“Anna” (zu Papier gebracht 1995)
Sie kommt in das Zimmer und schließt die Türe mit einem überlegenen Lächeln. Hallo, sagt sie mit ihrer dunklen Stimme, hallo, ich hoffe ich störe dich nicht.
Ich ignoriere ihre Höflichkeit und erwidere dennoch, was mich irgendwo im Dunkel meiner Bauchgegend ärgert,
Schön, daß du gekommen bist.
Und das meine ich eigentlich irgendwie auch so, wie es mir beinahe ungewollt über die Lippen gekommen ist, aber etwas ist falsch und klischeehaft daran und macht die Szene für meinen Geschmack nahezu lächerlich- jedenfalls am Rand.
Sie hat einen Schwall Winter mit ins Zimmer gebracht, diesen rauchigen Geruch von Reinheit und Unschuld, der mich immer an meine Kindheit am Land erinnert und archaische Bilder von verschneiten Landschaften und dunklen Holzhäusern heraufbeschwört, aus deren Schornsteinen weicher, wattehafter Rauch aufsteigt in einen bleigrauen Himmel, der allmählich in ein sanftes Schneien birst.
Ihre kastanienfarbenen Locken befreit sie nun aus dem eleganten grauen Kaschmirschal. Sie hält ihn in der Hand und sucht mit routiniertem Blick (und wieder der kleine heiße Stich in meinem Bauch über so viel diffuse Unverfrorenheit) nach etwas zum Aufhängen; dort drüben höre ich mich brav und wie auf Kommando sagen, während ich fassungslos jeder ihrer Gebärden folge, und sie lächelt mich an, als sie aus dem schmalen langen Mantel schlüpft und ihn gemeinsam mit dem Schal auf den Kleiderständer hängt. Der Schal ringelt sich wie eine giftige Schlange.
Ja - nett hast du’s hier, sagt sie und schaut sich ungeniert um. Direkt amtlich. Sie lacht.
Du magst doch Kaffee, fällt mir endlich ein, und ein wohliger Stich bei ihrer weichen dunklen Stimme: oh ja, sehr gerne, danke.
Ich gehe in die kleine Küche und fülle Wasser in die Kaffeemaschine, froh über die Ablenkung (jetzt ist sie da!). Ich nehme zwei Tassen aus dem Holzregal und auch Unterteller, öffne die Lade und hole Löffel heraus, lege sie sorgfältig auf die Unterteller, als ginge es um einen Staatsbesuch. Es ist ein verdammter Staatsbesuch, scheiße. Meine Hände zittern. Die Maschine brodelt. Es duftet bereits nach nachtschwarzem Bohnenkaffee.
Aus meinem Wohnzimmer ertönen plötzlich Bachs Violinkonzerte, und ich fühle mich wie unangenehm berührt. Das ist doch lächerlich, denke ich mir, ich liebe Bach, ich gehe auf in dieser Musik. Und ungehalten suche ich nach dem ansehnlichen Rest von Mamas Marmorkuchen. Ich finde ihn beim Adagio und schneide ihn säuberlich auf, gebe die Stücke auf einen Teller, stelle alles auf ein Tablett und trage es ins Wohnzimmer. Minutenlang tauschen wir Nichtigkeiten aus.
Anna, sage ich dann, und mein Magen verknotet sich. Was soll das, wie stellst du dir das vor -
Sie sieht mich nur an mit lachenden Mandelaugen, dunkle Teiche in den Wäldern meiner Kindheit.
geh nach Hause, tönt eine müde Stimme in meinem Inneren und greift mir an die Brust. Geh heim - aber wo ist das? Was immer du auch vor hast, tu es nicht, nicht nocheinmal. Es ist nicht gut, sie nützt dich ja doch nur aus. Ich gieße uns beiden Kaffee ein. Du wirfst mir mein Leben über den Haufen, Anna -
Die Hölle, das sind die anderen, nicht wahr? Anna angelt sich ein Stück Zucker und läßt es in den Kaffee fallen. Das Adagio vergeht unendlich zart und traurig - ich halte das nicht aus und schalte ab. Jetzt rauscht nur mehr die Stadt herauf, gedämpft, ein paar Flocken wirbeln gegen das Fenster. Weißt du- sage ich und rühre meinen Kaffee um und nehme mir ein Stück Kuchen. Ich kann nicht weitersprechen. Anna sieht mich zuerst konsterniert an, dann ehrlich amüsiert. Hast du ein Problem damit, fragt sie spöttisch und sieht mich klar an.
Anna, ich bin kein Single-
Und? Ist etwas dran, wenn wir ins Kino gehen oder essen, oder wenn du von Zeit zu Zeit bei mir schläfst, oder ich bei dir?
Es ist unrecht, entfährt es mir, und sie gibt ein wenig scharf zurück: Wo steht das geschrieben? Es fällt mir keine Antwort ein. Sie hat sich die Fernbedienung vom Tisch geschnappt und schaltet die Anlage wieder ein. Ich sehe sie an und lege den blöden Kuchen zurück. Sie ist so wunderschön, daß es mir beinah den Atem verschlägt, und ich kann nicht anders, ich stehe auf und trete hinter sie, Anna, was machst du nur mit mir-, ich streichle über ihr weiches Haar, ich küsse ihren weißen Hals, ihren zarten Nacken, das Violinkonzert schwillt zu einer unglaublichen gläsernen Wolke an, deren Intensität kaum auszuhalten ist, und ich finde mich in einem heißen Knäuel mit ihr wieder, unten am Teppich, ich höre ihr leises dunkles Lachen nah an meinem Ohr und atme ihren Duft. Und wieder überkommt mich diese grenzenlose Verwunderung über meine Gefühle dieser Frau gegenüber, Gefühle, wie ich sie mir nie im Leben ausgemalt habe, als ihre weichen Lippen meinen Mund berühren und wir uns küssen.
Anna?
Ich höre das satte Schnappen der Wohnungstüre, bin wohl eingeschlafen. Schock. Dann Erleichterung, weil ich mich alleine wiederfinde, ihr Parfum noch hingehaucht in mein Kissen. Ich schrecke auf. Unsicher. Schatz, bist du’s?
Ja. Bist du hungrig? Ich sehe, du hattest Besuch.
Ja-, ich muß grinsen, ganz gegen meinen Willen. Ja, äh, Anna war hier, eine Freundin. Und dann habe ich noch ein Nickerchen gemacht.
Die Tür zu meinem Schlafzimmer geht vorsichtig auf, und mein Mann steht mit diesem ganz gewissen Glitzern in den Augen im Raum. Was für eine Woche… gut daß endlich Freitag ist. Ach Schatz, ich liebe dich. Ein kleiner Rest von schlechtem Gewissen ist in mir zurückgeblieben, doch eigentlich hat sie recht, meine seltsame Freundin.. was ist Schlechtes dabei gewesen. Außerdem muß es ja schließlich keiner wissen…
Er kommt auf mich zu und umarmt mich - ganz anders als sie. Und während ich mich an ihn schmiege, muß ich von ganz unten herauf kichern, und die Illusion von Anna zerstiebt zwischen seinen Küssen und dem Bettlaken.
