Und jetzt also doch noch ein Fünfuhrfrüheintrag, wie der Liebste prophezeite.
Weil - schlafen kann ich nicht. Noch nicht. Bin zu randvoll mit diesem Tag. Muß erst den Schaum setzen lassen und zur Ruhe kommen. Es gefällt mir, hier zu sitzen, während meine Umgebung schläft. Es gefällt mir generell, die Nacht zu nützen. Hätte ich eine Möglichkeit, meine Talente zu kanalisieren, wäre ich längst eine Nachtarbeiterin, aber vielleicht kommt das noch. Hej. Das Leben ist kurz, aber wir haben alle Zeit der Welt…
Wieder einmal habe ich bei meinen nächtlichen Streifzügen durch die Stadt (man muß ja auf ein Bier auch einmal gehen) den gleichen versteinerten Busfahrer zweimal erwischt. Manchmal möcht ich gern wissen, was in ihm vorgeht, wenn er seinen Niederflurwagen, wievielhundertpferdeärschig auch immer, so durch die Gegend steuert und alle paar hundert Meter stehenbleibt, Türen öffnet, schließt, anfährt, in die Pedale tritt und durch die Gassen kurvt. Ob er nachts von schwierigen Bergstraßen träumt? Ob er einen heimlichen Spleen für Sportwagen hat? Ob er wohl eine Modelleisenbahn besitzt? Der Blick, den er mir zuwirft, als er nach einer Fahrkarte in seiner Brusttasche greift, während ich ihm geduldig die abgezählten zwei Euro in klein hinhalte, ist unendlich müde. Wovon er wohl träumt, frage ich mich und komme zu keinem Ergebnis, graugesichtig und blond und bebrillt und sprachlos wie er ist, als er mir gleichgültig die Fahrkarte reicht. Ein ganz eigenes Busfahreruniversum. Bei der Rückfahrt ein Pärchen, er müde aus dem Fenster schauend, sie müde an seine Schulter gelehnt. Es ist gerade einmal 20 nach Mitternacht. Was ist los mit euch beiden, frage ich mich. Seid ihr vom Kino zurück, habt ihr gerade eine Krise, wird das mit euch nicht mehr lange dauern, oder kommt ihr gerade von einer rauschenden Party zurück, die am Donnerstag begonnen hat?
Ich lasse die Lichter der Stadt in die Unschärfe verschwimmen und schaue den quirligen Regentropfen auf der Scheibe zu, in meinen Ohren Les Mc Cann, die alte Soulsau. Wie ich wohl aussehe für dieses Pärchen? Eine einsame Seele, die sich nach Hause schaukeln läßt, kurz nach Mitternacht, allein und bedauernswert, aber wieso grinst sie? Die Wirklichkeit ist schon äußerst facettenreich. Menschen. So viele Menschen auf so kleinem Raum, und jeder macht sich sein Bild vom anderen, ohne ihn auch nur einmal angeredet zu haben. So viele Fehlinterpretationen, ohne je zu kommunizieren. So viele Bilder, die durchs Hirn schießen und etwas vermitteln, das nach Wahrheit schmeckt und dabei vielleicht das genaue Gegenteil davon ist.
Wir laufen auf diesem Planeten herum und haben alle große Helme auf, die uns abschirmen und die Welt. Und vor uns haben wir ein Display, auf dem Worte stehen, denen wir Glauben schenken, weil sie uns plausibel vorkommen. Und selten, sehr selten passiert es, daß wir uns unbehelmt in die Augen schauen und einander wirklich zuhören und reden und plötzlich merken, daß wir ja eigentlich dieselbe Sprache sprechen. Ich weiß, ich wiederhole mich. Aber es ist immer wieder Kafka, der es auf den Punkt bringt.
Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich stehen wie vor dem Eingang zur Hölle.
danke fürs lesen lassen - das ist ein sehr wahrer text!
sonntäglichen respect und sonnige greetz vom alboretto
“die fesseln der gequälten menschheit sind aus kanzleipapier”
Ad Ad: War schon immer für das papierlose Büro. PDF rulez. Ungeachtet davon heisst’s wohl, auf die anderen und auf sich selbst sehr gut aufzupassen.
Schönen Sonntag, Wolf
Dankschön, alboretto…
Komischerweise habe ich, lieber Ad, vor Kafkas Büchern Angst. Einzig die Verwandlung konnte ich halbwegs unbeschadet lesen…
Und Wolf: ja, das heißt es wohl. Schön gesagt.
Wunderschöner Text. Besonders das mit den Helmen ist schön. Dabei mir ist wieder was eingefallen, von mir selbst:
“Wir sind wie Wale im Ozean der Belanglosigkeiten, unsere Seelen singen und manchmal hören wir uns, über viele tausend Kilometer - oder sind es Lichtjahre - hinweg. Wir wissen, dass wir nicht alleine sind, aber wiegt unsere Einsamkeit dadurch nicht schwerer? Wir sind so fern voneinander, selbst wenn wir nebeinander schwimmen.”
- wunderschön, lieber Fireball.
Was ich meinte, ist aber nicht Einsamkeit, sondern die Geschichte mit den Vorurteilen.
Danke.
Ja, es geht nicht um das selbe bei mir wie bei Ihnen. Und trotzdem musste ich daran denken. Wenn es Geistesblitze gibt, dann war das halt ein Funke, der übergesprungen ist.
… und das ist schön.