Archiv für January 2007

Rennenwollen

Nach der gestrigen Ausweitung des Schlafdefizits (KHGehts legendärer Sager ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget bekommt da irgendwie eine ganz neue Bedeutung, fällt mir gerade auf) konstatiere ich heute erstaunliche Wachheit an mir. Gut, die Augenringe waren auch schon einmal dezenter und machen mich nicht unbedingt schöner, aber ich gehöre ja eh nicht zur oberflächenversessenen Fassadenverschönerungsfraktion, somit ist mir das relativ egal. Und weil ich heute schon den ganzen Tag zu ungefähr gleichen Teilen Magendrücken und Rückenschmerzen habe (wer mir mit einem Ratschlag kommen möchte: kleine Vorwarnung, ich würde zurückschlagen. Notwehr, Sie verstehen?), vergnügte ich den autoaggressiven Sadisten in mir abends dann mit einer großen Dosis Körperschinden im kuscheligen Wohnzimmer, weil’s quasi eh schon wurscht war und mir das in letzter Zeit richtig Spaß macht (bzw. der autoaggressive Sadist in mir danach schreit, sobald ich aus dem Bett steige und wenn ich vom Büro nach Hause komme. Wäre ich richtig reich, ich kaufte mir ein Fitneßstudio).

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich durchlaufe an dieser Stelle keine Verwandlung vom gesündigthabenden Saulus zum vorsatzhechelnden Paulus. Ich bin von Natur aus faul und genußfreudig, ich bin nicht gerade fit, und was den Unterschied betrifft, verhält es sich dank meines äußerst effizienten Stoffwechsels, der selbst aus einer limerenzbedingten Nulldiät noch das Beste macht und nicht im Traum daran denkt, sich auch nur ein verwertbares Atom entgehen zu lassen oder ein Gramm Gewicht abzustoßen, mit meiner Körperlichkeit im Vergleich zu atmenden Kleiderständern ungefähr so wie mit, hm, sagen wir, einer sehr naturbelassenen Kate Winslet zu einer - wenn auch äußerst ansprechenden - bis zum Gerippe abgemagerten Uma Thurman in Kill Bill II. Und damit Sie mich jetzt nicht doppelt falsch verstehen: Weder sehe ich aus wie Kate Winslet, noch habe ich eine Ahnung, mit welcher Hollywood-Diät die grad wie aussieht, noch habe ich was gegen die ätherische Uma; ganz im Gegenteil.

Also, worauf ich eigentlich hinaus will: ich wundere mich in den letzten Tagen über die Gier meines Körpers, sich irgendwie zu bewegen. Sitzen macht mich unruhig, Gehen zufrieden, möglichst eintönige Bewegungsabläufe (Stepper, Hanteln, Sit-Ups, Liegestütze) stimmen mich (an dieser Stelle ist etwas in mir versucht, hinzuzufügen: perverserweise) glücklich. Mir geht es derzeit richtig gut, wenn meine Muskeln aufjaulen und ich den Muskelkater vom Vortag aufwärme. Treppen nehme ich im Laufschritt, den Weg ins Büro und nach Hause lege ich über weite Strecken per pedes zurück. Trotz objektiv eindeutig existierendem Schlafmangel und definitiver Unsportlichkeit ist da ein geradezu prekär zu nennender Energieüberschuß zu konstatieren, der sich in Form von seltsamen Wohnzimmerturnübungen und ausgedehnten Stadtspaziergängen Bahn bricht und irgendwie nie ganz Ruhe gibt.

Vielleicht liegt das am Frühling. Ja, Sie haben richtig gelesen: Frühling. Als ich heute aus dem Haus trabte, durch eine seltsam würzige Luft, bemerkte ich, daß der Kastanienbaum vor dem Haus schon ziemlich dicke Knospen trägt. Wenn nicht bald ein Kaltlufteinbruch stattfindet, ergrünt der glatt noch. Und die gefiederten Gesellen veranstalteten ein Konzert wie sonst nur im März, das machte mich schon ziemlich stutzig heute… Vogelgezwitscher und 14 Grad plus im Jänner! Irgendwie habe ich den Eindruck, daß es eine sehr seltsame Zeit ist, ein sehr denkwürdiger Winter. Und sollte ich demnächst auf meinen – wie es scheint unnötig angebrachten – Winterreifen in Richtung Heimat rollen, suche ich mir meine alten Nikes, und dann renne ich, und am liebsten bis ans Ende der Welt. Und noch viel weiter.

Frühling, mitten im Winter.
Ameisen im Arsch.
Rennenwollen.
Und Schlaf? Obsolet.

Übrigens: ich schreibe das bei geöffnetem Fenster, um zwölf nach Zwei. Und mich friert keinen Deut.

Splitter

Die Müdigkeit hat sich selbst überholt, in einer sehr waghalsigen Kurve ist sie mit einem Felsen kollidiert und in Abermilliarden Partikel zersplittert. Splitter, die in meinem Fleisch stecken, subkutan. Auch so ein Wort, das ich schon sehr, sehr lange mag. Obwohl es weh tut. Dieser ganze Wahnsinn da. Kafka, den ich nie ertragen habe, hat einmal geschrieben, die Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste und die Straße.

Da sitz ich jetzt, in einem hellen Panzer aus zersplitterter Müdigkeit, die sich in mein Fleisch bohrt und mich wach hält, auf einer ziemlich bergigen, ziemlich steilen, ziemlich unbeleuchteten Straße. Vielleicht schätze ich den Grad der Verwirrung, den ich zu diesem Zeitpunkt erreicht habe; den Grad der Sehnsucht und der Traurigkeit, ja, auch den höchsten Grad der Einsamkeit. Die Müdigkeit schmilzt da und dort in Pastelltönen und löst sich von mir ab wie Schlangenhaut. Oder wie Tränen. Lange kann ich so nicht weitermachen… hab ich immer gedacht, aber die Wahrheit dahinter ist mächtiger. Stiller. Wissender.

Die Tatsachen stehen fest wie ferne Leuchttürme. Hinfinden müssen wir selbst. Ich habe Angst. Ich habe Angst, daß mein Atem nicht reicht. Ich habe Angst, in einer Wüste zu verrecken, ich habe solche Angst zu verdursten, ich habe Angst, daß meine Kraft nicht hinreichend genug ist. Solche Angst, in diesen Abgrund abzurutschen, der nur schwarz ist und leer und fürchterlich.

Die Splitter meiner Müdigkeit halten mich wach. Ich bin ein Bruchpilot in dieser Nacht. Entschlossen, unsanft gelandet, einer, der sich aufrafft und darüber nachdenkt, welchen Weg er nehmen soll. Wie er es anstellen soll, so ohne eigentlichen Plan. Er kennt nur sein Ziel, nicht die Route. Ich habe Angst, aber ich bin mutig. Muß ich ja. Das Leben ist kurz genug. Liebe ist, sich auf das dünne Eis der nicht verifizierten Grundlagen hinauszuwagen, und nicht nur das. Liebe ist, dort zu tanzen, als gäbe es kein Morgen.

Liebe ist bodenloses Vertrauen, ohne nachzufragen oder zu zweifeln.
Liebe ist fraglos.
Liebe ist.

ladezustand: akku fast leer

ich bin so müde, daß ich heute nur mehr klein schreiben kann, weil das betätigen der hochstelltaste meine letzte energiereserve verbrauchen würde, obwohl ich ja neuerdings auf einer sehr geschmeidigen tastatur tippe. vielleicht ist das durchaus auch bedingt durch die betriebsurlaubsdeterminierte jetlag-situation: irgendwie fehlen mir nach meinen nachtlastigen letzten beiden wochen, in denen mein rhythmus sich generell auf eine wachzeit von mittag bis fünf, sechs uhr früh eingependelt hatte, ein paar stunden schlaf, die letzte nacht war auch recht kurz und, schnörkellos ausgedrückt, nicht in allen belangen sorglos, und der heutige tag hatte es dann - unter anderem auch arbeitstechnisch - durchaus in sich.

wer also heute noch dringend was von mir braucht: anzurufen lohnt sich nicht.

jetzt will ich einfach nur mehr sanft, langsam und leise runterkommen, auf einem möglichst dicken teppich der entspannung landen und dann sehr friedlich den schlaf der hoffentlich gerechten schlafen.

ene-mene-muh
und raus bist
du.

(sagt der sandmann…)

Coram publico

f__rJulia.jpg

Schöne Sätze (1)

Bei mir ist alles so langsam. Ich glaube, das Internet ist heute überfüllt oder so.

quasi Bildgeschichte…

Ein bißchen unsauber, weil ohne Stativ unterwegs. Dennoch ein paar Dämmerungsbilder von vorhin…

Sehnsucht Stadtabendhimmel kunsthalle

Bitte küssen [Ad]miral DerMann (der verwöhnt)

[Zum Vergrößern bitte Bild klicken]

einge[PARK]t

blatt_julia.jpg

ich und die anderen

Und jetzt also doch noch ein Fünfuhrfrüheintrag, wie der Liebste prophezeite.
Weil - schlafen kann ich nicht. Noch nicht. Bin zu randvoll mit diesem Tag. Muß erst den Schaum setzen lassen und zur Ruhe kommen. Es gefällt mir, hier zu sitzen, während meine Umgebung schläft. Es gefällt mir generell, die Nacht zu nützen. Hätte ich eine Möglichkeit, meine Talente zu kanalisieren, wäre ich längst eine Nachtarbeiterin, aber vielleicht kommt das noch. Hej. Das Leben ist kurz, aber wir haben alle Zeit der Welt…

Wieder einmal habe ich bei meinen nächtlichen Streifzügen durch die Stadt (man muß ja auf ein Bier auch einmal gehen) den gleichen versteinerten Busfahrer zweimal erwischt. Manchmal möcht ich gern wissen, was in ihm vorgeht, wenn er seinen Niederflurwagen, wievielhundertpferdeärschig auch immer, so durch die Gegend steuert und alle paar hundert Meter stehenbleibt, Türen öffnet, schließt, anfährt, in die Pedale tritt und durch die Gassen kurvt. Ob er nachts von schwierigen Bergstraßen träumt? Ob er einen heimlichen Spleen für Sportwagen hat? Ob er wohl eine Modelleisenbahn besitzt? Der Blick, den er mir zuwirft, als er nach einer Fahrkarte in seiner Brusttasche greift, während ich ihm geduldig die abgezählten zwei Euro in klein hinhalte, ist unendlich müde. Wovon er wohl träumt, frage ich mich und komme zu keinem Ergebnis, graugesichtig und blond und bebrillt und sprachlos wie er ist, als er mir gleichgültig die Fahrkarte reicht. Ein ganz eigenes Busfahreruniversum. Bei der Rückfahrt ein Pärchen, er müde aus dem Fenster schauend, sie müde an seine Schulter gelehnt. Es ist gerade einmal 20 nach Mitternacht. Was ist los mit euch beiden, frage ich mich. Seid ihr vom Kino zurück, habt ihr gerade eine Krise, wird das mit euch nicht mehr lange dauern, oder kommt ihr gerade von einer rauschenden Party zurück, die am Donnerstag begonnen hat?

Ich lasse die Lichter der Stadt in die Unschärfe verschwimmen und schaue den quirligen Regentropfen auf der Scheibe zu, in meinen Ohren Les Mc Cann, die alte Soulsau. Wie ich wohl aussehe für dieses Pärchen? Eine einsame Seele, die sich nach Hause schaukeln läßt, kurz nach Mitternacht, allein und bedauernswert, aber wieso grinst sie? Die Wirklichkeit ist schon äußerst facettenreich. Menschen. So viele Menschen auf so kleinem Raum, und jeder macht sich sein Bild vom anderen, ohne ihn auch nur einmal angeredet zu haben. So viele Fehlinterpretationen, ohne je zu kommunizieren. So viele Bilder, die durchs Hirn schießen und etwas vermitteln, das nach Wahrheit schmeckt und dabei vielleicht das genaue Gegenteil davon ist.

Wir laufen auf diesem Planeten herum und haben alle große Helme auf, die uns abschirmen und die Welt. Und vor uns haben wir ein Display, auf dem Worte stehen, denen wir Glauben schenken, weil sie uns plausibel vorkommen. Und selten, sehr selten passiert es, daß wir uns unbehelmt in die Augen schauen und einander wirklich zuhören und reden und plötzlich merken, daß wir ja eigentlich dieselbe Sprache sprechen. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber es ist immer wieder Kafka, der es auf den Punkt bringt.

Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen wie vor dem Eingang zur Hölle.

Oh Mann!

Nachdem ich heute einen wunderbaren Weckruf erhalten hatte, begab ich mich in die Küche, trank einen Kaffee und beschloß, meiner Wohnung die längst schon überfällige Mittelklassetiefenreinigung angedeihen zu lassen (die High-End-Variante inklusive Bücherregalabstauben und Altglas/Gerümpel entsorgen habe ich immer noch nicht über mich gebracht, aber das samstägliche Normalputzen schaut auch anders aus).
Nachdem das Werk schließlich getan war, war ich ein bißchen stolz auf mich und machte mich gleich noch an mein neuerdings durchaus regelmäßig (klopf auf Holz) durchgezogenes Wohnzimmerworkout, nahm eine Dusche und fand, daß der Tag bisher prima verlaufen war.
Anschließend - das war vor einer halben Stunde - schulterte ich fröhlich meinen Rucksack, warf meinen CD-Player an, sang laut mit Les Mc Cann mit und trabte die Treppe hinunter in Richtung Supermarkt.

Wo mir das Lachen abrupt verging, denn ich stand vor verschlossenen Türen, drinnen war alles dunkel und kein Mensch außer mir war auf der Straße zu sehen. Niemand kann sich vorstellen, in welchen Schockzustand mich das versetzte, und zwar nicht, weil ich meine Milch und mein Brot nicht auch am Westbahnhof kaufen kann, wo es ein Geschäft gibt, das auch sonn- und feiertags geöffnet hat.

Nein, ich zweifelte an meinem Verstand. Wo ist der Tag geblieben, der mir fehlt, kreischte es in meinem Gehirn. Bin ich verrückt geworden? Es kann doch noch nicht Sonntag sein! Äh, okay, beruhige dich, schaltete sich meine Ratio ein. Vielleicht haben die einfach die Öffnungszeiten geändert. Ich schaute auf das Schild, wo mich das vertraute “Samstag: 8-18h” anblinzelte. Die Ratio dachte kurz nach. Inventur, sagte sie lässig. Gehen wir halt zum nächsten Supermarkt.

Dort erwartete mich allerdings dasselbe Bild. Ein dunkles, verschlossenes Geschäft. Öffnungszeiten Samstag: 8-18h. Benommen und sehr verwirrt machte ich mich auf den Heimweg und nahm mir vor, mich nötigenfalls an eine einschlägige Hotline für psychiatrische Notfälle zu wenden, sollte es tatsächlich nicht Samstag sein, sondern schon Sonntag. In der Wohnung angekommen erreichte meine Verwirrung dann einen einsamen Höhepunkt, als ich den Rechner hochfuhr, meine Funkuhr anschaute und feststellen mußte, daß ja tatsächlich Samstag ist. Hatte ich etwas übersehen? Generalstreik in Österreich? Was, wieso und weshalb?

Erst der Blick auf den Kalender brachte mir dann schließlich die Erkenntnis in Form einer roten Ziffer, die mich einerseits beruhigt und andererseits ärgert…
… wieso hat mir eigentlich keiner gesagt, daß heute ein Feiertag ist?

So. Und jetzt fahre ich zum Westbahnhof. Milch und Brot kaufen…

Figural

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