Prolog 07

Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. (Robert Jungk)

Ich stehe auf dem Isthmus.
Auf der Landenge zwischen gestern und morgen. Es ist der 31. Dezember, fünf Uhr früh.
Gerade habe ich ein Telefonat beendet, das Telefon in die Ladestation gestellt und mich an meinen Schreibtisch gesetzt.

Eigentlich sollte ich jetzt woanders sein. Wie oft habe ich mir das ausgemalt. Der Flughafen, die Ankunft, das wortlose Einverständnis, die heilige Dringlichkeit, mit der wir uns in die Arme fallen. Aber ich will nicht jammern. Das Leben ist manchmal, und ich formuliere das an dieser Stelle bewußt nicht wehleidig, das Leben ist manchmal richtig eigenartig. Irgendwer da oben gefällt sich darin, Pläne zu durchkreuzen, und obwohl ich mir keiner Schuld bewußt bin und kein Anzeichen von Vanitas oder sonstiger sträflicher Anwandlungen feststellen kann (ehrlich nicht!), hat jemand oder etwas beschlossen, daß ich an diesem letzten Tag im Jahr da bleiben muß, 900 Kilometer von der Liebe meines Lebens entfernt, daß ich am ersten Tag des Jahres 07 allein aufwachen muß, daß ich an dieser Landenge sitzen werde, Steinchen in die Tiefe werfend.

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Jemand hat mich am 22. November via Mail gefragt: sag mal: Kannst du dich auch ganz normal verlieben? Ich mein, so ein bisschen mit “Hm, weiss noch nicht” und “Ja, lass mal versuchen”?
Meine Antwort lautete: Nein, natürlich nicht! Ich könnte ja auch nicht “ein bißchen schwanger” sein. Was für eine Frage!

Normalität, was ist das eigentlich? Vor allem: was ist das eigentlich für eine Normalität… lauernd, taktierend, abwartend? Nein danke. Zum Teufel mit “ja, laß mal versuchen”.
Für mich hat immer nur die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit gezählt.

Wenn ich mir das vergangene Jahr so betrachte, gibt es ein paar Menschen, die mir sehr, sehr viel bedeuten. Da war zum Beispiel meine viel zu selten gesehene Freundin G. mit ihrer kleinen Tochter auf dem Schoß an einem Nachmittag im Mai. Da war mein Freund und Wahlbruder W., der mir alle Torheiten vergibt und alle seine Torheiten vor mir ausbreitet. Da war mein Freund und Technikfreak W2, der so lange gerudert hat und jetzt endlich angekommen ist. Und da waren meine Eltern, auf die ich so wahnsinnig stolz bin, daß es mir die Sprache verschlägt, weil sie mich für das, was ich da gerade erlebe, nicht irgendwie komisch anschauen, sondern mich als ihr Kind darin vollkommen bestärken, mitfühlen und von ganzem Herzen bejahen.

Und da ist dieser Mensch, der mir die Welt bedeutet.
Am 16. 6. um 12:12h hat er mir eine E-Mail geschrieben.
Am 5. 9. haben wir erstmals miteinander telefoniert.
Es war schon viel, viel früher um mich geschehen, aber zu diesem Zeitpunkt sind alle Dämme gebrochen in mir, und da konnte ich das - vor mir - auch zugeben. “Bitte mißversteh mich nicht, aber: ich hab dich lieb” hat er damals gesagt, und ich bin zusammengeschmolzen zu einem flüsternden “ich dich auch.”

Heute trage ich einen Ring, meistens links, manchmal rechts, und frage mich täglich und nächtlich, welches Wunder da eigentlich passiert ist. Ich weiß Millionen Legionen hinter mir, hinter uns.

Denn wahrlich: da ist plötzlich ein “Wir”, und das ist das absolut Schönste und Beste und Wahrste, das mir bisher passiert ist. Das ist, so auf dem Isthmus zwischen 06 und 07, mein allergrößtes Wunder und mein allergrößter Schatz. Mein Leben.

[Fortsetzung folgt… viellleicht…]

9 Kommentare zu “Prolog 07”


  1. 1 gab

    ach j!
    dass ich den silvestermorgen, kaffee und mamas früchtebrot am schreibtisch, damit beginne, vor der http://www.diejulia.net zu sitzen während mir beim lesen die tränen herunterrinnen, hätte ich auch nicht geglaubt. keine pseudoaufmunternden phrasen von einem, der es auch nicht besser weiß; nur alles liebe von deinem gc

  2. 2 Ad

    wissen sie, werte julia, diese geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor. ich erinnere mich an einen tag im november, als ein typ, der üblicherweise eher berechnet und kühl agiert, zu einem haufen nervöser brösel wurde und dem sein körper drohte zu zerfallen, wegen grenzenloser nervosität. ich habe ihn dabei beobachtet, er zitterte und versuchte verzweifelt seine ängstliche gemütsverfassung mit unnötigen und lächerlichen aussagen zu überspielen, obwohl er in seinem kopf und seinem herzen bloß nur einen einzigen gedanken hatte. ich starrte dieses häufchen elend an, wunderte mich über die krachende röte in seinem gesicht, dachte kurz an einen notarzt, doch plötzlich ließ er den gedanken frei, wie einen vogel, der in die freiheit entlassen wird, atmete durch und fiel auf den boden, der mit weichen polstern ausgelegt war. ich begriff, er war gelandet.

    ich habe lange überlegt, was da eigentlich mit diesem menschen passiert war, wollte sogar darüber schreiben, doch meine finger verweigerten dies. nicht wegen einer schreibblockade, sondern weil das unbeschreiblich ist. und das bleibt es auch…

    resümee? naaa! fachartikel mit einer bewertenden zusammenfassung von individuellen gefühlen, in verbindung mit heftigstem herzklopfen, wären töricht bis lächerlich. ich wünsche bloß glück. doch eigentlich brauche ich das nicht, denn das ist, seit dem bestimmten tag im november, allgegenwärtig…

  3. 3 Rationalstürmer

    An sich mag ich ja solche Geschichten überhaupt nicht. Das liegt vielleicht an einem Erlebnis aus der Schulzeit.

    Ein Mäderl aus der Klasse - leider ein ganz dummes Huhn - sollte in der Geographiestunde den Isthmus von Tehuantepec auf der Landkarte zeigen und ist grandios und tränenreich gescheitert, obwohl sie der (zugegeben reichlich gemeine) Lehrer quasi mit der Nase hingedrückt hatte.

    Vielleicht liegts auch daran, dass ein Isthmus immer trennt und nicht eint, und dass ich das ebenfalls nicht mag. So, wie eben erst ein Ring vereint - auch wenn man das nicht überschätzen soll - und nicht schon die gestellte Frage nach der Ringgröße.

  4. 4 Ad

    wissen sie, werter herr ratio, isthmos ist tatsächlich eine geschichte, die ich ebenfalls nicht mag, doch wissen sie was? man kann dem entgegenwirken. zum beispiel durch einen umbau, oder einer verlagerung der angehäuften masse. bloß ein wenig arbeit und planung, die sich aber lohnt, weil sie enger verbindet.

    und, eine frage nach der ringgröße hat es nie gegeben, er passt einfach…

  5. 5 dieJulia

    Lieber gab, ich kenne dich, seit du ein Baby warst, und was soll ich sagen… ich hab deinen Kommentar bei einem ziemlich späten Frühstückskaffee am frühen Nachmittag gelesen und mich sehr, sehr gefreut. Weißt du, Vorsätze anläßlich eines neuen Jahres sind sowas von doof, aber eins sag ich dir: es wird echt Zeit, daß wir uns wieder öfter sehen.
    Alles Liebe! deine gc.

    Ad, Baby, Sie sind unbeschreiblich…

    Rationalstürmer, ich war jetzt gerade ein bißchen verunsichert, was meine Analogie betrifft und hab deshalb ganz verschämt auf Wikipedia nachgeschaut. Und ich glaube, ich liege nicht ganz verkehrt damit, wenn ich auch weiterhin behaupte, daß ein Isthmus ein relativ schmaler Streifen Land ist, der zu beiden Seiten von Wasser begrenzt ist und zwei größere Landmassen miteinander verbindet.

    Was dich nicht daran hindern soll, Geschichten wie diese nicht zu mögen.
    Und weißt du was? A guads Neichs wünsch i dir.

  6. 6 admin

    J2, das nehm ich dir übel :-)

    Aber die Pointe ist aufgelegt. Sorry, nachträglich.

    Ich heul grad deines Texts wegen.

    Und jetzt geh ich zum Billa und kauf mir einen Kakao und dann ist alles wieder rosa. Uargh.

  7. 7 Rationalstürmer

    Dir aa, i moan - eich. Des guade Neiche. Wauns baßt, daun baßts. Und etz oba gschwind aussa bei da Tür…

  8. 8 Wolf-Dieter Grabner

    Testkommentar

  9. 9 Opa

    Also in Coatzacoalcos war ich schon mal mit der St. Petri, einem Tanker. Aber auch ich hab da nix Trennendes gesehen. Aber vielleicht steh ich ja auch wieder mal beim Ratze aufm Schlauch.

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