wenn der cortex randaliert

ich habe im wesentlichen den ganzen tag verschlafen, kaum war ich wach, hat mich die welle wieder auf das perlgraue meer des schlafs hinausgetragen, vielleicht hängt das damit zusammen, daß ich zum ersten mal seit vielen wochen wieder träumen konnte, und was für träume das waren, so realistisch, daß ich jetzt noch das holz des tisches in einem kleinen haus riechen kann, wo ich zuflucht fand vor einer diffusen bedrohung. jemand hatte mich aus einem minengespickten schneefeld gezerrt und in eine wacklige seilbahn gerissen, die in die höhe schoß wie ein lift, und ich hatte panische angst und spürte dennoch unendliche dankbarkeit, als ich die explosionen unter mir sah, vergrub mich in seinen armen. oben eine trostlose szenerie, kinder und hunde, die im gefrorenen dreck wühlen, eine alte, verhärmte frau in einer zerschlissenen, dreckstarrenden schürze, die uns in einem kleinen häuschen mit ebendiesem tisch empfängt und einen großen schlüsselbund trägt. “ihr könnt nicht bleiben, ich habe keinen platz mehr”, sagt sie gleichmütig, “aber droben nehmen sie euch vielleicht noch”, und mein begleiter nickt wortlos und besorgt, und wir machen uns hand in hand auf den weg, einen steilen hang hinauf, apathische kinder in lumpen schauen stumm zu uns hoch und schlagen mit kochlöffeln auf verbeulte blechtöpfe, eins der mädchen trägt eine rote mütze und wirft mit gefrorenem dreck nach uns, böse feixend und unverständliches nach uns schreiend. nach einem endlosen aufstieg kommen wir keuchend und stolpernd, einander wechselweise hochziehend bei einem schmalen, hohen haus mitten in einem steilhang an, auf dem lange, gedeckte tafeln stehen. wir setzen uns an einen dieser tische, und ein freundlicher junger bursch mit einem engelsgleichen gesicht erklärt uns, daß im haus ein buffet aufgebaut ist und wir uns bitte selbst bedienen mögen, dann ist er fort und kümmert sich um die anderen gäste, die da plötzlich sind, heiter plaudernd. ich gehe in das haus, das viel größer und weitläufiger ist als angenommen, suche die toiletten und gerate in einen langen, verwinkelten gang mit gelben wänden, wo ich mitansehen muß, wie der junge mit dem gesicht eines engels eine junge, wunderschöne frau verprügelt, oder besser, sie zermalmt. mein begleiter kommt plötzlich hinter mir um die ecke und stürzt sich auf den jungen, der ihn packt und mit bärenkräften gegen die wände und den boden schleudert, wieder und wieder, ehe er einen absurden kasten aus stahl aus der wand reißt und ihm damit den kopf einschlägt. dann kommt er grinsend auf mich zu, “was glotzt du so blöd”, und schaut mich mit einem bösartigen funkeln an. “verschwinde hier”, zischt er mir zu, und ich versuche ihn zu schlagen, aber er lacht nur, verdreht mir den arm, ohrfeigt mich kurz und hart und stößt mich zur seite. die alte frau aus dem kleinen haus ist plötzlich wieder da, gleichgültig wie zuvor, “schau, daß du ins tal hinunterkommst, es stehen skier für dich bereit”, sagt sie und zerrt mich hoch, während sich unter den beiden leichen große blutseen bilden. und dann die harte piste unter meinen beinen, ich rase wie eine verrückte endlose hänge hinunter, vorbei an toten, soldaten und touristen, die mich gar nicht wahrnehmen, in einem irrsinnigen geschwindigkeitsrausch, bereit, mein leben jederzeit auszuhauchen, sollte ein hindernis auftauchen, eine angenehme, gleichförmige leere als motor, selbstvergessen und kalt, euphorisch über die geschwindigkeit und die beschaffenheit des schnees, eine endlose fahrt, oben auf dem berg haben sie meinen gefährten umgebracht, ich habe nichts mehr außer mein nacktes leben, das mir nichts bedeutet, der schnee verwandelt sich in braune blätter, mit einem mal sitze ich in einem geländewagen und verliere die kontrolle darüber, ich rase durch einen fahlen wald, immer nach unten, äste peitschen über die scheiben, ich kann nicht bremsen, ich steuere total panisch auf eine gruppe kinder auf einem spielplatz mit bizarren, verwitterten märchenfiguren zu, die nur lachen und geschickt ausweichen, ich lasse irgendwann das lenkrad los, aber es passiert mir nichts. dann stehe ich auf einem sehr hohen talübergang, auf einer art brücke, rechts und links von mir ein gähnender abgrund, ein sturm schüttelt den wagen, ich kann weder vor noch zurück, und als ich aussteigen will, stürze ich beinah in die unendlichkeit. mein handy läutet, und die stimme einer freundin aus jugendtagen fragt mich ungeduldig: “wo bleibst du denn, alle warten auf dich… das stück beginnt, und wir können ohne dich nicht anfangen.” dann bin ich auf einer bühne im grellen scheinwerferlicht und habe keine ahnung, was ich tun soll, “sing dein lied, was ist los mit dir” zischt mir ein pompös verkleideter könig zu, und ich hebe an zu einem lied aus einer operette, und das publikum bewegt sich unruhig, da und dort murren, hüsteln, einzelne lacher, meine stimme wird immer dünner, bis ich ganz verstumme und die menge in lachen und johlen und buhrufe ausbricht, ohrenbetäubend. -

Dann endlich aufwachen. Verschwitzt, erschöpft, verkrampft, Herzklopfen bis zum Hals. Das Bewußtsein ist schon zu seltsamen Absurditäten fähig…

19 Kommentare zu “wenn der cortex randaliert”


  1. 1 Das Ding aus einer anderen Welt

    Sehr gut, das könnte aus meinem Traumtagebuch sein! Ich wußte ja schon immer, daß du auch ein Ding bist.

  2. 2 dieJulia

    ähm… ja.
    (widersprechen will ich dir lieber nicht, sonst frißt du mich wieder…) ;-)

  3. 3 Das Ding aus einer anderen Welt

    Ach weißt du - eigentlich finde ich dich auch als Nicht-Nahrungsmittel recht sympathisch. Ich habe sogar (um beim Thema zu bleiben) schon einmal geträumt von dir, und das war kein Hungerbefriedigungstraum.

  4. 4 dieJulia

    uiuiui…

  5. 5 Das Ding aus einer anderen Welt

    Das macht dich nervös, gell? Bist du neugierig?

  6. 6 dieJulia

    nervös? naa. ;-)
    neugierig? hmhmhm. bißchen… :-)

  7. 7 Das Ding aus einer anderen Welt

    Hier also deine cameo appearance als Sängerin in meinem Unterbewußtsein! Leider hat es nur für den ersten Absatz gereicht.

    Welcome to my Nightmare!

  8. 8 Das Ding aus einer anderen Welt

    …und damit bis zum nächsten Mal.

  9. 9 Kristof

    Das hat alles nichts zu bedeuten …. :o)

  10. 10 dieJulia

    Außergewöhnlich und faszinierend, dein Traumtagebuch, Ding! Ich schreib sie auch meistens auf, aber meistens nur für mich… (und übrigens: ich würde nie goldene Kreolen tragen ;-)

    Und Kristof: davon gehe ich aus. An eine allgemeine Traumdeutung glaube ich nicht, und im übrigen denke ich, daß Träume nur eine Art Gewittern des Bewußtseins sind, das die neuronalen Überschüsse des Tages verarbeitet. Bei manchen Exemplaren verläuft das im stillen, wir “Träumer” kriegen es bewußt mit und haben nachts ein oft sehr bizarres Kopfkino, wie man sieht.

  11. 11 Kristof

    Sehe ich ähnlich, bin aber froh, dass ich meine Träume i.A. wieder vergesse.

  12. 12 dieJulia

    Manchmal mögen sie enervierend sein, aber grundsätzlich möchte ich sie nicht missen müssen… :-)

  13. 13 Kristof

    Nunja, träumen tue ich ja auch, und das ist auch gut so. Aber erinnern muss ja nicht sein. Und genaugenommen widerspricht es ja der hygienischen Wirkung von Träumen, wenn man den Kram danach immer noch im Kopp hat.

  14. 14 dieJulia

    jaja, wir mentalen Schmutzfinke wir… piep. ;-)

  15. 15 Kristof

    :O)

  16. 16 Opa

    Traumdeutung ist eine meiner leichtesten Übungen ;-)

  17. 17 dieJulia

    Ahso, Opa, ahso?
    Laß ma hören!

    ;-)

  18. 18 Rationalstürmer

    Nie Alkohol und Antibiotika zusammen einnehmen.

  19. 19 dieJulia

    Ich hab in dieser Nacht weder das eine noch das andere zu mir genommen.

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