Sonntag (Nachmittag): Nach einem Telefonat mit dem Menschen, der mir die Welt bedeutet, renne ich durch die Stadt anstatt daheim die Wände hochzugehen, bis ich befürchte, gleich einen Schwächeanfall zu erleiden. Eine Mahlzeit in drei Tagen, da kann der Blutzuckerspiegel nicht wirklich in einem gesunden Bereich liegen. Ich bleibe an einer Kreuzung stehen und verfolge, wie ein Windstoß hunderte Blätter von einem Baum pflückt und durch die Luft tanzen läßt. Die Szene ist so voller Anmut, daß ich meine Grünphase verpasse. Ein kleiner Bub mit einem dieser omnipräsenten Tretroller dreht sich auf der anderen Straßenseite nach mir um und schaut ziemlich ratlos aus. Ich muß lachen und warte brav, bis wieder grün ist, in einem sanften Rieseln gelber Blätter.
Ich setze meinen Spaziergang fort, notiere mir in Gedanken ein Reptiliengeschäft, wo man gegen eine Futterspende von 3 Euro die Krokodile und andere Echsen anschauen kann, lande schließlich am Westbahnhof. Als ich schon gehen will, fällt mir ein Plakat auf, die neue Beatles-CD um 13 irgendwas. Und weil ich dieser Tage einen typisch österreichischen Verriß eines dämlichen Komikers in irgendeiner Indiepolizeiredaktion gelesen habe, kehre ich noch einmal um und kaufe sie.
Unterwegs fällt mir ein, daß ich mir eigentlich was zu essen kaufen wollte, aber ich könnte mich sowieso nicht dazu aufraffen, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Also fahre ich heim. In meiner Wohnung angekommen, stelle ich erst einmal Kaffee zu und verfüge mich dann an meinen Schreibtisch. Dort stelle ich fest, daß ich ohne die Geräte, die da so herumstehen, wirklich ernsthaft aufgeschmissen wäre. Mein Rechner, mein Telefon. Mein Tor zur Welt. Warum hat eigentlich noch keiner das Beamen erfunden? Mir ist ein bißchen zum Heulen, aber als ich die CD starte und mir ein bis auf sein Grundgerüst enthülltes “Because” in die Gehörgänge gesennheisert wird, ist das ein so intimer und unerhörter Moment, daß die Zeit stehenbleibt und ich den Eindruck habe, Musik von einem weit entfernten Planeten zu hören, der vor mir noch kein Mensch je lauschen durfte. Mir zittern die Knie.
Nach ungefähr fünf Nummern weiß ich nicht nur augenblicklich, welche Genies die Beatles, die ich seit Kindesbeinen an kenne und liebe, waren und worin die wechselseitige Abhängigkeit von John Lennon und Paul Mc Cartney bestand (ich könnte das aber im Moment keinem Menschen auseinandersetzen), sondern möchte vor George Martin niederknien, der mit diesem Album ein Meisterwerk geschaffen hat. Ich beschließe, Mama anzurufen und aus rationalen Gründen Spinat zu essen.
Mama wird von den neuesten Wendungen meines Lebens in Kenntnis gesetzt und freut sich mit mir, anstatt mir angesichts der wahrlich nicht einfach zu vermittelnden Geschichte den Vogel zu zeigen. Dafür liebe ich sie. Die Hälfte des Spinats schaffe ich, die andere wandert leider in den Mülleimer. Ein paar Vitamine werden wohl hängengeblieben sein.
Mein Telefon läutet, und ich weiß, wer dran ist, ohne aufs Display schauen zu müssen. Ich bin so verliebt in seine Stimme, daß ich am liebsten in das Telefon kriechen würde. Wir fragen uns, weshalb Popeye eigentlich Spinat aus Dosen konsumierte und wie ich diesen Elefanten in meine Küche brachte und planen ein bißchen in der Zukunft herum wie zwei kosmische Kinder. Wenn ich ihn nur höre, schwebe ich zwei Zentimeter über dem Boden.
Es ist so ca. 23 Uhr, als wir auflegen.
Ich wende mich wieder den Beatles zu, als ich aus dem Augenwinkel sehe, daß mein Telefon schon wieder läutet. Ich rufe zurück, das ist natürlich Popvatern. Wir führen eins dieser nächtlichen Gespräche, in denen wirklich Wesentliches gesagt wird, irgendwann höre ich, wie Mama kurz in die Küche kommt. Ich wünsche ihr eine gute Nacht, Papa und ich legen auch bald auf. Es ist halb eins.
Ich beschließe, heute einmal früher ins Bett zu gehen und liege so gegen eins auch tatsächlich in der Falle. Noch einmal höre ich mir “Because” an, und plötzlich fühle ich mich so einsam und verloren wie ein ausgesetzter Welpe in einer Winternacht. Ich habe plötzlich einen Riesenbatzen Angst, daß alles nichts ist, aber irgendwann weicht dieses Gefühl einem großen, tiefen Urvertrauen, in das ich mich fallen lasse.
Um 2.55h bin ich wach. Und zwar richtig wach. Unerhört wach. Gibt’s wo ein paar Bäume zum Ausreißen? Einen Marathon zu laufen? Ein paar Baumstämme zu werfen? Um Punkt 3 Uhr stehe ich also auf. Stockfinstere Nacht. Was kann man machen? Ich schaue mir wieder einmal Jackie Brown an, unternehme dann einen kleinen Spaziergang durch die sich räkelnde Stadt in einer seltsam milden Luft, bin um halb sieben wieder zuhause, mache mir Kaffee und warte darauf, ins Büro fahren zu können, das erst ab acht Uhr besetzt ist.
Und das ist der Stand der Dinge.