Es regnet.
Es regnet von allen Seiten, und das Mitführen des Schirms ist ungefähr so sinnvoll wie das Tragen eines handelsüblichen Sturzhelms anläßlich eines nuklearen Fallouts.
Der Wind reißt mir die Kapuze vom Kopf und zerzaust mich gründlich, fette Regentropfen zerplatzen auf meinem Gesicht, die Hose wird binnen kürzester Zeit naß bis zu den Kniescheiben, Feuchtigkeit kriecht in die Schuhe und geht eine kühle Liaison mit den Socken ein.
Der Asphalt spiegelt die Lichter der Ampeln mit ihrem gleichmütigen Rhythmus, ich lasse mich von einem zischenden Niederflurkoloß schlucken und fühle mich wie Jonas, nur daß es da drin entscheidend gemütlicher ist als draußen. Meinen nutzlosen Schirm, der kalten Regen schwitzt, halte ich irgendwie in maximaler Körperferne, ein dünnes Regenwasserrinnsal bahnt sich seinen Weg durch den Niederflurwalfischbauch, die Scheiben sind beschlagen vom Atem der wenigen nächtlichen Mitinsassen, ich widerstehe nur knapp der Versuchung, ein Herz zu malen, oder ein simples 42.
Ein asiatischer Herr gesetzteren Alters hat meinen herumstreunenden Blick aufgefangen und streichelnd festgehalten, seine Ebereschenaugen haben sich in meinem Gesicht festgesaugt, er lächelt, und ich muß unwillkürlich zurücklächeln, mit mindestens 25 Watt, während in meinen Ohren der Grönemeyer was ziemlich Poetisches singt, es handelt sich, glaube ich, um ein Liebeslied oder sowas in der Art.
Ich schaue weg und gucke dem Wasser zu, wie es surreal-anmutige Spuren zieht auf der durchsichtigen Außenhaut des geduldig dahinschwimmenden Wienerlinien-Walfischs. Ich habe nichts zu sagen in dieser Nacht, und ich sage es doch. Ich diffundiere. Ich diffundiere in eine wilde Nacht, eine sanfte Nacht, eine Nacht jenseits der gewohnten Gänge. Vieles passiert dieser Tage, ich bin ein reichlich verwirrter Passagier, ein regennasser Mensch, der ins Trockene will, ein kleines Licht in einem unendlichen Universum, eine lachende Seele, die sich in ihrer Grundtraurigkeit spiegelt und sich zu einem heiteren Wolkenkuckucksheim aufschwingt, japsend, mit klapprigen Holzflügeln.
Eigentlich ist es unbeschreiblich.
Schreiben muß ich es dennoch.
Was immer mich gerade denkt, es zwingt mich dazu.
ach ja, da sind wohl der Große Chronofikator und seine 41 vektorianer in Ihrer nähe gewesen und haben Ihre seele ins
schwingen gebracht.
Angesichts eines nuklearen Fallouts hilft in der Tat kein handelsüblicher Sturzhelm, sondern nur die Butterbrotpapiertüte über dem Kopf und eine entspannte Sitzhaltung unter dem Küchentisch. Das Bild vom herumstreunenden Blick, der ’streichelnd festgehalten’ wird, gefällt mir sehr.
Möglicherweise, Herr Weißenseeritter, möglicherweise.
Das mit dem Butterbrotpapier, lieber Herr Quint, erscheint mir plausibel. Vor allem die entspannte Sitzhaltung unter dem Küchentisch klingt ausgesprochen vernünftig. Ich werde das im Falle des Falles beherzigen.
Und schön, daß Ihnen das Bild gefiel. Ich bin jetzt ehrlichgesagt ein bißchen rot geworden.