Wunibald und Gundel

„Das hältst du für eine Taktlosigkeit?“ Gundel zog eine Augenbraue hoch und guckte Wunibald mit einiger Verwunderung an.
„Fürwahr“, entgegnete der verstimmt und verschränkte finster seine Arme vor der Brust. „Mir ein Käsebrot zu offerieren, während ich versuche, ein fragiles Sonett über die Osmose zu verfassen, ist einfach schrecklich taktlos. So.“ Beleidigt starrte er auf ein paar spielende Kinder.
„Ach, vergiß doch diesen Kegelbruder, diesen primitiven“, versuchte Gundel einzulenken. „Wunibald, woher sollte er denn wissen, daß du im Dienst bist? Schatz!“
Wunibald schnaubte wütend. „Sowieso weiß der, daß ich im Dienst bin, wenn ich mit meinem Notizblock im Café sitze! Ich bitte dich! Da hat man mich nicht einfach mit der schnöden Frage nach einem noch dazu völlig reizlosen Snack zu belangen! Auch nicht als Oberkellner! Käsebrot! Ich bitte dich!“
Gundel seufzte. Wunibalds Eitelkeit in manchen Belangen konnte bisweilen wirklich seltsame Dimensionen annehmen.
Sanft stupste sie ihn an. „Du, Wunibald… komm schon. Jetzt sei nicht so. Laß uns nicht von einem simpel gestrickten Servierkörper diesen wunderschönen Abend verderben. Weißt du noch, da, auf dieser Bank, unter diesem Baum, vor sieben Jahren?“
Er schnaubte noch einmal verschnupft, lockerte aber seine starre Körperhaltung und legte den Arm um ihre Schulter. „Wir haben uns ewige Treue geschworen“, sagte er leise und zog sie näher an sich. Gundel legte ihre Wange an seinen Hals. „Dieses grenzenlose Vertrauen…“
Er gluckste. „Dabei kannte ich noch nicht einmal deine Körbchengröße.“
Sie kicherte und küßte dann verträumt sein Kinn. „Und die Liebe war plötzlich keine labile Konstruktion mehr.“
„Du, Gundel…“ Wunibald nahm ihre Hand und streichelte sie. „Diese nebulöse Trotzreaktion vorhin… es tut mir leid. Manchmal macht mein Hirn einfach so einen blödsinnigen Purzelbaum und katapultiert mich ins Niemandsland der negativen Gedanken. Im Oesophagus steigt beißend die Säure hoch, überall wittere ich Verrat, und in meinem Herzen blüht die monströse Eisblume der Gereiztheit. Unerträglich wie Schneeregen im April. Die ganze Schriftstellerei ist doch letztlich nur enervierender Papierkram! Verzeih.“

„Mein jähzorniges Siedewürstchen“, flüsterte Gundel zärtlich und rieb sanft ihre Nase an Wunibalds Wange. „Du Innenminister meiner Seelenrepublik. Süßer und ergreifender als ein Streichquintett (Schubert! aaah), ein bunter Schmetterling, der über der grauen Totenmaske der Einsamkeit tanzt… Ich liebe dich, mein Schatz! Und die Schriftstellerei ist natürlich kein Papierkram!“ Sie schmiegte sich enger an ihn.

„Weißt du“, Wunibald küßte Gundels Stirn, „Egal, ob ich dich frühmorgens verschlafen im Bademantel sehe oder mir ein Kinderphoto von dir anschaue, Augentropfen brauche ich zeit meines Lebens keine mehr, weil mir die Augen übergehen, mein Herz. Und all das braucht noch nicht einmal ins Einmachglas der Erinnerung zu wandern, weil ich dich an meiner Seite habe. Was mich zum Strahlen bringt: Einzig und allein du!“

„Ein Hendiadioin“, flüsterte sie ergriffen in die milde Juniabendluft und drückte seine Hand. Dann wurde sie ganz still. „Stop talking, shut up - küß mich, mein Wunderbarer!“ Ein Wunsch, dem Wunibald unmittelbar nachkam. Lang und zärtlich.

„Aber ein Saftsack, verzeih mir den Kraftausdruck, ist er schon, dieser Kellner“, stellte er fest, nachdem sie eine Weile eng aneinandergekuschelt dagesessen hatten.
Gundel sah die Lachfalten um Wunibalds Augen, ein feines Spinnennetz unter den Dachbalken seiner Augenbrauen. „Wir werden auf die nächsten Mondprotuberanzen warten und ihn rückwärts aus der Galaxie schmeißen“, schlug sie verschmitzt vor. „Er ist ja wirklich sowas von nervtötend!“
„Ein abgehalfterter Kanisterminister“, stellte Wunibald lächelnd fest. Dann schaute er Gundel tief in die Augen.

„Diaphoretisch“, murmelte die, seinen Blick erwidernd, „ist allerdings nicht der Gedanke an den blöden Kellner, sondern vielmehr die Vorstellung des weiteren Verlaufs dieses Abends. Mit dir.“

Feingliedrig huschte schon die blaue Nacht durch den Park, eine Laterne gab sich impertinent und tat, als sei sie ein Nordlicht, das in der samtenen Geborgenheit der Mittsommernacht ungefähr soviel zu suchen hat wie Pelz auf einer Menschenzunge.

„Laß uns eine Torheit begehen“, schlug sie, einen plötzlichen Gedanken fassend, vor.
Wunibald, ganz Faun, sprang auf die Beine und zog sie hoch. Sie umarmten sich.
„Egal ob Nekrose oder Herzbruch, mein Baby! Was immer du willst!“
„Eine Veränderung des Standortes will mir genügen“, lachte sie, dicht an seinen Lippen. „Fernbedient überlassen wir das Leben sich selbst, klinken uns aus und verzichten auf die Hirnterrinne, von der uns das Leben weismachen will, daß sie schmackhaft sei. Komm, laß uns zum Wasserfall gehen.“

In Wunibalds Augen glomm es brandig. „Ja, Schatz“, flüsterte er, “laß uns die Postgrenze dieser Welt passieren. Hier, in der Pathologie der Normalität, wird ohnehin nur jedes Gefühl verramscht! Wir wollen uns nicht länger mit der Sparversion bescheiden…“

„Laß uns eine ordentliche Sauerei veranstalten“, flüsterte Gundel rauh, als sie im sanften Sprühregen des herabstürzenden Wassers standen, und nahm ihren Wunibald an der Hand. „Morgen brauchen wir vielleicht Beinwell, weil wir uns in der Hitze des Gefechts alle Knochen brechen, aber…“

„…Du bist mein liebster Vollstreckungsbescheid!“ Wunibald entledigte sich flugs seiner Schuhe und seiner Kleider und sprang lachend ins Wasser. Es war ausgesprochen warm.

Gundel kicherte. „Daß du immer das Wort haben mußt. Das Wort, das letzte. Laß uns Forellen fangen. Du weißt, ich bin ichtyophag!“ Sie holte ihn behende ein. Sie küßten sich.

„Morgen schenk ich dir eine Pantoffelblume“, murmelte er viel, viel später zwischen kühlen Laken.
„Ich liebe die“, antwortete sie schläfrig und schmiegte sich an ihn. „Und dich. In alle Ewigkeit.“

„Außerdem?“ tönte die Stimme der Blumenverkäuferin anderntags (mit schriller Stimme, völlig genervt).
„Das ist alles, danke“.
Wunibald schob freundlich seine Sonnenbrille zurecht und nahm das Wechselgeld und den Blumenstock entgegen.
„Sie liebt Pantoffelblumen“, flüsterte er und machte sich auf den Weg. Die Schrillheit der Blumenverkäuferinnenstimme schnurrte zu schimmernden Perlen zusammen, irgendwo in seinem Hinterstübchen. Und nicht einmal der Kellner mit seinem blöden Käsebrot würde ihn heute nerven können. Nicht heute. Nicht morgen.
Gundel lächelte ebenfalls und umarmte schlafend ihr Kissen. Die Junisonne strahlte mit sich selbst um die Wette.

[Danke für die zahlreichen Wortspenden!]

15 Kommentare zu “Wunibald und Gundel”


  1. 1 eloran

    “Innenminister meiner Seelenrepublik” - herrlich!

  2. 2 zores

    einsame spitze! mir gefällt irgendwie sehr gut: “eine Laterne gab sich impertinent und tat, als sei sie ein Nordlicht

    sollten sie wieder einmal wörter sammeln, frau julia, werden sich mich unter den ersten spendern finden.

  3. 3 Wolf-Dieter

    Die Story ist ein WAHNSINN. Super Sache, astrein. Und ich schick dir eine große Energiepackung, werte Julia. Danke für gestern - du warst große Stütze.

  4. 4 knurps

    Aufgabe brilliant gelöst. Besonders gefällt mir:
    „Ein Hendiadioin“, flüsterte sie ergriffen in die milde Juniabendluft und drückte seine Hand.

  5. 5 dieJulia

    Herr eloran, meinen schönsten Hofknicks für Sie!
    Herr zores: sehen Sie mich erröten… und Wörter sammeln - das werde ich ganz sicher wieder. Bald. Macht nämlich Spaß, sich so von Wort zu Wort zu hangeln wie ein fröhlicher Aff’ auf Madagaskar. Genau die Art der Entspannung hab ich gebraucht gestern.
    Wölflicher: “Wahnsinn” von Dir, und das in Großbuchstaben: gfreit mi narrisch! Und vor allem freut es mich, daß mit euch wieder alles im reinen ist, weil das viel zu kostbar ist, als dasses kaputtgehen dürfte. Und hej - für den Support gibt’s nix zu danken, das beruht ja wohl auf Gegenseitigkeit. Bussi, du!
    Ach, und Herr knurps: Danke! :-)

  6. 6 Ad

    “Manchmal macht mein Hirn einfach so einen blödsinnigen Purzelbaum und katapultiert mich ins Niemandsland der negativen Gedanken”

    jaja, der wunibald kann manchmal eine richtig verdrehte hirnwurst sein. das war schon in der schule so, einmal frug ihn die biologielehrerin etwas über komplexe organismen und seine antwort war bloß “sie sind doch egal, ist eh alles vergänglich”. dieser unverbesserliche negativbolzen…

    p.s. cirka 50(!)

  7. 7 dieJulia

    Ich stelle an dieser Stelle die Behauptung auf, daß Wunibald kein unverbesserlicher negativbolzen ist. :-7

  8. 8 Ad

    gut, sagen wir, er ist eher ein emotionaler schmachtbolzen

    p.s. geiles smilie-tier! :-7

  9. 9 Popvatern

    Ich schließe mich Eloran an.
    “Innenminister meiner Seelenrepublik”
    Einfach genial.
    Sag einmal, missratene Tochter, hast das wirklich Du geschrieben ?

  10. 10 dieJulia

    Na sicher, Paps - aber nur, weil meine großartigen Wortspender mich so großzügig bedacht haben!
    ((Danke!!))

  11. 11 dieJulia

    Nachtrag. Weil, weißt du, Papa, ich bin im Grunde völlig unkreativ. Ich brauche sie, die Ideen der anderen, die ich dann nehme und knete, wie Kerzenwachs. Zu meinem eigenen Gaudium. Und um noch viel mehr weitere Ideen zu ergattern. Um mich wie ein fröhlicher (beseelter?) Aff’ von Liane zu Liane zu schwingen. Das ist wie mit dem Fotografieren. Das erstaunte Auge sieht - und reagiert. Womit ich immer eine Schattenboxerin bleiben werde. Bereit für den Augenblick, ein Medium, nicht weniger, nicht mehr. Es schreibt mich, könnte man sagen. Ich bin ein halbdurchlässiger Spiegel. Das ist es.

  12. 12 Ad

    natürlich wissen sie, werter popvatern, daß ihre tochter in wirklichkeit garnicht so missraten ist, nur bloß so tut. nun ja, da würden sie sich selbst ins knie schiessen und ich mir ebenfalls… :-) und noch was, falls die besagte sich nochmal als “unkreativ” beschimpfen sollte, werde ich sie den ganzen abend mit pistazien bewerfen… so!
    ;-)

  13. 13 Daniela

    Ich liebe diese Geschichte..;-))

  14. 14 dieJulia

    Dankeschön!
    Die nächste Wortspendenaktion kommt eh schon bald… ;-)

  1. 1 der? das? dem? dieJulia.net! –> Kommen Sie rein und finden Sie’s raus. Oder so.
    Pingback am 15. Mar 2007 um 18:19

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