2006… du warst schon ein gutes Jahr.
Archiv für December 2006
Aber sicher doch.
Neuheitenfeuerwerk statt Böllerkrachen. Und dazwischen ein bißchen Heimwerken und ein neugieriger Blick auf das unentdeckte Land…
Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. (Robert Jungk)
Ich stehe auf dem Isthmus.
Auf der Landenge zwischen gestern und morgen. Es ist der 31. Dezember, fünf Uhr früh.
Gerade habe ich ein Telefonat beendet, das Telefon in die Ladestation gestellt und mich an meinen Schreibtisch gesetzt.
Eigentlich sollte ich jetzt woanders sein. Wie oft habe ich mir das ausgemalt. Der Flughafen, die Ankunft, das wortlose Einverständnis, die heilige Dringlichkeit, mit der wir uns in die Arme fallen. Aber ich will nicht jammern. Das Leben ist manchmal, und ich formuliere das an dieser Stelle bewußt nicht wehleidig, das Leben ist manchmal richtig eigenartig. Irgendwer da oben gefällt sich darin, Pläne zu durchkreuzen, und obwohl ich mir keiner Schuld bewußt bin und kein Anzeichen von Vanitas oder sonstiger sträflicher Anwandlungen feststellen kann (ehrlich nicht!), hat jemand oder etwas beschlossen, daß ich an diesem letzten Tag im Jahr da bleiben muß, 900 Kilometer von der Liebe meines Lebens entfernt, daß ich am ersten Tag des Jahres 07 allein aufwachen muß, daß ich an dieser Landenge sitzen werde, Steinchen in die Tiefe werfend.
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Jemand hat mich am 22. November via Mail gefragt: sag mal: Kannst du dich auch ganz normal verlieben? Ich mein, so ein bisschen mit “Hm, weiss noch nicht” und “Ja, lass mal versuchen”?
Meine Antwort lautete: Nein, natürlich nicht! Ich könnte ja auch nicht “ein bißchen schwanger” sein. Was für eine Frage!
Normalität, was ist das eigentlich? Vor allem: was ist das eigentlich für eine Normalität… lauernd, taktierend, abwartend? Nein danke. Zum Teufel mit “ja, laß mal versuchen”.
Für mich hat immer nur die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit gezählt.
Wenn ich mir das vergangene Jahr so betrachte, gibt es ein paar Menschen, die mir sehr, sehr viel bedeuten. Da war zum Beispiel meine viel zu selten gesehene Freundin G. mit ihrer kleinen Tochter auf dem Schoß an einem Nachmittag im Mai. Da war mein Freund und Wahlbruder W., der mir alle Torheiten vergibt und alle seine Torheiten vor mir ausbreitet. Da war mein Freund und Technikfreak W2, der so lange gerudert hat und jetzt endlich angekommen ist. Und da waren meine Eltern, auf die ich so wahnsinnig stolz bin, daß es mir die Sprache verschlägt, weil sie mich für das, was ich da gerade erlebe, nicht irgendwie komisch anschauen, sondern mich als ihr Kind darin vollkommen bestärken, mitfühlen und von ganzem Herzen bejahen.
Und da ist dieser Mensch, der mir die Welt bedeutet.
Am 16. 6. um 12:12h hat er mir eine E-Mail geschrieben.
Am 5. 9. haben wir erstmals miteinander telefoniert.
Es war schon viel, viel früher um mich geschehen, aber zu diesem Zeitpunkt sind alle Dämme gebrochen in mir, und da konnte ich das - vor mir - auch zugeben. “Bitte mißversteh mich nicht, aber: ich hab dich lieb” hat er damals gesagt, und ich bin zusammengeschmolzen zu einem flüsternden “ich dich auch.”
Heute trage ich einen Ring, meistens links, manchmal rechts, und frage mich täglich und nächtlich, welches Wunder da eigentlich passiert ist. Ich weiß Millionen Legionen hinter mir, hinter uns.
Denn wahrlich: da ist plötzlich ein “Wir”, und das ist das absolut Schönste und Beste und Wahrste, das mir bisher passiert ist. Das ist, so auf dem Isthmus zwischen 06 und 07, mein allergrößtes Wunder und mein allergrößter Schatz. Mein Leben.
[Fortsetzung folgt… viellleicht…]
It’s a 106 miles to chicago, we’ve got a full tank of gas, half a packet of cigarettes, it’s dark and we’re wearing sunglasses.
Hit it.
Scheibenwischer. Auch so ein Wort.
Regen. Dunkler, schwerer Regen. Der Himmel rinnt aus, weiß Gott, was da passiert ist. Vielleicht gibt es auch keinen Himmel mehr. Ich kann nichts sehen, überall Wasser, vielleicht bin ich schon lange nicht mehr auf der Straße, sondern auf dem Grund eines sehr tiefen, sehr kalten Sees, aber ich gebe Gas wie eine Verrückte, ich kann nicht aufhören. Den Rückspiegel hab ich beim Fenster hinausgeworfen, vielleicht verliebt sich ein kleiner Fisch in sich selbst, wenn er ihn findet. Hit the road, genau. Schlagen ist gut. Ich will sie kaputtschlagen, totschlagen, ihr richtig weh tun, sie bluten sehen, sie in einem Ausbruch brachialer Wut zu Brei verarbeiten und dann auf ihre jämmerlichen Reste spucken. Die Straße, die Zeit. Dieses schwarze, viel zu lange Band, an dessen Ende eine Ankunft wartet, Exit 07, blinken, bremsen, ausrollen lassen, endlich stehenbleiben.
Ich habe mich verrechnet, der Weg ist viel weiter als ich dachte. Die Nacht viel länger und dunkler als angenommen, und Regen, soviel Regen, ich werde mir wohl Schwimmhäute wachsen lassen müssen und Kiemen, let’s do the evolution, baby, let it all begin to swim -
Here comes the replay of an old dream
I was dreaming when I was a small boy
Turn around Turn around
I’m in a drier in the kitchen
In a tornado of shirts and towels
Turn around Turn around
Tonight’s different the dream’s not ending
The drier opens the water’s streaming out
It fills the house and fills the house
I am the swimmer in the old house
The water slowly fills the rooms
I turn around Turn around*
[*Lyrics: The Nits]
Alles, was hier geschrieben sein sollte, ist zu groß, um hier hin zu passen.
Wissen Sie, ich bin ein sentimentales Ding, manchmal. Aber ich weiß auch, wann es sich und mich zu beherrschen gilt, und ich kann den Sekunden und Minuten und Stunden standhalten. Mein Rücken ist breit. Zumindest bin ich fähig, mir das einzureden. Glaubhaft. Wissen Sie?
Offengestanden bin ich, was Musik anbelangt, eine äußerst sture und missionsresistente Person. Es gibt nur wenige Menschen, von denen ich Empfehlungen annehme, weil mich ihr Geschmack interessiert. Vor allem habe ich gegen alles, was sich in das so zerschlissene wie hippe Mäntelchen Indie oder von mir aus Alternative hüllt, gröbste Vorurteile. Musik mit Hornbrille, das, was in Österreich “FM4-Musik” genannt wird, Musik, die sich Leute anhören, um sich vom - in ihren Augen - indiskutablen Rest der Menschheit abzuheben, nicht weil sie ihnen gefällt; “Ich bin so anders als ihr”-Musik verursacht mir Sodbrennen und ärgste Verachtungstendenzen, die sich gegen das dumpfbackige Zielpublikum richten.
Unter anderem aus diesem Grund beißt man bei mir ganz offengestanden generell auf Granit, wenn man mich mit selbst zusammengestellten Samplern zu beglücken versucht. Ich fürchte geschmackliche Peinlichkeiten genauso wie missionierendes Hervorkramen angeblicher Kostbarkeiten und gebe solchen Geschenken nur in sehr schwachen Momenten eine Chance - um mich anschließend innerlich darüber lustig zu machen und das Ding schnell in die Rundablage zu befördern. So bin ich halt nun einmal.
Heute kam ein Päckchen. Luftpost. Mit einem kurzen, herzlichen Brief und einer selbstgebrannten CD.
Dieses Mal war ich ausgesprochen neugierig, wenngleich durchaus mißtrauisch, wie ich gestehen muß, und so fand sie, kaum daß ich mir den Mantel ausgezogen hatte, den Weg in den CD-Player, der sie zunächst nicht spielen wollte. Nach langem guten Zureden (und der einen oder anderen Drohung, ihn aus dem Fenster zu werfen) hat er sie schließlich doch noch angenommen.
Und da sitze ich jetzt und höre Perlen und bin wirklich berührt. Kriegt einen Ehrenplatz in meiner Sammlung, die CD…
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Außerdem: Um Mitternacht in der elterlichen Küche zu stehen und dem Vater dabei zuzuschauen bzw. zuzuhören, wie er mit dem Liebsten telefoniert, ist übrigens eine Erfahrung, die ich nimmer vergessen werde… Gut zu wissen, daß die beiden sich mögen. Wallensteins Hund inbegriffen. ;-)
Und, ein bißchen traurig ist es schon, aber leider muß an dieser Stelle erwähnt werden, daß James Brown am Wochenende verstorben ist. Have a nice journey, Godfather, und ich bin sicher, daß du den Himmel aufmischen wirst wie nur was… thank you for the music, du weißt schon. Gut, daß ich dich noch gesehen habe im November.
… sollte an dieser Stelle ein herzhaftes “Fröhliche Arschnachten, Ihr Weinlöcher” stehen.
Ich bin nicht so der Weihnachtstyp. Ich finde das hysterische Getue rund um diese Tage sehr daneben. Ich bin der Überzeugung, daß es kein spezielles Datum braucht, um Menschen, die man mag, Geschenke zu machen oder Zeit miteinander zu verbringen. Ich schaue schon jahrelang nicht mehr fern und höre kein Radio. Ich besuche keine Weihnachtsmärkte. Ich sehne keinen Schneefall herbei, weil sich “das so gehört”. Ich halte mich da raus. Soll jeder, wie er will. Ich persönlich will nicht. Aber ich vergönne es jedem, der es mag.
Allerdings: es ist auch so, daß ich zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag immer frei habe, weil der Verlag, in dem ich arbeite, zu dieser Zeit zwei Wochen Betriebsurlaub macht. Deshalb ist diese Zeit für mich immer auch eine, in der ich aus meinem Alltag falle, in der sich meine Tage und insbesondere die Nächte einer anderen, natürlicheren Struktur anpassen. Seit Jahren habe ich das Ritual, am 24. Dezember zu meinen Eltern zu fahren, 300 Kilometer, über eine angenehm leere Autobahn, irgendwann am frühen Nachmittag, wenn schon lange niemand mehr unterwegs ist. Diese Fahrt ist eine wichtige und schöne, sie signalisiert viel Zeit für mich und meine Familie in den kommenden Tagen. Während das eintönige Band der Autobahn an mir vorbeizieht und mein Körper fast schon automatisiert das Auto steuert, geht mein Hirn ein bißchen spazieren, durchstreift das vergangene Jahr, hebt da oder dort eine Erinnerung auf und besieht sie sich.
Heuer wird es anders sein.
In ein paar Stunden werde ich unterwegs sein und meinen Körper von A nach B steuern, in einem wunderlichen Vehikel aus Blech und Kunststoff. Die Landschaft wird an mir vorüberziehen, und aus den Boxen wird Musik tropfen, die ich mag. Kein Autoradio. Höchstens der Verkehrsfunk. Und meine Gedanken werden nicht in der Vergangenheit sein, dieses Mal.
Sie strecken ihre Fühler nach der Zukunft aus, die schon begonnen hat. Nach einer neuen Ankunft, die mich umgibt wie ein warmer Mantel. Nach einem ganz neuen Kapitel, das mir Geborgenheit schenkt und Sicherheit und Daheimsein. Etwas, das mich aufrechter gehen läßt als je zuvor. Und ich spüre dieses neue Lächeln an mir, das mich seit ein paar Wochen begleitet.
Und vielleicht ist dieses Gefühl so etwas wie Weihnachten in seinem ursprünglichen Sinn.
Wissen Sie, liebe Leserin, lieber Leser… wißt Ihr, liebe Mates und Soulmates da draußen: Haben Sie es, habt es einfach schön dieser Tage. Ganz egal ob mit oder ohne Christbaum, Kinder, Verwandtenbesuche, Völlerei und Firlefanz.
Oder meinetwegen, für alle, die da drauf stehen: Frohe Weihnachten!
