Nach der gestrigen Ausweitung des Schlafdefizits (KHGehts legendärer Sager ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget bekommt da irgendwie eine ganz neue Bedeutung, fällt mir gerade auf) konstatiere ich heute erstaunliche Wachheit an mir. Gut, die Augenringe waren auch schon einmal dezenter und machen mich nicht unbedingt schöner, aber ich gehöre ja eh nicht zur oberflächenversessenen Fassadenverschönerungsfraktion, somit ist mir das relativ egal. Und weil ich heute schon den ganzen Tag zu ungefähr gleichen Teilen Magendrücken und Rückenschmerzen habe (wer mir mit einem Ratschlag kommen möchte: kleine Vorwarnung, ich würde zurückschlagen. Notwehr, Sie verstehen?), vergnügte ich den autoaggressiven Sadisten in mir abends dann mit einer großen Dosis Körperschinden im kuscheligen Wohnzimmer, weil’s quasi eh schon wurscht war und mir das in letzter Zeit richtig Spaß macht (bzw. der autoaggressive Sadist in mir danach schreit, sobald ich aus dem Bett steige und wenn ich vom Büro nach Hause komme. Wäre ich richtig reich, ich kaufte mir ein Fitneßstudio).
Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich durchlaufe an dieser Stelle keine Verwandlung vom gesündigthabenden Saulus zum vorsatzhechelnden Paulus. Ich bin von Natur aus faul und genußfreudig, ich bin nicht gerade fit, und was den Unterschied betrifft, verhält es sich dank meines äußerst effizienten Stoffwechsels, der selbst aus einer limerenzbedingten Nulldiät noch das Beste macht und nicht im Traum daran denkt, sich auch nur ein verwertbares Atom entgehen zu lassen oder ein Gramm Gewicht abzustoßen, mit meiner Körperlichkeit im Vergleich zu atmenden Kleiderständern ungefähr so wie mit, hm, sagen wir, einer sehr naturbelassenen Kate Winslet zu einer - wenn auch äußerst ansprechenden - bis zum Gerippe abgemagerten Uma Thurman in Kill Bill II. Und damit Sie mich jetzt nicht doppelt falsch verstehen: Weder sehe ich aus wie Kate Winslet, noch habe ich eine Ahnung, mit welcher Hollywood-Diät die grad wie aussieht, noch habe ich was gegen die ätherische Uma; ganz im Gegenteil.
Also, worauf ich eigentlich hinaus will: ich wundere mich in den letzten Tagen über die Gier meines Körpers, sich irgendwie zu bewegen. Sitzen macht mich unruhig, Gehen zufrieden, möglichst eintönige Bewegungsabläufe (Stepper, Hanteln, Sit-Ups, Liegestütze) stimmen mich (an dieser Stelle ist etwas in mir versucht, hinzuzufügen: perverserweise) glücklich. Mir geht es derzeit richtig gut, wenn meine Muskeln aufjaulen und ich den Muskelkater vom Vortag aufwärme. Treppen nehme ich im Laufschritt, den Weg ins Büro und nach Hause lege ich über weite Strecken per pedes zurück. Trotz objektiv eindeutig existierendem Schlafmangel und definitiver Unsportlichkeit ist da ein geradezu prekär zu nennender Energieüberschuß zu konstatieren, der sich in Form von seltsamen Wohnzimmerturnübungen und ausgedehnten Stadtspaziergängen Bahn bricht und irgendwie nie ganz Ruhe gibt.
Vielleicht liegt das am Frühling. Ja, Sie haben richtig gelesen: Frühling. Als ich heute aus dem Haus trabte, durch eine seltsam würzige Luft, bemerkte ich, daß der Kastanienbaum vor dem Haus schon ziemlich dicke Knospen trägt. Wenn nicht bald ein Kaltlufteinbruch stattfindet, ergrünt der glatt noch. Und die gefiederten Gesellen veranstalteten ein Konzert wie sonst nur im März, das machte mich schon ziemlich stutzig heute… Vogelgezwitscher und 14 Grad plus im Jänner! Irgendwie habe ich den Eindruck, daß es eine sehr seltsame Zeit ist, ein sehr denkwürdiger Winter. Und sollte ich demnächst auf meinen – wie es scheint unnötig angebrachten – Winterreifen in Richtung Heimat rollen, suche ich mir meine alten Nikes, und dann renne ich, und am liebsten bis ans Ende der Welt. Und noch viel weiter.
Frühling, mitten im Winter.
Ameisen im Arsch.
Rennenwollen.
Und Schlaf? Obsolet.
Übrigens: ich schreibe das bei geöffnetem Fenster, um zwölf nach Zwei. Und mich friert keinen Deut.
