endlich wieder Gosausee

wenigstens wieder einmal ein paar Fotos in diesem Theater…

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Grenzerfahrungen am Lande, heute: Schuhkauf im Winter

Als ich das Geschäft – die erste Adresse für Wintersportausrüstung und -bekleidung hier im Ort – betrete, weiß ich mit jeder Faser meiner Existenz, wie sich Howard Carter in der Vorkammer des Grabes von Tutanchamon gefühlt haben muß. Klamm. Nervös. Voller Angst vor der Niederlage, wütenden Dämonen und Grabräubern. Sehnsüchtig. Bang und gierig und darauf vorbereitet, daß sein Lebenstraum gleich zu Staub zerfallen oder sich erfüllen könnte.

Im Bemühen, mir meinen emotionalen Ausnahmezustand nicht anmerken zu lassen, versuche ich ein zittriges Lächeln auf meine Lippen zu montieren, schlendere betont lässig zu den Regalen mit den Skischuhen, wiege mit prüfendem Kennerblick einen – äh – Snowboardschuh? in der Hand und lasse meinen Blick über eine ansehnliche Ausstellung technisch perfekter Laufschuhe wandern, ehe mich die Sportartikelfachverkäuferin entdeckt und forschen Schrittes auf mich zukommt: “KANN ICH IHNEN HELFEN?”
Ich verknote meine eiskalten, verschwitzten Hände in einer universellen Geste der Demut in meine Manteltaschen, schmiege mich zitternd an den Mann und flüstere, den Blick gesenkt: “Ich suche… ich suche… haben Sie… Sie haben nicht zufällig noch Winterschuhe?”
Die Sportartikelfachverkäuferin, eine langgediente Veteranin der CIA, die in ihrer Jugendzeit mit besonders gerissenen Verhörmethoden aufgefallen und später zu den Russen übergelaufen ist, bevor sie hier anfing, heuchelt Verständnis. “Win-ter-schu-he”, sagt sie langsam, und ein Lächeln wie die Andeutung eines Wintersonnenaufgangs im Nebel beginnt sich in ihren aufmerksamen Zügen abzumalen, “Winterschuhe. WINTERSCHUHE!”. Sie lächelt mich versonnen an, gibt mir die Chance, jetzt in wildes Gelächter über diesen großartigen Witz auszubrechen, mir johlend auf die Schenkel zu hauen “Arr-arr-arrr, Winterschuhe! Im Jänner! Haha! Nein, ich brauche natürlich Trekkingsandalen! Einen Bikini! Nordic Walking-Stöcke! Win-ter-schu-he! Muahahahahahaha!” –
aber ich schweige nur betreten, scharre mit den Fußspitzen in der hellmanhattan-grauen Auslegeware herum und krächze mit letzter Kraft und dünnem Stimmchen: “Ja. Winterschuhe. Meine sind nämlich…” ich hebe probeweise einen Lidrand, um einzuschätzen, ob sie mich schon mit Feuerbällen bewirft, oder ihr schon Hörner aus der Stirn wachsen, und füge hastig hinzu: “meine sind nämlich kaputt gegangen.” Als Beweis strecke ich mit rasendem Puls, trockener Kehle und verkrampftem Magen den rechten Fuß ein winziges Stückchen nach vorne, damit sie sieht, in welch erbärmlicher Verfassung sich mein aktuelles Schuhwerk befindet, schließe die Augen und bereite mich auf den Todesstoß vor. Als ich ein Auge wieder öffne und die angehaltene Luft langsam wieder ausströmen lasse, bin ich noch nicht tot. Die Sportartikelfachverkäuferin schenkt mir einen Blick, den sich der Inhaber eines Schädlingsbekämpfungsunternehmens für besonders kecke Kakerlaken aufspart, und klärt mich in etwa dem Tonfall, mit dem der Terminator mit Sarah Connor verkehrte, auf:
“WINTERSCHUHE kriegen wir im OKTOBER. Die sind schon seit Monaten restlos ausverkauft!” Die ersten Leute schauen schon mit verächtlichen Gesichtern zu uns her. Ich umklammere die Hand des Mannes, rechne mir die Chancen aus, durch den Haupteingang zu türmen, verwerfe sie wieder und frage dann mit dem Mut der Verzweifelten: “Aber vielleicht ein Restpaar?”

Jetzt malt sich in die Züge der Sportartikelfachverkäuferin ein klitzekleines bißchen Respekt vor soviel Schneid. Resolut schubst sie mich in Richtung Kassa und deutet auf einen verwaisten Schachtelturm, den ein einzelnes, klobiges, durchfallbraunes Etwas um 89,90 ziert, das aussieht, als wäre es bei einer nordkoreanischen Militärparade am Straßenrand liegengeblieben. Herrisch deutet sie mit dem Kinn darauf, ihre Augen rollen wild, Dampf steigt von ihrem Haupt auf. “DIE HIER hab ich noch. Immerhin absolut wasserfest!”
“Diegefallenmirabernicht”, rufe ich, werfe dem Mann einen raschen Blick zu, er nickt unauffällig, und unter Mobilisierung unserer letzten Kraftreserven sprinten wir aus dem Laden, weichen den Blitzen aus, die der Sportartikelfachverkäuferdämon uns nachschleudert und das Ortszentrum in Schutt und Asche legen und kommen knapp, nur knapp, zwar ohne Schuhe, aber mit unserem nackten Leben davon.

***

Zehn Kilometer weiter, in einer völlig anderen Dimension und einem völlig anderen Geschäft, nehme ich eine halbe Stunde später weinend vor Dankbarkeit das letzte käuflich erwerbbare Paar Salomons der gesamten Region entgegen, die mir zwar eine Nummer zu groß sind, ansonsten aber jeglichen Anspruch an Winterschuhe erfüllen – und morgen, gleich morgen, werde ich in den Keller gehen und mein Schuhwerk für die warme Jahreszeit sichten, damit ich mir eine weitere Nahtoderfahrung erspare, indem ich beispielsweise eines schönen Maientages unbedarft wie ein grenzdebiles Greenhorn nach Trekkingschuhen frage.

Loama Lisi-Kuchen

Neulich hat mir die Frau Katze im Rahmen eines sehr netten Besuches bei ihr ein absolut wundervolles Schokoladenkuchenrezept verraten, das ich heute ausprobiert habe – und das hier unter keinen Umständen unerwähnt bleiben darf, weil: so saftig, schokoladig und zart ist mir noch nie einer untergekommen. (“Loama Lisi” ist übrigens der Name einer Goiserin, von der es stammt – an ein paar Stellen wurde es durch die mündliche Tradierung und das Niederschreiben durch meine Wenigkeit natürlich sicher schon leicht modifiziert, aber wir sind ja hier keine Erbsenzähler, nicht?)

Für Frühlingsdiät-Adeptinnen eignet sich der Kuchen natürlich eher nicht, obschon an dieser Stelle nicht ungesagt bleiben soll, daß er in dieser Form wenigstens ausgesprochen bio, also somit auch quasi voll Bobo-tauglich ist. Aber der Geschmack! Die Konsistenz! Einfach zum Niederknien…

Wir brauchen:

250 g (Biobergbauern-) Butter
250 g (Dinkelvollkorn-) Mehl (erhältlich zB in der Bäckerei Maislinger)
6 kleine (Biofreiland-) Eier*
120 g (Biorohr-) Zucker**
2 EL Honig***
200 g Haushaltsschokolade mit hohem Kakaoanteil (in meinem Fall aus dem Hause Manner)
200 g geriebene Haselnüsse****
ev. einen Schuß (Biobergbauern-) Milch
die Schalen von anderthalb Biozitronen
ca. 2 EL Staubzucker (für die Glasur)*****
kein Backpulver!

die Herstellung geht ganz leicht, und zwar wie folgt:

1) Butter auf Zimmertemperatur bringen, Schokolade im Wasserbad (oder einfach mit ganz wenig Milch in einem Topf auf kleiner Flamme) schmelzen und etwas auskühlen lassen.
2) Eiklar vom Dotter trennen.
3) Eiklar mit etwas Zucker zu sehr steifem Schnee schlagen.
4) Butter, Dotter, Schale einer halben Zitrone und den Zucker mit dem Mixer zu einer flaumigen Masse verarbeiten; den Honig, die geschmolzene Schokolade und die Haselnüsse gut unterrühren – eventuell mit einem Schuß Milch nachhelfen, wenn’s bröselt.
5) vorsichtig und mit nicht zu viel Schmackes den Eischnee unterheben
6) das Mehl drübersieben und rasch und vorsichtig einarbeiten (bitte nicht mit dem Mixer und nicht zu grobianisch – sonst wird die Sache nachher nicht so fluffig…)
7) die Masse auf ein Backblech streichen und sofort bei ca. 200 Grad ins vorgeheizte Backrohr, auf mittlerer Stufe ca. 10 Minuten backen, dann Hitze auf ca. 150 Grad reduzieren und noch +/- 40 Minuten weiterbacken (kommt halt aufs Rohr und die Erfahrungswerte an.)
8) den Staubzucker mit Zitronenschale und ganz wenig warmem Wasser zu einer sämigen Masse anrühren
9) den fertigen Kuchen ein bißchen überkühlen lassen, mit einem Pinsel die Glasur darauf verteilen und auskühlen lassen.

10) das Resultat genießen… :)

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* das Original sieht vier Eier vor
** das Original sieht 250 g Zucker vor
*** die Idee mit dem Honig kam von mir
**** oder was man halt favorisiert
***** Glasur oder nicht Glasur ist eine reine Glaubens- und vor allem Geschmacksfrage – ich mag sie normalerweise nicht, aber hier ist sie in meinen Augen ausnahmsweise einmal absolut unerläßlich.

Zweitausendzehn

1. Zugenommen oder abgenommen?
Weder/noch.

2. Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Und grauer.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Nach wie vor recht normalsichtig.

4. Mehr Kohle oder weniger?
Mehr.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr. Und für lustvolle Dinge (Kamera, Optik, Bücher…) noch dazu. :)

6. Mehr bewegt oder weniger?
2010 war jetzt nicht das Jahr der Kraftakte. Aber es war ein Hochplateau-Jahr. Also langes, gleichförmiges Dahinstiefeln ohne besondere Höhen und Tiefen – aber auch ohne besonders atemberaubende Wegpunkte. Ein bißchen so ein Kuchen-ohne-Rosinen-Jahr. Aber ich steh eh nicht so auf Rosinen.

7. Der hirnrissigste Plan?
Sowas gab es in diesem Jahr auch nicht.

8. Die gefährlichste Unternehmung?
Dito.

9. Der beste Sex?
Ja.

10. Die teuerste Anschaffung?
Bruno, der pechschwarze Corolla Verso.

11. Das leckerste Essen?
Mutterns Kalbsbraten.

12. Das beeindruckendste Buch?
2010 hab ich viel und viel mir Neues gelesen. Das großartigste Buch war für mich Jonathan Franzens “Die Korrekturen” (das 2001 erschien).

13. Der ergreifendste Film?
Die Stadt der Blinden (2009). Der großartigste Film: District 9 (2009). Der überraschend witzigste Film: Repo Men (2010). Der überraschend guteste Film: Predators (2010). Der sympathischste Film: Watchmen (2009). Der trashigste Film (nicht ohne Unterhaltungswert): Zombieland (2009). Der gut-schlechteste Film des Jahres: Surrogates (2010). Der trotz wohlwollender Vorfreude enttäuschendste Film: Splice (2010). Ein mehrmals gesehener Lieblingsfilm in 2010: Star Trek (2009). Der fesselndste Film: Inception (2010).

14. Die beste CD?
Peter Gabriel: Scratch My Back. Massive Attack: Heligoland. Georg Breinschmied: Brein’s World.

15. Das schönste Konzert?
Mnozil Brass: Das Gelbe vom Ei (an einem wunderschönen Sommerabend auf DVD)

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?
der Bewältigung des Problems, in einem Job zu sein, der zwar angenehme Rahmenbedingungen wie genug geregelte Freizeit und ein gutes Gehalt bringt, andererseits aber, vor allem was das Zwischenmenschliche betrifft, meilenweit von den traumhaften Bedingungen entfernt ist, die ich in meinem Leben schon einige Jahre genossen habe.

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?
den Menschen, die mir viel bedeuten (auch wenns distanzbedingt manchmal nur mailend war) und den Dingen, die ich eben gern tu – sonnen, schwimmen, lesen, Fotos machen,…

18. Vorherrschendes Gefühl 2010?
Ufftata, ufftata.

19. 2010 zum ersten Mal getan?
Im Gosausee geschwommen, den Dachsteingletscher im Visier und unter mir das dunkelgrün-pechschwarze Wasser.

20. 2010 nach langer Zeit wieder getan?
Mit dem Mann prustend und schnaubend bei einer Schneeballschlacht durch die Felder getobt.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
der Dauerregen im “Sommer”, die unguten Vibes im Arbeitsumfeld, der tägliche Zwang zum Frühaufstehen und die daraus resultierende Dauermüdigkeit.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
“Damit solltest du jetzt schön langsam wirklich zum Arzt gehen.”

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Meine Zeit, von der ich gefühlt immer viel zu wenig habe.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
ist immateriell.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
“Wochenende, Baby!”

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
ist mir nicht in Erinnerung.

27. 2010 war mit einem Wort …?
hmnja.

Zwischendurch: Fotos

Madame hat nämlich eine neue Kamera und eine neue Optik. Da müssen wir jetzt durch!

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31 Tage – 31 Bücher/Tag 7

Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert

Komischerweise ist diese Frage für mich am schwierigsten von allen zu beantworten und diejenige, auf die ich keine spontane Antwort geben kann. Bücher erinnern mich eigentlich an niemanden. Eine Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln ist immer wie ein Stück Neuland, das man betritt, und mit dem man Seite für Seite immer vertrauter wird. Sicher ist es so, daß es punktuell immer wieder (Ab-)Sätze gibt, bei denen man aufspringen und jauchzen will “jajajajaja! Genau so ist das! Genauso fühlt sich das bei mir auch an!”. Und wie schon kürzlich erwähnt, ist es bei mir auch so, daß ich Spuren von mir selber in Büchern wiederfinde, wenn ich sie zum wiederholten Male lese (und damit meine ich jetzt nicht den Kaffeerand einer schmutzigen Tasse oder den schokoladigen Fingerabdruck). Aber daß mich ein Buch an eine bestimmte Person erinnert – nein, so ist das nicht. Es ist viel komplexer. Vielleicht ist das auch so, weil man Bücher, anders als Filme oder Theaterstücke oder Städte (oder Songs!), schließlich nur allein betreten kann. Daß man in ihnen für die Zeit des Lesens allein ist mit den handelnden Personen – kein gemeinsames “Aaaaaach” oder “wo-ho!” wie beim Filmgucken, kein “hast du das rote Auto gesehen, daß da grad durchs Bild fuhr?”. Lesen passiert ja nicht in einem streng bemessenen Zeitrahmen – also selbst wenn zwei etwa gleich schnelle Leser mit einem ähnlichen Geschmack ein und dasselbe Buch zugleich und ohne Pause lesen würden, würden sie doch nicht an genau denselben Stellen hängen bleiben und sich etwa gegenseitig zurufen “Wahnsinn, die Frau in dem roten Kleid!” (Oder vielleicht etwa doch? Wäre einmal ein interessantes Experiment…).

Jedenfalls denke ich bei Büchern ganz schlicht und einfach immer nur an ihren Inhalt, nicht an einen real existierenden Menschen. Wenn ich in meinem Hirn irgendwann auf eine Ausnahme stoßen sollte, werde ich aber sofort Bescheid geben.

31 Tage – 31 Bücher/Tag 6

Tag 6 – Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)

Naja. Gegenfrage könnte lauten: “Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Frage etwas anspruchsvoller zu stellen?”
Aber doch – ein interessantes Phänomen gibt es zu berichten: Vor Jahren, da wohnte ich noch in Wien und glaubte felsenfest daran, diese Stadt als Wohnort nie wieder zu verlassen, las ich, irgendwie inspiriert von Tom Robbins’ “Halbschlaf im Froschpyjama” Paul Austers wehmütig-wunderliches “Timbuktu” und kaufte mir anderntags die “New York-Trilogie”, um sie endlich einmal zu lesen. Nun war es aber zugegebenermaßen so, daß ich mich nicht wirklich überwinden konnte, das Buch zu mögen – aber weil ich, was Bücher angeht, sehr geduldig bin und nicht nur auf die Schokostückchen im Bücherteig aus, sondern durchaus gewillt bin, mich (nötigenfalls sogar bis zum Ende, ich bin da zäh) durch einiges an nicht so schmackhafter Masse zu fressen, hab ich es halt so vor mich hingelesen. Abends vor dem Schlafengehen, beim Zähneputzen, beim Warten in der Kassenschlange, beim Warten auf den Bus.

Ja, genau. An einem leicht nieseligen Frühlingsabend, als ich gerade lesend im Wartehäuschen auf den 13A wartete, sah ich irgendwann von meiner Lektüre auf und merkte, daß der Bus schon vor mir stand (mithin ein Beweis dafür, daß die Geschichte so langweilig nicht sein kann), sprang also auf, zwängte mich grad halt noch zwischen den zischenden Türen in das Gefährt – und merkte erst, als es schon zu spät war, daß ich mein Buch auf dem städtischen Sitzmöbel liegen gelassen hatte.

So hab ich die “New York-Trilogie” irgendwo in Wien verloren (hat mein Unterbewußtsein beschlossen, es zurückzulassen) und hing oft noch dem irgendwie anregenden Gedanken nach, was daraus geworden sein könnte – die Idee des Bookcrossing gab es damals schon, und wer weiß, durch wieviele Hände es seither gegangen ist, in welchem Regal es steht, welche einsame junge Dame es sich genommen hat, um von einem jungen Mann drauf angesprochen zu werden, was sie da liest… Oder aber in welchem Mistkübel es gelandet sein mag.

Jedenfalls konnte ich mich nicht dazu aufraffen, es mir wieder zu kaufen und wieder bzw. weiterzulesen. Interessiert hätte es mich schon, aber immer wenn ich ich es so vor mir stehen sah und ich schon danach griff, um es auf den gleich zu erwerbenden Bücherstapel zu legen und zur Kasse zu gehen, ließ ich es bleiben und dachte mir “beim nächsten Mal nehm ich’s vielleicht mit”. Wieso, weiß ich nicht. Vielleicht werde ich es irgendwann einmal nachholen und verblüfft sein, wie gut es mir gefällt. Aber vielleicht werde ich nie erfahren, wie die Geschichte weiterging; vielleicht wird es das Buch sein, das ich nur einmal und nur zur Hälfte gelesen haben werde, ohne mir noch darüber bewußt zu sein, ob es mir gefällt oder nicht. Ich laß mich einfach überraschen.

Zwischendurch: Handlungsanweisung #17

“Legen Sie sich unter einen Baum, als ob Sie heruntergefallen wären” (Erwin Wurm)

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Als nächstes probiere ich dann: “Sagen Sie einer Feministin, mit dem Arsch hätte sie diese Einstellung nicht nötig” (ebenfalls Erwin Wurm)

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[Foto: Herr Ad]

31 Tage – 31 Bücher/Tag 5

Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest

Daß ich Bücher, die ich mag, immer wieder lese, quasi in Kontakt mit ihnen bleibe, wie ich in Kontakt mit guten Freunden bleibe, oder immer wieder hinmuß, wie man Länder ein zweites oder drittes mal bereist, die in einem nachhaltigen Eindruck hinterlassen, habe ich ja schon erwähnt. Eine große, unvergeßliche Liebe von mir, die im Zuge meines Schweinsgalopps durch die Latifundien der geliebten Literatur bis dato unerwähnt geblieben ist, ist übrigens der grandiose alte Ray Bradbury, zu dem mich seinerzeit, als ich, ach, noch jung und unbeschadet war, mein Bester Vater der Welt angestiftet hat.

Bradbury… Bradbury ist einfach unvergleichlich. Sanft wie der Abendwind, witzig wie Monty Pytons, abgründig wie Hieronymus Bosch, behende wie ein Mauersegler, heimlich wie der erste Kuß, surreal wie Dalí, herzerwärmend wie Heimkommen in ein still erleuchtetes Haus nach einer Wanderung durch Schnee und Eis. Bradbury lesen macht mich glücklich, Bradbury lesen macht mich schreiben wollen, rennen wollen, Purzelbäume schlagen und fliegen – Bradbury war der Anstoß, in einem Rutsch “1984” zu lesen, “Schöne neue Welt”, “Fahrenheit 451″ und “Der Report der Magd”, aber Bradbury hat diesen einzigartigen Schmelz, diese Nostalgie, dieses große kosmische Lachen – ohne je einfältig oder banal zu sein.

Diese literarische Liebschaft, die mich bis heute prägt, kitzelt und streichelt, begann mit dem “Illustrierten Mann” und erlebte ihr Goldenes Zeitalter mit den “Mars-Chroniken” (behutsam bradburysiert von Alfons Barth) und dem wunderschönen “Das Böse kommt auf leisen Sohlen”. Beide habe ich sicher schon fünfmal gelesen, ohne Übertreibung, und wo ich grad so drüber nachdenke, fällt mir ein, daß ich heute eigentlich eh früher ins Bett wollte und mir bei der Gelegenheit gleich eins der beiden mitnehmen könnte…

31 Tage – 31 Bücher/Tag 4

Tag 4 – Dein Hassbuch

Naja, hassen ist ja so ein Wort, das ich weitgehend aus meinem Alltagsvokabular gestrichen habe, als mich irgendwann die Erkenntnis streifte, daß es zum einen inflationär von Leuten benützt wird, die einfach zu phantasielos sind, ihrer Abneigung gegen etwas Ausdruck zu verleihen, und zum anderen irgendwie, naja, in den allermeisten Fällen überhaupt nicht aussagt, was es eigentlich aussagen soll. “Ich hasse Kohlgemüse” sollte zum Beispiel nur ein in seiner unglücklichen Kindheit unter Androhung schwerer Prügel regelmäßig zum Aufessen totgekochten, wäßrigen Kohlblätterbreis gezwungener Mensch mit posttraumatischem Streßsyndrom und versautem Leben sagen, während der Rest der Menschheit es ehrlicherweise bei “Puh, Kohlgemüse geht ja irgendwie gar nicht” belassen sollte. Sie verstehen, worauf ich hinauswill? Etwas zu hassen ist zu 99 Prozent quasi verbale Putativnotwehr, und weil der Mensch auf lange Sicht langsam wird, was er sagt (am Anfang war das Wort!), und beim hassen schon rein onomatopoetisch gesehen der Geifer spritzt und das Gesicht sich zu einer kaum einnehmenden Fratze verzieht, ist es besser, diesen Ausdruck bewußt aus seinem Vokabular herauszuhalten. Finde ich.

Nachdem ich mit diesem kleinen, lehrreichen Exkurs jetzt einmal nett, wie ich bin, die Begrifflichkeiten geklärt habe, zurück zum eigentlichen Thema, dem Un-Buch. Ich kann ja zum Beispiel diese an der Grenze von der Vulgärpischologie zum esoterisch angehauchten Schweinkram angesiedelten Werke à la “Warum Frauen immer kuscheln wollen und Männer total super heimwerken können” nicht aushalten. Einfach genetisch bedingt – Gänsehautausschlag, Fremdschämexzesse und explodierende Augäpfel müssen ja nicht sein! Oder Paolo – irgendwo saß ich und jammerte – Coelho. Oder diese vom Dauerwimmern schon ganz wunde TV-Produktions-Schauspielnase mit Profilierungsneurose, Gabriel Dingsbums, der so ähnlich heißt wie eine italienische Nudelmarke (eine WG-Kollegin hat mich seinerzeit mit talibanesquem Erweckungszwang zur Lektüre eines seiner, hust, Beziehungsprobleme aus der Sicht eines sensiblen Mannes thematisierenden Romane gezwungen – mein Gott, war das SCHLECHT! Mein Gott, war MIR schlecht!). Oder dieses sperrige Luder von einem Buch “Der Mann ohne Eigenschaften” – wer mir glaubhaft versichern kann, es tatsächlich zu seinem persönlichem Gaudium gelesen und die Lektüre genossen zu haben, ohne dabei an Vertrocknung zu sterben, möge sich bitte bei mir melden! Bitte! Ich möchte Sie kennenlernen! Oder Krimis (außer wenn sie von Ingrid Noll, Alfred Komarek oder Manfred Rebhandl und Konsorten kommen). Oder diese bemühte, hochakademisch konstruierte und um jeden Preis vergrämt, unsinnlich, depressiv und fertig mit dem Leben klingen müssende deutschsprachige Literatur eines Arnon Grünberg (“Der Vogel ist krank” – ich war es auch, nachdem ich es fertiggelesen hatte) oder eines Peter Stamm (“Agnes”? Who the f*ck is Agnes?). Oder Fantasy-Epen mit Bergwerkszwergen, saurierreitenden Monstren und idyllischen kleinen Völkchen, die ihre bloßfüßigen Helden losschicken, um die Welt und so weiter und so fort…

ABER – höret das Wort, das ich euch verkünde: das alles gilt nur und ausschließlich für mich. Jedes Buch, das auch nur von einem Menschen gern gelesen wird, hat seine Berechtigung, und jo mei, es gibt halt Menschen, die essen am liebsten Schnitzel mit Tunke und Kohlgemüse und solche, die lieber Schweinebraten mit Knödel haben, oder zum Beispiel frittierte Heuschrecken oder Tofuauflauf mit Dinkelfülle; in anderen Worten: über Geschmack kann man nicht streiten. Kann man einfach nicht! Und das ist auch gut so. Die Fülle an Büchern, Musik und Filmen wäre nämlich recht beschränkt, wenn nur die eindeutigen Sieger im Geschmacksbewerb ans Tageslicht kämen. In diesem Sinne: Peace. Und weiterlesen! :)