Marie fror, als sie an diesem Morgen aufstand.
Nicht einmal der duftende Kaffee konnte sie wärmen, denn die Kälte wurde, das spürte sie, tief in den Zellenfabriken ihrer Knochen produziert, rasch und effizient durch das verästelte Rohrsystem ihrer Blutgefäße transportiert und an Nervenenden geliefert, die sie sofort weiterverarbeiteten zu einem anhaltenden Frösteln.
Vor ihrem Fenster tobte ein so heftiger Schneesturm, daß die Häuserzeile vis à vis nur mehr schemenhaft erkennbar war: die Straße, die Autos, der Himmel: alles verblaßte zu einem verwischten Weiß ohne Anfang und Ende. Es war vollkommen still.
Marie stand auf, zog frierend einen weiteren Pullover an, stellte sich ans Fenster und schaute in das Weiß. Selbst das Licht hatte einen unwirklichen Ton. Es gab keine Schatten mehr, nur mehr diffuses, weiches Schimmern und zarte Umrisse von Gebäuden; es war, als ginge die Welt unter in einem unendlich sanften Rieseln von Schnee, der wispernd alles Existierende unter sich begrub.
Gedankenverloren spielte sie mit einer Muschel, ließ ihre Fingerkuppen von kalkigen Erhebungen massieren, dachte an das Meer, das dieses wundersame Gebilde an einen fremden Strand gespült hatte, auf der anderen Seite der Welt, an den weichen Bewohner, der darin gelebt hatte, sein undefinierbares Schicksal, sein Dasein in einem warmen, salzigen Wasser, den Menschen, der sie gefunden hatte, hob sie ans Ohr und lauschte dem Rauschen und -.
Erschrocken legte sie die Muschel auf das Fensterbrett, abrupt, machte einen Satz zurück, hielt den Atem an und starrte sie an, das Herz klopfend, die Augen geweitet. Sie lauschte. Aber nichts – dieselbe Stille wie vorhin, und hinter der Fensterscheiben endloses Weiß. Dann siegte die Neugierde. Sie wagte sich einen Schritt vor, hielt die Muschel erneut ans Ohr und horchte. Tatsächlich, sie hatte sich nicht getäuscht. Durch das Rauschen, das sie erwartet hatte, wand sich unendlich zart der Klang eines verstimmten Klaviers, brüchig, aus einer anderen Welt. Jemand spielte holprig und nicht sehr gekonnt ein Kinderlied. Zweihändig. Unsicher. Wieder und wieder brach das Lied an der selben Stelle ab, und der Spieler begann von vorn.
Hallo? Maries Kehle war trocken. Sie räusperte sich. Hallo, fragte sie erneut, diesmal mehr in Richtung Muschel. Die Musik hörte auf. Unendlich weit entfernt ein Stimmchen: Wo bist du?
Ich bin hier… draußen. Marie setzte sich benommen auf den Teppich, der Boden schwankte unter ihr. Sie lauschte.
Kommst du? Das Stimmchen klang begeistert.
Wie denn, hauchte sie, die Muschel an ihr Ohr pressend.
Was, wie? Sie hörte ein helles Kinderlachen. Siehst du nicht die Tür? Du mußt nur durchgehen!
Marie merkte, wie sie den Halt verlor. Das Zimmer schmolz und wölbte sich, die Wahrnehmung kippte, ihr Körper gehorchte ihr nicht länger und sackte zusammen, sie schloß die Augen, weil alles sich drehte in diesem Zerrspiegel, öffnete sie wieder und fand sich in einem Raum wieder, der bis auf einen Unterschied wie ein Ei dem anderen jenem glich, den sie kannte. Bloß daß da eine Tür war, die für normal nicht existierte. Und das verstimmte Klavier jetzt näher klang.
Zittrig kam sie auf die Beine, drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Dahinter ein Stiegenhaus aus weißem Stein, das sich in die Unendlichkeit emporschraubte. Und das Kinderlied, das sanft in der Luft schwebte und heruntersank wie Schnee. Marie lächelte. Huschte zurück in ihr Zimmer und plazierte einen schweren Stein, den sie vor Jahren aus der Wüste mitgebracht hatte, zwischen Türblatt und Schwelle. Dann machte sie sich auf den Weg nach oben.
Als sie endlich hoch droben angekommen war, stand sie in einem riesigen, hellen Raum, die Wände weiß, der hölzerne Fußboden ebenfalls. Weiße Vorhänge bauschten sich wie Segel vor riesigen Fenstern, es war warm und es duftete nach Linden. Draußen Frühsommer. Mitten im Raum stand ein alter, verstimmter Flügel, schwarz, ein Bösendorfer, davor saß ein kleiner, hübscher Junge, vielleicht sechs Jahre alt, mit weizenfarbenem Haar, baumelte mit den Beinen und spielte ein Lied, das sie jetzt plötzlich erkannte. Wenn ich ein Vöglein wär‘. Der Junge, konzentriert, bemerkte sie nicht und brach zum x-ten Mal an derselben Stelle ab.
Marie applaudierte.
Der Junge drehte sich zu ihr um und schaute sie mit hellen Augen an.
Ich komme nicht über die Stelle, sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Zeigst du mir, wie es geht?
Marie ging langsam auf ihn zu, das übermächtige Verlangen, ihm über den blonden Schopf zu streicheln, niederkämpfend.
Du bist groß geworden, murmelte sie so leise, daß er es nicht hören konnte, dann setzte sie sich neben ihn auf den Hocker.
Ich habe es selber nie richtig gelernt. Aber an das erinnere ich mich. Fang noch einmal an. Willst du?
Der Junge nickte, plazierte seine kleinen Hände sorgfältig und gewissenhaft auf den Tasten und begann zu spielen. Marie legte sanft ihre Finger über seine, und als er bei weil’s aber nicht kann sein stockte, griff sie ein, lenkte sein Spiel, spürte ihn aufblühen, lauschte selbst dem kleinen Lied, spürte den Lufthauch vom Fenster und wollte für immer da verharren.
Der Junge strahlte sie an. Das war schön, sagte er.
Das war es. Marie lächelte ihn an, dann schaute sie auf ihre Hände.
Du mußt gehen, nicht? Er wirkte entspannt.
Ja, das muß ich.
Wirst du wieder kommen? Er zupfte am Saum seiner Hose, die nackten Beine, sommerbraun, baumelten weit über dem Boden.
Ich weiß es nicht. Marie bugsierte die Tränenflut zurück in die dafür vorgesehenen Säcke und verschnürte diese fest. Aber ich glaube schon.
Der Junge legte seine Hände wieder auf die Tasten.
Bis bald, sagte er, dann begann er erneut mit seinem Lied. Draußen dufteten die Linden.
Marie machte sich auf den Weg.
Die Stufen waren brüchig, die Rückkehr ein endloser Sturz. Unten die Tür stand offen. Das Weiß hinter dem Fenster war in eine gütige, dunkle Nacht übergegangen. Die Muschel lag still auf dem Teppich. Als Marie sie ans Ohr hielt, war da nur Rauschen.
[Zusammensetzung: 80% Traumfragmente, 8% Schneesturm, 12% Verfremdung durch Niederschreiben. Soundtrack: Tarantula A.D., Kimmo Pohjonen & KTU.]
wunderschön! genau das richtige für meinen fiebrigen kopf.
Das, liebe Julia, ist sehr schön erzählt. Eine gewisse Symbolik innehabend, wenn auch bei aufmerksamen Lesen verschreckend.
Meine Muschel spinnt derzeit genau so herum ;-)
Dank Ihnen zwei beiden! :-)
Das mit dem Verschrecken, das hab ich mir auch schon gedacht in letzter Zeit, durchaus selber erschrocken. Also entweder ist es so, daß das, was ich so texte, kacke ist, oder es ist eben zu verschreckend beizeiten. Weil Feedback hagelt es ja nicht gerade… Kommentarembargo (ich glaube, der Burnster hat das einmal so genannt) par excellence. Aber was solls. blog like nobody’s reading lautet die Parole.
ich lausch deinen geschichten gern, lieber still zur zeit.
*leise maul*
“und wann treten die Austronauten auf?”
rückkoppel, rückkoppel, rückkoppel, pfeifffff.
Aber sonst eh ganz okay ;).
Nein nein, ich habe das schon mal mit MKH von wortgewebe bequatscht. Bei den “guten” Beiträgen, also meist jene, in die man mehr Zeit und Mühe investiert hat, sind meistens auffällig weniger Kommentare zu lesen. Bei den einfachen, kurzen Beiträgen, manchmal auch nur sinnfreien oder lustigeren, hagelts mehr Kommentare.
Ich für meinen Teil kommentiere einen guten Beitrag auch nur, wenn ich was dazu sagen habe. Oder einfach mal loben möchte. Dauernd loben ist aber auch doof, weils dann nach Schleimerei aussieht.
Und die Besucherzahlen sind ja auch nicht runtergegangen; es sind halt Geniesser, Ihre leser. Keine Schwätzer ;-)