vordermann von vorhin. Diesen übermotorisierten Hirnpygmäen wünsche ich aus ganzem Herzen und kollektiv Zahnwurzelkaries, komplizierte Wurzelspitzenresektionen bei wirkungsloser Betäubung und eingewachsene Zehennägel. Beziehungsweise Strafausmaß für Drängeln in der Kolonne: mindestens drei Bruttomonatsgehälter. Oder, noch schlimmer, lebenslangen Führerscheinentzug. Ihr letztrangigen, minderbemittelten Vollpfosten. Verpißt euch zum Beispiel nach Deutschland, wenn ihr Schnellfahren spielen wollt, oder nehmt den Flieger, wenn ihr es eilig habt. Oder fahrt früher los. Aber gefährdet mit eurer unsäglichen Fahrweise nicht anderer Leute Leben. Und vor allem nicht meins. Ich hänge nämlich dran. Weiteres schönes Beispiel für lebensbedrohende Dummheit auf unseren Straßen: die Dumpfbacken, die die Bedeutung der sinnstiftenden Einrichtung namens “Beschleunigungsstreifen” nicht verstanden haben. Fahren langsam und vorsichtig bis zu dessen Ende, bleiben stehen, als wär da eine Stopptafel und biegen dann gemütlich und ohne zu schauen auf die - auch als rechte Fahrspur bekannte - Fahrbahn ab, um die mit ca. 130 Sachen nachkommenden Lenker zu wilden Brems- und Lenradverreißmanövern zu zwingen. Auch diesen Kollegen sollte man schnellstens die Fahrerlaubnis entziehen. In Zügen der ÖBB können sie vermutlich weitaus geringfügigeren Schaden anrichten, wenn sie in ihrer verschlafenen Art abrupt aus dem Abteil kommen und mit einem flott gehenden Menschen auf dem Gang kollidieren.

Ach ja, und viertens hat mir dann noch irgendein netter Mensch mein abonniertes profil vom Fußabstreifer geklaut, auf dessen entspannende Abendlektüre ich mich schon stundenlang gefreut habe. Haben Sie viel Freude damit. Ich wünsche Ihnen für die kommenden beiden Wochen eine nette bakterielle Bindehautentzündung. Beidseitig. Sie Arsch.

Mein Fazit für den Moment: auf diesem Planeten dominieren (Vorsicht, Verallgemeinerung im Affekt im Anmarsch!) die Rücksichtslosen, die Unhöflichen und die Nichtdenker. Kleine Ego-Arschlöchlein, wo du hinschaust. Manchmal geht selbst mir der gefühlte Großteil der Menschheit dermaßen auf den Keks, daß ich richtig umfassend sauer werde. Und hätte ich mich heute nicht beim eigenhändigen Reifenwechseln abreagiert (Popvatern durfte nicht interagieren. Nur jeweils die Schlußkontrolle vornehmen.), ich könnte mir glatt vorstellen, heute noch was kaputtzuschlagen. Allerdings halte ich es in dieser Stimmung für angebrachter, ein bißchen Post zu erledigen… ach ja, genau, die Kirchenbeitragsterroristen wollen ja Kohle von mir.. jau, genau das richtige für diesen Abend… harhar.

14 Kommentare zu “(Un-?)Heiliger Zorn”


  1. 1 katze

    mir hilft in solchen situationen nur eins: ich wünsche den männlichen herrschaften z.b. an einem 29.d.m. 290 erektionsstörungen… wenns sein muß auch 2900! (es ist mein einziges mittel gegen sofortiges amoklaufen!) und der gedanke an DEREN überraschung, womöglich schon in kürze, erheitert mich sofort!
    und: aus der kirche austreten - hat akut- und vor allem dauerwirkung!
    HAKUNA MATATA!

  2. 2 Kristof

    Zum Glück sind Opelfahrer grundsätzlich besser, und freundlich sowieso :-)

  3. 3 the white lake knight

    dem ist prinzipiell und überhaupt und sowieso aber auch gar nichts hinzuzufügen.

  4. 4 dieJulia

    Liebe Katze, hab vielen Dank für dein wundervolles Rezept zum Abreagieren. Ich fürchte allerdings, daß man den Herrschaften damit keinen Schaden zufügt, weil ich so den Verdacht habe, daß sich die aus Frust über bestehende, ähm, Dysfunktionalitäten so aufführen. ;)

    Kristof, ich hatte selber mal einen Opel. Einen gelben Corsa. Und ich hab ihn sehr gemocht, den Zitronenfalter. Toyota-Fahrer gehören übrigens auch zu den Guten, statistisch gesehen. :)

    White Lake Knight: Und ich finde es sehr höflich und zuvorkommend von Ihnen, daß Sie dem auch Ausdruck verliehen haben. :-)

  5. 5 knurps

    die Julia kann ja richtig böse sein. Steht ihr aber gut. Kommt wie ein schwarzer Panther, vor dem man nicht mal mehr auf die Bäume fliehen kann.

  6. 6 dieJulia

    Oh, Herr knurps, wußten Sie das noch nicht? ;)
    Ich werde bei Gelegenheit mein Schreiben an die Kirchensteuerbüttel veröffentlichen. Noch ist es aber nicht ganz so würzig wie mir vorschwebt…

    (Und danke für das großartige Kompliment - ich bin geschmeichelt und fange gleich an zu schnurren…)

  7. 7 Freerk

    Ein Piefke bittet: Aber halt!
    Wir wollen eure Raser nicht! Wir haben hier wirklich selbst genug. Zumal es hierzulande bei 150 ja erst losgeht. Dann werden aus Jägern wohlmöglich gejagde?

  8. 8 dieJulia

    Die deutschen Autobahnen, lieber Freerk, sind sowieso ein Faszinosum. Rechts durchschnittlich lähmende 80, links durchschnittlich flotte 150. Also… so isses mir halt unlängst auf der A3 ergangen.
    Ganz schön mörderisch.
    Und ziemlich “stau”- bzw. Stop-and-Go-anfällig.
    Da bin ich schon froh um unsere [offizielle] Geschwindigkeitsbeschränkung… irgendwie flutscht der Verkehr trotz dümmlicher Gasfuß-Profilierungsneurotiker nämlich doch insgesamt besser.

    Und okay. Sollen unsere Deppen halt nach Estland oder Malta. Da gibt es laut http://europa.eu/abc/travel/gettingthere/index_de.htm nämlich gar kein Tempolimit.

  9. 9 katze

    liebe julia, wost recht hast hast recht…!!! schade für mich! effekt beim teufel!

  10. 10 dieJulia

    Ach, liebe Katze, sicher ist sicher. Also ich werd in Zukunft an dein Rezept denken und es großzügig anwenden. Hähä. ;)

  11. 11 musenross

    ich habe gerade eben sehr viel lachen müssen, vielen dank für diese anekdote.

  12. 12 Freerk

    Ich war kürzlich in Estland. Die haben weniger Autobahnkilometer als der Kölner Ring.
    (Aber tippitoppi sind die! Dank EU! Ab der Grenze zu Russland muss man aber wieder Schlaglochslalom fahren.)

  13. 13 Stefan

    Ich glaube, Du hast beim Konzert etwas in den falschen Hals bekommen. Die “global denken”-Meldung hat der Gü eigentlich spaßig gemeint - ist halt nicht so rübergekommen. Die Idee mit den Fotos im November stammt übrigens von Popvatern himself. Er meinte, Du fotografierst gerne und hast einen supertollen Überdrüber-Fotoapparat. Dass ein “Dongsche” bei der Band sehr, sehr selten fällt, ist zwar schade, aber ich kann es leider auch nicht ändern.

    Ich hoffe, Dein Zorn ist nicht mehr allzu groß auf uns Provinzler und Du schickst mir trotzdem die Bilder vom Konzert.

    Stefan von der Ignorantenpartie

  14. 14 dieJulia

    Uiuiui.
    Na, also, lieber Stefan - ähm, Moment, da muß ich jetzt dazu schon auch sagen, daß hier im Blog vieles ein bißchen sehr verstärkt preisgegeben wird.

    Es ist ja auch nicht so, daß ich künftig nimmer mit meiner Tant’ reden würde. Und daß die Kirchner-Bigband eine Institution ist, der ich hoffnungs- und hemmungslos verfallen bin, ist eh klar. Für das “Ignorantenpartie” entschuldige ich mich an dieser Stelle.

    Woaßt eh, man hat halt so seine Eitelkeiten, und dann kann’s schon einmal sein, daß man (beachte an dieser Stelle auch den Atzmanstorfer’schen Dickschädl) schimpft wie ein Rohrspatz. Man ist halt sensibel, was den eigenen Shit angeht, und so.

    Den Gü mag ich aber eh. So wie euch alle. Und ich glaub, der hält das schon aus. ;-)
    Und wennst mir deine Adresse mailst (meine E-Mail ist im Impressum zu finden), schick ich dir die CD per Post, damit es schneller geht. Weil in Goisern bin ich nur so ca. einmal pro Monat.

    Hej, es war mir ein echtes Vergnügen!
    dieJulia

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