Anything goes (Credo)

Selten, aber wirklich ganz selten, überkommt mich diese unheilige Gier, in meinem eigenen Leben herumzustochern. Ich bin keine Grüblerin, schon lange nicht mehr, das hab ich mir irgendwann in meinen Mittzwanzigern weniger abgewöhnt als verboten, als mich die Erkenntnis streifte, daß ich mich - gepeitscht und gepeinigt von dunklen Gedanken, die perverserweise noch dazu meine eigenen waren - doch immer nur in einem blöden Hamsterrad abquälte, um mich an Kinderkram abzuarbeiten. Für nichts. Da machte ich dann das Fenster auf und ließ die Sonne herein und jede Menge frische Luft. Das Leben, beschloß ich ganz willentlich und so eiskalt, wie ich es mir selbst nie zugetraut hätte, ist gut. Oder, wie ich von irgendeinem Aureliano (oder war’s ein Arcadio?) aufschnappte, in den hundert Jahren Einsamkeit dieser Panikzeit, aus dem Weg, Kühe, das Leben ist kurz. Lebensweisheit absolut auf den Punkt gebracht. Es war der mit den Hahnenkämpfen, glaube ich.

Aber manchmal geht in den Sumpfzonen des Hirns etwas um, etwas Böses, etwas Boshaftes, etwas Kaltes, etwas, das so alt ist wie mein Bewußtsein. Und überall, wo es meinen Verstand streift, kriegt es augenblicklich hungrige Junge, die sich in erschreckender Geschwindigkeit zu Lemuren auswachsen, die mit langen, begehrlichen Fingern an der Ratio kratzen, gut verwahrte Ängste wachkitzeln und neue Ängste zeugen, düstere, kleine, schlaue Götter, die ins Zentrum meiner Existenz wollen, das Bollwerk meines Optimismus überwinden, die Armee meiner Lebensfreude infiltrieren und mein Leben in Schutt und Asche legen.

Es sind Nächte wie diese, in denen ich der ältesten meiner privaten Ängste zu unterliegen drohe. Blindheit. Ich kann nicht sehen, wohin - und vor allem wie - es gehen soll. Ich fühle mich ohnmächtig, bei vollem Bewußtsein, ich fühle mich in die Enge getrieben und von bedrohlichen Elementen eingekreist, der Verstand geschwächt von Frust und Druck, das Selbstbewußtsein geschrumpft auf etwas, das aufrecht unterm Teppich gehen kann.

Es ist ein Meer der Ideenlosigkeit, und es herrscht Flaute. Die bläßlich-fette Verzweiflung sitzt mit an Bord und macht das Boot noch schwerer als nötig.

Bis ich mich, das schlaffe Segel und den unerwünschten Gast verfluchend, auf eine alte Idee besinne. Rudern. Ich muß rudern! Meine Vigilanz kommt auf die Beine. Es beginnt zu rechnen in meinem Hirn, überschlagsmäßig, es könnte sich, es kann sich, es muß sich ausgehen. Weil ich human bin, biete ich der Verzweiflung einen Schwimmreifen an, der nicht mir gehört. Verschwinde hier. Pack dich, Pack.

Ich werde rudern. Wenn nötig, bis ans Ende der Welt.
Geht mir aus dem Weg, Hindernisse. Sonst niete ich euch um. Euch alle. Und ich meine es ernst. Ernster als alles andere zuvor. Alles geht, alles kann, alles darf. Das hier muß.

c r e d o.
Ich glaube.
Und ich kann somit Berge versetzen. Mit ein bißchen zusätzlichem Rudern darf das kein Problem sein. Darf es nicht. Kann es nicht. Credo, quia absurdum. Meinethalben. Ich glaube. Das allein zählt.
Anything goes.
Oh ja.

5 Kommentare zu “Anything goes (Credo)”


  1. 1 Ad

    ein fragen- und antworterenpaar, wie man die welt zu betrachten habe. darf ich mir eine riesige scheibe abschneiden, von diesem wunderbaren text? danke!

  2. 2 mq

    Eine Alternative zum Rudern besteht darin, selbst den Wind in die Segel zu blasen. Das ist zwar ungleich aufwendiger und kann Schwindelgefühle erzeugen, aber es funktioniert. Anything goes.

  3. 3 Opa

    Ach du Glückliche. Bei mir heißt es eher rien ne va plus oder so ähnlich :-)

  4. 4 Martin

    Der unerwünschte Gast läßt sich verbannen, aber der Boden bleibt doch fruchtbar für seine Jungtiere. Es hilft ungemein den Gast hinauszuwerfen wenn man von ihm paralysiert wird. Und noch mehr hilft es den Gast zu verstehen, warum er ist wie er ist. Dann kann man ihn akzeptieren, integrieren und die künstliche Trennung zerfließt. Aber das erfordert viel innere Kraft die mir zur Zeit zu fehlen scheint.
    Im Endeffekt sind dem Menschen nur durch den Verstand Grenzen gesetzt. Wer den Mut hat diese neu zu definieren, sie einzureißen und neue Horizonte zu endecken, der ist nicht aufhaltbar. Deswegen ist der Mut keine Sache des Verstandes sondern des Herzens.

  5. 5 Scheibster

    Schön geschrieben. Ich hoffe, die Hindernisse haben brav die Flucht ergriffen.

    Wünsche ein sonniges WE!

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