Archiv für December 2006

Stilblüten aus der Schreibstube

Und wiederum ein Jahr des Stroh-zu-Gold-Spinnens vergangen.
Folgende Bonmots (mit teils findigen Variationen der Rechtschreibung) stammen aus der Feder erwachsener Menschen, darunter auch Akademiker, deren Texte ich tagtäglich lektoriere.

Ich habe kein persönliches Lebensmotto, aber es gibt viele Sprüche von Menschen, die ein Lebensmotto hatten und die ich sehr bewundere.

Sehr wichtig war es das ich, die deutsche Sprache sehr gut erlernte und dadurch erkannte, das die Wiener Bevölkerung nicht aggressiv ist, wie ich vorher durch die Laute und die körperlichen Mechanismen angenommen hatte.

Architekten sind wie Rasenmäher, es gibt laute und leise.

Einer meiner Chefs sagte einmal zu mir: “Wenn das nicht bis Montag fertig ist, brauchst Du gar nicht mehr zu kommen”. Ich kam nicht mehr.

Ich liebe es, wenn Menschen in Chaos und Panik ausbrechen. Wenn der Druck unendlich groß wird, dann blühe ich auf wie eine Blume.

Ich bilde mich in der täglichen Arbeit ständig weiter und lasse mich auch gerne von anderen befruchten.

Bei meiner Geburt sagte mein Vater: “Er schaut aus wie ein Schuster, also wird er auch einer.”

Viele Ärzte arbeiten zu lange im Krankenhaus, wodurch ihre Ehe irgendwann in die Brüche geht. Das wird mir sicher nicht passieren, zumindest nicht aus diesem Grund.

Ich glaube, die zwischenmenschlichen Beziehungen versacken sich dadurch in das Hinterteil.

Welchen Rat möchten Sie an die nächste Generation weitergeben? Niemals aufgeben, vor allem nicht vorzeitig!

Nachdem ich vier Jahre bei meinem Mann in der Firma gearbeitet hatte, gründete ich 1998 die xy GmbH mit der Spezialisierung auf Leichenüberführungen ins Ausland. 2000 erweiterte ich die Firma um Abbrucharbeiten.

die Durchfallquote erhöhte sich

Die Verschmutzung der Meere ist mir ein besonderes Anliegen!

er läßt sich von Seitenwinden, die ihm ins Gesicht blasen, nicht verunsichern.

Ich arbeite cirka 30 Stunden täglich und habe somit meine Lebensbereiche gut im Griff.

ein Hauptteil meiner Klientinnen sind Frauen.

im internationalen Ausland

Ein Zitat von Flo Beer

Unsere Mitarbeiter und Kunden sind bis in die Mongolei verstreut.

Meine Mitarbeiter sagen auch nicht Chef zu mir, sondern nennen mich beim Nachnamen.

Privat wünsche ich mir, daß mein Sohn bald volljährig ist.

Ich habe jedoch nicht vor, mich durch entsprechende Maßnahmen irgendwie aggressiv zu zeigen, weder hier im Haus noch außerhalb. Zum einen bin ich zu klein, zum anderen finde ich es völlig sinnlos.

Jugendliche können heute oft nicht essen, nicht sprechen, sich nicht einmal ihre Schuhe anziehen.

Ein unlösbares Problem, das nicht gelößt werden kann, sind die unglücklichen Arbeitszeiten in dieser Branche.

Es bringt ja nichts, irgendwelchen Luftschlössern hinterherzujagen.

Ich bin ein umgänglicher, freundlicher und kommunikativer Mensch. Diese Eigenschaften sollte man als Wirt mitbringen, sonst ist es vernünftiger, in einem Büro zu arbeiten.

Fünf war stets meine Glückszahl. So fiel ich in der Schule zum Beispiel im Gegenstand Elektrotechnik immer wieder durch.

Nach der Matura studierte ich zehn Jahre lang Chemie, ohne jedoch das Studium abzuschließen, was auch daran lag, daß diese Zeit vor allem eine Orientierungsphase für mich war und ich Chemie mehr als Philosophie betrachtete.

Weiters bin ich großzügig, wenn wir Firmenveranstaltungen haben – den Mitarbeitern entstehen dabei keinerlei Kosten.

Mitarbeiter haben Kontakt mit Innovationschampignons.

Jetzt macht sie nach einer Umschulung Legasthenie und arbeitet weitgehend selbständig.

Als Frau in einer Männerdomain.

Für mich zählen das Können und die Ausstrahlung und das Können und wie sie mit Leuten können.

Wir waren zuhause viele Kinder und das Elternhaus nicht gut. Mit dreizehn Jahren verdiente ich mir meine erste Hose selbst, indem ich Hasen züchtete.

Bei der Imitation besteht die Gefahr der Nachahmung.

Grundsätzlich brütet jeder in dieser Branche seine Suppe selber aus.

50 Prozent unserer acht Mitarbeiter sind über 40 Jahre alt, und die anderen 50 Prozent sind jünger.

Meine Frau kümmert sich vorwiegend um die Schweinezucht. Wir haben eine moderne Stalltechnik, jedoch ist die tägliche „Manneskraft“ meiner Frau unersetzlich.

Geboren und aufgewachsen bin ich 1978 in Steyr.

Später kann ich mir vorstellen, in einer anderen Dimension zu arbeiten.

Meine Diplomarbeit verfaßte ich über geistig behinderte Integrationsprojekte in den USA.

Natürlich gibt es eine spezielle Person, die meinen Lebensweg beeinflußte, es ist meine Lebensgefährtin „Helga“.

Es war ein ehemaliger Kollege, der sich selbständig gemacht hatte und einen männlichen Damenfriseur suchte, weil ihm die Friseurinnen immer schwanger wurden.

Wenn der Berufsstreß zu stark wird, nehme ich mir Auszeiten, wo ich vier bis fünf Tage hinaus muß, um mich einmal völlig zu entleeren.

Weiters hat mich von einem guten Freund sein Vater sehr beeindruckt.

Meine Personalentscheidungen waren, glaube ich, ganz gut. Bis auf einen, der Karriere machen wollte, sind alle noch da.

Ich wohnte als Kind bei meinen Eltern.

Wird ein Produkt als Schrott erkannt, sollte man es rasch vom Markt nehmen.

König und Polides sind in ihrer Eigenschaft als unglaublich weitblickende Visionäre unbestreitbar große Vorbilder für mich, obwohl ich mich manchmal frage, ob sie wissen, was sie tun.

Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter? Ich motiviere sie, indem ich sie nicht hinausschmeiße.

Das größte Problem in meinem Fach ist die Tatsache, daß der Mensch heute länger lebt als seine Einzelteile.

Die größte Gefahr für die gesamte motorisierte Zweiradbranche ist der Gesetzgeber.

Als ich einmal grübelnd durch den Wald spazierte und überlegte, wie die Bahn kostendeckend geführt werden könnte, erschien mir im Geiste Rotkäppchen und gab mir den Weg vor.

Mitgliedschaften: Liga für Tierschutz und Tierquälerei.

Das gemeine, kleine Möbelhaus gibt es nicht mehr.

Da ich mich in meiner Haut sehr wohl fühle, tausche ich sie nicht, wenn ich das Büro verlasse.

Mehr Zoologisches

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Die Bilder hab ich gefunden, als ich gestern meine Festplatte auf das Echsenfoto durchsuchte. Sie stammen aus 2004, ich habe sie im Tiergarten Schönbrunn gemacht und damals meines Wissens gar nicht hergezeigt - das soll jetzt nachgeholt werden.

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Kinderkram

Als ich noch ein kleines Kind war, hatte ich die schon beinah zur Religion erhobene Angewohnheit, mir beim Einschlafen vorzustellen, auf einem fliegenden Teppich über fremde Länder zu fliegen, eingekuschelt in meine Bettdecke. Ich konnte diese Vorstellung bis an ihre Grenzen dehnen, experimentierte damit so lange, bis ich das äußerst reale Empfinden des weichen Luftpolsters unter mir hatte. Eine kleine Abenteurerin, die im Halbschlaf ganze Kontinente überquerte, das von Zitronenhainen dominierte Italien überflog, wo alle lachten und immer Ferien waren, und die kaltglitzernde Schönheit des ewigen Eises zu würdigen wußte. Manchmal, wenn der Mond ins Zimmer schien (ich schlief damals und schlafe bis heute bevorzugt ohne vorgezogene Vorhänge und bei offenem/gekipptem Fenster - die Lage meines Schlafzimmerfensters erlaubt mir das), bildete ich mir ein, daß das Licht ein Pfad wäre, dem ich nur zu folgen brauchte, und ich würde irgendwann auf dem Trabanten stehen und unaussprechliche Dinge sehen (wobei ich das Wort Trabant natürlich noch nicht kannte). Auch hatte ich als Kind das alte Tonbandgerät von Popvatern zur Verfügung, ich meine: ein richtiges Tonbandgerät (das war noch lange vor meinem ersten Kassettenrecorder von Philips), mit dem ich ganze Nachmittage verbrachte; selbst ersonnene Theaterstücke aufnehmend. Und als Soundtrack muß man sich dazu Felix Mendelssohn Bartholdys “Ein Sommernachtstraum” auf Vinyl vorstellen, Musik, die ich so verinnerlicht habe, daß ich mich bis heute davor scheue, sie durch den Kauf einer profanen CD zu entweihen.

Als ich noch ein kleines Kind war, war der Wald mein Lehrmeister und bester Freund. Barg ich Froschlurch aus trockenen Stellen, um ihn ins Wasser zu verfrachten und später immer wieder zu den Kaulquappen zurückzukehren und sie dabei zu beobachten, wie sie groß wurden. Rettete ich Mäuse, Maulwürfe und Frösche aus Katzenmäulern, um sie in Marmeladengläsern über die Wiesen zu tragen und sie in maximaler Katzenferne in die Freiheit zu entlassen. Sammelte ich Bachnelken und Knabenkräuter, um sie zwischen dicken Büchern zu pressen und die zarten Überbleibsel nach Wochen sorgsam in mein Herbarium zu kleben und das ganze mit meiner ungelenken Kinderschrift zu benennen. Waren moosbewachsene Baumstümpfe Schlösser, um die sich die Welt drehte, knorrige Bäume Faune, die erst in der Nacht zum Leben erwachen würden, Ameisenhaufen Wunder, vor denen ich lange sitzen konnte, ein Apfelstückchen plazierend und wartend, was damit geschah. Und die Sommer! Endlos aufgereihte Bahnen aus Heu, Fahrten zum See, endlose Tage am Wasser, regendampfende Nachmittage mit Papiermaché, und meine Mama, die mir “20.000 Meilen unter dem Meer”, “Die Schatzinsel” und “Robinson Crusoe” vorlas, im Halbschatten der drei Birken in unserem Garten. Der Löwenzahn, die Margariten. Und die Winter. Klirrend kalte Spaziergänge durch blendendes Weiß, tobende Schlittenfahrten, und dann der Duft der Tannenzweige auf dem Ofen.

Das alles kommt ganz plötzlich und unerwartet zurück gerade.
Und ich glaube, daß meine Kindheit mich zu dem geformt hat, was ich heute bin. Sehr sogar. Ich denke, und ich gestehe es hiermit, daß ich im Herzen eine absolut begeisterte Beginnerin bin. Eine manchmal sehr weltfremde Person, die die Welt noch immer und immer wieder als Wunder begreift und sich darauf einläßt, weil sie ihrem Gefühl vertraut, weil sie ganz tief drinnen nichts anderes kennt, auch wenn das Leben da draußen ihr so manchen Streich gespielt hat und sie sich durchaus kühl zu behaupten weiß in der Pathologie der Normalität der alles dominierenden Technokraten, die die Welt hüten, nicht aber behüten…

Kästner wuße schon, was er sagte. Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. Man nötigt euch in der Schule eifrig von der Unter- über die Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr schließlich drobensteht und balanciert, sägt man die überflüssig gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun könnt ihr nicht mehr zurück! Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne Keller mit den duftenden Obstborden und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel? Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der obersten Stufe, ohne Treppe und ohne Haus, und machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!

Hmmmmm….

...

(mir ist grad so zoologisch zumute.)
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Selbstporträt im Badezimmerspiegel

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Ich hab ‘ne Meise… :-)
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Herzstillstand

07:27h. Mein Telefon, seit einiger Zeit abends neben dem Bett plaziert, klingelt. Ich bin schon lang vorher wach, was ausgesprochen atypisch für mich alte Langschläferin ist, aber heute habe ich nur eins im Sinn: schnellstmöglich zum Postamt zu kommen und ein sehr wichtiges Päckchen abzuholen. Der Liebste braucht es dieses Mal also nicht minutenlang läuten zu lassen, ich hebe sofort ab. Es entwickelt sich ein fernmündlicher Dialog, der mich derart zum Lachen bringt, daß mir anschließend der Bauch weh tut…

08:07h. Nachdem wir aufgelegt haben, springe ich, die Kaffeemaschine ignorierend (!), in mein Gewand, schnappe mir Schlüssel und Benachrichtigung und fliege förmlich zur Post, wo ich ein bombenfest verpacktes Päckchen in Empfang nehme und mich wie ein kleines Kind freue, meinen Namen in einer Handschrift geschrieben zu sehen, die ich sofort als die schönste der Welt identifiziere.

08:17h. Ich bin wieder in meiner Wohnung und lege das Päckchen vorsichtig auf den Wohnzimmerteppich. Dann setze ich mich davor und lächle erst einmal eine Runde, wobei ich es nicht aus den Augen lasse. Eigentlich möchte ich es noch nicht öffnen, weil zwischen 9 und 10 ein Techniker eintreffen wird, der sich meine zickende Therme ansehen und eine Abgasüberprüfung durchführen soll.

08:27h. Ich halte es nicht aus. Mit klopfendem Herzen hole ich mein schärfstes Küchenmesser und mache mich daran, die Verpackung zu öffnen. Anschließend sitze ich davor und zögere lang, bevor ich den Deckel hochklappe und als allererstes unendlich vorsichtig meine Nase in einem T-Shirt vergrabe. Über den Inhalt werde ich mich an dieser Stelle ausschweigen, nur soviel: als ich bei einem gewissen Schriftstück angelangt bin, bleibt mir das Herz stehen, gehen mir die Augen über. Ich stehe unter Schock. Unmöglich zu beschreiben, was genau sich in der nächsten halben Stunde abgespielt hat. Ich zittere wie ein kleines Kind, das man gerade aus einem eiskalten See gezogen hat, als mein Verstand wieder einsetzt.

08:57h. Ich gehe sehr langsam und vorsichtig ins Badezimmer, sehe mein kreidebleiches Gesicht und wasche mir erst einmal die Tränen von den Wangen. Dann schaue ich meinem Körper dabei zu, wie er Kaffee kocht, sich mit einer Tasse zurück ins Wohnzimmer verfügt und sich ziemlich benommen auf die Couch setzt. Der Rest von mir ist ganz woanders…

09:37h. Es läutet an der Tür, der Techniker. Während er sich in meiner Küche austobt, sitze ich abwechselnd mit einem überbreiten Grinsen und Tränen in den Augen vor meinem Monitor und versuche mir nicht anmerken zu lassen, daß es mich gerade vollkommen zerlegt. Selbst die Erläuterung des freundlichen Menschen, meine Therme sei in einem ziemlich schlechten Zustand und ich müsse froh sein, daß sie mir noch nicht um die Ohren geflogen ist, und, räusper, das würde mich jetzt leider so ca. 600 Flocken kosten, quittiere ich nur mit einem nur mäßig interessierten: “Oh. Ja, äh - dann tun Sie, was Sie tun müssen…” und lasse ihn walten.

10.57h. Die Therme ist repariert. Der Mensch, dem das sichtlich peinlich ist, eröffnet mir, daß ich in bar bezahlen muß. Ich schaue ihn mit großen Augen an. “Und wie stellen Sie sich das jetzt vor? Ich habe doch keine 600 Euro daheim herumliegen…” So kommt es, daß ich ihn, mit dem kaputten Teil (das wirklich völlig zerfranst und verkohlt ist) im Schlepptau, zu seinem Firmenwagen begleite und mich zum nächsten Bankomaten fahren lasse, wo ich mein Tageslimit ausschöpfe. Schön blöd - eigentlich wollte ich heute noch einiges besorgen… aber dieser Tag ist sowieso verrückt. Sein Chef hat von mir in der Zwischenzeit eine ultimativ scharfe Beschwerde-Mail erhalten, mit der genüßlichen Ankündigung, ihm ein bißchen Publicity im “Konsument” zu verschaffen und seine Firma das erste und letzte Mal bemüht zu haben, aber das gehört definitiv nicht hierher…

Nachdem ich mich vom Techniker verabschiedet habe, dem die ganze Sache sehr leid tut, fahre ich zu meinem besten Freund und borge mir Geld aus, damit ich den vereinbarten Friseurtermin einhalten kann. Anschließend kehre ich in mein Schlachtfeld von Wohnung zurück und verbringe einige Zeit mit kontemplativem Putzen.

14:07h. Mit leichter Verspätung betrete ich den Friseursalon und komme mir ein bißchen so vor wie bei einem Zahnarzttermin. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, die freundliche Friseurin, die ich im stillen “Schwester” nenne, zu fragen, ob es sehr weh tun wird bzw. um eine Lokalanästhesie zu bitten. Schließlich ist es mein erstes Mal seit rund drei Jahren… Als sie mir allerdings während der Haarwäsche eine Kopfmassage angedeihen läßt, erwäge ich kurz, ihr eine Liebeserklärung zu machen und beschließe, da doch öfter hinzugehen. Das Ergebnis ist wow, der Preis so unter meinen Befürchtungen, daß ich spontan meine schlechte Meinung über geldgierige Dienstleister revidiere.

Den Rest des Nachmittags renne ich überwältigt durch die Gegend, im Ohr mir bis dahin noch nicht bekannte Musik ganz nach meinem Geschmack, und kehre erst nach Hause zurück, als es schon dämmert. Und jetzt sitze ich da, beschenkt, beschämt, völlig verwirrt und so ganz und gar nicht Herrin meiner Sinne und schreibe, um Worte ringend, diesen Eintrag, um mir die Zeit bis zum Telefonieren zu vertreiben, wobei ich immer wieder an diesem T-Shirt schnuppere und alles tue, um nicht zu kollabieren…

Ad|venire

Der Advent leitet sich bekanntlich vom lateinischen Substantiv adventus ab, das bedeutet Ankunft und ist wiederum eine Ableitung des Verbs advenire: ankommen.

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Im Mittelalter wurde aus adventus, Ankunft, schließlich die Zukunft (zuochumft), das, was (zeitlich) vor uns liegt.*

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Später entstand schließlich noch die Version adventura, unser heutiges Abenteuer - eine “risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis (…), das sich meistens stark vom Alltag unterscheidet” (Wikipedia), etwas mit ungewissem Ausgang, etwas, das “neu auf einen zukommt”.*

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Ich bin eine Ankommende, und dieses Ankommen, mein höchstpersönlicher Advent, findet in Zeitlupe statt. Ich komme in Zeitlupe in meiner Zukunft an und bin gleichzeitig in meiner Gegenwart, ich bin die liegende Acht, ich bin der Fluß, der seinem Meer entgegenstrebt, unaufhaltsam, ich bin der Abenteurer, der in seinem Schiff sitzt und ins Ungewisse fährt, von dem er nur eine ungefähre Ahnung hat, bloß daß er in diesem Fall tief in seinem Herzen weiß, daß dort seine Ankunft und sein Ursprung liegen: sein Zuhause. Als erster Mensch werde ich diese terra incognita betreten, das, was ich nie zu suchen wagte. Jenes Land, das mich gefunden hat. Landen. Die Zeit ist meine Verbündete, unter ihrem Schutz lege ich den Weg von jener Ankunft, die schon stattgefunden hat, zu einer neuen Ankunft da vorn zurück: sie bilden eine Einheit über eine weite Strecke. Ich bin angekommen, gleichzeitig bin ich noch nicht da. Mächtig wie der Strom, der mich befördert, unschuldig und neugierig wie ein kleines Kind, leicht wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ankunft und Zukunft berühren sich in meiner Gegenwart, und es gibt nichts, das mir noch Angst machen könnte.

Die Liebe meines Lebens ist ein Ankommen in Zeitlupe auf dem Spannungsbogen von Ankunft zu Zukunft. Vermissenmüssen nur eine Frage der Zeit, die Sehnsucht ein Parameter, der sich selbst aufgefressen haben wird. Schon bald.

Advenire.
Ankommen.
Bald. Jetzt.

[*siehe www.eduhi.at/dl/Zukunft.doc]

Nachtlied

Die Wellen dieser Nacht schließen sich sanft über mir, und ich lasse mich fallen wie eine Muschel, die jemand ins dunkle Wasser geworfen hat. Ich werde Schicht um Schicht durchwandern und letztlich sanft auf dem sandigen Grund des Dunkels aufkommen, wo die Ausläufer meines Bewußtseins ihre Hände nach mir ausstrecken.

Sehr weit entfernt leuchtet ein Licht.

Das Licht ist eine Sonne. Ein Stern. Dessen Zwinkern mich jetzt erreicht. Ich winke den Großen Wagen heran und nehme Platz gleich neben Orion, der seinen Bogen im Kofferraum verstaut hat und mir etwas vom Siebengestirn erzählt. Ich höre ihm nicht wirklich zu, obwohl er so viele Jahre mein Idol war. Die Tasche mit meinen Gewißheiten habe ich fest im Griff, alle Ampeln stehen auf Grün. Ein Stern, sehr weit entfernt, glitzert schelmisch. Ich lächle ihm zu. Bald bin ich daheim.

Preiset den Herrn!

Nun bin ich ja, sehr vorsichtig ausgedrückt, nicht so die Anhängerin dessen, was man allgemein unter Shopping versteht, deshalb habe ich es wieder einmal geschafft, alle vorweihnachtlichen und sonst noch dringenden Erledigungen soweit hinauszuzögern, daß heute der Tag war, wo so einiges passieren mußte. Gnadenlos.

Doch siehe da - es begann damit, daß um 8.27h die Töne meines läutenden Telefons wie schimmernde Perlen auf der Oberfläche meines tiefen Traums landeten und die wunderbarste Stimme der Welt mich aus Morpheus’ Armen barg, um mich sicher am Ufer des Tages abzusetzen, wo sich kurz zuvor noch ein Elefant und ein Löwe flüsternd über Dosenspinat und Kühlschränke unterhalten hatten. Solcherart geweckt, hüpfte ich vergnügt unter den Monsun meiner Dusche, während die Kaffeemaschine das sanfte Gurgeln einer dicken italienischen Mamma imitierte und dabei reichlich schwarzes Gold zu Tage förderte. Wen wundert es, daß ich mich rund eine Stunde später richtig fröhlich auf den Weg machte? Angetan mit einem geschmeidigen Panzer aus Glückseligkeit und guter Laune trabte ich auf Siebenmeilenstiefeln in Richtung Vorweihnachtsschlachtfeld, mit einer Rage Against The Machine-CD gut gewappnet gegen die dunklen Mächte des dritten Einkaufssamstags im Advent. Doch was war das? Ich traute meinen Augen und vor allem Ohren nicht. Ein paar harmlose Punschhütten drückten sich, noch weitgehend unbevölkert, fast schon schüchtern an den Straßenrand. Die Geschäfte waren mäßig besucht, nicht überheizt und völlig frei von Weihnachtsliedgut. Im H&M meines Vertrauens lief leiser Swing, die einkaufenden Frauen waren erstens alle im Erwachsenenalter und machten sich zweitens wohlwollend lächelnd gegenseitig Platz. Ich mußte mich kurz in die Nase zwicken, als ich in einer sehr kurzen Warteschlange vor der Kassa stand und nicht länger als drei Minuten warten mußte, während der freundliche Verkäufer ein bißchen mit Ella Fitzgerald mitsummte und mir dann noch höflich einen schönen Tag wünschte. Er hatte mich sogar gesiezt!

So schaffte ich es spielend, binnen eines halben Tages meine Brille zu bestellen, Bilder für meinen am Montag zu beantragenden neuen Paß machen zu lassen, einen Friseurtermin zu vereinbaren (!) und 90 Prozent dessen zu erledigen, wofür ich neben dem Samstag auch den Montag eingeplant hatte. Wenn man mir jetzt dann auch noch beim obligatorischen Samstagnachmittagssupermarktüberfall keine 33 Euro für zwei Kornspitz verrechnet, glaub ich es endgültig:

Es geschehen noch Zeichen und Wunder…

Albert Löwenherz

Irgendwann im letzten Jahr bin ich ihm begegnet.
Das war anläßlich irgendeiner Autofahrt, als ich mir auf irgendeiner Raststation einen Kaffee zum Mitnehmen holte. Albert saß einfach da und guckte mich freundlich an. Ein kleiner Reisender mit schwarzen Knopfaugen und einer süßen Frisur. Ich nahm ihn mit (gegen Bares, bitteschön), einer infantilen Laune nachgebend, weil ich es mit Kästner halte, der da sagte: laßt euch die Kindheit nicht austreiben.
Auf der Fahrt nach Wien haben wir uns ein bißchen unterhalten, Albert und ich. Über das Leben. Das große Dings. Das, wofür wir überhaupt existieren. Wir haben uns blendend verstanden. Laut mitgesungen, wenn im Radio was kam, das uns gefiel. Lang hat er bei mir gewohnt. Sich prompt mit Elise angefreundet. Meinen Kühlschrank umarmt. Letztens hat er mir ziemlich interessiert zugeschaut, wie ich ein paar sehr wichtige Sachen verpackte und behutsam in eine kleine gelbe Schachtel tat. Er hat sich noch einmal an mich gedrückt, dann ist er mit einem Satz da reingesprungen, hat es sich zwischen meiner Lieblingsmusik und meinen Lieblingsbüchern bequem gemacht und mir zugezwinkert.

Jetz isser da, wo er hingehört, der Albert, und das freut mich. :-)
Wir sehen uns…

Albert Löwenherz

[Albert Löwenherz groß machen? Bild klicken! rooooaarrrrr….]