Archiv für January 2007

Wiedersehensfreude…

time is never time at all
you can never ever leave
without leaving a piece
of your youth

So ca. zehn Jahre ist das her, daß ich mit Mellon Collie and the Infinite Sadness Bekanntschaft gemacht habe. Dann haben wir uns lang nicht mehr gehört, die Smashing Pumpkins und ich, weil das waren ja damals noch die Ausläufer der Zeit, in der man sich CDs auf Kassetten zu überspielen pflegte, und die Kassetten, die wurden immer recht schnell unbrauchbar, vor allem, wenn man sie viele Male im Auto abspielte. Vorige Woche habe ich diese CD geordert, heute ist sie, den merkantilen Amazonen und der Post sei dank, in meinem Briefkasten gelegen.

Die Musik ist viel grandioser, als ich - mit der leichten Angst, daß der nostalgieverbrämte Lack ein bißchen ab sein könnte -, angenommen hatte. Perlen. Sehr bombastisch, sehr zerbrechlich, sehr zornig, sehr brachial, larmoyant bisweilen, durchaus mit dem Mut zum Kitsch - kurz: sehr herzergreifend, seelenerwärmend und schon ziemlich weltbewegend für eine alte Soulsau wie mich. Schimpfen Sie mich an dieser Stelle ingeheim ruhig Kitschsau oder dumpfbackige Kommerzschlampe, das ist mir vollkommen egal. Und außerdem als Zugabe noch eins der schönsten Covers Schrägstrich Booklets, die ich kenne.

the impossible is possible tonight
believe in me as i believe in you
tonight

Von Klavieren, Särgen und globalisierten Flügeln

Auch wenn man kein ausgewiesener Kenner von klassischer Musik ist - das profil-Interview mit dem Pianisten András Schiff ist streckenweise so völlig losgelöst, daß man meinen könnte, ein besonders begabter Literat hätte es sich ausgedacht.

Erheiterungsfaktor: ziemlich hoch.

Wohl und Weh

All die Jahre stellte ich früher oder später fest, was ich nicht will. Seit einiger Zeit weiß ich, was ich will. Unverbrüchlich. Ohne jedes Zögern. Gedeih oder Verderb, ich habe die Wahrheit gesehen. Es hat mich entschieden, jenseits von Gut und Böse, zu meinen Gunsten.

Es ist allerdings eine sehr schlechte Idee, im Spiegellabyrinth in Panik zu verfallen. Ich habe den roten Faden losgelassen, weil ich ihn nicht mehr brauche, und bin losgegangen, völlig sicher in dem, was ich tue. Es ist zum Greifen nah, das Glück, aber dazwischen ist ein dutzendfach verwinkelter gläserner Moloch, und plötzlich renne ich gegen Wände und lasse mich blenden und stelle fest, daß ich mir ganz schön dringend was einfallen lassen muß, aber das Hirn versagt den Dienst in dieser Nacht, und der ganze Rest heult und heult und heult, und mit einem Mal ist die Kraft futsch, und ich gehe in die Knie und werde erdrückt von situativen Mächten, aber die kommt wieder, die Kraft, wart nur, ich werd mich zusammenballen heute Nacht, zusammenstürzen auf meinen kleinsten Punkt, und morgen, morgen wird da dann rasende Energie sein, die notfalls ganze Löcher ins Universum reißt, zumindest diese beschissenen Rahmenbedingungen für das alles hier zertrümmert, alle Hindernisse egalisiert und endlich freie Bahn signalisiert.

So ein Nullpunkt.
So ein absoluter Nullpunkt.
So ein mächtiges Nichts um mich.
Und dieser Wille hier, der sich aufbäumt und einfach weiß, daß er gewinnen muß.
Auf diesem schmalen Grat zwischen Wohl und Weh.

na, da schau ich jetz aber.

Ihre rechte Gehirnhälfte dominiert über Ihre linke!

Die meisten Menschen mit einer ausgeprägten rechten Gehirnhemisphäre - so wie Sie - sind in den meisten Lebenslagen sehr flexibel. Ob es darum geht, feine Nuancen eines Musikkonzerts heraus zu hören, die subtilen Details in einem Kunstwerk zu erkennen oder die Welt von einer neuen Perspektive aus zu betrachten, Menschen wie Sie sind kreativ, haben Phantasie und passen sich gut Ihrer Umgebung an.

Viele Menschen halten Ihre Denkweise für außergewöhnlich und das mag sich auch auf Ihre physikalische Umwelt übertragen. Manche mögen Sie für etwas chaotisch halten. Das bedeutet nicht, dass Sie unorganisiert sind, es bedeutet nur, dass Sie andere Wege finden, Ihre Dinge zu ordnen (nach Thema, Farbe oder Datum). Stringente Alphabetisierungen und akkurat geordnete Hefter entsprechen nicht dem Naturell von Menschen mit einer ausgeprägten rechten Hemisphäre.

*kicher*
*räusper*
Nein, ich bin nicht unorganisiert! Ich bin bloß voll hirnhälftendominiert kreativ, und das ist alles Biochemie! Genetik! Veranlagung! Die stringente Alphabetisierung kann mich mal, und endlich hab ich eine gute Ausrede… Hihi…

Gehirnhemisphärentest selber ausprobieren? Klick!
[via]

phür Phil…

… weil der danach gefragt hat.

dasAug

[dasAuge groß machen? Bild klicken!]

Geschichten von Marie (2)

Marie fror, als sie an diesem Morgen aufstand.
Nicht einmal der duftende Kaffee konnte sie wärmen, denn die Kälte wurde, das spürte sie, tief in den Zellenfabriken ihrer Knochen produziert, rasch und effizient durch das verästelte Rohrsystem ihrer Blutgefäße transportiert und an Nervenenden geliefert, die sie sofort weiterverarbeiteten zu einem anhaltenden Frösteln.

Vor ihrem Fenster tobte ein so heftiger Schneesturm, daß die Häuserzeile vis à vis nur mehr schemenhaft erkennbar war: die Straße, die Autos, der Himmel: alles verblaßte zu einem verwischten Weiß ohne Anfang und Ende. Es war vollkommen still.

Marie stand auf, zog frierend einen weiteren Pullover an, stellte sich ans Fenster und schaute in das Weiß. Selbst das Licht hatte einen unwirklichen Ton. Es gab keine Schatten mehr, nur mehr diffuses, weiches Schimmern und zarte Umrisse von Gebäuden; es war, als ginge die Welt unter in einem unendlich sanften Rieseln von Schnee, der wispernd alles Existierende unter sich begrub.

Gedankenverloren spielte sie mit einer Muschel, ließ ihre Fingerkuppen von kalkigen Erhebungen massieren, dachte an das Meer, das dieses wundersame Gebilde an einen fremden Strand gespült hatte, auf der anderen Seite der Welt, an den weichen Bewohner, der darin gelebt hatte, sein undefinierbares Schicksal, sein Dasein in einem warmen, salzigen Wasser, den Menschen, der sie gefunden hatte, hob sie ans Ohr und lauschte dem Rauschen und -.

Erschrocken legte sie die Muschel auf das Fensterbrett, abrupt, machte einen Satz zurück, hielt den Atem an und starrte sie an, das Herz klopfend, die Augen geweitet. Sie lauschte. Aber nichts – dieselbe Stille wie vorhin, und hinter der Fensterscheiben endloses Weiß. Dann siegte die Neugierde. Sie wagte sich einen Schritt vor, hielt die Muschel erneut ans Ohr und horchte. Tatsächlich, sie hatte sich nicht getäuscht. Durch das Rauschen, das sie erwartet hatte, wand sich unendlich zart der Klang eines verstimmten Klaviers, brüchig, aus einer anderen Welt. Jemand spielte holprig und nicht sehr gekonnt ein Kinderlied. Zweihändig. Unsicher. Wieder und wieder brach das Lied an der selben Stelle ab, und der Spieler begann von vorn.

Hallo? Maries Kehle war trocken. Sie räusperte sich. Hallo, fragte sie erneut, diesmal mehr in Richtung Muschel. Die Musik hörte auf. Unendlich weit entfernt ein Stimmchen: Wo bist du?
Ich bin hier… draußen. Marie setzte sich benommen auf den Teppich, der Boden schwankte unter ihr. Sie lauschte.
Kommst du? Das Stimmchen klang begeistert.
Wie denn, hauchte sie, die Muschel an ihr Ohr pressend.
Was, wie? Sie hörte ein helles Kinderlachen. Siehst du nicht die Tür? Du mußt nur durchgehen!

Marie merkte, wie sie den Halt verlor. Das Zimmer schmolz und wölbte sich, die Wahrnehmung kippte, ihr Körper gehorchte ihr nicht länger und sackte zusammen, sie schloß die Augen, weil alles sich drehte in diesem Zerrspiegel, öffnete sie wieder und fand sich in einem Raum wieder, der bis auf einen Unterschied wie ein Ei dem anderen jenem glich, den sie kannte. Bloß daß da eine Tür war, die für normal nicht existierte. Und das verstimmte Klavier jetzt näher klang.

Zittrig kam sie auf die Beine, drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Dahinter ein Stiegenhaus aus weißem Stein, das sich in die Unendlichkeit emporschraubte. Und das Kinderlied, das sanft in der Luft schwebte und heruntersank wie Schnee. Marie lächelte. Huschte zurück in ihr Zimmer und plazierte einen schweren Stein, den sie vor Jahren aus der Wüste mitgebracht hatte, zwischen Türblatt und Schwelle. Dann machte sie sich auf den Weg nach oben.

Als sie endlich hoch droben angekommen war, stand sie in einem riesigen, hellen Raum, die Wände weiß, der hölzerne Fußboden ebenfalls. Weiße Vorhänge bauschten sich wie Segel vor riesigen Fenstern, es war warm und es duftete nach Linden. Draußen Frühsommer. Mitten im Raum stand ein alter, verstimmter Flügel, schwarz, ein Bösendorfer, davor saß ein kleiner, hübscher Junge, vielleicht sechs Jahre alt, mit weizenfarbenem Haar, baumelte mit den Beinen und spielte ein Lied, das sie jetzt plötzlich erkannte. Wenn ich ein Vöglein wär‘. Der Junge, konzentriert, bemerkte sie nicht und brach zum x-ten Mal an derselben Stelle ab.

Marie applaudierte.

Der Junge drehte sich zu ihr um und schaute sie mit hellen Augen an.
Ich komme nicht über die Stelle, sagte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Zeigst du mir, wie es geht?
Marie ging langsam auf ihn zu, das übermächtige Verlangen, ihm über den blonden Schopf zu streicheln, niederkämpfend.
Du bist groß geworden, murmelte sie so leise, daß er es nicht hören konnte, dann setzte sie sich neben ihn auf den Hocker.
Ich habe es selber nie richtig gelernt. Aber an das erinnere ich mich. Fang noch einmal an. Willst du?
Der Junge nickte, plazierte seine kleinen Hände sorgfältig und gewissenhaft auf den Tasten und begann zu spielen. Marie legte sanft ihre Finger über seine, und als er bei weil’s aber nicht kann sein stockte, griff sie ein, lenkte sein Spiel, spürte ihn aufblühen, lauschte selbst dem kleinen Lied, spürte den Lufthauch vom Fenster und wollte für immer da verharren.

Der Junge strahlte sie an. Das war schön, sagte er.
Das war es. Marie lächelte ihn an, dann schaute sie auf ihre Hände.
Du mußt gehen, nicht? Er wirkte entspannt.
Ja, das muß ich.
Wirst du wieder kommen? Er zupfte am Saum seiner Hose, die nackten Beine, sommerbraun, baumelten weit über dem Boden.
Ich weiß es nicht. Marie bugsierte die Tränenflut zurück in die dafür vorgesehenen Säcke und verschnürte diese fest. Aber ich glaube schon.
Der Junge legte seine Hände wieder auf die Tasten.
Bis bald, sagte er, dann begann er erneut mit seinem Lied. Draußen dufteten die Linden.

Marie machte sich auf den Weg.
Die Stufen waren brüchig, die Rückkehr ein endloser Sturz. Unten die Tür stand offen. Das Weiß hinter dem Fenster war in eine gütige, dunkle Nacht übergegangen. Die Muschel lag still auf dem Teppich. Als Marie sie ans Ohr hielt, war da nur Rauschen.

[Zusammensetzung: 80% Traumfragmente, 8% Schneesturm, 12% Verfremdung durch Niederschreiben. Soundtrack: Tarantula A.D., Kimmo Pohjonen & KTU.]

Totschlagwochen bei derJulia:

Das muntere Allegorienkillen geht weiter, zum ersten Mal auf fremdem (?) Terrain bloggend:
Fortsetzung auf kreativbetrunken

I have my fears
But they do not have me.

Zwischenfrage

Wie nennt man eigentlich den Betrieb, der Zuckerrüben zu Zucker verarbeitet? Zuckerraffinerie? Zuckermine? Zuckerfabrik? Zuckerei? Äh…

Cave canem

I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)
I’m not no animal in the zoo (this animal will jump up and eat you)

(never mind the dog. beware of the owner.
Ich bin heute wirklich entsetzlich sauer.)

Zeit totschlagen

Ich hab einen Eimer Zeit gestohlen, ganz für mich. Ich löffle sie in mich hinein. Genußvoll zuerst. Immer gieriger bald. Ich habe schlechtes Gewissen dabei. Zeit, so für mich ganz allein, macht sicher dick und krank. Genau in der Reihenfolge. Zuerst dick, dann krank. Die Hand mit dem Löffel bleibt in der Luft hängen, unschlüssig. Ich schaue schuldbewußt auf den Eimer vor mir. Ein sattes Rülpsen bricht aus meinem Mund hervor. Egal, ich habe Hunger. Befriedigt löffle ich weiter. Löffle und löffle und löffle, fresse, schnaufe, ich fresse die Zeit tot, schaufle sie wie wild in mich hinein, habe sie bald in den Haaren, im Gesicht, überall an mir, wälze mich darin wie eine Bache, zufrieden, beglückt in einem so wilden wie simplen Moment, lache, wühle mit beiden Händen darin, liebkose sie, zerzause sie, greife ins volle, kriege sie am Schopf zu fassen, höre ihr protestierendes Quietschen, als ihre Kopfhaut reißt, aber das ist erst der Anfang. Ich zwinge sie, mir in die Augen zu schauen, während ich sie ohrfeige, links, rechts, mit der flachen Hand zuerst, mit meinen Fäusten bald. Ich hocke auf ihr und schlage sie zu Brei, ich: ein entfesselter Satyr, eine geschundene Kreatur, die aufsteht gegen ihren Unterdrücker, ich reiße ihr Stück für Stück aus ihrem geschmeidigen Leib, brülle triumphierend in einer fremden Sprache, erniedrige sie, zerstöre sie, gerate in einen Strudel, der keine Bezeichnung hat, zerbeiße ihr Gesicht, zerfetze ihre Haut, kratze ihr mit meinen Fingernägeln die Augen aus den Höhlen, schlachte sie, fresse sie, töte sie, lösche sie aus.

Ich bin erschöpft, als ich schließlich von ihren Resten ablasse. Nachdenklich. Zufrieden.
Knöchelhoch steht der Brei, und ich bin ein bißchen unsicher auf den Beinen, als ich mich aufrichte. Ich spucke ein paar völlig nach nichts schmeckende Knochenstücke aus, wische mir den Mund.
Deine Wunden, Zeit, heilt keiner mehr, denke ich mit Nachdruck und einiger Befriedigung.
Die Uhr im Wohnzimmer ist stehengeblieben. Das weiße Rauschen meiner Wahrnehmung irritiert mich keinen Deut.
Ich lächle ein schmales Lächeln, als ich die Tür hinter mir schließe, leise, und mich anschicke, einen sehr langen, sehr einsamen Spaziergang zu machen. Ich werde hierher nicht zurückkommen. Nie.